Frühwarnzeichen

Frühwarnzeichen

Die Betroffenen verfielen immer wieder wie aus heiterem Himmel in die Psychose, welche so katastrophale Auswirkungen in Beziehungen, am Arbeitsplatz und in ihnen selbst zeitigte. Deshalb fragten sie sich, ob nicht doch Möglichkeiten existieren zur Früherkennung und vielleicht zur Verhinderung einer Psychose. So bildete sich im Bundesverband der Psychiatrieerfahrenen eine Arbeitsgruppe mit dem Namen "Selbstchecker", die viele Betroffene befragte, um Anzeichen für das Nahen einer Psychose zusammenzutragen . Unter Anzeichen verstehen wir in diesem Zusammenhang die ersten Anzeichen der eigentlichen Symptome und nicht die Symptome an sich. Das erklärte Ziel der Arbeitsgruppe ist es, der Psychose nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein. Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen ist es eine schwere Belastung, stets unter dem Damoklesschwert einer drohenden Psychose des kranken Familienmitglieds zu leben. Die Betroffenen geht es dabei darum, mehr Selbstverantwortung für sich erhalten und den Angehörigen mehr Sicherheit vermitteln. Sie wollen nicht länger ein unkalkulierbares Risiko darstellen für ihre Beziehungen zur Familie, zu Freunden und Bekannten. Das Ziel war, ein Instrument zur Selbsteinschätzung herauszuarbeiten, welches zum Beispiel einem Diabetiker zur Verfügung steht, der regelmäßig seinen Blutzucker überprüft. Mit einem solchen Werkzeug sind sie dazu in der Lage, sich selbst zu checken, sich selbst besser einzuschätzen. Ein gutes Stück Mündigkeit, die die Krankheit den Betroffenen genommen hat, soll also zurückgewonnen werden.

Voraussetzung der Beobachtung von Frühwarnzeichen ist es, psychoseerfahren zu sein. Dabei sprechen wir nicht von fest definierten Frühsymptomen, wie sie die Ärzte beschreiben, sondern um individuelle Anzeichen, die die Psychose vor ihrem Ausbruch ankündigten. Aus der Befragung ergab es sich, dass die Frühwarnsignale eine recht individuelle Sache sind, die bei jedem Betroffenen ganz anders aussehen kann. Also ist es auch sinnlos, alle diese Anzeichen alle aufzulisten.

Einige der Betroffenen bemerken vor dem Ausbruch der Psychose körperliche Veränderungen wie etwa

  •   Müdigkeit
  •   Schlafstörungen
  •   Hunger
  •   Appetitlosigkeit
  •   Gewichtsabnahme
  •   Schweißausbrüche
  •   Kälte
  •   Hitze

  
Andere Betroffene bemerken auch Verhaltensänderungen

  •   sie telefonieren häufiger
  •   sie schreiben Briefe an Leute, denen sie sonst nie schreiben
  •   Rückzug
  •   Hören von Musik
  •   Grübeln
  •   Häufiges Ausgehen
  •   Abwendung von den gewohnten Tagesrhythmen

  
Diese kurze Auflistung kann nicht mehr als ein Anhalt sein, in welche Richtung man vorgehen kann, wenn man auf der Suche nach Alarmsignalen ist. Eine vollständigere Auflistung enthält übrigens das Buch "Bevor die Stimmen wiederkommen" von A. Knuf und A, Gartelmann. Eine Checkliste findet sich hier.

Die Betroffenen fanden heraus, dass es nicht ein einziges Frühwarnsignal gibt, welches bei allen Betroffenen auftritt. Es kann so individuell werden, dass ein Betroffener angab, sein Wellensittich setze sich immer dann auf seinen Kopf, wenn eine Psychose im Anzug sei.

Verhalten der Angehörigen bei Frühwarnzeichen

Frühwarnzeichen und Symptome sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Frühwarnzeichen treten vor den Symptomen auf.

Es nimmt nicht Wunder, dass der Betroffene die Frühwarnsignale viel früher an sich feststellt, als dies ein Angehöriger je könnte. Meistens reagieren die Angehörigen sehr überrascht darüber, wenn der Betroffene ihnen von seiner sich entwickelnden Instabilität berichtet. Oft erzählt es der Betroffene ja gar nicht. Wenn doch, dass wird der Angehörige regelmäßig angeben, dass er von einer Instabilität noch nichts mitbekommen hat. Selbst die Angehörigen, die schon Psychosen begleitet haben, bekommen die Frühwarnzeichen nicht mit. Selbst die Fachleute tun sich sehr schwer damit, eine beginnende Psychose zu erkennen.
Die Angehörigen registrieren die Psychose meist erst so spät, dass die akute Episode schon gar nicht mehr abgewendet werden kann. Daran ist nicht etwa eine mangelnde Aufmerksamkeit seitens der Angehörigen schuld. Vielmehr ist ein Gesunder weit weniger sensibel als ein Psychosekranker. So erkennen sie erst zum Beginn der Psychose die ersten Symptome. Der Krankheitsverlauf ist dann schon sehr weit fortgeschritten und der Ausbruch kann kaum mehr gestoppt werden.

