Verhalten gegenüber Kindern, Nachbarn und dem übrigen Umfeld

Verhalten gegenüber Kindern, Nachbarn und dem übrigen Umfeld

Verhalten gegenüber Kindern

Gerade die Kinder haben ein feines Gespür dafür, was in der Familie vonstatten geht. Zeigt ein Elternteil auf die Schnelle ein anderes als das gewohnte Verhalten, dann kann das das Kind zutiefst erschrecken. Dies gilt insbesondere dann, wenn der erkrankte Elternteil aggressiv auftritt. In diesem Fall bedarf das Kind des besonderen Schutzes. Die Krankheit darf auch nicht tabuisiert und totgeschwiegen werden. Auch darf nicht der Versuch unternommen werden, aus der Erkrankung ein Geheimnis zu machen. All dies würde in den Kindern nur Verwirrung stiften. Denn sie bemerken sehr wohl, wenn etwas nicht in Ordnung ist und falls nicht offen darüber gesprochen wird, beginnen sie, selbst zu spekulieren und die abstrusesten Erklärungen aufzustellen. So können sie sich einreden, an der Situation Schuld zu haben oder dass sie sich für ihre Familie schämen müssen. Oder sie denken, dass ihre Eltern ihnen keine Sicherheit geben können und sie die Aufgaben der Eltern übernehmen müssen.

Erkrankt ein Elternteil in der Familie, dann ist das gesunde Elternteil besonders gefragt. Zunächst hat es die Aufgabe, mit den Kindern zu sprechen. Dabei soll den Kindern mit einfachen Worten erklärt werden, was mit dem erkrankten  Elternteil los ist. Zudem ist den Kindern zu versichern, dass nun der gesunde Elternteil für sie zuständig ist.

Die Aussage könnte in etwa so formuliert sein: "Eure Mutti ist sehr krank geworden. Und weil sie krank ist, kann sie sich nur schwer konzentrieren. Ihre Gedanken laufen durcheinander und sie glaubt auch noch, etwas zu hören oder zu sehen, was gar nicht da ist. Eure Mutti tut sich ganz schwer damit und sie benötigt dafür ihre ganze Kraft. Es kann auch vorkommen, dass sie Sachen sagt, die wir nicht verstehen, weil sie so durcheinander ist. Bis es der Mutti wieder besser geht werde ich auf Euch aufpassen."

Es ist absolut nicht so, dass die Kinder das nicht verstehen würden. Erklärt man ihnen den Sachverhalt auf verständliche Weise, dann verstehen sie sehr wohl. Nachdem die Kinder über die Situation aufgeklärt worden sind, können sie auch unbefangen und ohne Angst damit umgehen.

Es bedarf eines gesunden Elternteils oder eines anderen Ersatzes für die Kinder, welcher zu gewährleisten hat, dass das Leben der Kinder auch weiterhin in den gewohnten Bahnen verlaufen kann. Die Kinder brauchen ihren festen Tagesrhythmus und sollen auch weiterhin ihre Freunde besuchen oder einladen. Das Familienleben darf sich auf keinen Fall der Erkrankung unterwerfen.

Belastet der psychotische Betroffene die Kinder beispielsweise dadurch, dass er Trost bei ihnen sucht, dann wäre  es besser, er begäbe sich in die Klinik als zu Hause zu verbleiben. Die Kinder wären sonst nur emotional überfordert, wenn sie Elternfunktionen für ihre Eltern zu übernehmen hätten. Das Wohl aller in der Familie und nicht nur das Wohl des Betroffenen ist im Auge zu behalten. Da der erkrankte Elternteil trotz seiner Erkrankung ins einer Elternverantwortung verbleibt, geht das Wohl der Kinder vor dem Wohl des Erkrankten.

Bei der Entscheidung, ob der Betroffene nun in die Klinik geht oder aber daheim verbleibt, sollten die Kinder auf jeden Fall mit einbezogen werden.

Eine neunjährige Tochter meinte, die Mutti solle nicht in die Klinik gehen. Dort sei sie wie in einem Tresor, von dem jemand fremdes den Schlüssel weggenommen hätte. In einer anderen Familie entschied der sechsjährige Sohn, der Vati möge doch in die Klinik gehen, solange er krank sei und nicht zu Hause bleiben.

Solche Entscheidungen der Kinder sollten in hohem Maße berücksichtigt werden, wenn es darum geht, ob der Betroffene die Krise daheim ausleben  könne.

Insbesondere kleine Kinder erleben die Trennung von den Eltern als traumatisch und einschneidend. Es mildert den Schmerz der Trennung, wenn sie den Betroffenen dann in der Klinik besuchen können. Kinder sind dazu in der Lage mit der Situation auf einer geschlossenen Station umzugehen.

Ein elfjähriger Junge ist zu Besuch bei seiner Mutter auf der geschlossenen Station. Eine andere Patientin spricht das wartende Kind an und will ihm einreden, sie sei seine wahre Mutter. Ein Pfleger, der zufällig Zeuge wird von dieser Unterredung, schimpft dann mit der Patientin. Der Junge äußert sich dann später zu dem Vorfall in der Art, dass der Pfleger es wohl nicht recht verstanden habe, dass sie sich wie seine Mutter fühle und auch so etwas sei wie eine Mutter. Er ist sehr empört über die Tatsache, dass seine Mutter und die anderen Patienten auf der Station  eingesperrt sind. Als die Mutter wieder erkrankt, spricht er sich dafür aus, sie solle doch daheim bleiben.

