Bevor es wieder losgeht - Vorsorge und Selbsthilfe bei psychotischen Krisen

Kein Betroffener ist seiner Psychose hilflos ausgeliefert! Die Betroffenen können auf vielerlei Art und Weise Vorsorge treffen und sich vor weiteren Krisen und deren negativen Konsequenzen schützen. Medikamente sind dabei nur eine - oft maßlos überschätzte - Möglichkeit der Krisenvorbeugung.

Der Sinn von Konzepten zur Vorbeugung von Krisen

Zeichnet sich eine Krise am Horizont ab und sind die ersten Sturmböen schon zu spüren, dann bringt es wenig, sich die Augen zuzuhalten, in der naiven Hoffnung, dass die Krise einen dann nicht finden wird. Und es bringt auch rein gar nichts, die Verwendung von Wörtern zu tabuisieren, die mit den Buchstaben "K" (wie "Krise") oder "P" (wie Psychose) beginnen. Ganz im Gegenteil ist es dann nötig, sich ein Herz zu fassen und ganz genau hinzuschauen. Selbst im Frühstadium einer Krise ist es noch möglich, einen Krisenplan aufzustellen, um sich auf diese Art wenigstens notdürftig auf den herannahenden Sturm vorzubereiten. Besser notdürftig als gar nicht gehandelt! Ein schnell zusammengenagelter Krisenplan mit Lücken, der nicht alle genau durchdachten Second-Order-Effekte enthält ist allemal besser als gar keiner. Allerdings ist es dann allerhöchste Zeit, die Notfallplanung zu beginnen. Noch weiter abzuwarten, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass es vielleicht doch nicht so schlimm kommt, ist ein äußerst riskantes Rezept, das im Grunde genommen zum Scheitern verurteilt ist.

Kann man sich denn überhaupt adäquat auf Krisen vorbereiten? Liegt es denn nicht im Wesen von Krisen, dass sie einen unvorbereitet und kalt von der Seite erwischen, mit der Folge, dass man nicht mehr weiß, was man tun soll, und sich ein lähmendes Gefühl von Ausweglosigkeit einstellt? Das stimmt schon, genau das ist das, was Krisen ausmacht. Doch bedeutet das auf keinen Fall, dass man sich auf Krisen nicht vorbereiten kann. Es wird zwar stets Ereignisse geben, auf die wir nicht vorbereitet sind und die uns auf dem falschen Fuß erwischen, doch bedeutet dies keineswegs, dass wir überhaupt nichts vorhersehen und uns auf nichts vorbereiten könnten. Die meisten krisenhaften Entwicklungen lassen sich sogar recht gut vorhersehen und mit einem "Plan B" können wir zumindest provisorisch gegenlenken. Warum bezahlen wir in die Sozialsysteme? Weil wir als Privatpersonen sehr wohl die Möglichkeit vorhersehen, krank oder arbeitslos zu werden. Es kann also nie schaden, sich für den Ernstfall vorzubereiten.

Diese Vorbereitung wird mit Sicherheit nicht jedes Detail abdecken, und sie wird in aller Regel auch nicht das Erschrecken verhindern, wenn die Psychose dann tatsächlich in unser Leben tritt. Doch können wir uns vor dem Gefühl der Ausweglosigkeit schützen, das die Krise emotional so belastend macht. Auch können wir jene Phase der Lähmung, der "Schockstarre", verhindern oder abkürzen, die sehr oft dafür sorgt, dass wir die sofort nötigen "lebensrettenden Sofortmaßnahmen" gar nicht oder erst viel zu spät einleiten. Gerade dieser Zeitverlust wegen Lähmung und Selbstzweifeln trägt nur allzu oft dazu bei, dass sich die Lage verschlimmert und eine sehr lange stationäre Behandlung unabwendbar wird. Viele Psychoseerfahrene scheitern letzten Endes nicht an der Verschlechterung ihres psychischen Zustandes, sondern daran, dass sie viel zu lange Zeit benötigen, um auf die sich ankündigende Krise beherzt und zielgerichtet zu reagieren.

Klar ist, dass es streng nach der Definition keine Krise mehr ist, oder auf jeden Fall keine so schlimme, wenn wir darauf vorbereitet sind und genau wissen, wie wir gegensteuern. Aber damit kann man wohl besser leben, als wenn eine Krise im strengen Sinne der Definition über uns hereinbricht. Genau diese Entschärfung möglicher oder sich bereits abzeichnender Krisen ist schließlich Sinn und Zweck des Notfallplans.

Die Tendenz zur Verdrängung ist dabei das eine emotionale Hindernis für eine Notfallplanung. Und das Denken in Extremen das andere. Zwar sind die jeweiligen Aussagen korrekt, doch sind solche Gedanken trotzdem wenig hilfreich, weil sie das geordnete Nachdenken über kleinere sich ankündigende und noch auffangbare Krisen unnötigerweise blockieren. Kein Krisenplan der Welt kann die Psychose verhindern, doch kann ein ordentlich erstellter Krisenplan den Punkt, an dem dann wirklich keine Rettung mehr möglich ist, sehr weit hinausschieben. Oft sogar in eher unerreichbare Ferne. Genau dazu dient die Vorbereitung auf eine Krise. Es gibt eben nicht nur den Extremfall des Weltuntergangs, sondern auch unzählige Stufen davor, die zu betreten man vermeiden kann.

Krisenvorbeugung ist möglich

Es ist dem Betroffenen sehr wohl möglich, zu lernen, die Krisen rechtzeitig zu erkennen, mit den Belastungen angemessener umzugehen, Hilfe zu suchen und zu finden, die eigenen seelischen Abwehrkräfte (Resilienz) zu stärken und ein Verständnis dafür zu entwickeln für den Sinn hinter der Psychose. Die Erkenntnis, aktiv eingreifen zu können und der Krankheit nicht hilflos ausgeliefert zu sein, bedeutet für viele Betroffene eine große Erleichterung.

Definitionen

Psychose

Menschen, deren Erleben, Denken, Wahrnehmen, Fühlen und Verhalten sich plötzlich ändert und von der so genannten Realität und Norm abgerückt ist, erhalten die Diagnose einer Psychose. Davon gibt es zwei Kategorien - die organischen und nicht organischen Psychosen. Körperlich begründbare, also organische, Psychosen werden durch physische Krankheiten ausgelöst, wie etwa Hirntumor, Infektionskrankheiten, Alzheimer. Die nicht organischen Psychosen werden in 3 Untergruppen unterteilt, die affektiven Psychosen (früher: manisch-depressiv), die Schizophrenien und die schizoaffektiven Psychosen, welche den Mischtyp der ersten beiden Störungsbilder darstellen.

Psychose-Erfahrene

Ein Psychoseerfahrener ist wiederum ein Mensch, der schon einmal Krisen durchlitten und psychotische Erlebnisse hatte.

Frühwarnzeichen

Wenn der Psychose-Erfahrene gelernt hat, aufmerksam zu sein, dann können für ihn die Abweichungen vom gewöhnlichen Empfinden Warnsignale sein, die eventuell den Beginn einer neue Krise anzeigen. Besonders dann, wenn sich mehrere solcher Veränderungen häufen oder wenn die Änderungen an sich besonders intensiv werden. Solche Veränderungen vor einer Krise nennen sich auch Frühwarnzeichen der Krise. In der klassischen Psychiatrie nennt man das auch Prodromalsymptome, Frühsymptome, Frühwarnsymptome, Vorbotensymptome oder Rückfallanzeichen. Der Begriff Frühwarnzeichen wurde jedoch ganz bewusst gewählt, um damit zu signalisieren, dass es sich noch nicht um Symptome - also Anzeichen einer Erkrankung- handelt.

Der Begriff des Rückfalls hat etwas Bewertendes, nämlich Abwertendes an sich - er markiert die Krise als etwas Negatives und man gebraucht das Wort meist im Zusammenhang mit Straftätern oder Menschen mit einer Suchtproblematik. Frühwarnzeichen sind also Veränderungen, die schon zu einem frühen Zeitpunkt eine sich eventuell anbahnende Zuspitzung anzeigen. Damit können sie Sinn machen. Symptome wiederum sind unerwünscht und bedürfen der möglichst raschen Behandlung.

Fremdhilfe und Selbsthilfe

Plakativ gesehen kennt die klassische Psychiatrie nur einen Weg der Vorsorge, nämlich den mit Medikamenten. Sicherlich ist die Medikamention nötig und hilfreich für viele der Patienten - doch behindern sie auch zum Teil deren Selbsthilfe ganz enorm. So vermitteln sie den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit und machen ihnen glauben, sie selbst bräuchten nichts weiter zu ihrem Schutz beizutragen, als täglich einige Tabletten zu schlucken. Fremdhilfe behindert hier die Selbsthilfe und sie bewirkt auch, dass wertvolle eigene Einflussmöglichkeiten und Handlungspotentiale ungenutzt bleiben. Es wäre absurd, lediglich auf Medikamente zu setzen wie auch das Verständnis der Selbsthilfe als Allheilmittel gegen Psychosen unsinnig wäre. Selbst- und Fremdhilfe müssen sich letzten Endes gegenseitig ergänzen. Zur Behandlung gehören sowohl die medikamentösen Vorsorge als auch die selbsthilfeorientierte Vorsorge.

Es kommt also darauf an, dass die "offiziellen Experten" und die "Experten in eigener Sache" gemeinsam überlegen, welche Hilfe bei der Selbsthilfe denkbar und nützlich wäre. Eine alleinige Abwendung von einem "Sie müssen unbedingt ihre Medikamente einnehmen!" zu einem "Na los - entdecken Sie doch endlich ihr Selbsthilfepotential!" wäre wenig fruchtbar. Der Profi, der zusätzlich auf die Selbsthilfe Psychiatrieerfahrener setzt, befindet sich nicht einfach in einem weiteren Bereich therapeutischer Einflussnahme, sondern ist gefordert, seine bisherige Perspektive grundlegend zu ändern: Denn dann, wenn es um die eigene Person und die eigene Krankheit geht, sind die Betroffenen die Erfahrungsexperten. Bezüglich der eigenen Erkrankung kennt sich niemand besser aus als sie. Das neue Konzept basiert also nicht auf der paternalistischen Sichtweise des Profis, es besser zu wissen, was für den Betroffenen gut ist, sondern darauf, ihn zu fragen, was er benötigt und ihn dazu zu bringen, selbst danach zu handeln.

Eigenverantwortung und Entscheidungsfähigkeit des Patienten, die bislang eher ein Schattendasein in der Praxis führten, werden also zum Grundsatz erhoben, von dem nur im Zweifelsfall abzuweichen ist. Systemische Ansätze feiern dabei große Erfolge. So könnte ein Betroffener, der am meisten davor Angst hat, eingesperrt zu sein, auch in der akuten Psychose Ausgang erhalten. Der längst anstehende Wechsel der Perspektive trägt also eine gewisse Brisanz in sich, aber auch eine noch größere Chance.

