Krisenbegleitung

Krisenbegleitung

Eine feste Begleitung in der Psychose ist absolut wichtig. In der Psychose ist der Mensch auf sich allein gestellt. Er ist einsam und leidet an heftigen Gefühlen die rasend schnell in ihm wechseln. Es ist ihm nicht mehr möglich, Gemeinschaft dadurch zu erfahren, dass er am normalen Leben teilnimmt. Oft verbleibt  ihm nur der soziale Rückzug, weil er befürchtet, als "Verrückter" abgelehnt zu werden. Schließlich dass sich die Lage verändert hat gegenüber seiner früheren normalen Wahrnehmung.

Demnach zeigt wohl jeder Psychoseerfahrene Einsicht in seine Erkrankung. Auch wenn er nicht immer von sich sagen würde, er sei krank oder gar psychotisch. Schließlich wird die Stellung der Diagnose als psychisch Kranker als extrem kränkend empfunden. Bricht sich jemand den Arm, dann fällt es ihm leicht, sich davon zu distanzieren, weil es eben nicht seine Identität betrifft. Die Identität ist aber betroffen, wenn es um das Denken, das Fühlen und die Wahrnehmung geht. Jene betreffen ja das Zentrum der Identität und es fällt nicht leicht, hinzunehmen, dass das Ich krank sein soll. Identität ist die ihn kennzeichnende und als Individuum von anderen Menschen unterscheidende Eigentümlichkeit seines Wesen.

Die Begleitung einer Psychose zeichnet sich darin aus, dass der Begleiter dem psychotischen Menschen gestattet, psychotisch zu sein und an seinen Gefühlen Anteil nimmt.

Jeder kann sich gut vorstellen, wie willkommen ein mitfühlender Mensch ist, wenn man mit hohem Fieber im Bett liegt und unfähig ist, am Alltagsleben teilzunehmen. In den üblichen professionellen Hilfestellen wie den Kliniken findet normalerweise keine Psychosebegleitung statt. Der Betroffene ist zwar Objekt des medizinischen und therapeutischen Handelns, doch fehlt es an der Begleitung auf der mitmenschlichen Ebene. Mitfühlen bedeutet nicht, die Wirklichkeit des Anderen zu teilen, sondern ihm zu Verstehen zu geben, dass man nachfühlen kann, dass die von ihm erlebte Wirklichkeit etwa beängstigend oder anstrengend ist.

Je nachdem, wo die Psychose ausgelebt wird, wechselt auch der Psychosebegleiter. Alle Profis in der Klinik sollten sich eigentlich auch als Psychosebegleiter verstehen. Diese Rolle würde dem Patienten mindestens ebenso wichtig sein wie ihre Bemühungen therapeutischer, medizinischer und pflegerischer Art. Findet sie Bewältigung der Psychose daheim statt, wird ein Angehöriger wohl der Psychosebegleiter sein. Eventuell wird das seine Hauptarbeit sein, weil er ja nicht noch Arzt, Therapeut oder Pflegekraft sein muss. Deshalb kann man davon ausgehen, dass die beste Psychosebegleitung zu Hause zum Einsatz kommt.

Es können nicht alle Angehörigen gute Psychosebegleitung leisten, wenn sie psychisch dazu nicht in der Lage sind. Schließlich bedarf es großer psychischer Ressourcen, um den Betroffenen durch die Psychose zu begleiten. Zudem wird der Betroffene auch nicht jeden Angehörigen als Psychosebegleiter leiden können. Es sollte eine Person sein, zu der er Vertrauen hat und mit der es keine Spannungen gibt.

Angenehmer Körperkontakt zur vertrauten Person ist auch wichtig. Das meint nicht Sexualität. Man kann den Betroffenen einfach nur in den Arm nehmen, ihn massieren oder streicheln. Daraus kann der Betroffene dann Trost und Zuversicht schöpfen und er spürt auf ganz direkte Art und Weise, dass er keineswegs allein ist.

Die Begleitung einer Psychose ist also ein stetes Kommunikationsangebot an den Betroffenen. Der Psychosebegleiter sollte den Betroffenen dazu animieren, zu erzählen, was in ihm abläuft, weil in der Erkrankung ja leicht die Kommunikation abbricht. Selbst ein Spaziergang, den man schweigend miteinander macht, kann als Kommunikation gewertet werden, obwohl sich beide in ihren Innenwelten befinden.

Dem Betroffenen muss eine Tagesstruktur vermittelt werden. Psychotische Menschen verlieren oft ihr Zeitgefühl. Stunden werden zu Minuten und Minuten werden zu Stunden. Folglich verliert der Betroffene seine Tagesstruktur. Der Partner kann dem Betroffenen dabei helfen, seinen Tag zu strukturieren, indem er ihn etwa ermutigt, leichte Routineaufgaben im Haushalt zu erledigen. Stressbelastete Tätigkeiten sollten dem Betroffenen jedoch vorenthalten werden. Das Einhalten fester Essenszeiten gibt dem Tag schon mal eine Grundstruktur. Es kann eine große Hilfe sein, einen mit Uhrzeiten versehenen Tagesplan für den Betroffenen zu erstellen, um dem Betroffenen eine Orientierungsmöglichkeit zu geben.

