Streit um psychiatrische Diagnosen und die Normalität

Was ist schon normal? Eine Inflation der Diagnosen hält Einzug in der Psychiatrie und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde( DGPPN) kritisiert ein neues US-Handbuch. Demnach wäre intensive Trauer um einen geliebten Menschen bereits nach 14 Tagen eine Depression, die der dringenden Behandlung bedarf.

Handelt es sich bei einer „verlängerte[n] Trauer“ um eine ernste Erkrankung? In den USA ist es inzwischen soweit. Wenn Traurigkeit, Apathie, Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit und Appetitmangel länger als zwei Wochen nach dem Ableben eines geliebten Menschen fortdauern, dann erfüllt das einem neuen Diagnosesystem zufolge alle nötigen Voraussetzungen für eine behandlungsbedürftige Depression. Ab Mai 2013 gilt die Neufassung des Krankheitskataloges der American Psychiatric Association (APA). Es ist die fünfte Version des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM-5. Den Ärzten wird darin empfohlen, nach einem Trauerfall schon nach 14 Tagen in solchem oben geschilderten Verhalten Zeichen einer Depression zu vermuten.

Die Trauer hatte bislang noch den Status eines verständlichen Ausnahmefalles. Koryphäen wie der Psychiater Allen Frances von der amerikanischen Duke-Universität warnen schon jahrelang vor einer drohenden Inflation der Diagnosen auf dem psychiatrischen Felde. Selbst die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat sich kritisch zu dem geplanten DSM-5 geäußert. Das dicke US-Handbuch ist zwar nicht direkt die Richtschnur für die Arbeit der deutschen Psychiater, doch könnte es indirekt wirken, wenn es zum Modell wird für die Neuauflage des Klassifikationssystems der Krankheiten gewinnt, das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt wurde. Die Version ICD-10 ist derzeit in Deutschland maßgeblich für die Diagnosenstellung.
Auf die Trauer bezogen wird etwa das in der Regel natürliche Nachlassen der Trauerempfindung und die meistens erhaltene Fähigkeit zur Selbstregulation außer Acht gelassen. Das könnte wiederum dazu führen, dass zu Unrecht und unzutreffenderweise bei einer zunehmenden Zahl Trauernder eine krankheitsrelevante seelische Störung diagnostiziert wird. Die Menschen mit wirklichen psychischen Krankheiten würden dann noch weniger Hilfe finden als bisher.

Der Alterungsprozess führt ganz normal zur Minderung der Gedächtnis- und anderer Gehirnfunktionen. Selbst solche undramatischen Formen wird im DSM-5 zu Unrecht ein Krankheitswert zugesprochen. Da gibt es etwa die neue Diagnose „minore neurokognitive Störung“ (etwa: geringe geistige Fehlfunktion). Schon deshalb, weil noch keine wirksame Therapie existiert, sollten den Kritikern zufolge solche „Varianten der Vergesslichkeit“ nicht zu Krankheiten erklärt werden.
Auch die „Substanzgebrauchsstörung“ ist ein problematischer Begriff. Diese Sammeldiagnose für Süchte fasst jeden schädlichen Gebrauch und Abhängigkeit zusammen. Die Grenze zwischen echter Sucht und Formen des Alkoholgenusses, die soziale Probleme zur Folge haben, liefe nun Gefahr zu verwischen.
Laut DGPPN besitzen einige der im DSM-5 neu aufgenommenen Beeinträchtigungen keinerlei Krankheitswert und gehören schlichtwegs zum normalen Leben dazu. Manche Beschwerden wie das insbesondere in der Bundesrepublik überall präsente Burnout-Syndrom wiederum tauchen lobenswerterweise in der Neuauflage nicht als eigene Krankheiten auf.

Quellen:

Ist das noch normal? Tagesspiegel vom 18. April 2013

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