Absprachen mit dem sozialen Umfeld

Absprachen mit dem sozialen Umfeld

 Um allen Beteiligten Sicherheit und Orientierung zu geben, sollte der Betroffene zwischen zwei Krisen Absprachen mit seiner Umgebung treffen. Dies ist besonders bei der Psychose nötig, bei der ja überhaupt nichts mehr zu gelten scheint. Das Umfeld benötigt die Absprachen, weil es sich überhaupt nicht in die Psychose mit einfühlen kann. Die vereinbarten Absprachen sind dann die Handlungsrichtlinien. So kann sich der Betroffene dazu verpflichten, während der psychotischen Episode keinen Alkohol mehr zu konsumieren., wenn bekannt ist, dass der Betroffene während der Psychose zum Alkoholmissbrauch neigt.

Absprachen setzen natürlich Absprachefähigkeit voraus. Die Absprachen sind nämlich zu nichts nütze, wenn der Betroffene diese nicht einhält. Das soziale Leben ist ganz allgemein recht problematisch, wenn eine Partei sich nicht an die getroffenen Absprachen hält.  Erfahrungsgemäß bleiben die im gesunden Zustand getroffenen Absprachen auch während der Psychose bindend.

Absprachen mit der Familie

Erkrankt ein Familienmitglied an einer Psychose, dann ist die Familie oft ratlos und weiß nicht, wie sie sich verhalten soll oder woher Hilfe zu beziehen ist.

Ein Mann zieht sich in ein Zimmer in einer höheren Etage des Hauses zurück und verweigert die Annahme von Nahrung, weil er befürchtet, diese sei vergiftet. Er dichtet das Zimmer hermetisch ab, weil er der Meinung ist, man könne von außen Giftgas zuleiten. Die Familie reagiert darauf völlig überfordert und weiß keinen Rat mehr. Letzten Endes wird der Betroffene gegen seinen Willen vom Amtsarzt in die Klinik eingewiesen.

In der gesunden Phase vereinbarte Absprachen können der Familie in der Krise mehr Handlungsfähigkeit geben. Der Mann im Beispiel bat die Familie darum, den Pastor zu holen, wenn er wieder verrückt spiele. Zum Pastor habe er großes Vertrauen und er würde ihm Glauben schenken, wenn er ihm behutsam erkläre, dass er krank sei. Wichtig an den Absprachen ist es, eine Vertrauensperson zu benennen, die den Betroffenen in der Krise noch erreichen kann.

Der wichtigste Punkt bei den Absprachen betrifft wohl die mangelnde Krankheitseinsicht. Die Familie möchte den Betroffenen ja auch dann noch erreichen, wenn er seine Erkrankung partout abstreitet. Es stellt sich die Frage, wem der Betroffene noch genug Vertrauen schenkt, der ihn dazu bewegen kann, den Arzt oder die Klinik aufzusuchen. Auch dem Arzt muss er dabei besonderes Vertrauen schenken. Die Beantwortung all dieser Fragen führt dazu, dass der Betroffene auch die schwere Situation der Angehörigen überdenkt. Idealerweise wird er den Angehörigen versichern, einen Arzt oder Psychotherapeuten aufzusuchen, wenn die Familienmitglieder ihn als krank einstufen, auch wenn er selbst anderer Meinung sein sollte. Es dürfte jedoch schon ausreichen, die Hinweise der Angehörigen auf psychotisches Verhalten ernst zu nehmen - der Betroffene verspürt schließlich unbewusst durchaus, dass sich krankhafte Änderungen einstellen. Voraussetzung ist natürlich erst einmal die Akzeptanz der Erkrankung. Erst dann wird der Betroffene offen sein für das Feedback seiner Erkrankung halber von den Angehörigen.

Dann geht es darum, trotz der Psychose ansprechbar und erreichbar zu bleiben. Dazu bedarf es einer Person des Vertrauens, die schon zu gesunden Zeiten zu benennen ist.

Der Umgang mit den Kindern bedarf ebenso der Absprache:

