Kommunikation mit Partnern in der akuten Psychose

Kommunikation mit Partnern in der akuten Psychose

Das Problem in der Kommunikation zwischen einem Gesunden und einem psychotischen Menschen lässt sich schön am Brillenbild erläutern. Trägt jemand eine rot getönte Brille, dann fällt für ihn jegliche Wahrnehmung von roter Farbe weg. Er erkennt also nicht mehr, was er vorher als wichtig erkannt hat und andere Dinge, die er vorher als unwichtig einstufte, nimmt er als wichtig wahr. Zwar kann er noch zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden, doch verwendet er nun andere Filter oder Kriterien, nach denen er seine Wirklichkeit sortiert. Ein akut psychotischer Mensch erlebt genau einen solchen Wechsel des Filters. Er gibt die Wahrnehmung der Wirklichkeit, die alle Menschen im Wesentlichen miteinander teilen, auf zugunsten einer anderen Wahrnehmung, an die der Betroffene allein glaubt.

Der psychotische Mensch teilt mit seinen Mitmenschen das, was wir Realität nennen, gar nicht oder nur teilweise. Geschichte und Wirklichkeit stimmen für den von außen Beobachtenden nicht mehr überein, für den Betroffenen erscheinen sie jedoch stimmig. Nehmen wir an, dass der Betroffene auf einem Stuhl sitzt und seine Geschichte ist, dass er in der Luft herumfliegt. Für den Beobachter passen dann Geschichte und Wirklichkeit nicht mehr zusammen. Der psychotische Betroffene erlebt jedoch ganz genau, dass er in der Luft herumfliegt.

Der Betroffene verliert wahrscheinlich wegen biochemischer Änderungen in seinem Gehirn die Sicherheit der allgemein gültigen Wahrnehmung. Es gibt nichts mehr, was unmöglich wäre. Da der Mensch es jedoch nicht ertragen kann, dass seine Wirklichkeit keinen Sinn ergibt, weil nichts mehr von Gültigkeit ist, bastelt er sich aus seinen bisherigen Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen eine neue, für ihn Sinn stiftende Geschichte. Seine neue Geschichte erscheint ihm selbst dabei im Gegensatz zum Beobachter als schlüssig und logisch.

Die psychotischen Geschichten nähren sich dabei aus den bislang gemachten Erfahrungen des jeweiligen Betroffenen. So kommt es in Baden Württemberg oft zu Geschichten über Gott und den Teufel, während sich die Betroffenen der neuen Bundesländer eher Geschichten mit Honecker oder der Stasi zurechtlegen.

Durch den Wechsel des Filters bzw. der Geschichte lebt der Betroffene in einer anderen Wirklichkeit als der sogenannte Normale. So bekommen die Dinge des Alltags wie Verkehrsampeln oder die Farbe der vorbeifahrenden Autos für den Betroffenen eine andere Bedeutung als für den Normalen. Sinniert er beispielsweise über seine Arbeit nach und schaltet die Ampel auf Rot, dann kann das für ihn der konkrete Befehl sein, seine Gedanken nicht mehr weiter zu denken. Fährt ein grünes Auto vorbei, dann kann dies für "Natur" stehen. Wird das grüne Auto von einem silberfarben lackierten Auto überholt, dann kann dieses für "chemische Industrie" stehen. Insgesamt ergibt sich für den Betroffenen das Gesamtbild, dass die Natur von der chemischen Industrie überrannt wird. Es entsteht ein Kommunikationsproblem. Dieses Problem bezieht sich nicht nur auf die Gesunden, sondern auch auf andere Kranke, weil jede der Geschichten ein Unikat darstellt.

In der Natur kommen solche verschiedenen Geschichten häufig vor. Ein Mensch sieht in einer Blüte vorrangig eine schöne Blume. Die Biene sieht darin ein facettenreiches Farbmuster und ein Hund riecht in der Hauptsache ein bestimmtes Geruchsmuster. Ein und dieselbe Sache wird je nach sensitiver Konstitution ganz verschieden wahrgenommen. Ein Mensch in der psychotischen Phase hat dasselbe Kommunikationsproblem wie ein Hund, der sich mit einer Biene über die Blüte zu verständigen hätte. Sie sprechen beide in derselben Situation von gänzlich verschiedenen Inhalten. Der Hund könnte nun die Wahrnehmung der Biene als defizitär bezeichnen. Die Biene könnte wiederum die Sichtweise des Hundes als defizitär bezeichnen. Das liegt daran, dass wenn der Normale mit der Wirklichkeit des Betroffenen nichts mehr anfangen kann, umgekehrt auch der Betroffene mit der Wirklichkeit des Normalen nichts mehr anfangen kann.

Der Vergleich ist jedoch nicht stimmig. Kein Mensch ist sein Leben lang nur psychotisch gewesen. Er hat gesunde Phasen durchlebt, in denen er die Wirklichkeit der Normalen geteilt hat. Dieser Erfahrungsschatz bleibt dem Betroffenen auch in der akuten Phase nicht verloren und "er bleibt auch auf dieser Ebene der allgemein gültigen Erfahrungen ansprechbar".

