Psychopharmaka im Allgemeinen

Psychopharmaka

Was versteht man unter Psychopharmaka?

Psychopharmaka ist eine Sammelbezeichnung für chemisch verschiedenartige Arzneimittel, die die Aktivität des Zentralnervensystems beeinflussen und so auf psychische Funktionen wie Stimmung, Affektivität und Emotionalität einwirken. Je nach Wirkungsweise kann man verschiedene Gruppen von Psychopharmaka unterscheiden:

  • Neuroleptika (Neuroplegika, Antipsychotika), die beruhigend, dämpfend wirken, z.T. mit antipsychotischem Effekt; sie werden bei akuter Psychose und zur Behandlung der Schizophrenie eingesetzt;
  • Antidepressiva, mit antriebssteigernder und aufhellender Wirkung oder auch angstlösend und antriebsdämpfend; sie kommen bei verschiedenen Formen von Depressionen zur Anwendung;
  • Tranquilizer, Anxiolytiker, die je nach Wirkstoff oder Dosierung eine beruhigende, schlaffördernde oder muskelentspannende Wirkung haben; sie dienen zur Behandlung bei Angst- und Spannungszuständen, sollten aber nur zeitlich begrenzt zur Anwendung kommen, da die Gefahr der Abhängigkeit besteht. Sie können keine Psychotherapie ersetzen;
  • Lithiumsalze, werden speziell zur Behandlung der manisch- depressiven Erkrankung eingesetzt, um der depressiven Phase vorzubeugen;
  • Psychotonika

Psychostimulanzien, wirken psychisch anregend und antriebssteigerend.

Man kann auch die Hypnotika 1 und die Sedativa2 als Psychopharmaka ansehen. Manche Autoren zählen auch Genussmittel wie Alkohol und Nikotin dazu.

Einige Fakten

Bei den Neuroleptkia handelt es sich also um ein lukratives Milliardengeschäft und die Ärzte werden von der Pharmaindustrie entsprechend zuvorkommend beworben. Das Geschäft boomt - es ist die Geschichte vom großen Geld der 330 Milliarden Dollar schweren psychiatrischen Industrie. Als nur eine Folge der unheiligen Allianz zwischen Psychiatrie und Industrie sterben schätzungsweise weltweit 42 000 Menschen an den Folgen der Einnahme von Psychopharmaka - mit steigender Tendenz.

Der Vorwurf lautet auch heute noch, dass zu häufig Medikamente gegen psychische Störungen verschrieben werden, von denen nicht ausreichend belegt ist, dass sie wirklich besser wirken als andere, weniger teurer Medikamente. Von 2000 bis 2009 ist die Zahl der in Deutschland verschriebenen Neuroleptika laut Arzneiverordnungsreport von 219 Tagesdosen auf 279 Tagesdosen gestiegen. Stärker noch als die Verschreibung von Neuroleptika stieg im selben Zeitraum die Verschreibungspraxis von Antidepressiva von 419 Tagesdosen auf 974 Tagesdosen.

Die Ärzte sollen sich mehr mit den Patienten beschäftigen. Es ist unter den Medizinern allgemeiner usus geworden, sofort ein Medikament verschreiben, ohne sich annähernd mit dem Patienten und den tieferen Ursachen des Unwohlseins zu beschäftigen. Die Psychopharmaka werden so bedenkenlos vergeben "wie Campino-Bonbons". Somit wird der Patient nicht mehr als Ganzes gesehen, sondern nur noch als "Nummer" behandelt.3

Der beschriebene direkte Einfluss der Pharmaindustrie auf die Meinungsbildner führt tatsächlich zu einer völligen Überbewertung der Pharmakotherapie in den meisten psychiatrischen Kliniken. Hoffentlich werden alle Beteiligten hier ein kritisches Bewusstsein entwickeln4

Psychopharmaka sollten sorgsamer und in geringerer Menge verordnet werden, fordert etwa die AOK Rheinland/Hamburg. Die Auswertung der Verordnungsdaten des Jahres 2010 zeige, dass immer mehr Patienten immer größere Mengen von Psychopharmaka wie Mittel gegen Depressionen oder psychisch stimulierende Arzneien erhalten. Die AOK stellt fest, dass Psychopharmaka besonders bei alten Menschen verstärkt eingesetzt werden, aber auch Kindern und Jugendlichen verordnet werden. Dabei stellt sich die berechtigte Frage, ob die Vielzahl der Verordnungen überhaupt therapeutisch notwendig ist, und ob Umfang oder Art des Einsatzes angemessen und zweckmäßig erfolgen. Vor dem Hintergrund, dass ein frühzeitiger und unkritischer Einsatz von Psychopharmakal den Patienten mehr schadet als nutzt, erweist sich die skizzierte Verordnungsentwicklung als besorgniserregend.5