Wenn der Betroffene seine Psychose selbst managt und diese nicht in die Verantwortung des Angehörigen fällt, dann entlastet dies  letzteren sehr. Kennt der Betroffene nämlich seine Frühwarnsignale und reagiert er auch rechtzeitig auf diese, um die Psychose zu verhindern, dann ist der Angehörige nicht mehr urplötzlich von der Psychose eines Familienmitglieds betroffen.  Somit kann sich die Situation des Angehörigen normalisieren und entspannen. Die Familie wird sich sicherer fühlen, weil die Psychose nicht mehr aus heiterem Himmel über sie hereinbricht.
Dem Betroffenen fällt es natürlich leichter, die Alarmsignale zu benennen, wenn ein Vertrauensverhältnis besteht zum Angehörigen. Dazu gehört auch, die Erkrankung wertneutral aufzufassen und deshalb keine Schuld zuzuweisen.

Das Wichtigste ist sicher, dass die Angehörigen den Erkrankten entlasten. Dazu ist es nötig, gemeinsam herauszufinden, wo derzeit das Überlastungsmoment vorliegt, um dann ganz gezielt helfen zu können.
Eine Betroffene hat schon mehrere Psychosen hinter sich und lebt in einer Familie mit mehreren Kindern. Gleichzeitig studiert sie an der Fachhochschule Psychologie. Die Frau versorgt die Kinder, wenn sie von der Schule heimkommen und erledigt danach die Hausarbeit. Der Ehemann geht tagsüber zur Arbeit und verdient den Familienunterhalt. Nach einigen erfolgreichen Prüfungen im aktuellen Semester hat die Betroffene noch ein Referat zu halten, als die Frühwarnzeichen bei ihr auftreten. Die Sinneseindrücke verstärken sich, sie verspürt einen seltsamen Druck im Kopf und sie hat einen gestörten Schlaf. Nachdem sie davon sogleich ihrem Mann berichtet, ermuntert dieser sie, das Referat dennoch zu halten. Um ihr Entlastung zu verschaffen, übernimmt er im Gegenzug die Hausarbeit. Seine Frau erhöht gleichzeitig für einige Tage die Dosis der Medikamente. Nach vier Tagen klingen die Frühwarnzeichen ab und die Krise ist überstanden.

Zum Teil finden sich die belastenden Faktoren nicht nur im häuslichen Bereich. In diesem Falle kann der Angehörige auch einen wertvollen Beitrag leisten, wenn der Betroffene mit ihm die Situation besprechen kann, Rat einholen kann oder sonstige Stärkung bekommen kann.

Es ist immer gut, wenn die Angehörigen den Betroffenen im häuslichen Bereich entlasten. So können die Angehörigen einen Teil des Tagesgeschäfts des Betroffenen mit übernehmen und den Betroffenen insbesondere gegen Reizüberflutungen und Stress abschirmen.

Natürlich dürfen und sollen die Angehörigen dem Betroffenen raten, die Medikamente kurzfristig in höherer Dosierung zu verwenden, damit die Frühwarnzeichen abklingen, doch muss die endgültige Entscheidung ganz in der Hand des Betroffenen liegen. Eine Bevormundung in diesem Sinne wäre absolut kontraproduktiv, denn ein Erwachsener soll auf keinen Fall wie ein Kind behandelt werden, auch wenn er gerade eine psychotische Krise durchläuft. Auch einem psychotischen Menschen kann zugemutet werden, sich auch erwachsen zu geben.

Auslöser für eine Psychose

Life-Events sind kritische Lebensereignisse und fungieren oft als Auslöser für Psychosen. Fast jedes Ereignis im Leben kann eine Psychose anfüttern und in eine Psychose münden. Das hängt ganz davon ab, welche individuelle Bedeutung die Ereignisse für den jeweiligen Betroffenen haben. Auslösen können also ganz verschiedene Ereignisse wie etwa

  •   Sich verlieben
  •   Sich trennen
  •   Urlaub
  •   Umzug
  •   Todesfall einer nahestehenden Person
  •   Überarbeitung
  •   Der Konsum von Rauschgift
  •   Die Nacht zum Tage zu machen
  •   Schwangerschaft und Geburt eines Kindes

  
Dies sind nur einige der vielen möglichen Auslöser für eine Psychose. Die einen Auslöser lassen sich vermeiden wie der Konsum von Rauschgift oder das Durchfeiern der Nächte und die anderen Ereignisse sind unvermeidlich. Man kann ihnen also nicht immer aus dem Weg gehen. So kann der Betroffene schon psychotische Symptome entwickeln beim Gang durch die Straßen. Er wird kaum den Rest seines Lebens daheim verbringen wollen.

