Brüchigkeiten in der Beziehung

Brüchigkeiten in der Beziehung

 Gerät der kranke Partner in eine Psychose, dann kann dies in tiefe gegenseitige Verletzungen ausarten. Aus den Verletzungen kann den Bruch des Vertrauens, das Erkalten der Liebe zueinander und schließlich gar die Trennung nach sich ziehen.

Während der Psychose schert der Betroffene aus der normalen Bahn aus und spielt plötzlich verrückt. Der gesunde Partner erkennt bisweilen seinen gewohnten Partner nicht wieder. Die Psychose erzeugt zwar keinen von Grund auf anderen Menschen, doch bringt sie Seiten an ihm zum Vorschein, die vorher eine eher unbedeutende Rolle gespielt haben. Es ist so, als ziele man mit einer Lupe auf einen Teilaspekt des Anderen und man sieht diesen dann entsprechend vergrößert. Es ergibt sich somit das Zerrbild der gesamten Person.

Die biologistische Sichtweise sieht darin das Wirken einer Verlagerung im Gehirnstoffwechsel. Der psychoanalytische Ansatz sieht darin verdrängte Seiten des Betroffenen, die durch die Psychose an den Tag treten. Der Betroffene muss demnach diese Seiten in seine Person integrieren, um zu gesunden.

Nach langen Jahren hat ein Ehepaar ein beträchtliches Vermögen angespart. Der Mann erliegt dann plötzlich einer Psychose. Der früher finanziell sehr umsichtige Ehemann verspekuliert im Zuge seiner Psychose das gemeinsame Vermögen in Börsengeschäften, da er sich dabei ganz auf seine psychotischen Eingebungen verlässt. Seine Frau bemerkt zu spät den Verlust, der nicht mehr aufzuhalten war. Sie fand sich in dem Zwiespalt, zwar Wut zu empfinden und gleichzeitig der Meinung zu sein, sie müsse nachsichtig sein, weil ihr Partner doch schwer krank sei.

Das sich für die Frau ergebende gefühlsmäßige Paradoxon ist bezeichnend für Verletzungen, die der kranke Partner dem gesunden antut. Auf der einen Seite fühlt sich der gesunde Partner zwar verletzt, auf der anderen Seite kann er sein Gefühl nicht anbringen, weil der Partner ja krank sei. Deshalb könne man dem Anderen ja auch nicht für sein Verhalten wie einen zurechnungsfähigen Gesunden zur Verantwortung ziehen.
Der verletzte Partner darf sein Gefühl auf keinen Fall verdrängen oder überspielen. Es steht fest, dass die Partnerschaft einen Riss hat und beide müssen sich der neuen Situation stellen. Ansonsten mündet die Bruchstelle in die Entfremdung. Wenn das Vertrauen in den Anderen nachhaltig erschüttert wurde, dann kann man das nicht einfach überspielen. Der Gesunde darf sehr wohl sorgfältig seine Gefühle beachten, auch wenn er der Meinung ist, er dürfe diese Gefühle einem Kranken gegenüber nicht haben oder er dürfe sie ihm nicht zeigen. Immerhin ist der Kranke ja der Partner und er hat sich faktisch falsch verhalten. Natürlich mag die Krankheit dies zum Teil entschuldigen, doch bedarf die resultierende Verletzung der partnerschaftlichen Bearbeitung. Die Verletzung muss angesprochen werden, auch wenn der Andere eigentlich nichts dafür kann, dass es so weit kam.

Der verheiratete Martin verliebt sich in der Psychose in eine andere Frau und schläft sogar mit ihr. Seine Partnerin Martina redet sich zwar ein, dass solche Sachen passieren wegen der Krankheit, doch bleibt in ihr ein Vertrauensverlust. Dennoch führen beide die Ehe weiter. Diese Verletzung bedarf dringend einer Bearbeitung. Dafür könnte eine Paartherapie in Frage kommen. Der Therapeut sollte jedoch ein gewisses Grundverständnis für Psychosen mitbringen. Nur so kann er die Sachlage auch richtig beurteilen. Ansonsten könnte Gefahr bestehen, dass der Betroffene destabilisiert wird.