Die Patienten bekommen laut Georg Juckel, dem Direktor der psychiatrischen Klinik der Ruhr-Uni Bochum bei psychischen Problemen ganz offensichtlich zu häufig und zu schnell von ihrem Arzt Psychopharmaka verschrieben. Dies sei "leider oft noch gängige Praxis". Besonders gefährlich sind die Benzodiazepine, die leicht abhängig machen. Juckel schätzt, dass es in Deutschland zwei Millionen Benzodiazepin-Süchtige gibt. Viele von ihnen fahren mit Benzodiazepinen im Körper Auto. Das verursacht wohl Unfälle in unbekannter Größenordnung.6

Jeder dritte Bürger der EU erkrankt laut DGSP mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung, etwa einer Depression, an Schizophrenie oder an einer Sucht. Davon werden 40 Prozent der Betroffenen chronisch krank. Die Zahlen steigen - es werden deutlich mehr Störungen diagnostiziert, als noch vor zehn Jahren. Dies liegt allerdings laut Weinmann daran, dass die Menschen älter werden, dass die Krankheiten weniger stigmatisiert seien, und dass die Schwelle zur Diagnose heute deutlich niedriger liege. Die wirklich schweren Erkrankungen wie etwa Schizophrenie haben in den vergangenen Jahren im Vergleich so gut wie gar nicht zugenommen.

Die psychisch Kranken bekommen unterschiedliche psychiatrische Anwendungen. Der Trend nach 1983 entwickelte sich immer weiter weg von Tranquilizern und hin zu Antidepressiva und Neuroleptika. »Der Rückgang der Tranquilizer, vor allem der Benzodiazepine, bei gleichzeitigem Anstieg der Verschreibungen von Antidepressiva, Neuroleptika und pflanzlichen Therapeutika liegt im wirtschaftlichen Interesse der Pharmafirmen: Weil die Patente abgelaufen sind, sinkt der Preis der Benzodiazepine; Nachahmerpräparate sind verfügbar. Antidepressiva und Neuroleptika hingegen sind neu und deshalb teuer.«7
Auch wurden Behandler und Hersteller von Tranquilizern zu Schadenersatzzahlungen wegen unterlassener Warnung vor der Gefahr der Abhängigkeit durch diese Substanzen verdonnert. Die Tranquilizer wurden durchschnittlich zehn Jahre lang verabreicht. Die Neuroleptika sollen an Menschen mit der Diagnose Schizophrenie noch länger, zum Teil ihr Leben lang verschrieben bekommen 8. Dieser Auffassung teilten auch die Vertreter der Gemeindepsychiatrie : »Sozialpsychiatrie außerhalb der Kliniken ist ohne Depot-Neuroleptika nicht durchführbar.« 9. Die Firma Janssen, Hersteller einiger Depotneuroleptika, sponsorte diesen Kongress.

Die abhängig machende Wirkung wird von der Industrie immer noch bestritten, obwohl sie in fachinternen Veröffentlichungen längst anerkannt ist. Die lebenslange Verabreichung von Neuroleptika macht die Abhängigkeit dann auch nicht wirklich zum Thema, weil sie der Steigerung der Verkaufszahlen zuträglich ist.

Die Patienten müssen bei Einnahme vieler der Medikamente mit massiven Nebenwirkungen rechnen. Zugleich sinke auch ihre Lebenserwartung, betonte 2009 der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP), Friedrich Walburg. Und Stefan Weinmann von der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an den Oberhavel Klinken in Berlin Henningsdorf ergänzt, dass die Fachärzte dabei einer Marketingstrategie der Pharmaunternehmen unterliegen, welche die Verschreibungsraten stark erhöht hat.

Wer konsumiert die Psychopharmaka?