Es handelt sich zunächst um eine ganz persönliche Entscheidung des Betroffenen selbst, wenn er sich mit Selbsthilfe und den persönlichen Vorsorgemöglichkeiten auseinandersetzen möchte. Schließlich wäre es paradox, die Selbsthilfe durch "fürsorgliche Belagerung" erzwingen zu wollen. Eine echte Hilfe bei der Selbsthilfe bedeutet daher zuallererst, den Betroffenen zu informieren, zu sensibilisieren und ihm die nötige Unterstützung anzubieten. Denkbar wäre dann die Anwendung auch ungewöhnlicher Konzepte wie die Anstellung der Betroffenen als Honorarkräfte, damit sie als Peers ihre eigenen Erfahrungen an andere Patienten weitergeben können. Oder die Einrichtung spezieller Gruppen, die selbsthilfeorientierte Vorsorge zum Thema haben und partnerschaftlich von Betroffenen und Professionellen geleitet werden.

Frühwarnzeichen

Die Rolle der Frühwarnzeichen

Zwei Drittel der Betroffene berichten nach einer psychotischen Phase, dass sie schon vor der eigentlichen Krise Veränderungen an sich festgestellt haben. Diese Änderungen betreffen das Erleben, das Verhalten oder das Befinden. So wie sich auch ein Unwetter oder eine Grippe ankündigt, kommt auch eine psychotische Krise so gut wie gar nicht aus heiterem Himmel. Die meisten Krisen beginnen nämlich langsam und schleichend.
Zunächst kündigt sich die Krise eher durch recht allgemeine Veränderungen an. Sie deuten dann nicht zwangsläufig auf eine neuerliche Krankheitsphase: Man schläft schlechter, hat weniger Appetit, empfindet weniger Freude an den Ereignissen des Tages. Auch hat man oft das Bedürfnis, mehr für sich allein zu sein etc. Der jeweilige Mensch registriert zwar den Wandel, misst ihm aber zunächst keine besondere Bedeutung bei. Schließlich gehören diese Veränderungen ja auch zur Normalität unseres Lebens dazu und haben in der Regel nichts zu tun mit einer Erkrankung. Wir sind eben nicht immer gleich gestimmt und natuturgemäß nicht jeden Tag gleich gut drauf. Jeder Mensch begegnet zudem in seinem Leben auch mal kleineren Krisen, die sich nicht gleich psychotisch auswirken. Ein Teil der Psychoseerfahrenen registriert diese unspezifischen Veränderungen, während bei anderen die Psychose ganz krass ins Leben tritt; sie hören dann wieder ihre Stimmen oder leiden etwa unter psychotischen Gedanken wie Verfolgungsideen. Dann gibt es noch die Psychoseerfahrenen, die ganz spezifische Wahrnehmungen und Verhaltensänderungen an sich bemerken, die sie verstärkt in ihrer Psychose erlebt haben. So kann etwa das höchst unangenehme Gefühl in einem aufkeimen, dass die Arbeitskollegen sich gegen einen verschworen hätten und über einen reden. Ebenso wie wir Menschen uns voneinander unterscheiden, so unterscheiden wir uns auch in den Krisen und deren Anzeichen, die die nächste Krise möglicherweise schon ankündigen.

Rechtzeitig erkannt lassen sich psychotische Krisen vorbeugen. Dabei kommt es darauf an, schon die ersten, noch leichten Krankheitserscheinungen zu erfassen. Wenn der Arzt dann zusammen mit dem Patienten die notwendigen Maßnahmen einleitet, können schwere Störungen meist vermieden werden. Im günstigsten Fall wird dadurch eine stationäre Behandlung gar nicht notwendig, oder es genügt ein kurzfristiger Aufenthalt im Krankenhaus. Bei früher Erkennung kann können die psychotischen Krankheitserscheinungen schon in einer Tagesklinik aufgefangen werden. Danach kann der Patient bald wieder ambulant weiterbehandelt werden. Der Aufentahlt auf Station kann also vermieden werden.

Erkrankt man nun an einer Psychose, dann wird einem allzu häufig nur zu Medikamenten geraten. Dabei gibt es sehr viele andere Möglichkeiten, wie der Betroffene selbst weitere Krisen vermeiden oder abmildern und abfedern kann. Die Profis, die psychiatrischen Fachkräfte, stehen dabei in der Pflicht, Hilfe bei der Selbsthilfe zu leisten. Dabei könnten sich sogar ganz neue Formen partnerschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Betroffenen und Professionellen ergeben.

Wider die Hilflosigkeit

Oft begegnet den Betroffenen die ernüchternde Erfahrung, dass seine Initiative - egal ob diese nun effizient ist oder nicht - durchwegs von den Profis ignoriert wird. Deswegen sollte der Betroffene nicht resignieren und die Flinte ins Korn werfen, weil er nämlich keineswegs der Krankheit hilflos ausgeliefert ist, sondern aktiv eingreifen kann. Das stärkt nicht zuletzt das ohnehin angeschlagene Ego.

Die Eigendynamik von psychotischen Krisen macht den Psychiatrieerfahrenen (PE) nur allzu oft hilflos und wirft ihn auf sich zurück. Darüber erschrickt nicht nur der Betroffene selbst, damit kommen auch die psychiatrischen und psychologischen Fachkräfte und seine Vertrauenspersonen nicht unbedingt gut klar.

Alle Beteiligten haben dann das Gefühl, keine oder aber kaum merkliche persönlichen Einflußmöglichkeiten zu haben, wenn der PE wie aus heiterem Himmel heraus etwa in eine tiefe Depression fällt. Die klassische Psychiatrie hat dann festgelegt, dass der psychotische Prozess von innen heraus kommt. Er ist endogen ist und die individuellen Verhaltensweisen und Einstellungen verdienen keine weitere Beachtung, sind irrelevant. Dabei wäre auch die gegenläufige Schlussfolgerung möglich, dass nämlich gerade dann, wenn die Einflussmöglichkeiten nicht offensichtlich sind, sie es verdienen, besonders in Betracht gezogen zu werden.

Die Krankheitsmodelle bestimmen dabei entscheidend die Wirklichkeit. Der Betroffene kann sehr wohl Versuche unternehmen, seine Erkrankung positiv zu beeinflussen. Abhängig ist sein Einsatz dabei in der Hauptsache von dem ihm vermittelten Krankheitsbild und von der Bedeutung, die die ihn behandelnden Profis der Selbsthilfe beimessen. Falls der Psychiatrieerfahrene seine eigenen konkreten Einflussmöglichkeiten kennt, dann gewinnt er ein bedingtes Gefühl von Kontrolle über die ihn ansonsten beherrschende Krankheit; er verfällt weniger häufig in Passivität und Resignation und ist möglicherweise sogar gefeit vor der im Anschluss an die akute Psychose häufig auftretende postpsychotische Depression.

Je mehr sich der Betroffene mit der Thematik auseinandersetzt und immer mehr Einflussmöglichkeiten erkennt, dann wird ihm zum einen langsam bewusst, wie man sich durch das eigene Verhalten in Psychosenähe bringen kann. Und zum anderen lernt er, dass durch eigene Anstrengungen die Klippen einer Krise oft erfolgreich umschifft werden können. Das entwickelt ein gesundes Selbstbewusstsein und macht den Psychiatrieerfahrenen zum aktiven Mitgestalter der ihn beutelnden Krisen.

Dem Einen hilft die Atemtechnik: Wenn ich mich etwa in der Nähe einer Psychose fühle, dann kann ich den Rückzug einleiten. Ich drehe mich um und gehe nach Hause, lege mich hin und Ich bin nicht zu sprechen - für niemanden, auch nicht am Telefon. Ich bemühe mich um eine tiefe und gleichmäßige Atmung. Nur das spielt eine Rolle und nur der ruhige Atem ist mir wichtig. Manchmal liege ich so tagelang im Bett, manchmal reichen schon einige Stunden aus. Das tiefe und gleichmäßige Atmen begleite ich mit der Anspannung meiner Muskeln, um zu spüren, dass ich einen Körper habe. Dabei fasse ich das an, was um mich herum ist: das Kissen, das Bettgestell, die Wand. Ich be-greife meine Umwelt. Ich bin mir sehr wohl der Schatten in den Zimmerecken gewahr, die nur darauf warten, größer zu werden, sich zu bewegen und mir Scherereien zu machen. Ihr Flüstern ist unüberhörbar. Aber alles, was zählt, ist mein gleichmäßiger tiefer Atem. Ich liege und atme. Und dann - nach einer durchschlafenen Nacht - sieht das Zimmer endlich wieder so aus, wie es aussehen soll. Kein Schatten bewegt sich mehr. Ich habe Glück gehabt.

Dem Anderen hilft es, sofort zu reagieren: Wie wichtig wäre es doch, wenn die Mitarbeiter aus der Psychiatrie über ihr Verständnis von Psychosen sprechen würden. Wenn die Profis den Betroffenen mit seinen Erfahrungen ernst nehmen würden. Wenn sie ihm Mut machen würden und ihn darauf hinwiesen, dass er allein der Experte für seine Erkrankung ist und jeder Betroffene seinen eigenen Weg finden muss, um damit zu leben. Dadurch würde deutlich werden, dass die Psychose mitnichten über einen hereinbricht wie ein namenloses Schicksal, sondern dass man sehr wohl zur rechten Zeit noch etwas dagegen tun kann.

So kann man auf die individuell verschiedenen Frühwarnzeichen achten. Aber da muss man aufpassen, denn nicht jede unfreiwillig durchwachte Nacht st auch ein Frühwarnzeichen. Man muss genau versuchen, in sich hineinzuspüren und zu fühlen, ob man nicht auch ohne Bedarfsmedikamente auskommen kann. Wenn man dann deutlich seine Frühwarnzeichen erkennt, dann ist ein sofortiges konsequentes Handeln angesagt. Die Zeit ist knapp. Schließlich verbleiben oft nur wenige Tage, um noch bewusst entscheiden und handeln zu können, bevor man "abdreht" und in eine andere Welt gerät. Ist die Krise erst einmal da, dann ist es wiederum fast unmöglich, ihr auf sich allein gestellt wieder zu entrinnnen. Deshalb ist es wichtig, die Krisenvorbeugung in jeglicher Form voll auszuschöpfen, wenn es um psychotische Krisen geht.

Frühwarnzeichen und Verläufe

Psychotische Krisen verlaufen in der Regel in aufeinanderfolgenden Phasen; auf zumeist kurze psychotische Zeiten folgen wieder gesündere Lebensabschnitte. Der Vorsorgeansatz macht sich diesen Umstand zunutze. Bevor nämlich die Stimmen wiederkommen, hat der Psychiatrieerfahrene viele Möglichkeiten, um sich vor weiteren Krisen zu schützen oder die Krise und ihre negativen Folgen abzufedern. Die Einnahme von Medikamenten sind dabei ein wichtiger Teil der Psychosevorsorge. Doch darf die Medikation nicht das alleinige Mittel der Wahl darstellen.
Inzwischen ist es üblich, dem Betroffenen seine erhöhte Verletzlichkeit, seine Dünnhäutigkeit und seine verstärkte Sensibilität zu verdeutlichen. Diese Bewusstmachung geht einher mit dem Hinweis auf das hohe Risiko einer erneuten Erkrankung in Stresssituationen. Stress kann man abmildern, die auslösenden Situationen können bewusst gemacht und ihnen aus dem Weg gegangen werden. Oft finden sich Gemeinsamkeiten bezüglich der Situationen, die eine Krise auslösen. So kann etwa das Gefühl, nicht mehr geliebt und ausgestoßen zu sein, eine Krise einleiten. Natürlich kostet es oft viel Zeit und Ausdauer, den gemeinsamen Nenner der Krisenauslöser auszumachen. Das erfordert auch ein gerüttelt Maß an Willenskraft und nicht selten professioneller Unterstützung bei der Suche. Doch lohnt sich diese Mühe, weil der Betroffene in ähnlichen Situationen andere als die bereits praktizierten psychotischen Verhaltensmuster erproben kann. Inzwischen ist es selbstverständlich bei vielen anderen psychischen Erkrankungen, den Auslöser für Krisen zu suchen und zu finden. Bei psychotischen Störungen wird dieses Wissen leider nach wie vor häufig vernachlässigt, weil den Betroffenen weiterhin kaum Einfluss auf ihre Krisen zugebilligt wird.