Während der psychotischen Episode können sich sehr gravierende und einschneidende Dinge ereignen. Man darf dann den gesunden Partner nicht mit seinen Gefühlen im Regen stehen lassen mit der Aussage, der Betroffene sei eben krank. Partnerschaften bauen schließlich darauf auf, dass zwei erwachsene Menschen voll verantwortlich miteinander leben. Wird ein Partner als unwürdiger Mensch gesehen, dann kann einen dessen Verhalten kaum mehr kränken. Nimmt der gesunde Partner den Kranken jedoch ernst als erwachsenen und gleichwertigen Menschen, auch wenn er krank ist, dann sollte er sich auch die Verletzung eingestehen. Dabei geht es jedoch nicht um die Klärung der Schuldfrage, da ja feststeht, dass der Kranke wegen seiner Erkrankung so gehandelt hat. Es geht eher darum, die Gefühle des verletzten Partners zu akzeptieren und ihnen den nötigen Raum zu geben.

Genauso gut wie der gesunde Partner kann auch der Gesunde verletzt werden. Dies passiert oft durch das Verhalten des kranken Menschen. Der gesunde Partner hat meistens keinerlei Erfahrung mit dem Umgang mit seelischen Erkrankungen. Dadurch können Kränkungen und Verletzungen für den kranken Betroffenen entstehen. Hat er etwa des Nachts das Gefühl, zu einem Stück Eis zu erstarren, dann wird sein Versuch, Abhilfe durch ein heißes Bad zu schaffen, kann bei einem unerfahrenen Partner leicht ein Streit darüber entbrennen, ob nun nachts gebadet werden dürfe oder nicht. Der Betroffene ist meistens während der akuten Krise extrem dünnhäutig und wird den Streit dann als außerordentliche Belastung bewerten. Forsch artikulierte Meinungen treffen den Betroffenen in dieser Situation ähnlich verheerend wie die Anwendung körperlicher Gewalt. Der Streit kann dann soweit eskalieren, dass der Betroffene zu plötzlichen Affekthandlungen übergeht und etwa einen Suizidversuch unternimmt.

Ist eine Frau fast ohne Willen in der akuten Episode und nutzt ein Mann dieses Verhalten zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse aus, dann erlebt die Frau dies wie eine Vergewaltigung. Sie bekommt das Erlebnis ja bei vollem Bewusstsein mit und  vergisst es auch nicht in den psychotischen Wirren. Das egoistische Verhalten des Mannes wird sich tief in ihrem Bewusstsein verankern.

Der Betroffene will nicht in die Klinik. Der mit der Situation gänzlich überforderte gesunde Partner übt massiven Druck aus und bringt den Betroffenen damit so weit, dass dieser nun doch in die Klinik geht. Dort erlebt er noch weitere schlimme und traumatisierende Situationen. Er leidet unter den Nebenwirkungen der Medikamente, wird mit einer Ausgangssperre belegt und später gar fixiert. Der Betroffene wird den gesunden Partner genau beobachten. Er wird registrieren, wie oft er besucht wurde, welchen Standpunkt der gesunde Partner einnimmt bezüglich seiner Erlebnisse auf der Station. Eventuell hält der gesunde Partner nicht zum Betroffenen und lässt ihn im Stich, indem er mit den Ärzten paktiert.

Es ist dringend geboten, sich nach der Entlassung  über diese Dinge zu verständigen. Hilfreich könnte etwa eine Selbsthilfegruppe für Paare sein. Dort könnte sich das Paar mit anderen Paaren austauschen über ihre Erlebnisse. Manche Angehörigengruppen bieten Paargruppen an.  Dann gäbe es noch die Möglichkeit, eine Paartherapie in Anspruch zu nehmen, um die Perspektive des Anderen zu verstehen und eine für beide akzeptable Lösung für die Zukunft zu finden. Der Paartherapeut wirkt dabei als unbeteiligter Moderator und hilft über kritische Gesprächsinhalte hinweg. Er wird die Situationen entschärfen, in denen das Paar den roten Faden und sich im Streit verliert. Mehr zu diesem Thema findet sich im Kapitel über Psychotherapie.

Die Mühe der Arbeit an den Brüchigkeiten der Partnerschaft werden sich nur die Paare machen, die ihre Beziehung untereinander aufrechterhalten wollen. Dieser Wunsch kann nur noch auf dem gegenseitigen Versprechen basieren, zusammenzubleiben egal was auch immer eintreffen möge. Kaum ein Partner wird in einer langjährigen Partnerschaft nicht irgendwann einmal vor der Frage stehen, ob es überhaupt noch lohnt, für die Beziehung zu kämpfen und an der Partnerschaft zu arbeiten oder ob es nicht besser sei, sich neu zu orientieren. Daran ist nichts Ungewöhnliches. Werden solche Krisen dann gemeinsam überstanden, dann kann dies die beiden Partner umso stärker miteinander verbinden. Falls jedoch einer der Partner sich gegen die Beziehung entschieden hat, dann mag es die richtige Entscheidung sein, an Trennung zu denken.

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