Der Mann beschwert sich bei seiner Frau, dass sie nicht die Kinder mitbringe, wenn sie ihn in der Klinik besucht. Die Frau wiederum erklärt, die Kinder würden von der Situation in der Klinik nur überfordert werden. Die beiden verständigen sich darauf, dass die Kinder mit zu Besuch kommen, die Treffen aber nur in der Cafeteria oder im Garten der Klinik stattfinden. Zusätzlich einigten sich die beiden darauf, daheim eine Psychosebegleitung auszuprobieren. Dies könnte schließlich die Trennung der Kinder vom Vater vermeiden. Für die Betreuung der Kinder würde man sich schon im Vorfeld um eine Hilfskraft kümmern.
Eine Frau beschwert sich bei ihrem Mann, dass er sie auf der Geschlossenen niemals besucht habe. Der Mann ist überrascht darüber. Er war der Meinung, seine Partnerin sei gut versorgt und würde ja wegen der Psychose ohnehin nichts mitbekommen. Obendrein empfindet der Mann die Situation auf der geschlossenen Station als belastend. Die beiden stellten fest, dass gerade die Besuche auf der geschlossenen Station sehr wichtig sind und der Mann gerade dort sehr wichtig ist für seine Frau. Diese fühlt sich dort gänzlich verlassen und weggesperrt. Es wäre ihr eine große Hilfe, wenn der Mann sie regelmäßig besucht hätte. Auch wenn es nur für kurze Zeit gewesen wäre.
Eine Frau singt in der psychotischen Episode mitten in der Nacht laut auf dem Balkon. Sie erklärt ihm auf seine Frage, wie er dieses Verhalten, welches die Nachbarschaft stört, unterbinden solle, dass er sie nur abzulenken bräuchte. Er könnte zum Beispiel mit ihr eine Tasse Tee trinken. Sie ist nämlich in der Psychose sehr leicht beeinflussbar.

Absprachen am Arbeitsplatz

Der Arbeitsplatz ist sehr bedeutungsvoll für den einzelnen Menschen. Er sichert die Existenz und steht für Beschäftigung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Man sollte sich schon im Vorfeld damit befassen, welche Kreise die Psychose ziehen kann bezüglich des Arbeitgebers und der Mitarbeiter.

Am Arbeitsplatz werden funktionierende Menschen gefordert, da Zeit Geld bedeutet. Der Stillstand des Laufbandes von nur einigen Minuten kann in einem Großbetrieb zu großen Ausfallkosten führen. Die Bedienung von komplizierten Maschinen ist oft sehr gefährlich und es können hohe Kosten entstehen, wenn der Bediener nicht voll bei der Sache ist.

Die Verhaltensauffälligkeiten des erkrankten Mitarbeiters gleichen den im Kapitel über Symptome beschriebenen. Natürlich sind sie dem Unternehmen gänzlich unerwünscht, weil daraus die Nichterfüllung von Aufgaben und Fehlzeiten entstehen können. Diese kosten dem Betrieb wiederum Geld.

Zudem können sich Vorgesetzte und Mitarbeiter kaum intensiv um den erkrankten Mitarbeiter kümmern, weil jeder schon genug damit zu tun hat, seinen Aufgaben gerecht zu werden. Insbesondere das Klima bei Handwerkern ist recht rau und alles andere als zimperlich. Fällt der Erkrankte aus dem üblichen Rahmen, dann sieht er sich häufig Spott und Beschimpfungen ausgesetzt. Bei den Angestellten wird das Verhalten des Betroffenen zwar wahrgenommen, aber es wird geschwiegen und der Betroffene nicht darauf angesprochen. Es kann also sinnvoll sein, sich mit den Kollegen darauf zu verständigen, dass sie ihn frank und frei auf sein ungewöhnliches Verhalten ansprechen. Ansonsten wissen die Mitarbeiter nicht, wie sie sich verhalten sollen. Die Ratlosigkeit und Unsicherheit kann vermieden werden, wenn die Situation offen angesprochen wird und alle wissen, wie genau sie reagieren können.

Jede größere Firma hat Abteilungen, deren Aufgabe es ist, sich um soziale Probleme der Mitarbeiter zu kümmern. Da gibt es beispielsweise den werksärztlichen Dienst oder die Sozialberatung. Diese stellen Sozialarbeiter und Psychologen dem Betroffenen, den Kollegen und dem Vorgesetzten als Ansprechpartner zur Verfügung. Der erkrankte Arbeitnehmer kann den Kontakt zum Sozialdienst aufnehmen und gemeinsam mit den Sozialarbeitern überlegen, welche Absprachen am Arbeitsplatz zu treffen sind.

Die Verhaltensauffälligkeiten sind regelmäßig für die Umgebung nicht nachvollziehbare und unerklärliche Handlungen.

Beispielsweise wirft ein kranker Arbeiter bereits abgefertigte Werkstücke in den Ausschussbehälter. Der Vorgesetzte beobachtet dies und stellt den Betroffenen brüsk zur Rede, obb er denn noch alle Tassen im Schrank habe. Den Betroffenen fährt der Schreck in die Knochen, weil er doch die Erkrankung geheim halten wollte aus Angst um den Arbeitsplatz. Deshalb rechtfertigt sich der Betroffene und weist jeden Verdacht auf eine Erkrankung weit von sich, um diese weiter zu verheimlichen. Der nun aufkommende Druck und die vermehrte Beobachtung des Betroffenen verschlechtert den Zustand des Betroffenen. Am Ende bekommt der Betroffene eine Abmahnung oder gar eine Kündigung.

