Ergebnisse des Kongresses für psychiatrische Epidemiologie in Leipzig

Am 05. Juni 2013 startete der viertägige internationale Kongress für psychiatrische Epidemiologie in Leipzig

Psychische Störungen häufig und folgenschwer
Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen liegt in Bevölkerungsstudien verschiedener europäischer Länder bei etwa 27%, wobei Frauen und Männer ja nach Krankheitsgruppe unterschiedlich häufig betroffen sind. Aufgrund von Arbeitsausfall und nötiger Behandlungen werden beträchtliche Kosten verursacht. In der EU entstehen durch affektive Erkrankungen Kosten in Höhe von 113 Mrd. Euro, durch Psychosen 84 Mrd. Euro. Für die Betroffenen sind die Auswirkungen in ihrem Alltag erheblich: Menschen mit Angststörungen oder Depressionen sind in ihrer Arbeitsfähigkeit häufiger eingeschränkt als Menschen mit körperlichen Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes mellitus. Auch wenn sich in vielen europäischen Ländern in den letzten 3 Jahrzehnten die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen verbessert hat, erhalten noch immer häufig weniger als die Hälfte eine entsprechende fachgerechte Behandlung.

Depression im Alter unterschätzt
Nach den Demenzen gehören depressive Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Störungen im höheren Lebensalter, oft mit chronischem Verlauf. Die Leipziger Langzeitstudie in der Altenbevölkerung (LEILA75+), eine Bevölkerungsstudie mit über 1.200 Leipzigern, ergab in der Altersgruppe über 75 Jahre eine Häufigkeit von 14%. Funktionseinschränkungen im Alltag sowie ein spärliches soziales Netzwerk gelten als Risikofaktoren. Ältere Menschen mit depressiven Störungen gehören zu den Vielnutzern des Gesundheitssystems, wobei die wenigsten eine depressionsspezifische Behandlung erhalten, dabei sind depressive Störungen im Alter behandelbar. Für deutsche Senioren ist mehrheitlich der Hausarzt erster Ansprechpartner. Die Gesamtkosten depressiver Senioren liegt ein Drittel über den entsprechenden Kosten nicht depressiver Senioren. Internationale Untersuchungen zeigen, dass auch alte Menschen psychosozialen Interventionen einen bevorzugten Stellenwert einräumen.

Psychische Probleme bei Schulanfängern
Knapp 22 % aller Kinder und Jugendlichen zeigen Hinweise auf psychische Auffälligkeiten. Die Forschergruppe um Prof. Kai von Klitzing, Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychatrie an der Universität Leipzig, beschäftigt sich mit der Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Vorschulalter, da die Problem selten erst im Schulalter beginnen. Ein bedeutsamer Teil zeigt früh emotionale Symptome, Verhaltensprobleme oder Hyperaktivität/Unaufmerksamkeit.
In einer Leipziger Kindergartenreihenuntersuchung sowie der Einschulungsuntersuchung kam heraus, dass gut 8 % der Vorschulkinder grenzwertige und knapp 7 % auffällige Symptomhäufungen aufwiesen. Knapp zwei Jahre später waren es noch 6,6 % bzw. 5,7 %. Im Mittel nahmen Hyperaktivität/Unaufmerksamkeit und Verhaltensprobleme ab, emotionale Symptome dagegen zu. Auffallend waren Geschlechtsunterschiede: Jungen wiesen höhere Symptomlevel auf, eine höhere Beeinträchtigung sowie geringeres prosoziales Verhalten als Mädchen. Betroffene Kinder sollten möglichst früh erkannt werden und bei anhaltender Symptomatik Behandlung erhalten. Störungen im Kindesalter sind oft Vorläufer von psychischen Störungen im Erwachsenenalter.

Deutschland hat Nachholbedarf
Im Gegensatz zu den USA gibt es in Deutschland keinen Lehrstuhl für "Psychiatrische Epidemiologie". Dass der weltweit bedeutsamste Kongress auf dem Gebiet erstmals in Deutschland stattfindet, gibt der Entwicklung notwendige Impulse.

Die Forscher haben auch ernüchternde Zahlen zur öffentlichen Wahrnehmung psychisch kranker Menschen präsentiert. Trotz Fortschritten in der psychiatrischen Forschung und Versorgung habe sich die Einstellung gegenüber Menschen mit Depression, Schizophrenie und Alkoholabhängigkeit in den letzten 20 Jahren von Deutschland nicht verbessert. Im Fall der Schizophrenie nahmen Angst und soziale Ablehnung sogar noch zu. Eine Ursache sehen die Forscher in der zunehmend biologisch geprägten Sicht auf diese Krankheiten. Künftige nformations- und Aufklärungsprogramme könnten hier ansetzen.

