Bedeutung und Sinn von Krisen

Bedeutung und Sinn von Krisen

Medizinisch gesehen handelt es sich bei Psychosen um Störungen, also sind sie unerwünscht und zu beseitigen. Biologistisch betrachtet handelt es sich bei einer Psychose um die Entgleisung des Stoffwechsels im Gehirn. So gesehen entbehrt die Psychose jeglichen Bedeutungsinhalt. Deshalb machen sich die Ärzte normalerweise keine Gedanken über den Sinn von Psychosen. Deshalb vermissen viele Betroffene die Frage nach dem Sinn ihrer Psychose während der Behandlung. Die Inhalte der Psychose kommen meistens nicht zu Wort während der Therapie.

Die Betroffenen sind häufig der Meinung, dass während der psychotischen Phase Botschaften aus dem Unbewussten in Symbole verpackt und thematisiert werden. Diese Botschaften beziehen sich auf die eigene Lebensgeschichte und sind Versuche, um Konflikte zu lösen. Viele Betroffene würden gerne in der Therapie über die Inhalte der Psychose sprechen und deuten. Ähnlich wie Träume sind die Inhalte von Psychosen sehr komplexe Gebilde und die meisten Betroffenen würden sich gerne damit auseinandersetzen.

Eine Frau beschäftigt sich während der Krise damit, wie der ewige Kreislauf zu durchbrechen sei, in dem die Opfer zu Tätern werden. Sie verspürt die tiefen Verletzungen der Opfer, die ihre Fähigkeit zu lieben verlieren und nur noch vom Hass getrieben werden, der sie zu Tätern macht. Die Frau ist schon in der Kindheit misshandelt worden und ist nun selbst Mutter. Das treibt ihn in die Verzweiflung, weil er sich sehr sorgt, nicht verzeihen zu können und sich an den eigenen Kindern zu verschuldigen. Der biografische Kontext ist ihm voll klar vor Augen, doch findet er in der Klinik keinen adäquaten Gesprächspartner, um mit ihm die Psychoseinhalte zu besprechen.

Zum Teil begreifen andere Betroffene ihre Psychose als spirituelle Krise. Die Psychose sei ein normaler Schritt auf dem spirituellen Weg und alles andere als eine Krankheit. Oft sind Begegnungen mit Gott und Erleuchtungserlebnisse die Psychoseinhalte. Sie sind der Meinung, einen außergewöhnlichen Bewusstseinszustand erlebt zu haben und nicht krank zu sein. Sie hätten lieber spirituelle Hilfe und Begleitung beim Durchleben dieses Bewusstseinszustandes als das in der Klinik übliche Hilfeprogramm. Sie fühlen sich von den Medizinern missverstanden und lehnen deren Hilfen ab. Die medizinische Hilfe, die dann zum Teil zwanghaft ausgeführt wird, erleben sie als Vergewaltigung und Schädigung. Diesen Betroffenen kann man nicht einfach eine mangelnde Krankheitseinsicht unterstellen, weil sie ja sehr wohl eine Änderung ihres Bewusstseins erleben. Dies empfinden sie dann auch als anstrengend und quälend, erleben sich jedoch dabei nicht als hilfsbedürftig. Im Gegensatz zum medizinischen Modell verstehen sie die psychotische Phase als Reifungskrise, die ebenso normal und nötig ist wie die Wachstumsschmerzen bei Kindern.

Bis auf die Psychotherapie stehen den Betroffenen, die sich ein anderes Krankheitsverständnis angeeignet haben als das biologistische, kaum Alternativen in den Hilfsangeboten. So gibt es etwa das Berliner Weglaufhaus. Demnach bleibt den antipsychiatrisch eingestellten Betroffenen nur die Möglichkeit, ein privates Netzwerk mit Gleichgesinnten aufzubauen und dagegen vorzusorgen, dass sie nicht zwangsweise ins psychiatrische System aufgenommen werden.

Die Psychiatrie ist jedoch stets im Wandel. So lassen die Soteria-Konzepte, die inzwischen einige Kliniken anwenden, auf mehr Pluralismus hoffen.
Krisen sind nicht nur negativ behaftet. Gleichwohl handelt es sich um Meilensteine in der persönlichen Entwicklung. Man kann sich beispielsweise in der Psychose neue Fähigkeiten aneignen, um die aktuellen Probleme zu bewältigen und um an der Krise zu wachsen. Insbesondere Paare, die die psychotische Episode gemeinsam meistern, gehen gestärkt daraus hervor. Es kommt dabei darauf an, dass sich die Partner um ein Miteinander bemühen. Die Psychose kann man als Herausforderung ansehen, die es zu bewältigen gilt. Mut macht es, dass es immer wieder Menschen gibt, die auch dieses Schicksal meistern und ihr Leben dennoch in den Griff bekommen.