Psychosen kommen fast nie aus heiterem Himmel. Oft kündigen viele Vorläufer, die sogenannten Frühwarnzeichen, die Krise an. Also sollten die Betroffenen doch darin unterstützt werden, diese Anzeichen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Nicht die Ärzte oder Psychologen, sondern eine Arbeitsgruppe des seit 1992 existierenden Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPe), haben hier die Pionierarbeit geleistet und die bislang umfangreichste Liste mit Frühwarnzeichen zusammengetragen. Die Lektüre dieser elaborierten Liste1 ist dabei sehr hilfreich, weil es vielen psychoseerfahrenen Menschen sehr schwerfällt, ihre ganz persönlichen Krisen-Vorboten im Nachhinein zu erinnern und als Anzeichen einer drohenden Krise zu bewerten.

Bei genauem Hinsehen findet sich häufig immer wieder ein bestimmtes Muster, wie Krisen ihren Anfang nehmen. Ein Beispiel: So kann etwa die permanente Überforderung am Arbeitsplatz am Anfang der Krisen stehen. Der Betroffene verspürt jedoch schon Wochen oder Monate im Vorfeld der Krise, wie er sich langsam von der Umgebung zurückzieht, sich abkapselt und all seine Energie auf die Arbeit verwendet. Dann fühlt er sich zwei Wochen vorher von den Menschen im Supermarkt, im Bus und auf der Straße beobachtet, bis er schließlich kurz vor dem psychotischen Zusammenbruch auch die Lebenspartnerin als Bedrohung erlebt. Nach der Verortung dieser Warnzeichen gilt es nun, zu lernen, diese Anzeichen wahrzunehmen und Reaktionen darauf zu entwickeln. Zunächst könnte man versuchen, die Überstunden zu reduzieren und bewusst langsamer zu arbeiten, um die Überforderung am Arbeitsplatz auf ein erträglicheres Maß herabzumindern. Falls das nicht ausreicht, sollte in Rücksprache mit dem Arzt eine Erhöhung der Medikation überlegt werden. Und spätestens dann, wenn man sich von Menschen beobachtet fühlt, sollte man beim Arzt auf eine Krankschreibung drängen. Falls sich die Krise trotz der Gegenmassnahmen nicht abwenden lassen, dann sollte er sich nicht scheuen, die Klinik aufzusuchen. Eine entsprechende Absprache in guten Zeiten mit der Partnerin könnte da nicht schaden. Der behandelnden Einrichtung sollte die Liste mit den Frühwarnzeichen vorliegen, damit ihm nicht noch kurz vor seiner Krise bei der Bitte um Aufnahme abgewiesen wird, weil der dienstahbende Arzt den Zustand zunächst als nicht beunruhigend einstuft. Zwar kann es sein, dass die Klinik ihn dann wenige Tage später dennoch aufnehmen muss, dann aber in einem hoch psychotischen Zustand und nicht mehr krankheitseinsichtig. Die unmittelbar zugängliche Dokumentation über individuelle Frühwarnzeichen und effektive Krisenmedikation sind also für alle Beteiligten von großem Nutzen.

Gelassene Wachsamkeit

Eine hilfreiche Krisenvorsorge bedeutet insbesondere, dem Betroffenen eine bestimmte Haltung sich selbst gegenüber zu vermitteln, die als "gelassene Wachsamkeit" bezeichnet werden kann. Diese Haltung ist beseelt vom Gedanken der Recovery2 - sie lebt von der Hoffnung, durch eigene Anstrengungen weitere Krankheitsphasen verhindern zu können. Auf der anderen Seite gilt das "Allzeit bereit!" der Pfadfinder. Man erwartet zwar die Krise und hält sich dafür bereit, etwa die Frühwarnzeichen oder übermäßigen Stress zu erkennen und gemäß den vorher genau geplanten Verhaltensweisen darauf zu reagieren.
Es ergibt sich die recht paradoxe Situation: Zur Vermeidung der Krise muss ich die Möglichkeit einer neuerlichen Krise ständig im Bewusstsein behalten oder zumindest bereit sein, diese wieder ins Bewusstsein zu rufen. Die Voraussetzung hierfür ist, dass ich die psychotische Erkrankung als zum eigenen Leben zugehörig akzeptiere und dazu bereit bin, zu lernen, mit der eigenen Anfälligkeit für weitere Krisen zu leben.

Aus dem oben Gesagten ergibt es sich, dass eine echte selbsthilfeorientierte Vorsorge nur dann möglich und sinnvoll ist, wenn die entsprechenden institutionellen Strukturen geschaffen werden, die auf die Vermeidung von Krankheiten und nicht auf deren Behandlung abzielen. Einerseits eröffnen sich viele neue Möglichkeiten, wenn der Betroffene die aufkeimende Krise rechtzeitig erspürt. Doch ist damit noch nicht viel erreicht, wenn die entsprechenden Einrichtungen und begleitenden Hilfen fehlen. Dazu gehören etwa Krisenzentren oder alltagsnahe Einrichtungen, wie die sogenannten Notschlafwohnungen. Dort könnte sich der Psychose-Erfahrene im Fall einer sich abzeichnenden Krise für einige Tage zurückziehen und dem Ausbruch einer akuten Krankheitsphase vielleicht noch entgehen, ohne gleich wieder zum "psychiatrischen Fall" zu mutieren.

Frühwarnzeichen identifizieren

Der maßgebliche Punkt für die Vorsorgearbeit ist der, dass sich zwar nicht jede Krise durch frühzeitige Veränderungen ankündigt; zeigen sich jedoch Frühwarnzeichen über einen längeren Zeitraum hin in unserem Leben, ohne dass man darauf besonders reagiert, dann läuft man mit hoher Wahrscheinlichkeit geradewegs in die nächste Krise. Die Frühwarnzeichen wollen also sehr wohl ernst genommen werden, weil ihnen regelmäßig eine Krise folgt. Wer bei sich Frühwarnzeichen feststellt, der sollte sie nicht ignorieren, sondern auf weitere Veränderungen und eine sich wahrscheinlich anbahnende Krise achten. Ein Frühwarnzeichen allein ist für sich genommen noch kein Grund zur größeren Besorgnis. Erst die Anhäufung mehrerer Anzeichen kündigt normalerweise eine bevorstehende Krise an. Hat die Ampel auf gelb geschaltet, dann sollte man auch bremsen. Wer eine rote Ampel überfährt, ist dahingegen lebensmüde. Die Frühwarnzeichen kann man vergleichen mit den verschiedenen Ampelstufen. Man beschäftigt sich nun mit den eigenen Frühwarnzeichen, um die Signale dieser Frühwarnampel deuten zu lernen und um sich sinnvolle Reaktionsweisen zu überlegen.

Es lohnt sich auch bei Dauerkrisen

Manche Psychiatrieerfahrene leben fast schon durchgängig mit ihren psychotischen Symptomen. Sie sind Tag und Nacht den Stimmen oder wahnhaften Gedanken ausgesetzt. In diesem Fall kann kaum mehr von einer Abfolge von klar abgrenzbaren Phasen gesprochen werden. Trotz ihrer Dauerkrise bemerken auch diese Menschen häufig Änderungen in ihrem Erleben und Verhalten, die dann nicht auf eine Krise, sondern auf eine mögliche Verschlechterung des eigenen Befindens hindeuten. Also kann es selbst in diesem speziellen Fall sehr wohl Sinn machen, die Anzeichen zu verorten und Strategien zu entwickeln, um eine Verböserung des aktuellen Zustands zu vermeiden.

Verbreitete und individuelle Fühwarnzeichen

Einige Frühwarnzeichen treten bei sehr vielen Betroffenen häufig auf. So berichten etwa 80% aller Betroffenen, vor ihrer Krise an einer Schlafstörungen zu leiden. Häufig kommt es auch zu innerer und äußerer Unruhe, zu Konzentrationsstörungen, zum permanenten Gefühl von Angespanntsein und Nervosität, zum Verlust des gewohnten Interesses an Personen, Dingen, Aktivitäten usw. oder zu depressivem Erleben, Unlust und zur ausbleibenden Motivation.
Dann existieren da auch noch die sehr individuellen Veränderungen, die nur wenige Menschen kennen. So kann ein verlässliches Frühwarnzeichen darin liegen, dass man veränderte Träume hat. Oder man denkt unablässig an spezifische Themen seiner Lebensgeschichte. Es können aber auch ungewöhnliche Verhaltensweisen an sich sein. Dass man etwa morgens den Wecker überhört oder die fast volle Tasse mit Morgentee nicht mehr wiederfindet. Oft wird auch die Wahrnehmung von Farben, Gerüchen oder Gefühlen immer intensiver.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So laufen bei manchen psychoseerfahrenen Menschen die Krisen stets nach einem ganz typischen Muster ab. Zum Beispiel dann, wenn die Krise stets am Arbeitsplatz beginnt, weil man langsam dem psychischen Stress dort nicht mehr gewachsen ist. Es wird einem unmöglich, sich wieder richtig zu entspannen und man fühlt sich am Wochenende nur noch erschöpft und schlapp. Man verschließt sich zunehmend anderen Dinge, hat keine rechte Lust mehr zu Unternehmungen und auch die Lust am Sex lässt merklich nach. Dieses Sammelsurium kann uns ein eindeutiges Zeichen dafür sein, von nun an verstärkt Vorsicht walten zu lassen.

Wieder andere Psychoseerfahrene erleben, wie jede Krise ihren eigenen Charakter hat und ihren eigenen Verlauf nimmt. Die entsprechenden Frühwarnzeichen bildeten keine Konstante, sondern wechselten bei jedem Anlauf. Man fühlt sich dann eher der Psychose ausgeliefert, weil sie einen überlistet, indem sie überraschenderweise und unvorbereitet eintritt. Zwar kennt man dann im Lauf der Zeit einige der Frühwarnzeichen bei sich, doch hegt man auch stets die Befürchtung, dass es beim nächsten mal wieder andere sein könnten.

