Die Aussprache nach der Krise

Die gesunde Phase nach der psychotischen Episode ist eine wichtige Zeit, weil das Paar sich dann absprechen kann, was zu tun ist, wenn sich weiter Psychosen ereignen. Das Paar kann diese Absprachen  auch schriftlich niederlegen.
Fragen, welche das Paar unbedingt klären sollte, wären:

  • Welche Voraussetzungen sollen gegeben sein, wenn eine Einweisung in die Klinik erfolgen soll
  • Möchte der Betroffene etwa auf gar keinen Fall auf eine geschlossene Station?
  • Unter welchen Bedingungen (Zwangsmaßnahmen oder Nebenwirkungen von Medikamenten) in der Klinik soll der Partner aktiv werden?
  • Wie oft soll der gesunde Partner den Betroffenen besuchen?
  • Soll der gesunde Partner Kontakt mit dem behandelnden Arzt aufnehmen und halten?
  • Wie soll der gesunde Partner auf die psychotischen Inhalte reagieren und wie soll er damit umgehen?
  • Durch welches Verhalten kann der gesunde Partner den Betroffenen unterstützen?
  • Welches Verhalten soll der gesunde Partner auf keinen Fall an den Tag legen?
  • Wer kümmert sich um die Kinder, die Haustiere oder die Blumen?
  • Auf welche Weise soll der gesunde Partner den Betroffenen von seinem schädigenden Verhalten (Selbstgefährdung, Fremdgefährdung, Ruhestörung, Aggressivität) abhalten?

Die hier getroffenen Absprachen verschaffen beiden Partner mehr Sicherheit. Der gesunde Partner hat kein Gefühl mehr der Hilflosigkeit oder Ohnmacht gegenüber der Psychose und hat Lösungsmöglichkeiten zur Hand, von denen er weiß, dass sie der kranke Partner unterstützt. Und der Betroffene kann sich sicher sein, dass die Dinge im Falle einer Psychose ganz in seinem Sinne geschehen. Je detaillierter die beiden Partner ihre Absprachen ausarbeiten, umso besser ist es. Die Absprachen können zwar keine Psychosen vermeiden, aber doch deren negativen Folgen beträchtlich abmildern. Eventuell lässt sich ja sogar der Aufenthalt auf der geschlossenen Station verhindern.
Die Gespräche nach der Psychose können entscheidend dazu beitragen, dass die Beziehung trotz der Psychose auch weiterhin gelingt. Die beiden Partner können dabei das Geschehene verarbeiten und lernen, mit den Psychosen zu leben, ohne von ihnen überrollt zu werden.
Es gibt leider noch keine Paartherapie, die die Bewältigung einer Psychose als strukturierten Arbeitsprozess anbietet. Die betroffenen Paare sind also auf sich allein gestellt und müssen diese Arbeit allein leisten. Das gemeinsame Gespräch hebt die Entfremdung wieder auf, die zwangsläufig während der Psychose entsteht. Zusätzlich kann eine ganz besondere Nähe entstehen. Schließlich verbindet es zwei Menschen enorm, wenn man gemeinsam ein schwieriges Schicksal meistert. Die Psychose sollte in der Partnerschaft nicht nur ein Problem des Betroffenen sein, sondern gemeinsam angegangen werden. Es kommt zu weniger Belastung und eventuell zur Stärkung der Partnerschaft durch die Psychose, wenn beide Partner daran mitarbeiten, die Psychose gemeinsam zu bewältigen.
Es mutet seltsam an, dass weder vor noch nach der Krise gerade in der psychiatrischen Klinik so gut wie nie über das Erleben der Psychose gesprochen wird. Das gesamte Innenleben des Betroffenen jat da nur  einen Symptomcharakter. Die Betroffenen stehen mit ihrem psychotischen Erleben ganz allein da und es entstehen keine Brücken zwischen dem psychotischen Erleben und der Wirklichkeit. Der Betroffene lebt quasi in seiner eigenen Welt und niemand macht sich die Mühe, einen Weg dahin zu suchen. Der Patient verkümmert also zum Objekt der medizinischen Behandlung und wird in seiner Subjektivität nicht mehr wahrgenommen. Dazu treibt die Angst vor höherer Medikation oder längerem Aufenthalt die Betroffenen dazu an, möglichst wenig von ihrer Innenwelt nach außen dringen zu lassen. Die Betroffenen spüren, dass Äußerungen über ihr psychotisches Erleben nicht willkommen sind und sie stehen unter einem hohen Druck, nach außen hin als möglichst normal zu erscheinen.
Falls in der psychotischen Episode Dinge passieren, die dem Betroffenen im Nachhinein peinlich sind, dann bekommt das gemeinsame Gespräch eine besondere Wichtigkeit. Sprachlosigkeit und Schamgefühle können für den Betroffenen eine große Belastung sein. Im Gespräch relativiert sich dann das Vorgefallene, eventuell gewinnt man dem Geschehen sogar eine gewisse Komik ab. So helfen sich Betroffene oft gegenseitig dadurch, dass sie sich ihre Verrücktheiten erzählen und dann in ein schallendes Gelächter ausbrechen.
Eine Frau aus gutem Hause schläft in der psychotischen Episode mit einem Penner, den sie für einen Boten Gottes hält. Dafür schämt sie sich sehr im Nachhinein. Das Ganze ist ihr so peinlich, dass sie es nicht wagt, es anzusprechen, was sie sehr belastet. Nachdem sie sich einer Freundin anvertraut, bemerkt sie, dass gar nichts Schlimmes passiert ist. Zusammen mit der Freundin kann sie endlich über diesen seltsamen Boten Gottes lachen.
Passieren in der Psychose peinliche Dinge, dann bedarf es eines einfühlsamen Gesprächspartners, der vermittelt, dass der Betroffene trotz des Vorfalls seinen Wert beibehalten hat und dass das Menschsein auch verrückte Sachen beinhaltet. Jeder Mensch muss dies an sich erleben und akzeptieren lernen - nicht so extrem, wie es einem Psychosekranken passieren kann, aber immerhin.
Um nach der Psychose ins Gespräch kommen bieten sich auch Psychoseseminare an. Das erste Psychoseseminar wurde Anfang der neunziger Jahre im Universitätsklinikum Hamburg abgehalten. Es entwickelte sich der sogenannte Trialog, das Gespräch zwischen Betroffenen, ihren Angehörigen und den Profis. Anliegen ist es, gemeinsam ein besseres Verständnis von Psychosen zu erlangen. Dabei möchte das Psychoseseminar das Gespräch zwischen denen ermöglichen, die direkt an der Psychose beteiligt sind. Betroffene, Angehörige und Profis sprechen dabei auf gleicher Augenhöhe als Experten in eigener Sache miteinander. Dabei geht es darum, den Standpunkt des Anderen kennen zu lernen und nicht darum, den Anderen von seinem eigenen Standpunkt zu überzeugen. Psychoseseminare residieren inzwischen in vielen deutschen Städten. Die Inhalte sind sehr weit gefächert:

  •   Macht Psychose Sinn?
  •   Aus welchem Grund Zwangsmaßnahmen und Gewalt in der Psychiatrie?
  •   Die Psychose als Erbleiden oder als Chance?
  •   Vor- und Nachteile einer Klinikbehandlung für psychisch Erkrankte und wie sich diese unter Umständen vermeiden ließe
  •   Suizidalität und Todessehnsucht
  •   Was genau ist eine Psychose aus Sicht von Betroffenen und Angehörigen
  •   Was hilft in der Psychose außer Medikamenten?
  •   Religiöses Erleben in der Psychose
  •    Rehabilitation und Arbeit: Ist dies eine Chance (unter Beteiligung von Betriebsräten und Mitarbeitern einer Reha-Werkstatt)?
  •   Ökonomischen Zwänge der Kostenträger beeinflussen die Therapie!
  •   Psychosekranke und Angehörige - unterschiedliche Interessen herausgearbeitet
  •   Depression und Angst
  •   Der Umgang mit Krisen
  •   Die Behandlungsvereinbarung
  •   Erfahrungen mit der außerstationären Psychiatrie
  •   Die Beschwerdestelle für Betroffene
  •   Integration durch Arbeit und Rehabilitation

Aus dem Hamburger Psychoseseminar entwickelten zwei Bücher : "Stimmenreich" und "Im Strom der Ideen". Diese beiden Bücher bieten einen guten Einstieg für ein Paar, um miteinander ins Gespräch zu kommen bezüglich der Psychose.
Die Angehörigen können zum Beispiel im Psychoseseminar schildern, dass sich sich von der Psychose ihres Familienmitglieds überfordert fühlen, von den Nachbarn ausgeschlossen werden und sich von den Profis im Stich gelassen fühlen. Da kommen Unsicherheiten zu Wort wie etwa die Frage, ob sie das kranke Familienmitglied eher betreuen und umsorgen oder doch in die Selbständigkeit entlassen sollen. Die Betroffenen wünschen demgegenüber Begleitung in ihren Krisen. Sie kritisieren die Medikamentionen und die Klinik. Sie fragen nach dem Sinn ihres Lebens und dem Sinn ihrer Psychose.
Insbesondere dann, wenn kein Angehöriger für ein Gespräch verfügbar ist, weil er etwa nicht an die Psychose erinnert werden will, kann das Psychose-Seminar eine Gelegenheit sein, die Perspektive des Anderen kennen zu lernen.
Eine Betroffene hört im Psychose-Seminar von einer Angehörigen, wie schwierig die Situation  sei zusammen mit einem krankheitsuneinsichtigen Psychosekranken. Sie beschließt für sich, für ihre eigenen Angehörigen kein solcher Problemfall zu werden. Dazu bespricht sie sich mit ihren Angehörigen darüber, wie mit einer neuen Psychose zu verfahren sei und trifft Absprachen mit ihnen für den Fall, dass sie ihre Psychose nicht selbständig erkennen könne.
Die Angehörigen können ebenfalls aus den Beiträgen der Betroffenen etwas lernen über ihr krankes Familienmitglied und neue Sichtweisen für den Umgang mit ihnen bekommen.
Von der Psychose haben oft die Nachbarn und Arbeitskollegen auch etwas mitbekommen, so dass nicht nur im engen Angehörigenkreis über die Psychose gesprochen werden sollte. Da die Dritten das Thema nicht anschneiden werden aus Unsicherheit ist es an dem Betroffenen und den Angehörigen , das entsprechende Gespräch zu suchen. Den ersten Schritt wird wohl der Betroffene machen müssen. Im anschließenden offenen Gespräch besteht dann die Möglichkeit, über Psychosen aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Falls die Aussagen auch vernünftig begründet werden, werden die meisten Leute auch recht verständnisvoll darauf reagieren. Sie können feststellen, dass der Betroffene nicht permanent unzurechenbar geworden ist, sondern dass die Krankheitsphase vorübergehend war und der Betroffene wieder ganz normal ist.
Selbst der Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik sollte nicht schamhaft verschwiegen werden, sondern man sollte die Gelegenheit nutzen, den meist unwissenden Leuten ein wirklichkeitsnahes Bild über die Behandlung in einer psychiatrischen Klinik zu vermitteln.
Jeder Betroffene, der sich outet und freimütig und informierend über seine krankheit spricht, trägt dazu bei, dass die in der Öffentlichkeit bestehenden Vorurteile weiter abgebaut werden.

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