Der psychotische Mensch möchte sich soweit wie möglich selbst versorgen. Viele der akut psychotischen Menschen möchten nicht primär versorgt werden. Zwar benötigen sie im akuten Zustand Unterstützung beim Einkauf und anderen Dingen des täglichen Lebens, doch sollte der Helfer beim Betroffenen nachfragen, welche Dinge nun konkret zu tun sind. Begleitung sollte er auf jeden Fall erhalten bei Gängen außerhalb des Hauses wie etwa zum Arzt, da er durch die Reizüberflutung im Straßenverkehr leicht die Orientierung verlieren kann.

Kranke fordern den Angehörigen stets Mehrleistungen ab. Es handelt sich dabei nicht um Leistungen, die der Kranke einem Betreuer aufträgt, sondern es sind Leistungen, die durch den Ausfall des Erkrankten von einer anderen Person als zusätzliche Leistung zu erbringen sind. So etwa das Medikament bis 18 Uhr von der Apotheke abzuholen oder von der Post ein nicht entgegengenommenes Paket abzuholen. Dabei ist der Angehörige dazu aufgerufen, aufzupassen, dass er sich nicht überfordert und seine Kraftreserven aufzehrt.  Der Angehörige sollte weiterhin seinen Hobbys und anderen angenehmen und entspannenden Dingen nachgehen, um Kraft tanken zu können für die Psychosebegleitung. Es ist weder dem Betroffenen noch dem Angehörigen geholfen, wenn sich letzterer völlig aufopfert.

Der Psychosebegleiter muss damit rechnen, dass der Betroffene ihn auch mal persönlich attackiert. Der Kranke kennt nun mal die Schwachstellen seines Partners. Der psychotische Betroffene nimmt dabei alles wie durch eine Lupe wahr. Sonst unbedeutende Eigenschaften seines Partners nimmt er wie durch ein Vergrößerungsglas verstärkt wahr, was zu heftigen Reaktionen führen kann. Jeder Mensch hat nun mal schlechte aber auch gute Eigenschaften an sich. Eine sonst unwichtige negative Eigenschaft des Angehörigen erscheint dem Betroffenen dann mit einem Schlag riesig groß und bedeutend. Der Angehörige fühlt sich bei einer solchen unverhältnismäßigen Attacke oft wie vor den Kopf gestoßen.

Ein Mann vergisst des öfteren eine Kleinigkeit einzukaufen, die im Haushalt benötigt wird. Normalerweise übersieht seine Frau diese Schwäche, doch in ihrer psychotischen Phase explodiert sie förmlich und fährt sie ihren Mann an, er sei eine dumme Sau und einfach zu blöde dazu, seine Gedanken zusammenzuhalten.

Es ist dringend wichtig, eine solche Attacke ernst zu nehmen und darauf einzugehen. Ein Streit kann bei der erhöhten Reizbarkeit des Betroffenen nämlich eskalieren. So kann es beispielsweise passieren, dass der Kranke in suizidaler Absicht aus dem Haus eilt, weil er den Streit nicht mehr aushalten kann.

Der Kranke entwickelt teilweise auch eigene Methoden zur besseren Bewältigung der Krankheit. Dies sollte toleriert werden und ist vergleichbar mit der Schonhaltung, in die sich ein bei einem Verkehrsunfall Verletzter mit schweren inneren Verletzungen begibt. Die selbst gewählte Haltung ist dann genau die Position, in der die Verletzungen am wenigsten schmerzen. So kann der Betroffene beispielsweise
  Baden während der Nachtzeit. Nicht nur der Geist, sondern auch der Körper kommt während einer Psychose durcheinander. So kann der Betroffene einen Schüttelfrost bekommen, dem er mit einem warmen Bad abhelfen möchte. Das Vollbad kann auch nützlich sein gegen unerträgliche Anspannung im Körper. Zubereitung von Tee zur Nachtzeit. So kann der Betroffene, der unter Vergiftungsängsten leidet, sich mit einem Tee innerlich reinigen wollen
  
Im Großen und Ganzen kann alles toleriert werden, das der Selbstfürsorge dient und andere nicht stört. Die meisten der verrückt anmutenden Handlungen des Kranken sind Versuche, sich aus der Situation herauszuhelfen.  So kann er etwa einen Hut aufsetzen, um sich gegen fremde Gedanken in seinem Kopf abzuschirmen. Weigert er sich, den Hut auch in der Wohnung abzusetzen, so sollte man den psychotischen Menschen nicht dazu zwingen, normal zu sein, weil sein Zustand ja alles andere als normal ist. Der Zustand des Betroffenen ändert sich auch dadurch nicht, indem man ihn dazu zwingt, normal zu sein. Der Zwang wäre nur eine weitere Belastung für den Betroffenen. So sollte er nicht dazu gezwungen werden, nachts zu schlafen, wenn er gar nicht schlafen kann. Eventuell kann er sich dann ja besser entspannen, wenn er beruhigende Musik anhört.