Häufig zeigen sich die folgenden Frühwarnzeichen:

  • Veränderungen der Stimmung
    • Launenhaftigkeit
    • Gereiztheit
    • Depression
    • Übermäßige Angst
  • Veränderungen des körperlichen Wohlbefindens
    • übermäßige Müdigkeit, Erschöpfung
    • Veränderter Schlaf (langes Schlafen oder Schlafverzicht)
    • Appetitlosigkeit
    • Gewichtsabnahme
    • Schweißausbrüche
  • Veränderungen des Verhaltens
    • Grundloses Lachen
    • Häufiger Telefonieren als üblich
    • Schreiben von Briefen an Menschen, denen man sonst nie schreibt
    • Vermeidung sozialer Kontakte
    • Irrationale und absonderliche Äußerungen
    • exzessives Hören von Musik
    • Langes Starren auf einen Punkt
    • Häufige Grübeleien
    • Häufiger Ausgehen als sonst
    • Abkehr vom üblichen Tagesrhythmus
    • Mangelhafte Körperhygiene
    • Bizzares Verhalten
    • Geringere Belastbarkeit
  • Veränderungen psychotischer Symptome
    • Stimmenhören
    • Empfindlichkeit gegenüber Geräuschen und Licht
    • Äußerung merkwürdiger Ansichten

Innere Barrieren

Innere Barrieren des Betroffenen können dessen Wahrnehmung von Frühwarnzeichen behindern. Deshalb sollte jeder, der sich selbst mit seinen eigenen Anzeichen für eine bevorstehende Krise auseinandersetzen möchte, für sich im Vorfeld abklären, wie offen er für die Beschäftigung mit diesem Thema ist oder sein kann bzw. will. Jede Barriere kann eine Mauer sein, durch die man nicht mehr hindurchschauen kann. Betrachtet der Betroffene etwa Psychosen als Krankheiten, die ohne erkennbare äußere Einflüsse in sein Leben treten, geht er davon aus, dass sie von innen kommen und dass man sie von außen durch Medikamente behandeln muss. Also wird der Mensch eher in der Passivität verharren, weil er ja kaum einen Grund dazu hat, auf Veränderungen zu achten. Er wird auch kaum die Hoffnung hegen, durch seine Bemühungen diesen vermeintlich endogenen Prozess aus eigener Kraft heraus stoppen zu können. Folglich bestimmt das (zumeist von professioneller Seite vermittelte) jeweils angewendete Krankheitsmodell entscheidend das Verhalten der Betroffenen.

Krisen müssen nicht immer etwas Beängstigendes an sich haben - manchmal wirken sie auch entlastend. So kann man sich mit ihr etwa aus schwierigen Situationen retten oder vor
bestimmten Anforderungen schützen. Wer eine Krise in dieser Form benutzt, der wird die Veränderungen nicht als eindringliche Warnung verstehen, sondern er erhofft und sucht eher die
Psychose. Selbiges gilt auch für die Betroffenen, die ihre Krisen als sehr positiv und bereichernd erleben und deshalb in ihrer krisenfreien Zeit einen Mangel verspüren.

Den meisten psychoseerfahrenen Menschen fällt es schwer, sich die Zeit vor ihren Krisen zu vergegenwärtigen. Eben die unspezifischen Veränderungen, wie beispielsweise der höhere Kaffeekonsum oder Probleme beim Autofahren, entfallen leicht dem Gedächtnis. Das betrifft in der Hauptsache die Menschen, die mehrere Jahre oder gar Jahrzehnte lang ohne jede Krise gelebt haben.

Dann kann auch die stete Angst vor weiteren Krisen blind machen für Veränderungen, die auf eine Krise hinweisen. Man ist versucht, den Kopf in den Sand zu stecken und getreu dem Motto "Was ich nicht sehe, das gibt es nicht" zu verfahren. Dann nimmt man die entsprechenden Anzeichen auch nicht wahr. Das kann sowohl unbewusst ablaufen als auch das Ergebnis einer klaren
Entscheidung gegen die Beschäftigung mit dem Thema sein.

Vielen Menschen ist ihr persönliches Wohlergehen nicht so wichtig. Es gibt für sie wichtigere Ziele im Leben. Beruflicher Erfolg oder der Wunsch, vor den Mitmenschen als jemand dazustehen, der mit sein Leben meistert, zählt für uns mehr als das Gefühl, dass es einem gut geht. Dann fällt es natürlich entsprechend schwer, die Anzeichen für eine mögliche Krise anzuerkennen und darauf zu reagieren, indem man sich etwa schont oder andere Menschen um Hilfe bittet. Gegen diese Problematik sind natürlich auch die Menschen mit psychotischen Krisen nicht gefeit.

Der Psychoseerfahrene reagiert zunächst in der Regel eher verständnislos und ablehnend, wenn man ihm zum ersten Mal mitteilt, dass die Möglichkeit besteht, Krisen frühzeitig zu erkennen. Manche Betroffene haben bislang solche Anzeichen nicht wahrgenommen und können sich nur noch schlecht an die Zeit vor ihrer Krise erinnern. Hören sie jedoch in Erzählungen von anderen Betroffenen von beispielhaften Veränderungen, dann erkennen sie häufig die eigenen Anzeichen wieder.

Das Wesen der Frühwarnzeichen

Zwei Aspekte erscheinen als die wesentlichen bei den Frühwarnzeichen:

Zum einen sind Frühwarnzeichen eine höchst individuelle Geschichte. Neben den typischen Anzeichen, die viele Betroffene miteinander teilen, gibt es auch ganz persönliche, die nur wenige Menschen kennen. Man muss sich viel Zeit nehmen, um solche solche ureigenen Anzeichen zu identifizieren. Manch einer benötigt Jahre dazu, um die Anzeichen bei sich zu bemerken und richtig zu deuten. Individuell verläuft auch die zeitliche Abfolge der verschiedenen Anzeichen ab.
Und zweitens treten Frühwarnzeichen schon früh auf. Gerade in der anfänglichen Beschäftigung mit ihnen, läuft der Betroffene leicht die Gefahr, sie vorschnell mit Symptomen, wie wahnhaften Gedanken oder Stimmenhören, zu verwechseln. Zwar ist der Übergang zwischen den Frühwarnzeichen und den Symptomen eher fließend, doch treten treten letztere meistens erst in oder unmittelbar vor der Krise auf. Je früher man die Anzeichen bemerkt, desto eher kann auf die drohende Krise reagiert und diese womöglich noch abgefangen werden. Der Psychoseerfahrene kann noch die eigenen Einflussmöglichkeiten nutzen und ist nicht so sehr auf die Psychopharmaka angewiesen.

Wir können zwischen ganz frühen, frühen und späten Anzeichen unterscheiden. In der Regel treten diese nämlich in einer zeitlichen Abfolge der Veränderungen auf. Die ganz frühen Anzeichen sind meistens eher unspezifisch - es gilt, diese dann vorsichtig zu betrachten und gegebenenfalls als Frühwarnzeichen zu deuten. Je näher die Veränderungen nun an der eigentlichen Psychose liegen, desto typischer fallen sie aus und um so leichter sind sie als Vorboten der Krise zu erkennen.

Identifikation

Der erste Schritt ist es nun, die Frühwarnzeichen zu identifizieren und nach Möglichkeit in eine zeitliche Reihenfolge zu bringen, um sie dann zur Krisenvorbeugung zu nutzen. Im zweiten Schritt gilt es dann zu überlegen, auf welche Anzeichen man wie angemessen reagieren kann. Verspüren wir eine nahende Erkältung, dann werden wir uns wohl zunächst gegen Zug und Unterkühlung schützen. Falls das nichts nützt, und die Erkälrung verschhlimmert sich, dann werden wir wohl heiße Bäder nehmen oder auf das Hausrezept der Großmutter bauen. Mit psychotischen Krisen verfährt man ganz ähnlich. Auf die ersten Anzeichen sollte man anders reagieren als auf die späteren Veränderungen. Und weil die ersten Veränderungen oft sehr unspezifisch ausfallen, können sie natürlich nicht nur Ausdruck einer aufkeimenden psychotischen Krise sein, sondern es kann sich auch um ganz gewöhnliche Stimmungsschwankungen handeln. Es ist nicht bei jeder Stimmungsschwankung angesagt, sich Sorgen zu machen und baldmöglichst den Arzt aufzusuchen. Eine übergroße Wachsamkeit für das Aufkommen einer neuen Krise führt letzten Endes dazu, dass selbst kleinste Veränderungen im Befinden und Erleben als Vorboten der Krankheit eingestuft werden. Dies wiederum führt zu einer steten Angst und Verunsicherung. Dieser rastlose Zustand kann wiederum eine neue Krise heraufbeschwören im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeihung3. Sobald sich jedoch mehrere oder zeitlich lang anhaltende Veränderungen ankündigen, ist sehr wohl Vorsicht geboten.

Das zweistufige Modell der Frühwarnzeichen

Wie wir gesehen haben, kündigt sich der Übertritt in eine andere Welt in der Regel an. Dabei folgt der Übergang oft einem bestimmten Muster, manchmal ist der Verlauf aber ganz unterschiedlich. Die meisten Betroffenen haben es gelernt, die Frühwarnzeichen, die eine Psychose einleiten, zu ignorieren, zu verstecken, zu verdrängen oder zu verheimlichen. Um nun das, was die Profis eine Psychose nennen, zu steuern, kontrollieren und eventuell auch zu verhindern, ist es wichtig, die Frühwarnzeichen im Blickwinkel zu behalten, sich ihrer bewusst zu werden und aktiv dagegen zu steuern.

Der einfachste Weg verläuft meist über das Ansetzen oder eine Höherdosierung der Neuroleptika. Wir können aber auch selbst etwas dagegen tun, um nicht abzuschlittern. Am Besten ist es, den zugrunde liegenden Konflikt, den Auslöser für den Übertritt in die andere Welt war, zu lösen. Das ist aber leider nicht immer möglich.

Um ein Bewusstsein für die eigenen Frühwarnzeichen zu bekommen, versuchen wir, uns in Erinnerung zu rufen, wie sich in der Vergangenheit die Psychose angekündigt hat. Die Frühwarnzeichen notiert man sich am Besten. Ein regelmäßiger, am Besten wöchentlicher, Selbstcheck hilft uns dann, den Überblick zu behalten über unseren momentanen Zustand. Falls dann im Alltag Frühwarnzeichen auftreten, dann steuert man mit allen Mitteln dagegen an.

Frühwarnzeichen lassen sich in zwei Stufen einteilen, deren Übergänge fließend sind. Die jeweils angeführten Frühwarnzeichen sollen als Richtlinie dienen und sind um die eigenen zu ergänzen und die nichtzutreffenden zu streichen.