Zwar hat der Junge wohl seinen Besuch auf Station gut verkraftet, doch muss mit den Kindern natürlich eine Aussprache darüber erfolgen, was sie in der Klinik beobachtet und welche verwirrenden Erlebnisse sie gehabt haben.

Falls der erkrankte Betroffene nun daheim bleibt, dann sollte man ihn nicht mit den Kindern allein lassen. Dies gilt umso mehr für kleine Kinder. Die Situation kann nämlich schnell zur Überforderung ausarten und der erkrankte Elternteil aggressiv auf die Kinder reagieren. Es gibt auch Mütter, die regelrecht Angst bekamen vor ihren Kindern, als sie in einer psychotischen Episode waren. So kann die Mutter ihr eigenes Kind als Fremden von einem anderen Planeten erleben, dessen Vitalität sie sich nicht mehr gewachsen fühlte. Die Kinder entzündeten Feuerwerkskörper auf dem Balkon und bewarfen damit die unten parkenden Fahrzeuge. Die Mutter war nicht dazu imstande, das Verhalten ihrer Kinder zu beeinflussen. Deshalb sollte sowohl untertags als auch in der Nacht eine gesunde Person anwesend sein, die für die Kinder verantwortlich ist. Nur so wird der Betroffene genügend entlastet und werden die Kinder auch lückenlos versorgt.

Unter solchen Rahmenbedingungen werden die Kinder es als angenehm empfinden, wenn ihr kranker Elternteil in der Familie verweilt und sie keine Trennung vom Elternteil ertragen müssen.
Falls ein gesunder Partner einem Psychoseerfahrenen begegnet und plant, mit ihm eine Beziehung einzugehen, liegt die Frage nahe, ob der kranke Mensch den Kindern denn nicht schaden könne. Auch in diesem Falle sollte den Kindern die Erkrankung des Partners in spe kindgerecht erklärt werden. Erfahrungsgemäß kommen die Kinder gut damit zurecht, Auch hier hat der gesunde Partner eine besondere Verantwortung. Er wird die Verantwortung für die Kinder auf jeden Fall nicht auf die Art mit dem neuen Partner teilen können wie mit einem gesunden Gegenüber.

Es ist nicht auszuschließen, dass das Kind eines psychisch Kranken auch psychische Auffälligkeiten an den Tag legt. Die Eltern werden das schon früh erkennen, weil sie auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgreifen können. Die psychischen Auffälligkeiten sind sehr ernst zu nehmen, weil gerade die Kinder psychotischer Eltern besonders gefährdet sind, ebenso an einer Psychose zu erkranken. Der Weg zum Kinder- bzw. Jugendpsychiater oder zum Psychotherapeuten kann hier weiterhelfen. Diese können eine Psychotherapie anbieten oder aber an einen Kinderpsychotherapeuten vermitteln. Gerade die Kinder psychotischer Eltern sollten sich wenn möglich von Alkohol und Drogen fernhalten, weil dadurch bei entsprechender Disposition eine Psychose eingeleitet werden kann.

Nachbarn und sonstiges Umfeld

Die meisten Betroffenen haben keine schlechten Erfahrungen damit gemacht, sich zu outen und mit allen Leuten über ihre Erkrankung zu sprechen. Viele Nichtbetroffene stehen der Krankheit recht aufgeschlossen gegenüber, wenn sie ihnen auch erklärt wird. Oft stellen sie weitere Fragen, weil noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist.

In den Medien existiert ein Bild vom Schizophrenen, welches fern der Realität ist. Oft geht es um psychisch Kranke, die ein Verbrechen begangen haben. Damit bekommen psychische Erkrankungen für den Unaufgeklärten eine Aura des Unerklärlichen, des Unberechenbaren.

Man muss auch darauf achten, wer welche Meinung zu welchem Thema hat.

So sagte einem Ehemann, dessen Frau psychisch krank wurde, er habe selbst mit einer psychisch Kranken zusammengelebt. Die Fälle seinen vergleichbar und das Ganze würde in einer Katastrophe enden. Deshalb solle er sich besser von seiner Frau trennen. Zu dieser Meinung verhalf ihm sein Rechtsanwalt, der meinte, seiner Erfahrung nach würde sich die Symptomatik nur verschlechtern.

Die Aussage des Anwalts, der auf seinem Gebiet  der absolute Experte war, war für den Schwager in diesem Falle von sehr großer Bedeutung.

Auch die Profis - die Ärzte, Psychologen, Pflegekräfte und Sozialarbeiter - vertreten teilweise sehr kontroverse Standpunkte. Dabei darf man nie vergessen, dass der Andere nie so in einer Situation steckt wie man selbst. Deshalb resultieren zumeist falsche Handlungen daraus, wenn man deren Meinung eins zu eins für sich übernimmt. Also sollte man die Fachmeinung mit der eigenen Logik auf Plausibilität  überprüfen. Dabei ist es sehr wohl erlaubt, auch unangenehme Gegenfragen zu stellen und nach dem Warum zu fragen. Vom Fachmann darf man erwarten können, dass er auch sachliche Gründe anführt. Mit patzigen Antworten wie die, dass man etwas eben so mache und er sei der Fachmann und müsse das wissen, muss man sich nicht zufrieden geben. Der Fachmann sollte dazu in der Lage sein, etwas auf die Art zu erklären, dass der Betroffene und seine Angehörigen das auch verstehen.

Keiner ist dazu genötigt, etwas zu glauben, was er nicht überprüft hat. Gerade dann, wenn es um etwas so Wichtiges wie eine Trennung geht, kann es manchmal wichtiger sein, auf die eigene Stimme zu hören als auf Ratschläge von Dritten

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