Menschen mit fortgeschrittenem Alter, Frauen und Kinder bekommen die meisten Verordnungen. So erhielten 1988 rund 900.000 Kinder im Alter bis zu 14 Jahren Psychopharmaka verabreicht. Die Krankenkassen in Nordrhein-Westfalen ermittelten 1989, dass Kinder unter zwölf Jahren jede siebte Psychopille einnehmen. 1989 wurden 5% der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren als psychisch krank und behandlungsbedürftig eingestuft 10 1992 ist schon von 15% psychisch gestörten Kindern und Jugendlichen die Rede 11. Die Verordnungszahlen insgesamt und speziell für Neuroleptika wuchsen in dieser Zeit an. Aber auch die psychisch Kranken unter den Erwachsenen zeigen einen Aufwärtstrend. Jeder fünfte Bürger der alten BRD galt 1991 als psychisch krank12.

70 Prozent der Psychopharmaka werden an Frauen verabreicht. Insgesamt betrachtet werden Frauen deutlich häufiger Neuroleptika verschrieben. Fluspirilen (Imap) sogar zu 78 Prozent. Dabei spielt auch das zunehmende Lebensalter eine Rolle neben der Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht. In den USA betrug der Bevölkerungsanteil der über 60 Jahre alten Menschen 1985 11 Prozent - ihr Anteil an Verschreibungen von Neuroleptika lag jedoch bei 33 Prozent. 1986 untersuchten Forscher aus den USA 2.000 chemischen Substanzen und Millionen von Verschreibungen. 60,5 Prozent der Verordnungen an die über 65 Jahre alten Menschen in Altersheimen betrafen Neuroleptika.1989 ergab eine im New England Journal of Medicine erschienene Studie von Jerry Avorn von der Harvard Medical School in Boston, die 55 Altersheimen in Massachusetts untersuchte, erhielten dass 55 Prozent von 1.201 Untersuchten mindestens ein psychiatrisches Psychopharmakon verabreicht bekamen. 39 Prozent schluckten Neuroleptika und der Rest Antidepressiva, Lithium und Tranquilizer. Die Mehrfachverordnungen bei den Neuroleptika waren mit Abstand am höchsten, weil die Rezepte immer wieder automatisch ausgestellt wurden. Es hat ganz den Anschein, dass die wehrlosesten oder vertrauensseligsten Patienten am stärksten behandelt werden.

Besonders die alten Frauen bekommen psychiatrische Medikamente verordnet. Laut Karl Kimbel, dem Geschäftsführer der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, fielen 1985 auf 100 Frauen im Alter zwischen 71 und 80 Jahren 228 Verordnungen für Psychopharmaka. Die Frauen, die älter als 80 waren, erhielten 282 Verordnungen 13. Viele Psychiater meinen, dass es ab einem bestimmten Alter Geschlechtsunterschiede im Bedarf von Neuroleptika gibt. Die Frauen ab 40 Jahren sollen desmeist höhere Dosen als Männer benötigen 14.
Frauen werden von der Gerichtspsychiatrie sieben Mal häufiger als psychiatrische Fälle eingestuft und in Hochsicherheitsanstalten verschickt, wie der Observer herausfand. Zudem ist die Anordnung einer psychiatrischen Behandlung seitens eines Strafgerichts bei Frauen doppelt so hoch wie bei Männern 15.

Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Schlaftabletten: Solche Medikamente erhalten Frauen häufiger als Männer. Aus rein medizinischen Überlegungen heraus ist dies nicht zu erklären. Vielmehr scheint das Geschlecht ihrer Patienten die Ärzte beim Verschreiben zu beeinflussen.
Das Risiko der Abhängigkeit wird dabei oft ausgeblendet so unterschlagen die Ärzte oft zum Beispiel bei Benzodiazepinen, dass diese starken Beruhigungsmittel bereits nach acht bis zwölf Wochen Einnahme abhängig machen können. Deshalb sind bis zu 900.000 Frauen in Deutschland von Psychopharmaka abhängig. 16.
Arzneimittelexperte Prof. Gerd Glaeske von der Uni Bremen stellte fest, dass Frauen doppelt bis dreimal so oft Beruhigungsmittel verschrieben wie Männer. Die Ärzte legen nämlich bei Frauen und Männern unterschiedliche Maßstäbe an. "Frauen gelten aus der Sicht der Medizin als psychisch labiler, werden als hysterisch dargestellt, Frauen haben Schlafstörungen, Frauen haben hormonelle Störungen. Das alles spricht dafür, dass man angeblich das Richtige tut, wenn man Frauen Psychopharmaka verordnet, die sie dann beruhigen, die sie wieder ausgleichen [..] Insofern ist die Verordnungshäufigkeit natürlich abgeleitet von dem Bild, was die Medizin sich über Frauen gemacht hat." Die Pharmahersteller liefern auch passende Werbungen. Darin klage die Frau zum Beispiel über Magenschmerzen und der Arzt sage: "Nach zwei Minuten wusste ich, sie braucht etwas für die Psyche." Diese Vorurteile, und dass Frauen bei Ärzten offener über Probleme sprechen, haben gravierende Folgen: Von den rund 1,2 Millionen Menschen, die von Beruhigungsmitteln abhängig sind, sind etwa 80 Prozent Frauen.
Bei den Frauen werden besonders gerne Benzodiazepine eingesetzt . Diese Mittel werden besonders häufig in Bereichen eingesetzt werden, wo sie gar nicht hingehören, also bei Stress, bei Alltagsbelastungen, bei Unpässlichkeiten, bei Schlafstörungen. Das sind keine Indikationen für diese Mittel. Zudem werden die Präparate den Frauen auf Dauer verordnet, so dass sie unweigerlich in die Abhängigkeit hineinrutschen.
Ein typischer Behandlungsfehler ist die Verschreibung von Benzos als Mittel gegen Ängste. Dabei wären da Gespräche angebracht. Das Wichtigste für jemand mit einer Angstproblematik ist, dass er jemanden findet, der ihm zuhört und dabei hilft, die ihn quälende Angst als unbegründete Angst einzuordnen. Bei Ängsten sind Medikamente schlichtwegs kontraindiziert; sie verschärfen das Problem sogar auf massive Weise. Die Angst wird nämlich immer stärker, und der Betroffene muss immer mehr von dem Medikament nehmen. Dennoch schickt kaum ein Arzt seine Patientinnen zu spezialisierten Beratungsstellen oder zur Gesprächstherapie. Die Ärzte möchten ganz offensichtlich die Patientinnen in ihrer Praxis behalten. Eine Arztpraxis ist natürlich auch ein ökonomisch orientierter Betrieb. Um abrechnen zu können, sind Kunden in der Arztpraxis nötig. Also will der Arzt seine Patientinnen nicht verlieren. Womöglich deshalb werden recht leichtfertig über längere Zeit solche Präparate verordnet. In diesem Teufelskreis gefangen beginnt nun für viel der betroffenen Frauen eine Abhängigkeitskarriere, die in einen jahrzehntelangen Kampf mündet. Verläufe von 20 Jahren sind dabei keine Seltenheit. 17

Nebenwirkungen und Folgen

Die Einnahme von Psychopharmaka kann teils schwere Nebenwirkungen auslösen. Doch trotz des Wissens über die gesundheitlichen Gefahren gelten Psychopharmaka weithin als alternativlos und werden häufig unhinterfragt verabreicht:18

Die geringere Lebenserwartung

Die psychiatrische Psychopharmaka-Behandlung führt für Betroffene auf Dauer ganz offensichtlich zu einer um etwa 16 bis 25 Jahre geringeren Lebenserwartung gegenüber der Allgemeinbevölkerung. 19 Haupttodesursache ist jedoch nicht die Selbsttötung, sondern die koronare Herzkrankheit.
Die Nebenwirkungen der Psychopharmaka wie Gewichtszunahme und der zu beobachtende schlechte Ernährungszustand, körperliche Inaktivität, die hohe Raucherraten und anderen mit psychischen Erkrankungen verknüpften Faktoren, hat zusammen mit sozioökonomischen Entbehrungen eine verheerende Auswirkung auf die kardio-metabolische Gesundheit.20 Das Risiko ist desmeist einkalkuliert und notwendig. Die Abstimmung zwischen psychischem und physischem Wohlbefinden ist eine, die kein Patient gezwungen sein sollte, selbst vorzunehmen. Die Aufspaltung eines Menschen in Körper und Psyche ist inzwischen überholt und gefährlich.21
Daraus folgert sich, dass die körperliche Gesundheit von Patienten mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen, die Psychopharmaka nehmen, nicht vernachlässigt werden darf. Die fehlende Schulung von Psychiatern und Krankenschwestern hinsichtlich Fragen der körperlichen Gesundheit ist bei diesen Ergebnissen als äußerst bedenklich einzustufen. Der Preis einer guten psychischen Verfassung darf schließlich nicht eine lebenslange körperliche Erkrankung sein.

