Entwicklung eines individuellen Krisenkonzepts

Entwicklung eines individuellen Krisenkonzepts

Der individuelle Krisenplan des Betroffenen

Das erste Erleben einer psychotischen Episode wird oft als reinste Katastrophe wenn nicht gar als traumatische Erfahrung empfunden:

  •   Das Leben gerät aus den Fugen,
  •   der Arbeitsplatz wird gefährdet,
  •   Freundschaften und Beziehungen geraten in eine Zerreißprobe
  •   es droht die Kündigung der Wohnung
  •   man macht häufig äußerst unangenehme Erfahrungen mit psychiatrischen Diensten und Einrichtungen

  
Um dies in Zukunft zu vermeiden sollte man ein persönliches Krisenkonzept erarbeiten. Das Krisenkonzept dient dabei dazu, die Krise zu strukturieren. Die Krise soll nicht mehr unkontrolliert chaotisch ihren Verlauf nehmen, sondern in vorher festgelegten Bahnen verlaufen. Dabei versucht man, den Ablauf der Krise im Vorfeld zu planen und kritische Punkte zu entschärfen. Wie bei einer bevorstehenden Geburt auch, ist es vernünftig, sich auf eine Psychose vorzubereiten.

Einige Betroffene machen keinen Krisenplan, weil sie der festen Überzeugung sind, dass die Psychose nun vorbei sei und nicht mehr wiederkommen werde. Sie verstehen die Anlage eines Krisenplans als Eingeständnis dafür, dass es sich bei der Psychose nicht um ein einmaliges Erlebnis handelt, sondern um ein Damoklesschwert, welches weiterhin über ihnen schwebt. Auch wenn keine weitere Psychose auftreten sollte, ist der Betroffene, der schon eine Psychose durchlitten hat, stets psychosefähig. Deshalb ist es immer gut, gut vorbereitet zu sein auf die nächste Psychose. Die Zeit, wann ein Krisenplan erstellt werden soll ist dann, wenn die gesunde und krisenfreie Phase beschritten wird. Kündigt sich eine Psychose bereits an, dann ist es dafür schon zu spät.

In der Krise gilt es verschiedene Gesichtspunkte zu beachten:

  •   der häusliche Bereich, den man in der Krise nicht mehr versorgen kann. Die Wohnung bedarf der Pflege, Kinder müssen betreut werden und Haustiere und Pflanzen wollen versorgt sein. Ist geklärt, wer hier einspringt, dann bleibt einem ein großer Teil des psychotischen Chaos in der Krise erspart.
  •   Die psychiatrische Versorgung, also wohl die zuständige Klinik. Der Aufenthalt  in der Klinik will vorgeplant sein. Der Gedanke an einen Aufenthalt in der Klinik ist meistens mit Angst besetzt. Je besser der Aufenthalt in der Klinik vorbereitet ist, desto gelassener kann der Betroffene sein Zuhause verlassen und desto eher wird er den die Zeit in der Klinik auch als Hilfe erleben.
  •   Man sollte mit den Angehörigen und dem übrigen Umfeld absprechen, wie man in der psychotischen Episode behandelt werden möchte. Die Angehörigen stehen der Krise oft hilflos gegenüber und zeigen sich dankbar für Absprachen, die ihnen Handlungssicherheit vermitteln.

  
Die folgenden drei Hilfsmittel zum Strukturieren von Krisen sollen nun vorgestellt werden:

  •   Der Vorsorgebogen (Siehe auch den Artikel zur Vorsorge und den Artikel zur selbstbefähigenden Psychotherapie )
  •   die Behandlungsvereinbarung
  •   und der Krisenpass (Siehe auch den Artikel zur selbstbefähigenden Psychotherapie )

  
Vorsorgebogen

Der Betroffene beantwortet im Vorsorgebogen (KNUF/GARTELMANN 1997)  Fragen, die ihm dabei helfen sollen, mehr Klarheit über seine Situation zu bekommen. Während der Betroffene den Fragebogen beantwortet, macht er sich Gedanken über seine Situation und plant er den Ablauf einer zukünftigen Krise.

Der erste Teil dient dem Zweck, Belastungen zu erkennen und diesen aus dem Wege zu gehen. Es wird unterschieden zwischen kurzfristigen und permanenten Belastungen. Des weiteren wird abgefragt nach besonderen Lebenssituationen und nach den Selbsthilfemöglichkeiten des Betroffenen.

Der zweite Teil beschäftigt sich damit, wie man am Besten auf Stress so reagiert, dass auch keine Psychose ausbricht. Dabei spielen die Frühwarnkennzeichen eine wichtige Rolle. Wie reagiert man auf diese? Kann ein Bedarfsmedikament eingenommen werden und wie soll die Umgebung darauf reagieren.

Der dritte Teil widmet sich den Absprachen für die Zeit der Krise.  Es wird erfragt, wem der Betroffene vertraut und wer ihn dazu bewegen könnte, einen Arzt oder eine Klinik aufzusuchen. Was ist in der Krise von Hilfe und was schadet nur? Welche Medikamente werden gut und welche schlecht vertragen? Wie sollen sich die Menschen im Umfeld dem Betroffenen gegenüber verhalten?