Das Leben ist naturgemäß voller Konflikte und Stresssituationen. Der Grossteil der psychisch extrem verletzlichen und deshalb dünnhäutigen Betroffenen sehen sich dazu gezwungen, lebenslang Präparate einzunehmen, um ein Leben ohne großen Einschränkungen führen zu können. Demgegenüber gibt es Leute mit einem so dicken Fell, dass sie sich belasten können, wie sie wollen, ohne Gefahr zu laufen, eine Psychose zu durchleiden.
Die Stabilisierung durch Medikamente ist die eine Seite. Das Erlernen anderer Strategien für Konflikte und Stress ist die andere Seite.

Umgang mit Frühwarnzeichen durch die Betroffenen

Wenn ein Betroffener sich vornimmt, auf Frühwarnzeichen zu achten, dann entscheidet er sich damit gegen die Psychose. Psychosen können angenehme Inhalte haben wie zum Beispiel die Begegnung mit Gott oder das beglückende Gefühl, erleuchtet zu sein. Dennoch ist der Preis, den der Betroffene für die Psychose bezahlt, normalerweise sehr hoch. Da zerbrechen Beziehungen, der Arbeitsplatz wird gefährdet oder der Betroffene macht Dinge, für die er sich später schämen wird.

So war ein psychotischer Mann der Meinung, es sei Gottes Wille, dass er keine Kleidung mehr trage. Also marschierte er splitternackt durch den kleinen Ort, in dem er wohnte und in dem sich alle kannten. Der Gedanke an diese Episode erschien dem Betroffenen dann später unerträglich.

Eine junge psychotische Studentin malte in der Mensa übergroße Plakate mit wirrem Inhalt und spielte während der Vorlesung Freiheitslieder auf der Gitarre. Nach der Psychose war es ihr peinlich, den Kommilitonen zu begegnen, die das Spektakel miterlebt hatten. Sie hat sich damit ins soziale Aus katapultiert.

Der Beginn der Psychose wird in den meisten Fällen als angenehm und faszinierend erlebt. Der Betroffene ist lebhaft, kreativ, voller Ideen und Gedanken und seine Sinneseindrücke fallen intensiver aus als sonst. Dennoch hat er die Verpflichtung zum Gegensteuern, wenn er die ersten Frühwarnzeichen registriert.

Beim Auftauchen der Frühwarnzeichen lässt sich die Psychose noch ausbremsen. Dies gelingt kaum mehr, wenn sich die ersten Symptome bemerkbar machen.

Einige Betroffene verwenden ein Bedarfsmedikament, um dieses als Krisenmedikament in einer instabilen Phase einzusetzen. In Frage käme dann beispielsweise ein Benzodiazepin wie Tafil oder Tavor. Dabei ist dringend zu beachten, das Medikament auch wirklich als Bedarf und nicht als Dauermedikament einzusetzen. Die Benzodiazepine machen nämlich leicht süchtig und sind deshalb nur nach Absprache mit dem Arzt zu benutzen. Die "Benzos" machen auch gerne gleichgültig den Problemen gegenüber, die dann übertüncht werden anstatt gelöst.

Die Betroffenen, die ein Präparat zur Dauerprophylaxe verwenden, können die Dosierung erhöhen, bis sie sich wieder stabilisiert haben. Sehr erfahrene Benutzer regeln diese Dosierungen selbständig, so wie ein Diabetiker seine Insulindosis den aktuellen Gegebenheiten anpasst. Die Information des behandelnden Arztes sollte jedoch auch in diesem Falle nicht unterbleiben.

In manchen  Fällen ist es schon ausreichend, für Ruhe und Entspannung zu sorgen. Ein heißes Bad oder ein Spaziergang durch den Wald können da wahre Wunder bewirken. Eine besondere Rolle spielt auch der Schlaf. Manchmal hilft schon eine gut durchschlafene Nacht. Ein Glas Wein (keine Flasche!) oder eine liebevolle Massage durch den Angehörigen kann dabei helfen, am Abend abzuschalten und sich zu entspannen.
Falls der Betroffene Frühwarnzeichen an sich bemerkt, dann sollte er auch seine Vertrauenspersonen darüber informieren, damit diese ihn auch entlasten können.

Sinn kann es machen, sich vom Hausarzt für einige Tage krankschreiben zu lassen. Dies ist immer noch besser, als wegen einer Psychose Wochen oder Monate lang auszufallen.

Viele Psychoseerfahrene konnten mit dem Erkennen der Frühwarnzeichen und der rechten Reaktion auf dieselben ihre Psychosen zuverlässig vermeiden. Diese Art der Rückfallprophylaxe kann somit uneingeschränkt jedem Betroffenen empfohlen werden. Der Betroffene wird befähigt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und er kann damit Beziehungen stabilisieren.

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