Alle Verhaltensweisen des Betroffenen, die für andere sehr störend sind, müssen jedoch nicht toleriert werden. So muss es nicht sein, dass der Betroffene des Nachts die Stereo-Anlage aufdreht, um etwa seine inneren Stimmen zu übertönen. Nichtsdestotrotz sollte sich der Partner darum bemühen, auf den Betroffenen einzugehen und ihm sein Anliegen als Ich-Botschaft zu übermitteln: "Die laute Musik stört mich ungemein, weil ich schlafen möchte!"

Ein weiterer Kreis von Handlungen, die es zu vermeiden gilt, sind solche, für die sich der Betroffene später schämen wird. Hier sollte der Angehörige versuchen, behutsam auf den Betroffenen einzuwirken. So neigte ein Mann dazu, in der Psychose wirre Briefe zu verschicken an Freunde, Bekannte und auch an die Stadtverwaltung. Nach der Psychose schämte er sich sehr dafür und meinte, es sei ihm recht gewesen, daran gehindert worden zu sein. Das Hindern an seinem Tun sollte nicht gewaltsam sein. Besser ist es dann wohl doch, wenn der Betroffene seine Impulse auslebt.

Trotz der Krankheit sollte das Familienleben so normal wie nur möglich verlaufen

Eine Familie hat zwei Töchter, von denen eine psychotisch ist. Die gesunde Tochter ist sehr gesellig und hat häufig ihre Freundinnen zu Besuch. Die kranke Tochter hat soziale Ängste und fühlt sich sehr gestört von den Freundinnen der Schwester. Nichtsdestotrotz darf die gesunde Tochter ihre Freundinnen weiterhin einladen - die kranke Tochter müsse das schon aushalten können. Auf den ersten Blick mag dies als Härte seitens der Familie erscheinen, doch ist und bleibt für die Familie die Normalität der Maßstab für den Kranken. Natürlich hatte die kranke Schwester die Möglichkeit, sich auf ihr eigenes Zimmer zurückzuziehen.

Es ist wichtig, dass der Krisenbegleiter sich mit seinen eigenen Ängsten auseinandersetzt, da man unter Angst meistens falsch handelt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob man nun Angst hat, sondern, wie man damit umgeht.

Zuerst gilt es dabei, herauszufinden, was einem eigentlich die Angst bereitet. So ist es möglich, dass der Angehörige befürchtet, dass etwas Schlimmes geschehen könne, wenn er den Kranken kurz mal alleine lässt, dass er etwas Falsches sagt oder tut oder aber dass er überfordert sein könnte, wenn der Kranke aggressiv wird oder aber extrem Gefühle zum Ausdruck bringt.
Nach Kenntnis der Angstauslöser kann man sich daran machen, zu versuchen, die einzelnen Punkte zu entschärfen. So kann man für jeden der Punkte mit dem Kranken eine Absprache treffen oder eine weitere Person bitten, sich während der Abwesenheit um den Kranken zu kümmern. Man kann sich auch eingehend über Psychosen informieren und den Partner wenn er gesund ist fragen, wie er gerne behandelt werden möchte in kranken Zeiten.

Des Weiteren ist Folgendes zu beachten:

  •   Man sollte es vermeiden, den Kranken zu kritisieren, selbst wenn er einen persönlich angreift
  •   Man sollte den Kranken nicht "betutteln". Das gesamte Familienleben darf nicht um ihn und die Erkrankung kreisen, sondern möglichst normal verlaufen. Der Kranke muss immer das Normale als Maßstab erleben.
  •   Man sollte die sozialen Kontakte weiterhin wahren. Freunde sollen eingeladen und der Kranke nicht versteckt werden. Richtige Freunde haben auch Verständnis für die Erkrankung.
  •   Der Kranke soll die Möglichkeit haben, seine Impulse weitgehend auszuleben.
  •   Der Psychosebegleiter sollte seine Hobbys auch und gerade während der Betreuungsphase pflegen. Aufopferung führt nur zu Erschöpfung und Aggression.
  •   Der Psychosebegleiter soll auf sich achten und Alarmzeichen einer Überlastung beachten
  •   Zusammen mit dem Kranken sind Tagespläne zu erstellen
  •   Man muss in sich hineinhören und sich auf seine Gefühle hin erforschen. Oft stehen Ängste im Raum, die man auch nicht verdrängen soll. Man darf sich ruhig seine Ängste eingestehen. Dann sind die Angstauslöser zu analysieren. Die Kenntnis des Problems ist wichtiger als sofort eine Lösung zur Hand zu haben.

Die Krisenbegleitung ist eine große Herausforderung für den gesunden Partner. Steht das Paar jedoch gemeinsam die psychotische Episode durch, dann erleben beide einen großen Gewinn. Die Angst vor Psychosen verliert sich, da die Psychose als bewältigbar erlebt wurde. Zudem erleben beide Partner eine tiefe Verbundenheit, wenn sie gemeinsam durch eine Psychose gegangen sind.

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