Ein junger Mann lebt in einer Wahnwelt, die sich um eine halluzinierte Geliebte dreht. Ein Besucher fragt den Betroffenen, wie spät es sei und der Betroffene sieht auf die Uhr und sagt ihm die Uhrzeit.
Es stellt sich nun die Frage, ob es denn möglich ist, zu kommunizieren, wenn wir uns nicht mehr in derselben Wirklichkeit befinden. Menschen und Tiere können eine tiefe Beziehung miteinander eingehen, obwohl sie die Welt auf ganz verschiedene Art und Weise erleben. Sie können auf empathische Weise miteinander verbunden sein, ohne dass dazu ein intellektuelles Verständnis nötig wäre. Wedelt der Hund mit dem Schwanz und kommt er auf einen zugesprungen, dann ist klar, dass der Hund sich freut und gute Absichten hegt. Umgekehrt sieht es der Hund genauso, wenn er ausgiebigst gekrault wird. Zwar kennen wir nicht die Gedanken des Hundes und auch der Hund weiß nicht, was wir denken, aber es besteht eine Basis, auf der eine Verständigung möglich ist und diese Basis sind dei Gefühle und die einstudierten Handlungsmuster.

Nimmt der Gesunde etwa den kranken Partner, der von Angst befallen ist, wortlos in den Arm, dann vermittelt er dem Betroffenen Trost und Geborgenheit. Man lässt also dem Betroffenen sein Erleben der Realität, bringt aber Anteilnahme an seinen Gefühlen zum Ausdruck.

Aber auch positive Gefühle können dem Psychosekranken zu viel sein. Das richtige Maß ist nur schwer zu finden, schon deshalb weil vom Betroffenen heftige Attacken oder Verhaltensweisen kommen, die sein Umfeld verärgern oder sogar kränken.

In Familien mit Expressed Emotions (Gefühlsäußerungen)  ist die Rückfallquote der Betroffenen höher als in Familien, in denen man einen gelassenen uns ruhigen Umgangston miteinander pflegt.
Für die Angehörigen ist die Absprachefähigkeit des Betroffenen die wichtigste Eigenschaft des erkrankten Familienmitglieds, damit die Situation noch erträglich erscheint. Daran kann es sich entscheiden, ob eine Beziehung in die Brüche geht oder nicht. Absprachefähigkeit heißt, dass sich der Angehörige und der Betroffene sich auf etwas einigen, was dann auch eingehalten wird. Ist dies nicht möglich, bricht das Chaos freie Bahn.

Familie Prax ist im Gespräch mit Freunden des Hauses. Es geht um die aktuelle angespannte Situation. Die psychotische Frau Prax hat zusätzlich Angstattacken. Die Familie Prax steht kurz vor einem Umzug und die achtjährige Tochter muss betreut werden. Frau Prax möchte, dass ihre Tochter sie tröstet, doch ist das Kind von dieser Situation gänzlich überfordert. Es wird ausgehandelt, dass Frau Prax am Besten für eine begrenzte Zeit in die Klinik geht. Dann, wenn es ihr besser geht und der Umzug vollzogen ist, könne sie ja wieder in das neue Heim zurückkehren. Zur Erleichterung aller erklärt sich Frau Prax mit dieser Lösung für einverstanden. Am nächsten Morgen, als Frau Prax sich in die Klinik begeben soll, erklärt sie, sie habe ihren Plan geändert und wolle daheim bleiben. Sie lässt sich durch nichts mehr umstimmen.
Die neue Situation wird vom Partner und von der Familie zurecht als unerträglich empfunden. Die Beziehung stellt dann eine Belastung dar. Häufen sich solche Situationen, dann ist die Beziehung in Gefahr. Wenn der Betroffene für seinen Partner keine Belastung darstellen soll, dann sollte er absprachefähig bleiben. Falls sich der Partner als nicht absprachefähig erweist, dann sollten die beiden Partner über die Situation miteinander sprechen. Der gesunde Partner soll dann dem kranken Partner mitteilen, wie er sich fühlt, wenn Absprachen nicht eingehalten werden. Dies ist besser als alles in sich hineinzufressen und dann eines Tages Hals über Kopf aus der Beziehung auszubrechen. Es sollte rechtzeitig klargestellt werden, was passieren kann, wenn der kranke Partner sich nicht mehr erwachsen verhält.

Es mag sein, dass der Betroffene überfordert wird mit so viel Verantwortung für sein Handeln.

In der Klinik wirft ein Patient einen Teller voller Essen zu Boden. Die Krankenschwester sagt zu ihm, er solle zu ihr kommen und dabei helfen, die Scherben wegzukehren. Der Patient antwortet darauf, er sei doch krank und er brauche das nicht zu tun, weil er schließlich im Krankenhaus sei. Danach geht der Patient einfach weg.

Psychische Krankheit berechtigt auf keinen Fall zu a-sozialem Verhalten.

Falls ein Psychosekranker in einer Beziehung leben möchte, dann gelten für ihn dieselben Regeln wie für alle anderen Menschen auch. Er darf seinen Partner nicht in eine Situation bringen, die diesen nur noch überfordert und keine Freude mehr hat an der Beziehung. Auf der anderen Seite muss der gesunde Partner ja auch Verständnis aufbringen für die Krisen des Erkrankten.