Der vierte Teil beschäftigt sich mit der Zeit nach der Krise. Welche Beziehungen bedürfen der Aufarbeitung und mit wem kann sich der Betroffene über seine Psychose unterhaten?

Behandlungsvereinbarung

Nach einer durchlaufenen psychotischen Phase kann zwischen dem Betroffenen und der Klinik, die er im Fall einer erneuten Psychose voraussichtlich aufsuchen wird,  eine Behandlungsvereinbarung (DIETZ u. a. 1998) getroffen werden. Der Betroffene vereinbart dazu in einer gesunden Phase einen Termin mit dem Oberarzt, dem Stationsarzt der Station, in die er gerne eingewiesen werden möchte und möglicherweise einem Vertreter des Pflegepersonals. Es kommt zum gemeinsamen Ausfüllen des Vordrucks der Behandlungsvereinbarung. Das Ziel der Behandlungsvereinbarung ist es, traumatische Klinikerfahrungen zu vermeiden, indem der Ablauf eines Aufenthalts in der Klinik schon im Vorfeld besprochen wird und mögliche kritische Situationen vermieden werden können. Der Betroffene kann also weitgehend mitbestimmen, was bei einem möglichen Klinikaufenthalt geschieht. Die Auseinandersetzung mit dem Personal der Klinik schafft mehr Transparenz bezüglich der Haltung der Klinik. Auf der anderen Seite können sich die Mitarbeiter der Klinik besser auf den Betroffenen einstellen. Einige Kliniken in Deutschland haben in Zusammenarbeit mit den örtlichen Selbsthilfegruppen eine Behandlungsvereinbarung entworfen. Es kann nie schaden, in einer gesunden Phase auch in eine Klinik zu gehen, die keine Behandlungsvereinbarung kennt, und um eine individuelle Vereinbarung zu bitten.

Die Behandlungsvereinbarung regelt,

  •   mit welchen Personen der Betroffene Kontakt pflegen möchte.
  •   wie Aufnahme und Behandlung geregelt werden sollen
  •   auf welche Station der Betroffene eingewiesen werden möchte
  •   ob er Gespräche wünscht oder lieber in Ruhe gelassen werden möchte
  •   wie die Medikation zu regeln ist
  •   welche Medikamente gut und welche schlecht vertragen wurden
  •   welche Maßnahmen einer eventuellnötigen Zwangsmaßnahme vorausgehen sollte
  •   wie die soziale Situation bezüglich Wohnung, Kinder, Haustiere, Pflanzen, Finanzen und Arbeitgeber zu regeln ist.

  
Zwar ist die Behandlungsvereinbarung im Gegensatz zur Patientenverfügung nicht rechtlich bindend, doch bemühen sich die Kliniken regelmäßig, die getroffenen Vereinbarungen auch einzuhalten. Dem Betroffenen fällt es viel leichter, sich auf einen Klinikaufenthalt einzulassen, wenn er schon im Voraus weiß, was ihn in der Klinik erwarten wird. Auch die Klinik kann davon profitieren, dass wichtige Punkte schon im Vorfeld abgeklärt wurden.

Krisenpass

Der Krisenpass (KNUF/GARTELMANN 1997)  ist ein Dokument, das der Betroffene stets am Mann haben sollte. Der Pass enthält Erklärungen für den Notfall, wenn der Betroffene aus irgendwelchen Gründen nicht mehr dazu in der Lage sein sollte, sich klar verständlich zu machen. Im Pass geht es um

  •   die aktuelle Medikation
  •   die Medikation im Fall einer Krise
  •   schlechte Erfahrungen mit Medikamenten
  •   einen Hinweis auf eine eventuell existente Behandlungsvereinbarung mit einer psychiatrischen Einrichtung
  •   welche Personen im Krisenfall benachrichtigt werden sollen
  •   besondere Wünsche an die Behandlung mit Hinweis auf weitere Krankheiten und Allergien

  
Der Krisenpass soll bei einer plötzlichen Einweisung in eine Klinik vermeiden, dass irgendein Standardmedikament in irgendeiner Standarddosierung verabreicht wird.

Notfallmappe

Eine Nortfallmappe kann kostenfrei erstellt werden unter http://www.allesnotiert.de

Krisenkonzept für den Betroffenen und die Angehörigen

Es gibt zwei Arten von Krisenkonzepten, eines für den Betroffenen und eines für den Angehörigen. Dem Betroffenen wird es darum gehen, wie im Fall einer Krise mit ihm und seinen Belangen (Arbeit, Wohnung, Kinder, Geld, Pflanzen, Tiere ) umzugehen ist. Er steht vor der Aufgabe, in der gesunden Phase Leute zu finden, denen er vertraut und mit denen er entsprechende Absprachen tätigen kann. Möglicherweise ist es auch sinnvoll für ihn, darüber nachzudenken, wer im Fall einer Betreuungsverfügung als Betreuer in Frage käme, damit ihm nicht irgendein gesetzlicher Betreuer zugewiesen wird. Der Betroffene muss sich dabei mit allen Eventualitäten einer Krise auseinandersetzen, damit diese, falls sie eintrifft, sich nicht negativ auf ihn auswirkt.