  1. Stufe I
    • Ich verspüre eine Innere Unruhe
    • Ich habe Ein- und/ oder Durchschlafstörungen
    • Ich bin überreizt
    • Ich entwickle eher diffuse Ängste vor dem sich ankündigenden Durchdrehen
    • Ich entwickle eine Depression mit dem Gefühl, die Depression nicht halten zu können und Schlimmeres könne kommen oder mit dem Eindruck bestimmte Dinge nicht mehr verstehen zu können
  2. Stufe II
    • Ich kann meine Gedanken nicht mehr kontrollieren
    • Ich nehme Farben und Geräusche intensiver wahr
    • Ich beziehe Gesten, Gespräche und/ oder Handlungen (fremder) Mitmenschen auf mich
    • Ich nehme die Welt und die Menschen darin verändert wahr
    • Mein Kontakt mit anderen Menschen ist mit starker Aufregung verbunden
    • Ich habe ungewöhnlich starke Wutanfälle
    • Ich verspüre starke Ängste
    • Mein Kontakt zu den anderen Menschen verändert sich; ich nehme sie nicht mehr als individuell mit spezifischen Eigenschaften wahr
    • Es fällt mir schwer, Blickkontakt zu halten
    • Ich erlebe den Kontakt zu Menschen als gestört, sinnlos oder leblos
    • Ich entwickle starke Ängste bezüglich dem veränderten Denken und Wahrnehmen
    • Ich befürchte, der Andere würde mich verlachen oder hinter meinem Rücken über mich reden
    • Meine Schlafstörungen verschlimmern sich, anstatt sich zu verbessern
    • Ich habe kein Hungergefühl mehr

Die in der ersten Stufe aufgezeigten Frühwarnsymptome kündigen oft den Übergang in die andere Welt an; der Betroffene ist jedoch noch mit ganzem Bewusstsein in der so genannten Realität. Im Verlauf von der ersten zur zweiten Stufe verschwimmen dann die Grenzen zur ansonsten als normal erlebten Realität immer mehr. Die Frühwarnzeichen der zweiten Stufe kennzeichnen bereits den Übergang von der einen zur anderen Welt. Das Bewusstsein für die Normalität, bzw. Realität ist noch nicht ganz verloren gegangen. Spätestens in der zweiten Phase der Frühwarnsymptome ist es dringend angesagt, gegen die Psychose anzusteuern. Bricht dann nämlich die Psychose erst einmal akut aus, dann geht die Selbsteinschätzung völlig verloren und es ist meistens zu spät für eine Eigensteuerung. In Folge ist Hilfe von außen nötig. Ein stationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ist dann kaum mehr vermeidbar. Eventuell kommt es sogar zur fremdbestimmten Zwangseinweisung.

Sich vor der Krise schützen

Das Instrumentarium

Es gibt ein regelrechtes Instrumentarium an verschiedenen Verhaltensweisen, um sich vor einer Krise zu schützen. Es ergibt sich beispielsweise stets die Möglichkeit, Belastungen zu reduzieren: Man kann etwa die krankmachende Umgebung vermeiden, langsamer arbeiten oder nicht mehr soviel allein sein. Daneben existieren auch Möglichkeiten, die eigenen Abwehrkräfte gegen psychische Belastungen zu stärken; etwa durch Entspannungsübungen, Sport, gesunde Ernährung etc. Eine große Rolle spielen dabei sowohl der stabile Kontakt zu vertrauten Personen als auch die Medikamente, deren Dosis gegebenenfalls erhöht werden sollte.

  • Falls man in Sorge geraten ist, krank zu werden oder das Gefühl hat, eines stärkeren medikamentösen Schutzes zu bedürfen, dann sollte man den Arzt seines Vertrauens aufsuchen. Bekam man ein Bedarfsmedikament verschrieben, wäre zu überlegen, dieses anzuwenden.
  • Nun gilt es auch, achtsam zu bleiben für weitere Veränderungen. Erst dann kann man so richtig einschätzen, ob die beobachteten Veränderungen Vorboten einer neuen Krise sein könnten
  • Dabei kann es äußerst hilfreich sein, vertraute Menschen einzubeziehen und sie zu fragen, ob sie ebenfalls Veränderungen bemerkt haben. Damit lassen sich unnötige Verunsicherungen von vornherein vermeiden.
  • Man sollte sich auch Gedanken darüber machen, ob die aktuelle Lebenslage Anlass für eine Krise geben könnte und ob die momentane Situation anderen Situationen aus der Vergangenheit ähnelt, die schon einmal geradewegs in einer Krise geführt haben.
  • Überlegen sollte man sich auch, wie man sich selbst schützen könnte und welche Möglichkeiten existieren, um die eigenen psychischen Abwehrkräfte gegen Krisen zu stärken. Lassen sich etwa Belastungen oder Überforderungssituationen von vornherein vermeiden?
  • Man sollte es auch vermeiden, sich über Gebühr unnötige Sorgen zu machen. Die Frühwarnzeichen müssen nicht unbedingt unmittelbar in eine erneute Krise münden. Wer Ruhe bewahrt, der hat auch eine gute Chance, eine mögliche Krise abzufedern.

Maßnahmen zum Selbstschutz

  • Gewohnte Umgebung
    Ist man in eine existenzielle Krise geraten und pfeilgerade dabei, psychotisch werden, dann ist es hilfreich, in gewohnter Umgebung zu sein mit vertrauten Menschen Umgang zu haben, die nicht zu viel von einem wollen.
  • Eigene Maßstäbe
    So gut wie möglich, sollte man gewohnte Aktivitäten und Strukturen beibehalten. Bei depressiven Tendenzen sollte man sich für jede kleinste Kleinigkeit, die man noch bewerkstelligen kann, loben und belohnen. Die Übernahme von fremden Maßstäben gilt es zu vermeiden. Man muss die eigenen finden. Wer eher zur Manie neigt, der sollte versuchen, herauszufinden, wie Ungewöhnliches auch im Alltag zu integrieren ist. Auch hier gilt: Finde Deine eigenen Maßstäbe!
  • Neutrale Person
    Schön und auch höchst hilfreich ist es, eine neutrale (therapeutische) Person zu haben, auf deren Beziehungs- und Tragfähigkeit man sich auch verlassen kann und deren Urteil man vertraut.
  • Zeit für die Medikamentenabsprache
    Benötigt man Medikamente und will man sie auch einnehmen, dann sollte man auf eine sorgfältige Auswahl und Abstimmung bestehen, selbst wenn es möglicherweise mehrere Versuche bedarf, bis das für einen passende Medikament und seine optimale Dosierung gefunden worden ist. Zu achten ist auch auf die Nebenwirkungen und es ist gut, alle Reaktionen des Körpers mit dem Arzt zu besprechen. Der Therapeut sollte einem dabei auch zuhören, selbst wenn es länger dauert.
  • Mehr als körperlich
    Man sollte sich auf keinen Fall einreden lassen, dass die Krise rein körperlich bedingt sei oder die Psychose nur eine Transmitterstörung ist. Transmitter sind lediglich ein Zwischenglied im komplexen Zusammenhang von Körper, Seele und Geist. Man kann auf den differenzierten Umgang von Internisten mit Fieber verweisen und auch ein Nachdenken über die Hintergründe des aktuellen Konflikts einfordern.
  • Antworten im Dialog suchen
    Die Teilnahme an einer Psychoedukation kann hilfreich sein - man sollte dabei gut zuhören. So kann man nämlich entdecken, dass auch das Wissen der Psychiater relativ begrenzt ist. Die wirklichen Antworten lassen sich nicht per Edukation, sondern lediglich im steten Dialog finden.
  • Persönliche Frühsignale beachten
    Zwar gilt es, die persönlichen Frühsignale zu beachten, doch sollte man sich nicht dazu verführen lassen, ständig alarmbereit alles zu hinterfragen und sich dauernd zu beobachten. Das verwirrt einen nur unnötig und kann das schönste Leben verkomplizieren und vermiesen. Man sollte Selbsthilfegruppen aufsuchen, um gemeinsam aufeinander aufzupassen. Auch der regelmäßige Besuch eines Psychoseseminars erweitert den eigenen Horizont ungemein.
  • Grundbedürfnisse beachten
    Die eigenen Grundbedürfnisse sind wichtig. Man sollte auf
    • gesundes Essen und Trinken,
    • auf regelmäßigen Schlaf,
    • auf frische Luft.

    achten. Es gilt, den eigenen Aktivitätsgrad zu finden, der für einen richtig ist - nicht zu viel und nicht zu wenig. Abwechslung, aber nicht Verwirrung; Beständigkeit, aber nicht Monotonie. Was für jeden ungesund ist (z.B. Schichtarbeit), ist für Psychoseerfahrene besonders belastend.

  • Zuverlässige Kontakte halten
    Man sollte auch bei den Kontakten und Beziehungen auf die ganz persönlichen Maßstäbe und Bedürfnisse Acht haben: Wenige gute Freunde sind besser als viele schlechte Bekannte. Manchmal kann auch Rückzug schützen; aber ein wenig Austausch bednötigt wohl jeder. Auch entferntere, aber zuverlässige Kontakte können einen bei der Stange halten.
  • Sei Dir selbst ein Freund
    Jeder Mensch hat Bedürfnissen wie jeder andere auch. Das Leben wird immer wieder Krisenmit sich bringen, die nicht zu vermeiden sind. Man sollte nie vergessen, sich selbst ein Freund zus ein. Das haben viele Menschen heutzutage verlernt. Nicht die Psychose bestimmt den für einen gültigen Maßstab, sondern man selbst.

Die Rolle der Patienten-Therapeuten-Beziehung

Wichtig ist es, sich darüber im Klaren zu sein, bei welchen Veränderungen man einen Arzt oder einen anderen professionellen Helfer hinzuziehen möchte. Konkrete Hinweise für den rechten
Zeitpunkt kann man da nicht geben.In einem persönlichen Gespräch mit dem behandelnden Arzt sollte gemeinsam abgeklärt werden, bei welchen Anzeichen sich der Patient auf jeden Fall mit dem Arzt in Verbindung setzen sollte. Es ist eine regelrechte Gratwanderung, sich zu entscheiden, wann die Selbsthilfe nicht mehr ausreicht und man professionelle Unterstützung anfordert. Die Fremdhilfe soll dabei die Selbsthilfe nicht ersetzen, sondern beide Anteile sich gegenseitig ergänzen.
Selbst wenn der Arzt ins Spiel kommt, hat der Psychoseerfahrene auch weiterhin viele Möglichkeiten, sich selbst zu helfen.

Manch ein Arzt ist heutzutage willens, die Medikation zum Teil in die Hände und den Verantwortungsbereich seiner Patienten zu legen. Das ist bei somatischen Erkrankungen längst üblich - der Zuckerkranke bestimmt schließlich auch seine Dosis selbst. In der Psychiatrie ist es aber eher ein Novum.

Der Betroffene nimmt dann etwa die sogenannte Bedarfsmedikation nur im Bedarfsfall; der Bedarf ist dabei in der Regel eine Ergänzung zur normalen Medikamentengabe. Dabei wurde im Vorfeld mit dem Arzt genau abgesprochen, welchen Spielraum der Patient dabei in der Dosierung hat. Wer bereits mehrere Krisen hinter sich hat, der kann ja auch teilweise besser als der Arzt beurteilen, welches Medikament in welcher Dosierung für einen selbst hilfreich ist. Ist eine solche Bedarfsmedikation seitens des Patienten erwünscht, dann sollte er mit seinem Arzt detailliert besprechen, ob für ihn diese Option besteht. Im Einzelfall mag es ja Gründe geben, die gegen eine solche Bedarfsmedikation sprechen, doch stellt dies in der Regel eine sinnvolle Möglichkeit auf dem Weg zu einem partnerschaftlicheren Umgang zwischen Ärzten und Patienten dar.