Der Einsatz von Neuroleptika ist bei Demenzpatienten mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden. Die Gefahr könnte bei Haloperidol größer sein als bei anderen Neuroleptika, wenn man den Ergebnissen einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt folgt. Eine Konsequenz wäre die verstärkte Suche nach nicht medikamentösen Behandlungsalternativen, um den überzogenen Einsatz von Neuroleptika endlich einzuschränken22

Herzerkrankungen

Bereits die kurzzeitige Einnahme psychiatrisch verordneter Neuroleptika über wenige Monate kann laut einer neuen australischen Studie Herzerkrankungen hervorrufen23

Medikamenteninduzierte Psychosen

Nicht nur Arzneimittel, die bei psychiatrischen Erkrankungen zur Anwendung kommen, sondern auch viele andere Medikamente beeinflussen das zentrale Nervensystem. Diese psychotrop wirksamen Substanzen können unter Umständen Ursache einer Psychose sein. Die behandelnden Ärzte ziehen diesen Zusammenhang bisher jedoch kaum in Betracht. Schon bei der Verabreichung nur eines einzigen Medikaments kann sich die Rate medikamenteninduzierter Psychosen je nach Dosis nach intravenöser oder vor allem intrathekaler (bei einer Injektion in den Raum unterhalb der harten Hirnhaut in den Liquorraum ) Anwendung erhöhen. Besonders riskant ist jedoch die gleichzeitige Gabe mehrerer Wirkstoffe („Polypharmazie“), die dann miteinander interagieren. Je mehr Medikamente der Arzt dem Patienten verordnet oder die sich der Patient selbst in der Apotheke kauft, steigen unüberschaubar sowohl die möglichen Wechselwirkungen als Ursache unvorhergesehener UAW (unerwünschte Arzneimittelwirkung) als auch die Toxizität einzelner Substanzen, selbst wenn diese Medikamente allein eingenommen keinerlei Schaden bewirken. Die psychotropen Effekte wegen Wechselwirkungen auf pharmakokinetischer 24 und pharmakodynamischer
Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)25 Ebene sind inzwischen am besten dokumentiert für Antibiotika als Ko-Medikation zu Lithium, Benzodiazepinen, Carbamazepin, Valproat, Neuroleptika, Antidepressiva, Methadon und Disulfiram. Gut untersucht sind auch die Wirkungen von zusätzlich eingenommenen Drogen, von denen insbesondere Alkoholkonsum die Entstehung von Psychosen deutlich fördert. Leider werden die Effekte oft nicht erkannt, korrekte epidemiologische Daten über deren Inzidenz sind daher nicht verfügbar. Gern übersehen wird auch, dass selbst frei verkäufliche Medikamente wie Phenylephrin (als Bestandteil von Erkältungsmitteln) und Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder nicht-steroidale Antiphlogistika (Entzündungshemmer) die Entstehung einer Psychose fördern können. Die Patienten teilen dem Arzt von der Anwendung dieser Medikamente regelmäßig nichts mit, weil sie diese für belanglos und unbedenklich halten. Eine gezielte Nachfrage ärztlicherseits sollte also dringend ins Basisrepertoire des Behandlers aufgenommen werden.
Je nach Individuum, geographischer Herkunft und Rasse existiert eine genetische Variabilität der arzneimittelabbauenden Enzyme. So metabolisieren viele Medikamente über das Cytochrom P450-System. Viele Antipsychotika und Antidepressiva werden über das Isoenzym CYP2D6 abgebaut. In Mitteleuropa liegt die Inzidenz (Anzahl der Neuerkrankungen) langsamer Metabolisierer für das Cytochrom CYP2D6 bei 5–10% (ca. 7% der Kaukasier). Jeder zehnte baut also das Medikament besonders langsam ab. Diese Menschen weisen unter therapeutischen Dosierungen deutlich erhöhte Medikamentenkonzentrationen auf, die dann die Ursache für potenziell toxische Nebenwirkungen sein können.
Hat eine Person gleich mehrere Erkrankungen gleichzeitig (Polymorbidität) , meist eine Nieren- oder Leberinsuffizienz und eine Ausprägung der Grundkrankheit (Karzinom, Herzerkrankungen, Pneumonie, neurologische Erkrankungen, Demenz), dann können diese Störungen den Metabolismus von Arzneimitteln unvorhersehbar beeinflussen. Die Konzentration des Wirkstoffs erhöht sich und die Blut-Hirn-Schranke kann durchlässiger werden.

Besonders anfällig für eine medikamenteninduzierte Psychose sind Patienten, die älter sind als 75 Jahre, wobei das Risiko bereits ab 60 Lebensjahren deutlich wächst. Meist spielt eine Multimorbidität mit hinein und die Pharmakokinetik der Medikamente ist altersbedingt physiologisch verändert.

