Mit einem Klick auf die virtuelle Couch

Bei Panikstörungen, Angstattacken und Depressionen bezahlen die Krankenkassen den Psychotherapeuten bisher nur bei persönlichen Sitzungen. Das könnte sich jetzt ändern. Innovative Projekte zeigen, wie ambulante Internettherapien (Online-Psychotherapie) die quälenden Wartezeiten abkürzen können.

Der Weg zum Psychotherapeuten ist ein harter: Der Betroffene hat nicht nur eine Hemmschwelle zu überwinden, sondern das Warten auf einen Therapieplatz entwickelt sich auch für die meisten Betroffenen zu einer verzweifelten Geduldsprobe. Die in Städten ansässigen Patienten warten teilweise Monate auf die Therapie und in manch einer ländlichen Region ist der nächste Therapeut zudem kilometerweit entfernt.

In der Internettherapie könnte die Lösung dieses Problems liegen. Denn diese wäre jederzeit, überall und für jeden verfügbar. In Großbritannien, den Niederlanden und Schweden ist die Internetbehandlung schon längst im Gesundheitssystem verankert - doch hinkt Deutschland hinterher.
Die Krankenkassen entdecken erst jetzt das Potential in der virtuellen Behandlung: Über hundert Studien zeigten inzwischen, dass Online-Psychotherapie und Online-Prävention den hilfesuchenden Menschen auch wirklich hilft. Die Ergebnisse zeigen, dass die Internetbehandlung bei Depressionen und Angststörungen sogar ähnlich wirksam ist wie die persönlichen Sitzungen beim Psychotherapeuten.

Forschung und Praxis klaffen in der Bundesrepublik noch weit auseinander. Die online gehaltenen Nachsorgeprogramme können den Patienten helfen, auch Monate nach dem Klinikaufenthalt gesund zu bleiben. Die Krankenkassen werden aber kaum die Kosten für eine solche Nachsorge übernehmen.

Die Krankenkassen interessieren sich winzwischen für diesen modernen Weg zur gesunden Seele. Die psychischen Erkrankungen belegen nämlich jedes Jahr einen immer größeren Anteil an Fehltagen in den Statistiken zur Arbeitsunfähigkeit. Das kostet immense Summen an Geld. So übernehmen einige Kankenkassen wie die Barmer inzwischen das Online-Coaching im Rahmen der Vorsorge.
Für die Versicherten bedeutet dies, dass sie in Zukunft ihre psychische Gesundheit stärken und quälende Wartezeiten auf Kassenkosten überbrücken können oder noch intensiver psychologisch betreut werden.

Die Krankenkassen bezahlen aber nur das, was auch den Qualitätsstandards entspricht. So tummeln sich im Internet unzählige Psychotherapie-Angebote, von denen viele nur auf Abzocke aus sind. Sie wollen aus der Not der Menschen nur das große Geld machen. Viele haben nicht einmal überprüft, ob ihre Online-Hilfe überhaupt etwas taugt. Die Krankenkassen setzen da mehr auf wissenschaftliche Tests, bevor sie ein Programm zur Kassenleistung machen.

So erprobt die AOK Rheinland/Hamburg seit Ende 2012 mit den St. Augustinus-Kliniken Neuss eine ambulante Internettherapie für Patienten mit Angststörung oder Depression. 15 Wochen lang standen die Teilnehmer nur über den PC in Kontakt mit den Psychotherapeuten. Eine persönliche Untersuchung durch einen Arzt und einen Psychologen fand nur vor Beginn der Behandlung und nach den 15 Wochen statt. Die Barmer GEK fördert wiederum ein ehrgeiziges Großprojekt der Leuphana Universität in Lüneburg: Das "Gesundheitstraining Online" (get.on) will den Patienten künftig für die häufigsten psychischen Probleme Hilfe anbieten - bei depressiven Verstimmungen, Angstattacken, Alkoholsucht oder Schlafstörungen:Die Forscher evaluieren im Moment zehn verschiedene Internettherapien und Präventionsprojekte, von denen sich inzwischen zwei als wirksam erwiesen haben.

So lernten etwa Lehrer mit Symptomen von Burnout oder einer Depression in einem fünfwöchigen Online-Kurs, wie sie erfolgreicher mit Sorgen und Problemen umgehen und sich wieder mehr Zeit für Familie oder Hobbys zu nehmen. Die Depressionswerte minderten sich deutlich, wie ein Studienbericht zeigt. Der Effekt hielt auch nach drei und sechs Monaten nach der Behandlung an.
Den Menschen, die gerade erst von einer stationären Psychotherapie wieder nach Hause kommen, gilt auch ein Angebot der Lüneburger Schmiede. Sieben von zehn Patienten wird nach einer Psychotherapie in der Klinik empfohlen, sich im Anschluss daran ambulant weiter psychologisch betreuen zu lassen. Dies ist oft verbunden mit einer mehrmonatigen Wartezeit auf einen Therapieplatz. In dieser Zeit kehren jedoch die Beschwerden oft zurück. Das Online-Training soll dafür eine Übergangshilfe anbieten. Erste Tests mit Patienten verliefen bereits erfolgreich.

Auch die Unfallkasse NRW und die KKH Allianz interessieren sich für das Lüneburger Forschungsprojekt. Ein anderes Projekt der DAK soll für Menschen mit leichter Depression die Wartezeit bis zu einer Psychotherapie mit virtuellen Übungen erleichtern. Die Internettherapie auf Kassenkosten scheint also zum Greifen nahe.

Quellen:
Online-Psychotherapie: Mit einem Klick auf die virtuelle Couch Spiegel Online vom 17. April 2013

Kommende Termine

Benutzeranmeldung