Schon länger debattiert die Fachliteratur darüber, bei manchen Patienten gänzlich auf eine Dauermedikation zu verzichten, wenn diese selbst in der Lage dazu sind, die eigene Frühwarnzeichen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Die Betroffenen könnten dann lediglich in und nach einer Krisenzeit die nötigen Pillen schlucken, sie dann selbständig ausschleichen und erst wieder bei Anzeichen für eine erneute psychotische Krise neu ansetzen. Dieses Behandlungsverfahren nennt man auch eine Intervallbehandlung. Im geschilderten Fall ist es natürlich unumgänglich, im vorherigen Gespräch mit dem Arzt genau abzuklären, für wen diese Art der Behandlung in Frage kommt. Schon im Interesse des Betroffenen selbst erwarten die Ärzte natürlich zunächst die Fähigkeit, Frühwarnzeichen zu erkennen, weil die Medikamente sonst nicht wieder zur rechten Zeit angesetzt werden können. Weitere Voraussetzungen sind eine hohe Bereitschaft zur kooperativen Zusammenarbeit mit dem Arzt (Compliance) und eine genügende Krankheitseinsicht.

Eigenverantwortung und partnerschaftliche Kooperation zwischen Arzt und Patient sind also nötig, bevor der Patient zusammen mit seinem Arzt entscheidet, welches Risiko er einzugehen bereit ist. Wer ganz auf Nummer sicher gehen möchte, sollte sich dabei für die Dauermedikation entscheiden, weil viele Studien belegen, dass diese Art der Medikamentengabe den größten Schutz vor neuen Schüben bietet. Wer jedoch zwischen dieser Sicherheit und den durch die Medikamente hervorgerufenen Nebenwirkungen abzuwägen versucht, für denjenigen kann unter Umständen eine Intervallbehandlung oder eine sehr niedrige Standarddosierung mit zusätzlicher Gabe einer Bedarfsmedikation eine brauchbare Alternative sein. Der Arzt sollte nach einer umfassenden Aufklärung dem Patienten die entsprechende Entscheidung überlassen oder mit ihm gemeinsam eine für beide Seiten annehmbare Lösung suchen. Ansonsten könnte der Psychoseerfahrene die verordnete Medikation als aufgezwungen erleben und schnell versucht sein, die Medikamente eigenständig zu dosieren oder gar abzusetzen, was wiederum in eine Absetzpsychose münden kann.
Der Arzt kann vom Patienten wiederum einen gewissen Vertrauensvorschuss erwarten, dass er sich bemüht, zum Wohle des Patienten zu handeln. Bei fehlender Krankheitseinsicht kann der dies meistens nicht leisten und ist unfähig dazu, zu beurteilen, was für ihn gut ist.

Die meisten Betroffenen bringen nicht den Mut dazu auf, ihrem behandelnden Arzt offen die von ihnen beobachteten Frühwarnzeichen zu schildern, weil sie befürchten, sofort eine höhere Dosis an Medikamenten verordnet zu bekommen oder sogar umgehend in die Klinik eingewiesen zu werden. Also versuchen sie verzweifelt, allein zurechtzukommen. Und das in einer Zeit, in der ihnen eine umfassende Aussprache und eine vertrauensvolle Beziehung besonders helfen könnten. Eine fruchtbare Beziehung zwischen Arzt und Patient kann ohnehin nur dann zustande kommen, wenn ein allgemeines Klima von Vertrauen zwischen beiden Parteien vorherrscht und der Patient sich in der Sicherheit wiegen kann, dass der Arzt nur im absoluten Notfall gegen den Willen seines Patienten entscheidet. Wer dieses vertrauensvolle Gefühl nicht hat, sollte unbedingt mit seinem Arzt darüber sprechen. Manchmal ist es eben wichtig, einmal an- und auszusprechen, was beide Seiten sich wünschen bzw. voneinander erwarten und welche Befürchtungen sie hegen. Sollte sich trotz der Bemühungen ein solches vertrauensvolles Miteinander nicht einstellen, dann sollte man eventuell über einen Wechsel des Arztes nachdenken. Im Gespräch mit anderen Betroffenen aus der Erfahrenen-Szene ergeben sich schließlich oft Geheimtipps von Ärzten, zu denen der Betroffene leichter Vertrauen fassen könnte und mit denen man auf gleicher Augenhöhe kommunizieren kann. Das Ganze gilt selbstredend nicht nur für die Wahl des Arztes, sondern ebenso für alle anderen Therapeuten, seien es nun die Psychologen, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten oder Pflegekräfte.

Die Rolle der Bezugspersonen

Die Bezugspersonen aus der Umgebung des Betroffenen bemerken natürlich auch die Frühwarnzeichen. Es verändern sich schließlich nur das Erleben und Empfinden, sondern auch das jeweilige Verhalten und die ganze Erscheinung. Der Betroffene kann sich etwa mehr als üblich zurückziehen, er erzählt nur noch von einem Thema, welches ihn andauernd umtreibt oder er kleidet sich auf eine für ihn ansonsten ungewöhnliche Art. Manche Angehörigen können dabei die Veränderungen nicht einmal genau benennen; sie haben aber dennoch das Gefühl, der Betroffene werde eventuell wieder psychotisch. Andere bemerken Veränderungen im Blick oder im Gesichtsausdruck des Psychoseerfahrenen, die für weniger vertraute Menschen nur schwer zu erkennen sind. Gerade die Angehörigen erweisen sich oft als zuverlässige Seismographen. So scheinen mehr Angehörige als Betroffene der Veränderungen gewahr zu werden, die eine psychotische Krise ankündigen. Angehörigen und Vertrauenspersonen fällt also eine recht wichtige Rolle zu bei der Krisenvorbeugung an sich. So sind die meisten Betroffenen ab einem bestimmten Punkt ihrer Krise nicht mehr fähig, sie als solche wahrzunehmen. Manch einer fühlt sich so wohl damit, dass er gar nicht das Gefühl hat, psychotisch zu sein. Diese Betroffenen sind ganz besonders darauf angewiesen, dass vertraute Menschen ihrer Umgebung Veränderungen bei ihnen registrieren und auch aussprechen. Manch einer sucht dann aus freien Stücken heraus den Arzt auf, während andere wiederum viel Überredungskunst und Geduld benötigen, um sich zu einem Arztbesuch bewegen zu lassen. Das betrifft überwiegend die Betroffenen mit manischen Krankheitsphasen; sie fühlen sich ja gerade in ihrer Krise pudelwohl und haben schnell das Gefühl, ihre Umgebung würde ihnen ihre positive Stimmung nicht vergönnen. Dann ist es auch eine unheimlich schwere Entscheidung, wie lange der Angehörige den Willen der Betroffenen akzeptieren soll und ab welchem Zeitpunkt er für den erkrankten Menschen die Verantwortung übernimmt und ihn unter Umständen sogar gegen seinen momentanen Willen Entscheidungen treffen muss.

Manch ein Betroffener will die Vertrauenspersonen nicht um Mithilfe beim Erkennen von Frühwarnzeichen bitten. Diese Ablehnung basiert oft auf schlechten Erfahrungen, die mit Überbewertungen zu tun haben. Steht der Betroffene etwa sehr selten nachts auf, um eine Zigarette zu rauchen, kann dies schon für den Angehörigen ein Anlass zur Sorge sein, dass es wieder losgehe. Man getraut sich dann schon gar nicht mehr, ungewöhnliche Dinge zu tun, weil sich jemand anderes gleich Sorgen macht. Aus dieser ständigen Besorgnis heraus interpretiert der Angehörige dann jedes ungewöhnliche Verhalten als Frühwarnzeichen. Ein solches Übermaß an unnötiger Sorge verunsichert und verärgert den Betroffenen wiederum überflüssigerweise. Und es hemmt ihn, weil er sich kaum mehr spontan und ungezwungen zu zeigen getraut. Der Weg aus diesem Dilemma führt über klare Absprachen in gesünderen Zeiten untereinander darüber, was wann bei welcher Gelegenheit zu erfolgen hat. Teilweise zieht es der Betroffene sogar vor, auf eigene Faust zu versuchen, eine Krise rechtzeitig zu erkennen und von der Umgebung nicht auf Veränderungen angesprochen zu werden.

Wenn die Krise dann doch eintritt

Krisen können wir vorbeugen - verhindern können wir sie jedoch nicht.

Die nötige Vorsorge

Auch bei noch so sorgsamer Vorsorge lassen sich nicht alle Krisen verhindern. In Folge steht dann eine medikamentöse Behandlung und häufig auch ein Klinikaufenthalt an. Unter diesen Maßnahmen leiden manche Psychoseerfahrene mehr als unter ihren psychotischen Erlebnissen. Die Behandlung sollte also stärker an den Erwartungen der Betroffenen ausgerichtet und der Behandelte partnerschaftlich am Behandlungsprozess beteiligt sein. Inzwischen erklären sich einige Kliniken schon dazu bereit, eine sogenannte Behandlungsvereinbarung abzuschließen, die in Bielefeld in Zusammenarbeit der Klinik Gilead mit den dortigen Psychiatrie-Erfahrenen erstellt wurde. Darin können die Betroffenen bestimmen, wie sie im Krisenfall behandelt werden möchten. Demnach haben sie schon vor der Einweisung die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen auf ihre spätere Behandlung. In einer solchen Behandlungsvereinbarung kann man nun zum Beispiel festlegen, welche Medikamention Anwendung finden soll oder welche Betreuungsperson in der Klinik gewünscht wird. Die Absprachen sollen die Angst der Psychiatrieerfahrenen vor einer Klinikeinweisung nehmen. Viele Betroffene, die eine solche Behandlungsvereinbarung abgeschlossen haben, erleben, dass sie sich bei weiteren Krisen frühzeitiger in eine Klinik begeben haben und damit die Krise besser abfangen konnten. Leider ist eine solche Absprachemöglichkeiten nicht möglich bei vielen Kliniken. Es kostet angeblich viel zuviel Zeit, eine solche Behandlungsvereinbarung aufzusetzen. Schätzungsweise verbirgt sich jedoch hinter dieser Ablehnung die große Angst vor selbstbewusster agierenden Patienten, die anstatt be-handelt zu werden mit den Behandlern auf gleicher Augenhöhe verhandeln möchten.

Der Behandlungsvereinbarung wird seitens der Betroffenen gerne vorgeworfen, sie sei rechtlich umstritten. Eine Patientenverfügung gestattet es, für solche widrigen Situationen vorzusorgen und in gesunden Tagen festzuhalten, dass man bestimmte Maßnahmen von Seiten der Ärzte nicht wünscht. Der Arzt ist dann imstande, leichter schwierige Entscheidungen zu fällen und Angehörige werden entlastet, da sie nicht um die Frage ringen müssen: «Was hätte der oder die Erkrankte in dieser Situation wohl gewollt?» In einer Patientenverfügung verfügt ein einwilligungsfähiger Volljähriger also im Voraus für den Fall seiner Einwilligungsunfähigkeit, ob er in bestimmte Untersuchungen seines Gesundheitszustands, Heilbehandlungen oder ärztliche Eingriffe einwilligt oder sie untersagt, die zum Zeitpunkt der Festlegung noch nicht unmittelbar bevorstehen. Die Patientenverfügung wird an dieser Stelle näher besprochen.