Hätten Sie Bedenken, einen Menschen mit Depression für einen Job zu empfehlen? Würden Sie einen Nachbarn akzeptieren, der unter Schizophrenie leidet? Das sind Fragen, die sich auch die Betroffenen selbst stellen. Die Angst davor, als verrückt oder gar gefährlich abgestempelt und sozial ausgegrenzt zu werden, kann psychisch kranke Menschen erheblich belasten. Auch aus diesem Grund sucht sich längst nicht jeder rechtzeitig Hilfe. Dass die Angst Betroffener vor Ablehnung nach wie vor nicht unberechtigt ist, haben die Forscher Matthias Angermeyer und Georg Schomerus nun in einem großen Langzeitvergleich festgestellt.

Zweimal, 1990 und 2011, legten sie je 3000 Teilnehmern kurze Fallbeschreibungen vor, die den typischen Symptomen von Schizophrenie, Depression oder Alkoholabhängigkeit entsprachen. Anschließend wurde nach möglichen Ursachen, einer Empfehlung hinsichtlich Hilfe und Behandlung sowie nach der persönlichen Einstellung gegenüber der beschriebenen Person gefragt. Die in Leipzig vorab präsentierten Ergebnisse sollen in Kürze in der Fachzeitschrift British Journal of Psychiatry veröffentlicht werden.

Trotz Veränderungen nicht rückläufig
"Seit unserer ersten Erhebung hat die Psychiatrie große Veränderungen durchlaufen", sagt Angermeyer. Mentale Störungen wurden in ihrer biologischen Basis besser verstanden und können heute in vielen Fällen wirksamer behandelt werden. Zugleich wurde die psychiatrische Hilfe stärker in den normalen medizinischen Betrieb integriert. "Viele hatten deshalb gehofft, dass auch die Stigmatisierung psychisch Kranker zurückgehen würde", sagt der Forscher. "Doch das ist leider nicht der Fall."

Zwar sei die Akzeptanz für psychiatrische Behandlung gestiegen. Doch auf die Haltung zu den Betroffenen habe sich dies nicht übertragen. Während sich bei der Einstellung zu Menschen mit Depression und Alkoholismus keine klare Veränderung feststellen ließ, reagierten die Teilnehmer im Jahr 2011 mit deutlich mehr Angst und Distanzierung auf Schizophrenie. Einen Menschen mit dieser Krankheit als Nachbar oder Arbeitskollege zu haben, lehnten etwa 30 Prozent der Befragten ab, 10 Prozent mehr als bei der ersten Erhebung. "Es ist wichtig zu wissen, dass Schizophrenie durch Medikamentation und Psychotherapie inzwischen gut behandelbar ist", betont Georg Schomerus.

"Allerdings suchen Betroffene, auch wegen der befürchteten Stigmatisierung, oft erst viel zu spät Hilfe."

Das Gefühl des Andersseins
Die Ergebnisse weisen auch auf Gründe für die negative Entwicklung hin. So waren die Befragten 2011 häufiger als 1990 der Meinung, dass Schizophrenie auf eine Erkrankung des Gehirns zurückgeführt werden könne. Äußere Faktoren, wie etwa belastende Erlebnisse in der Kindheit oder akuter Stress, wurden deutlich weniger in Betracht gezogen. Weitere Analysen bestätigten, dass die Annahme von biologischen Ursachen bei Schizophrenie und Depression mit geringerer sozialer Akzeptanz für die Betroffenen verbunden war. "Gerade von der betont biologisch-medizinischen Darstellung psychischer Krankheiten hatte man sich bisher immer einen Rückgang des Stigmas versprochen.", sagt Schomerus. Tatsächlich verstärkten biologische Krankheitsvorstellungen in der Allgemeinbevölkerung aber offenbar eher das Gefühl des "Andersseins" der Betroffenen. Auch die Auffassung, dass es eine klare Grenze zwischen psychisch gesund und krank gebe, gehe mit stigmatisierenden Einstellungen einher. Der Realität entspreche dagegen eher, dass es sich um ein Kontinuum handele.

Künftige Informationskampagnen gegen Stigmatisierung sollten daher nach Ansicht der Forscher die multikausale Natur psychischer Erkrankungen stärker betonen. Auch die Botschaft, dass psychische Krankheit in vielen Fällen eher eine Frage des Schweregrades sei, könne hilfreich sein. Eine erhöhte
Aufmerksamkeit für das zunehmend angstbesetzte Krankheitsbild der Schizophrenie erscheine dabei besonders geboten

Quellen:

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