In der Psycho-Falle

16,5 Millionen Deutsche leiden an psychischen oder psychosomatischen Störungen. Viele unter ihnen warten auf dringende Hilfe. Schuld ist eine Milchmädchenrechnung1 bei der Bedarfsplanung bezüglich der Therapieplätze.

Der Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands (BPM) stellt fest, dass Depressionen und Angstzustände eine Volkskrankheit geworden sind. Ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung zwischen 18 und 65 Jahren leidet an mindestens einer Störung wie Depression, Ängsten oder funktionellen körperlichen Störungen. Das sind umgerechnet etwa 16,5 Millionen Erwachsene. Die persönlichen und wirtschaftlichen Folgen der Erkrankung sind gewaltig:

Trotzdem ergibt sich für kaum einen Betroffener eine rasche Behandlung. Zu viele Patienten müssen sich viel zu wenige Psychotherapeuten untereinander teilen. In Schleswig-Holstein wartet man im Schnitt 14,6 Wochen auf ein Erstgespräch; also 15 Tage länger als im Bundesdurchschnitt. Laut Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein (PKSH), ist das ein Unding - die Wartezeit von psychisch kranken Menschen müsse dringend auf drei Wochen reduziert werden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat für die Betroffenen einen guten Rat parat: Sie empfiehlt jedem, der befürchtet, an einer Depression zu leiden, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Auch das bedeutet wochenlanges Warten und viel Telefonieren - oft nach einer qualvollen monatelangen Phase mit Schlafstörungen, Schlaflosigkeit, ständiger Müdigkeit und Leistungsabfall, nach der man sich die Möglichkeit eines seelischen Leidens eingesteht. Schließlich sind psychische Leiden in den meisten Haushalten kein Thema; man spricht typischerweise nicht darüber.
Und dennoch steigt die Zahl der Hilfesuchenden unaufhörlich. Die 22.000 psychotherapeutischen Praxen in Deutschland können den Bedarf schon jetzt meist nur zeitlich verzögert abdecken. Zudem bedroht die jüngste Reform der Bedarfsplanung 5.700 Praxen in ihrer Existenz.

So kommt es auch, dass mehr Ausgaben für Krankengeld entstehen als für Behandlungen. Wie kann das angehen? Letzten Endes liegt es daran, dass man mit gänzlich veralteten Zahlen hantiert. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 1999 und zum Zweiten hat der für die Festlegung der Höchstgrenzen zuständige Gemeinsame Bundesausschuss diese nicht auf Basis der Häufigkeit der psychischen Erkrankungen festgelegt, sondern den Durchschnitt an psychotherapeutischen Praxen in Kreisen und Städten ermittelt und als Höchstgrenze festgelegt. Das Ist wurde also zum Soll erklärt. Das alles ist eine fatale Milchmädchenrechnung. Diese muss schon schiefgehen, weil der Osten Deutschlands einbezogen wurde, wo es deutlich weniger niedergelassene Psychotherapeuten gibt als im Westen. Die Reform hat also gewissermaßen umgeschichtet: Die Versorgung im ländlichen Gebiet wurde etwas besser,; doch blieb keine Garantie, dass zugleich alle psychotherapeutischen Praxen in den Städten erhalten bleiben, weil diesbezüglich auf dem Papier eine Überversorgung existiert.
Die Kassenzulassungen für Psychotherapeuten in Deutschland sind seit Jahren belegt. Junge Therapeuten müssen also einem Kollegen, der sich zur Ruhe setzen will, die Praxis abkaufen. Ein solcher Deal beläuft sich auf mehrere zehntausend Euro und ist wenig attraktiv, weil die Psychotherapeuten auch mit Privatpatienten genug zu tun haben.

Das Nachsehen hat dann letzten Endes der Kassenpatient. Sein Leiden, das oftmals gut ambulant zu therapieren wäre, wird verschleppt. Wegen des großen Mangels an Behandlungsplätzen bleiben viele psychische Krankheiten unbehandelt, verschlimmern sich und entwickeln sich zu chronischen Leiden. Das bekommt dann die Volkswirtschaft zu spüren. Laut Bundes-Psychotherapeuten-Kammer zahlen die Krankenkassen mehr für Krankengeld als für Behandlung bezahlen. Die Berechnungen basieren dabei auf Daten der Techniker Krankenkasse und der Betriebskrankenkassen. Ein Viertel der Krankengeldausgaben (zwei Milliarden Euro) gehen auf das Konto der psychischen Erkrankungen. Also übersteigen die Ausgaben für Lohnersatzleistungen wegen psychischer Erkrankungen die Ausgaben für ambulante Psychotherapie in Höhe von 1,7 Milliarden Euro.

Die Patienten treiben wohl auch in der nächsten Zeit in einem Strudel aus Leisten-müssen, Ängsten und Nicht-mehr-können.

Quelle: Volkskrankheit Depression: In der Psycho-Falle Schleswig-Holsteinische Zeitung (SHZ) vom 14. April 2013

  • 1. Eine Milchmädchenrechnung (in der Schweiz Milchbüchleinrechnung) ist die spöttische Bezeichnung für eine naive Betrachtung oder Argumentation, die wesentliche Rahmenbedingungen nicht beachtet oder falsch in Ansatz bringt, und deshalb zu einem nur scheinbar plausiblen, tatsächlich jedoch unzutreffenden Ergebnis kommt.
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)