Solch einen Verlauf gilt es von vornherein zu verhindern. Zunächst sollte der Vorgesetzte Kenntnis erhalten über die Erkrankung. Eventuell unter Zuhilfenahme des Sozialdienstes sollte der Betroffene dem Vorgesetzten seine Krankheit erklären. Wenn der Betroffene nun am Arbeitsplatz auffällig wird, dann kann es Teil einer Vereinbarung mit dem Vorgesetzten sein, dass der Vorgesetzte den Betroffenen darauf anspricht. Bei dem Gespräch könnte auch noch jemand vom Sozialdienst oder eine andere Vertrauensperson anwesend sein. Der Betroffene hat zu versprechen, das Gespräch ernst zunehmen und sich sofort in ärztliche Behandlung zu begeben, auch wenn er das selbst nicht so sieht.

Absprachen mit Nachbarn, Freunden und Bekannten

Die Psychose betrifft auch die Nachbarn, Freunde und Bekannten. Sie alle stehen der Psychose zunächst hilflos und ratlos gegenüber. So kann ein Psychosekranker etwa laut schimpfend durch das Treppenhaus laufen. Zwar fühlen sich die Nachbarn dadurch gestört. Sie wissen jedoch nicht,. wie sie darauf reagieren sollen. Der entstehende Unfrieden im Hause und die sich anspannende Atmosphäre verstärken den Druck auf den Betroffenen. Also ist es wohl besser, sich schon in der gesunden Phase mit den Nachbarn Freunden und Bekannten abzusprechen für den Fall einer Psychose. Dadurch entschärft sich die Situation in der unmittelbaren häuslichen Umgebung des Betroffenen und man leistet wertvolle Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit.

Die Absprachen mit den Nachbarn können recht unkompliziert verlaufen. Der Partner des Kranken erklärt dem Nachbarn bei passender Gelegenheit, dass der Partner an Psychose erkrankt ist und sich die Krankheit eventuell so äußert, dass er in der Öffentlichkeit Handlungen tätigt, die den meisten wohl unerklärlich sind. So kann es vorkommen, dass der Betroffene auf dem Balkon oder im Treppenhaus laut über den Geheimdienst schimpft. Des weiteren kann man dem Nachbarn mitteilen, dass sich der erkrankte Partner in ärztlicher Behandlung befinde und man hofft, dass die Störungen für die Nachbarschaft bald ein Ende haben werden.
Normalerweise reagieren die Nachbarn voller Verständnis und sie werden wohl Fragen stellen

  •   zu psychischen Krankheiten im Allgemeinen,
  •   zur Art und Dauer der Behandlung
  •   und sich nach den Aussichten erkundigen, wieder gesund zu werden.

Als Partner sollte man auf diese Fragen vorbereitet sein und sich ein wenig in Sachen psychischer Erkrankungen informiert haben. (zum Beispiel in der Textsammlung über psychische Erkrankungen)
Wenn der gesunde Partner mit den Nachbarn auf diese Weise über die Krankheit ins Gespräch gekommen ist, dann tut sich der kranke Partner viel leichter, mit den Nachbarn vertiefende Gespräche zu führen.
Der Kontakt zu Freunden sollte trotz der Krise nicht abbrechen. Richtige Freunde sind ohnehin nur die, die in guten oder schlechten Zeiten zu einem stehen. Gute Freunde ändern auch wegen der Erkrankung auch nicht ihre Einstellung dem Betroffenen und seinen Angehörigen gegenüber. Der Kontakt mit den sogenannten Normalen ist für den Betroffenen von immenser Wichtigkeit, weil er sich so an der normalen Wirklichkeit orientieren kann. Der erkrankte Partner sollte so wenig wie nur möglich allein sein und mit möglichst vielen Freunden und Bekannten in Kontakt stehen. Entsprechend wäre es sinnvoll, mit diesen zu verabreden, dass sie den Kranken regelmäßig besuchen. Eine weitere Absprache wäre, dass sie auf die psychotischen Inhalte auch reagieren sollen. Der beste Zeitpunkt, diese Absprachen zu treffen ist natürlich einmal wieder in der gesunden Phase. In diesen Gesprächen sollte der Betroffene den Freunden und Bekannten mitteilen, was er während der psychotischen Episode erlebt und empfunden hat. Dann wirkt die akute Psychose auf sie nicht mehr so befremdend wie ohne diesen Erläuterungen.

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