Es kann auch viel Sinn machen, sich mit anderen Patienten zu besprechen, welches Verhalten der Fachkräfte sie als hilfreich erlebt haben. Wenn der hochpsychotische Marcus P. lauthals mit seinen Stimmen streitet, wie soll dann vorgegangen werden? Nützt ihm ein abgeschiedener Raum für sich oder hilft ihm die persönliche Ansprache weiter? Oder wie steht es in der Situation, wenn man sich von bösen und dunklen Mächten verfolgt und bedroht fühlt und in jedem Mitarbeiter der Klinik den wahrhaftigen Teufel sieht? Jeder einzelne Profi hat im Laufe seines beruflichen Werdegangs seine ureigenen Erfahrungen gemacht und seine eigene Strategien entwickelt. Diese taugen jedoch selbstredend nicht für jeden der Patienten. Dabei wissen die meisten Betroffenen sehr genau, welches Verhalten ihrer Umgebung ein hilfreiches war und welches nicht. Wünschenswert wären auch längere Abschlussgespräche, in denen sich die Patienten über die von ihnen erfahrene Behandlung äußern können und in denen die Profis nachfragen, wie ihr Verhalten vom Patienten nachträglich beurteilt wird. Es ginge dabei darum, herauszufinden, was geholfen hat, wie man sich beim nächsten Aufenthalt auf Station besser verhalten könnte - wenn sich der Betroffene zurückzieht, paranoide Ängste entwickelt, nicht aufstehen willen etc. Es geht auch darum, herauszufinden, was der Betroffene gebraucht hätte und was er als negativ erlebt hat Solche Gespräche schaffen Vertrauen, nehmen den Behandelten einen Teil ihrer Angst und sensibilisieren die Professionellen für die Erwartungen und Bedürfnisse der Behandelten.

Es geht schlichtwegs um Empowerment4: Egal, ob individuelle Versuche der Krisenprophylaxe erörtert oder Absprachen getroffen werden. Das erklärte Ziel muss es sein, die Handlungsspielräume und Einflussmöglichkeiten der Betroffenen selbst zu realisieren, zu würdigen und zu fördern. Es geht um den Abbau des nach wie vor verbreiteten Vorurteils, dass psychoseerfahrene Menschen ihrer Erkrankung hilflos ausgeliefert sind und nur in den Medikamenten der Heilsweg liege. Dieses Vorurteil vertreten die Betroffenen selbst, viele Professionelle und auch die meisten Angehörigen. Das von den Profis vertretene vermittelte endogene Krankheitsmodell liefert das auszementierte theoretische Fundament für dieses Vorurteil. Dabei besteht doch die Möglichkeit, durch Selbsthilfe Krisen ganz aus dem Weg zu gehen. Teilweise können sie nur abgeschwächt werden. Aber fast in jedem Falle lassen sich die negativen Konsequenzen der psychotischen Krise beträchtlich vermindern. Zwar lässt sich damit keine Psychose ausheilen; aber es besteht die reelle Chance, besser mit den Krisen und möglichst lange ohne sie zu leben.

Zunächst versuche ich, mir selbst zu helfen (Krisenplan) und falls ich mir nicht mehr selbst helfen kann, dann gehe ich nach dem Notfallplan vor und hole mir umgehend Hilfe.

Schnelle Hilfen

In einer seelischen Krise sind das Denken und Fühlen gestört. Die Gedanken drehen sich im Kreis, sind zerstreut, zu unklar oder funktionieren nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip . Gefühle sind nicht wahrnehmbar oder zu intensiv – Angst, Wut, Leere, Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit, Trauer, Einsamkeit sind übermächtig.

Deshalb ist es gerade in der Krise wichtig, sich nicht mit seinem Innenleben auseinanderzusetzen, sondern die Außenwelt bewusster wahrzunehmen und nach dem eigenen Krisenplan aktiv zu werden. Dadurch können Innen- und Außenwelt eventuell wieder in Balance kommen.

Entspannungsübungen sind in schweren Krisensituationen oft nicht ratsam, weil sie die Innenbetrachtung und damit die Anspannung eher verstärken.

Vorschläge zur Krisenbewältigung durch Ablenkung:

  • Gespräche mit Freunden, Bekannten und Verwandten
  • Heiße Dusche oder Wechseldusche 5
  • Coolpack oder Wärmflasche
  • „Rescue“-Tropfen (Notfalltropfen) einnehmen oder auf Schläfen und/oder Innenseite Handgelenk (Puls) einreiben
  • Mit chinesischem Heilpflanzenöl die Schläfen einreiben
  • Intensive Gerüche einsetzen, 6
  • Malen oder Schreiben
  • Musik hören
  • Singen, Musikinstrument spielen7
  • Leichte Hausarbeit 8
  • An die frische Luft gehen und die Wohnung kräftig durchlüften
  • Igelbälle drücken und die Füße massieren
  • Fahrrad fahren, joggen
  • Spazieren oder Schwimmen gehen

Selbsthilfe

Außerhalb akuter Phasen können sich viele Menschen mit der Diagnose Psychose selbst einschätzen und sich selbst helfen oder es lernen. Dies gilt leider nicht für Menschen mit einer organischen Psychose und Menschen mit einer Dauerpsychose, bei denen auch die Medikamente nicht viel helfen.

Jeder Psychoseerfahrene bekommt es mit, wenn er in die andere Welt abdriftet. Doch verstecken die meisten diese Erkenntnis, weil sie Angst haben vor den Folgen - vor Medikamenten, die sie schlecht vertragen oder vor dem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik.

Innerhalb der ersten Stufe der Frühwarnsymptome befindet man sich noch völlig in der so genannten Realität. Nun gilt es, aufmerksam zu werden, was auf einen zukommen könnte. Noch kann in den meisten Fällen der Übergang in die andere Welt vermieden werden, indem man Veränderungen in der äußeren Wirklichkeit vornimmt. Man schaut, was es ist, das einen unruhig, depressiv macht oder vom Schlafen abhält und versucht, dies zu ändern.

Hilft das alles nicht und ist eine Änderung der äußeren Wirklichkeit nicht möglich, dann ist es meistens noch möglich, das Abgleiten in die zweite Stufe der Frühwarnsymptome medikamentös abzufangen. Teilweise kommen nun Tranquilizer zum Einsatz, die wegen der damit verbundenen Suchtgefahr nicht als Dauermedikation zu empfehlen sind.

Falls die gewünschte Veränderung nicht eintritt, dann kommt es schließlich zur Flucht in die andere Welt. Die Schwelle zur zweiten Stufe der Frühwarnzeichen wird nun überschritten. Man kann zwar die Wirklichkeit noch einschätzen, befindet sich aber schon mit einem Fuß in der eigenen Welt. In dieser Phase kann der Betroffene sein persönliches Erleben noch recht gut verheimlichen, weil er noch alle gesellschaftlichen Regeln kennt und einhalten kann.

Spätestens jetzt ist aber konsequentes Handeln angesagt, wenn man nicht fremdbestimmt werden möchte.In der akuten Psychose ist nämlich eine Selbsteinschätzung kaum mehr möglich.

Oft kommen nun die Neuroleptika zum Einsatz. Diese werden entweder neu angesetzt werden oder aber der Arzt verordnet eine Erhöhung der Dosis. Hat man damit früh genug begonnen, dann genügen einige Wochen, um dem aktuellen Zustand wieder Herr zu werden. Es geht also darum, nun eng mit dem Arzt zusammenzuarbeiten.
Allerdings kann man auch selbst entscheidend mitwirken an Besserung des Zustands und dafür Sorge tragen, dass die anklingende Psychose nicht oder nicht so schwer zum Ausbruch kommt. Man muss sich dabei an zwei Regelwerke halten: Zum Einen gilt es, all das zu vermeiden, was dem Wahn förderlich ist und zum anderen die Dinge bevorzugt ausüben, die eine Gesundung unterstützen:

  1. Um den Wahn einzugrenzen, ist auf die Dinge zu verzichten, die wahnfördernd sind:
    • Koffein, Teein: auf koffeinhaltige Getränke sollte weitestgehend verzichtet werden, da sie nicht nur den Kreislauf, sondern auch den Wahn anregen.
    • Alkohol: Auf Alkohol sollte weitgehend verzichtet werden, da er in großen Mengen oder bei regelmäßigem Konsum ebenfalls wahnfördernd ist und negativ mit den Medikamenten Wechselwirkungen aufbaut.
    • Schokolade/Kakao: Süßigkeiten und Getränke mit Schokolade enthalten ebenfalls einen Wirkstoff, der psychoseauslösend ist. Auf regelmäßigen Konsum sollte deswegen verzichtet werden.
    • Sex: Wurde der Übergang in die andere Welt schon beschritten, dann lohnt die Abstinenz. Man sollte auf den Sex verzichten, weil er in die normale Welt gehört und in der anderen als bedrohlich und gewalttätig erlebt wird und somit auch wahnfördernd ist.
    • Rauschmittel: Schon in symptomfreien Zeiten sollte man auf den Konsum von Rauschgift verzichten. Diese Substanzen provozieren schon bei großer Stabilität ein Übertreten in die andere Welt provozieren. Das gilt besonders für Drogen, die das Bewusstsein erweitern, wie Haschisch, LSD, Meskalin, Psilocybin, Kokain, Speed, Ecstasy und Crack. Der Konsum kann unkontrollierbare Folgen haben.
    • Möglichst keine Kontakte zu Menschen, die einem nicht gut gesinnt sind, einen aufregen oder mit denen derzeit unlösbare Konflikte bestehen,
    • Meditation: Auf meditative Übungen ( Meditation, Yoga, Tai Chi usw. ) und hypnotherapeutische Techniken muss verzichtet werden, da auch sie wahnfördernd sind.

    Die oben angeführten Punkte enthalten Dinge, auf die der Betroffene auf jeden Fall bei einer beginnenden Psychose verzichtet sollte. Diese Liste ist sinnvollerweise um die eigenen individuellen Auslöser zu ergänzen.