Auch der Angehörige sollte sich einen persönlichen Krisenplan erarbeiten, damit ihn die Psychose des Familienmitglieds nicht wie aus heiterem Himmel überrascht. Das Problematische an der Situation des Angehörigen ist, dass zwar die Aufgaben des erkrankten Betroffenen mit zu übernehmen hat, dafür jedoch keine Extrazeit zur Verfügung gestellt bekommt. Eventuell ist er auch noch dazu angehalten, die Psychosebegleitung zu leisten. Der Krisenplan des Angehörigen fordert diesem somit ein strenges Zeitmanagement ab.

Erfahrene Angehörige haben dafür eine priorisierte Liste mit Aktivitäten

  •   die wichtig und sofort zu erledigen sind
  •   die nötig sind und erledigt werden müssen, aber nicht sofort
  •   die zu erledigen sind, aber noch Zeit haben.

Der Angehörige kann dann den Haushalt und den Job am Laufen halten, wenn der erste Punkt erledigt worden ist.

Des weiteren sollten im Krisenplan des Angehörigen Helfer aufgeführt sein, die beispielsweise die Versorgung der Kinder oder die Begleitung der Psychose übernehmen sollen, wenn dem Angehörigen die Zeit dafür fehlt. Idealerweise wären das weitere Angehörige wie etwa die Großeltern. Stehen keine nahen Angehörigen zur Verfügung, dann sollte man versuchen, Freunde, oder Leute über die Nachbarschaftshilfe, die Kirchengemeinde oder den Sozialpsychiatrischen Dienst zu organisieren. Das kann natürlich schwierig werden im Ernstfall, weil damit meistens Wartezeiten verbunden sind. Auch hier ist es äußerst sinnvoll, schon in der krisenfreien Zeit die nötigen Kontakte aufzubauen, damit man im Krisenfall eventuell schneller Hilfe bekommt.

Den Krisenplan können der Angehörige und der Betroffene gemeinsam erstellen

  •   Was sind die Frühwarnzeichen?
  •   Wann soll die Einweisung in die Klinik erfolgen?
  •   Wer soll den Betroffenen in die Klinik begleiten?
  •   Wer soll wie häufig zu Besuch kommen?
  •   Wie soll der Angehörige den betroffenen Partner während der Krise behandeln?
  •   Wie soll der gesunde Partner auf psychotische Inhalte im Gespräch reagieren?
  •   Wie soll der Angehörige reagieren auf Rückzug oder Aggressionen des Betroffenen?

Ein Betroffener fühlt sich während der Psychose immer als Gott, was ihn sehr ängstigt. Er vereinbart mit seiner Frau, sie möge ihm im Gespräch deutlich zu verstehen geben, dass er nicht Gott sei und die Erkrankung diese Gedanken verursacht. In einer früheren kranken Phase hat die Frau die Wahnideen ihres Mannes unkommentiert gelassen. Dies hat ihn nur in seinen Gedanken bestätigt und ihm noch mehr Angst gemacht.
Eine Frau bespricht mit ihrem Partner, er möge sie mit dem Hund spazieren schicken, wenn sie aggressiv werden würde. Der Hund, zu dem ein inniges Verhältnis besteht, wirke beruhigend auf ihn.
Ein Mann ist in der kranken Phase stets der Meinung, er sein total gesund und die anderen seien allesamt krank. Er versichert seiner Partnerin, dass er auf jeden Fall mitkommen würde, wenn sie der Meinung sei, er müsse den Arzt oder die Klinik aufsuchen. Das hierfür nötige Vertrauen hat man in der Regel nur zu seinem Lebenspartner.

 Wer aus Erfahrung über sich selbst weiß, dass er die Psychose nicht mehr als solche erkennen kann, der sollte sich unbedingt mit jemandem absprechen, der ihn darauf ansprechen sollte. Der Betroffene muss dann mit sich selbst ausmachen, den Hinweis von dieser Person seines Vertrauens auch ernst zu nehmen.

Mit dem Krisenplan soll vermieden werden, dass die Psychose eskaliert und der Betroffene mit der Polizei in die Klinik gebracht und dort vom Richter untergebracht wird. Das Geschehen soll sich so entwickeln, wie es der Betroffene in der gesunden Phase angeplant hat. Die Dinge geschehen also dann eher so, wie er selbst es gerne haben möchte. Die Fremdbestimmung wird reduziert und die Selbstbestimmung verstärkt. Zudem kann man seine Würde als erwachsener Mensch behalten, auch wenn man sich derzeit krankheitsbedingt nicht so gut artikulieren kann wie in einer gesunden Phase.

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