  2. Neben den Verzichtsregeln gibt es auch eine Liste von Dingen, die uns gut tun und zum Gesunden oder zur Stabilität beitragen. Diese sollte man auch beherzigen:
    • Kontakte: Oft findet ein Rückzug statt. Deshalb ist ein regelmäßiger, möglichst täglicher Kontakt zu anderen Menschen, enorm wichtig. Dabei kann es sich um eine gute Freundin handeln, einen guten Freund, der Lebenspartner oder ein professioneller Helfer. Natürlich sollte derzeit kein unlösbarer Konflikt mit diesen Menschen im Raume schweben, weil sich dann der Kontakt eher gesundheitsschädlich auswirken würde. Die andere Person sollte auch nicht psychotisch sein, da die Gefahr einer gegenseitigen Ansteckung bestehen würde - man schaukelt sich gegenseitig hoch und gleitet vollständig in die Psychose ab.
    • Schutzräume: Man muss sich Schutzräume schaffen und diese auch aufsuchen. Schutzräume sind sichere Ort bei Reizüberflutung, Konflikten und Auseinandersetzungen und vor allem, wenn in bestimmten Situationen der Wahn fortschreitet. Einen solchen Ort zu haben ist wichtig, um einen Rückzug zu ermöglichen. Der Schutzraum ermöglicht eine andere Form von Flucht als in den Wahn abzudriften. Schutzräume müssen jedoch eingerichtet, gepflegt und erhalten werden. Das ist gar nicht so einfach. Halten wir uns zu lange in einem Schutzraum auf, etwa in der eigenen Wohnung und vermeiden wir dann den Kontakt zu anderen Menschen, dann kann die Wohnung nicht mehr als Schutzraum dienen, weil sie selbst zur Bedrohung wird und der Wahn auch in ihr unaufhörlich fortschreitet. Es ist also unheimlich wichtig, Schutzräume auch wieder zu verlassen, wenn sie nicht mehr die erwünschte Wirkung haben und beispielsweise der Kontakt zu anderen Menschen hilfreicher wäre. Es macht Sinn, mehrere Schutzräume zu haben, falls einer zumindest vorübergehend nicht mehr als Schutzraum genutzt werden kann. Als Schutzraum geeignet wären:
      • Eigene Wohnung oder eigenes Zimmer
      • Wald, Park
      • Bibliothek
      • Platz am See, Fluss, Bach
      • ruhiges Café, Bistro, Kneipe
    • Schlaf: Ein regelmäßiger und ausreichender Schlaf ist letzten Endes das A und O zur Verhinderung einer akuten Psychose. Hierbei untertützen teilweise auch Medikamente. Vorzugsweise sollte man nicht Pillen schlucken, sondern versuchen, Einschlafrituale auszuprobieren: Die Tasse Kräutertee vor dem Schlafen oder eine (nicht aufregende) Gute-Nacht-Geschichte. Aufregende Filme oder Bücher hilt es zu vermeiden.
      Der regelmäßige Gute-Nacht-Wunsch einer nahe stehenden Person ist auch recht hilfreich dabei, zum Schlaf zu finden.
    • Mahlzeiten: Das Einhalten von regelmäßigen Mahlzeiten ist sehr wichtig und trägt auch zur Tagesstruktur bei. In der Psychose erscheint das Körperliche ohnehin als unwichtig. Deshalb ist es wichtig, gerade das Körperlich zu fördern, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Fällt es einem schwer, nur feste Nahrung zu sich zu nehmen, dann ernährt man sich eben durch Mahlzeiten in Breiform wie etwa Yoghurt, Quark, Kartoffelbrei.
    • Ausreichendes Trinken: Auch das regelmäßige Trinken ist sehr wichtig. Der Mensch soll etwa. 2 Liter am Tag in Form von Wasser, Saft, Limonade oder Kräutertees zu sich nehmen. Weil Nieren und Leber durch die Medikamente ohnehin gut zu tun haben, kann es ruhig auch mehr sein.
    • Sport: Leichte sportliche Aktivitäten lassen einen den Körper mehr spüren und fördern damit die Bodenhaftung.
    • Tagesstruktur: Zur Stabilität ist es sinnvoll, die persönlich gewünschte Tagesstruktur schriftlich festzuhalten. Als Minimum sollten darin die Schlafzeit, die Mahlzeiten und Kontakt zu anderen Personen vermerkt werden. Zusätzlich können andere Aktivitäten eingebaut werden. Man sollte nicht vergessen, genügend Raum für den Rückzug einzuplanen.
  3. Auch diese Liste sollte um Dinge erweitert werden , die einem persönlich gut tun.

Aktiv werden und die Theorie in die Praxis umsetzen

Telefonverzeichnis erstellen

Erstellen Sie ein Telefonverzeichnis, das Sie stets mit sich führen:

  • Telefon-Nummern von Freunden und Verwandten, die mich zum Arzt oder in die Klinik begleiten oder sonstige Unterstützung anbieten können
  • Telefon-Nummer und Sprechzeiten meines Arztes9
  • Telefon-Nummer und Erreichbarkeit meiner Therapeuten
  • Telefon-Nummer des ärztlichen Notdienstes
  • Kinder-und Jugendtelefon 111 0 333
  • Polizei 110
  • zuständiger sozialpsychiatrischer Dienst10
  • Telefonseelsorge11
    • evangelisch 0800 - 111 0 111
    • katholisch 0800 - 111 0 222
  • Anschrift und Telefon-Nummer der zuständigen psychiatrischen Klinik12
  • Telefon-Nummer der Taxi-Zentrale13

Vorsorgebogen ausfüllen

Der nächste Schritt wäre konsequenterweise, unseren für Sie vorbereiteten Vorsorgebogen, den Sie von hier laden können, durchzuarbeiten. Der Vorsorgebogen zielt darauf ab, eine Hilfestellung dabei zu sein, sich klarer über die eigenen Krisen, die Möglichkeiten der Einflussnahme darauf und bereitstehende Hilfen zu werden Es ist ratsam, beim Ausfüllen dieses Fragebogens einen anderen Betroffenen oder einen Profi, dem man vertraut, hinzuzuziehen. Nach der Bearbeitung ist es auch empfehlenswert, den Bogen mit anderen Menschen, bevorzugt den Angehörigen, durchzusprechen. Schließlich können diese sich bei einer sich ankündigenden Krise nur dann angemessen verhalten, wenn sie wissen, was von ihnen erwartet wird.

Falls Ihnen das zuviel auf einmal ist, dann erstellen Sie zunächst einen einfachen Krisenplan:

Mindestanforderungen an einen Krisenplan

Ein persönlicher Krisenplan beinhaltet zumindest die folgenden Anteile:

  • Meine wichtigsten Frühwarnzeichen
  • Kontakt aufnehmen mit jemandem, der mich ernst nimmt, aber selbst nicht nervös wird.
  • Für Entlastung sorgen
  • Schutzmaßnahmen ergreifen
  • Dem Umfeld mitteilen, dass es einem momentan nicht so gut geht.

Krisenpass ausfüllen

Auch empfiehlt es sich, den Krisenpass, den Sie von hier laden können, auszufüllen und stets in der Geldbörse bei sich zu tragen.

So geht es weiter, um stabil zu bleiben

Nach Erledigung dieser Formalitäten können Sie sich damit beschäftigen,wie Sie Ihre Stabilität erhalten.

Quellen:

  • 1. Frühwarnzeichen - LPEN e.V. (beim BPe)
  • 2. Das Recovery-Modell ist ein Konzept der psychischen Störungen und Suchtkrankheiten, welches das Genesungspotential der Betroffenen hervorhebt und unterstützt. Der Begriff Recovery stammt aus dem englischen Sprachraum und kann in dem hier gebrauchten Zusammenhang etwa mit „Wiedergesundung“ übersetzt werden. In diesem Modell kann Wiedergesundung als persönlicher Prozess gesehen werden, die Hoffnung, eine sichere Basis, fördernde zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstbestimmung (Empowerment), soziale Integration und Problemlösungskompetenz erfordert und einen Lebenssinn vermittelt. Ursprünglich wurde das Konzept der Recovery in der Therapie Drogenabhängiger angewendet. Es breitete sich jedoch als nichtinstitutionelles Konzept über Einzelpersonen, die in Wohngemeinschaften leben, in den psychiatrischen Bereich aus. Wegen der vorhandenen Defizite bei der Integration psychisch Kranker und aufgrund von Studien, die zeigen, dass viele Betroffene eine Integration in ihre Umgebung erreichen können, erhielt Recovery raschen Auftrieb. Das Recovery-Modell ist jetzt bereits in einigen Ländern zur Leitvorstellung für die staatliche Gesundheitspolitik in der psychiatrischen Versorgung geworden. Obwohl es eine Vielzahl von Hindernissen und Interessenkonflikten gibt, werden in vielen Fällen praktische Schritte unternommen, um bestehende Dienste in das Recovery-Modell einzubinden. Es wurden etliche prüffähige Standards entwickelt, mit deren Hilfe der Recovery-Prozess beurteilt werden kann. Einige Unterschiede bestehen zwischen professionellen Recovery-Modellen und solchen, die in primären Netzen (Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft) angelegt sind.
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)
  • 3. Die selbsterfüllende Prophezeiung (engl. self-fulfilling prophecy) beschreibt das Phänomen, dass ein erwartetes Verhalten einer anderen Person (Prophezeiung) durch eigenes Verhalten erzwungen wird. Erwartet jemand ein bestimmtes Verhalten von seinem Gegenüber, erzwingt er durch eigenes Verhalten genau dieses Verhalten.
    Im Gegensatz zur selbsterfüllenden Prophezeiung steht die selbstzerstörende Prophezeiung (engl. self-defeating prophecy, auch self-destroying prophecy), bei der der Betreffende sich so verhält, dass die Prophezeiung gerade nicht in Erfüllung geht. Beide Begriffe gehen zurück auf Robert K. Merton. Dieser bezeichnet den Denkfehler, die eigene Rolle zu übersehen und die Ereignisse dann als Beweis für die eigene Vorhersage anzuführen, pointiert als reign of error („Fehlerherrschaft“, als Wortspiel zu reign of terror „Schreckensherrschaft“).
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)
  • 4. Mit Empowerment (von engl. empowerment = Ermächtigung, Übertragung von Verantwortung) bezeichnet man Strategien und Maßnahmen, die den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften erhöhen sollen und es ihnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihr Gefühl der Macht- und Einflusslosigkeit (powerlessness) zu überwinden und ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen.
    Der Begriff Empowerment wird auch für einen erreichten Zustand von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung verwendet; in diesem Sinn wird im Deutschen Empowerment gelegentlich auch als Selbstkompetenz bezeichnet.
    Der Begriff Empowerment entstammt der amerikanischen Gemeindepsychologie und wird mit dem Sozialwissenschaftler Julian Rappaport (1985) in Verbindung gebracht.
    Empowerment bildet in der Sozialen Arbeit einen Arbeitsansatz ressourcenorientierter Intervention. Im Umfeld politischer Bildung und demokratischer Erziehung wird Empowerment als Instrument betrachtet, die Mündigkeit des Bürgers/der Bürgerin zu erhöhen. Empowerment ist auch ein Schlüsselbegriff in der Diskussion um die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements. Empowerment als Konzept, das sich durch eine Abwendung von einer defizitorientierten hin zu einer stärkenorientierten Wahrnehmung auszeichnet, findet sich zunehmend auch in Managementkonzepten, in der Erwachsenen- und Weiterbildung, in der narrativen Biografiearbeit und der Selbsthilfe.
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)
  • 5. vorher Körper abbürsten, nachher eincremen, dadurch verstärkt sich die Körperwahrnehmung
  • 6. z.B. Kaffee, Gewürze, Duftöle
  • 7. Singen im Chor ist gesund
  • 8. bügeln, aufräumen, abstauben
  • 9. Ärzte müssen im Notfall auch ohne Termin behandeln! Deshalb ist es manchmal besser direkt hinzugehen
  • 10. meistens von 8:00 – 16:00 Uhr erreichbar
  • 11. Die Anrufe sind auch vom Handy kostenlos und anonym
  • 12. Die Notaufnahme im Krankenhaus ist rund um die Uhr geöffnet
  • 13. Ständiges Bereithalten eines „Taxi-Portemonnaies“ mit der in etwa benötigten Geldmenge

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