Last but not least ist da noch die Vulnerabilität. Besonders die familiäre Belastung oder eine bereits bestehende psychiatrische Erkrankung sind hier bedeutsam als Prädisposition. Befindet sich ein Mensch in einer sozialen Belastungssituation, hat er gar eine eher melancholische Persönlichkeit mit geringem Selbstwertgefühl, dann kommt es leicht zur Entstehung einer endogenen oder induzierten Psychose.
Auch das kulturelle Umfeld, in dem sich der Patient befindet, kann von Bedeutung sein.

Die letzten Jahre über beobachtete man mit zunehmender Verordnung bestimmter Antibiotika vermehrt Psychosen bei vorerkrankten und auch bei bislang psychiatrisch unauffälligen Patienten. Hierzu liegen leider noch keine Untersuchungen vor.

Tritt nun eine medikamenteninduzierte Psychose auf, dann ist die Dosis zu reduzieren, das verdächtige Präparat abzusetzen oder die Applikationsart zu ändern. Eine spezifische antipsychotische Therapie ist hier unnötig, weil die Symptome normalerweise innerhalb weniger Stunden bis Tage abklingen.

Medikamente, die psychotrope Effekte auslösen können26
Substanzgruppen Beispiele
Antibiotika Tuberkulostatika: Isoniazid/Rifampicin
Betalactam-Antibiotika: Penicillin
Cephalosporine: Clararithromycin
Fluoroquinolone: Ofloxacin/Ciprofloxacin
Makrolidantibiotika
Metronidazol
Sulfonamide
Trimethoprim-Sulfamethoxazol
Anticholinergika Biperiden
Atropin
Antidementiva Donezepil
Antidepressiva Trizyklische Antidepressiva
Venlafaxin
Antiepileptika Phenytoin
Antihistaminika H2-Blocker wie Cimetidin
Antihypertensiva ACE-Hemmer
Betablocker
Kalziumantagonisten
Nitroprussid
Frei verkäufliche Substanzen Phenylephrin
Antimykotika Voriconazol
Kortikosteroide Prednison
Dexamethason
Hormonelle Kontrazeptiva
Immuntherapeutika Interferon alpha
Betaferon
Kardiaka Acetazolamid
Digoxin
Disopyramid
Etacyrynsäure
Procainamid
Quinidin
Theophyllin
(„Nicht“-) Benzodiazepine Zolpidem
Muskelrelaxanzien Baclofen
Tizanidin
Narkotika Barbiturate
Opiate: Fentanyl
Neuroleptika Chlorpromazin
Thioridazin
Clozapin
Olanzapin
Parkinsonmedikamente Levodopa
Methyldopa
Virostatika Antiretrovirale Therapeutika: HAART
Aciclovir
Verringerung des Hirnvolumens

Die langfristige Einnahme von Psychopharmaka verringert das Hirnvolumen. Mit zunehmender Dauer und Dosis der etwa gegen Schizophrenie oder Depressionen verordneten Medikamente leidet die Hirnmasse, wie eine amerikanische Studie zeigt. Was der Rückgang des Hirnvolumens für die Patienten bedeutet, wissen die Forscher nicht 27

Sexualverhalten

Zahlreiche Medikamente, vor allem Schmerzmittel, aber auch Antidepressiva und andere Psychopharmaka können zu Ejakulationsstörungen28 oder Libidoverlust führen, 29

Medikamentenabhängigkeit

Frauen bekommen zwei- bis dreimal häufiger psychotrope Arzneimittel verordnet als Männer. Das liegt darin begründet, dass die Frauen eher von psychogenen Leiden berichten als Männer.30. Arzneimittel sind oft die schnelle Lösung in der Praxis, aber man sollte genau überlegen, ob damit nicht auf Dauer mehr Schaden als Nutzen verbunden ist, sagte Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, forderte in diesem Zusammenhang eine Gesetzesverschärfung, um Geschenke und Schmiergeldzahlungen von Pharmaunternehmen an Ärzte zu bestrafen31
Die Frauen sind deshalb auch eher von Medikamentensucht gefährdet als Männer - und bei den Männern sind vor allem Manager durch Medikamentensucht gefährdet, "weil sie es sich nicht leisten können, mit einer Alkoholfahne herumzulaufen". Also greifen sie zu den happy pills. Besonders schlimm sind die Betroffenen, die abends Alkohol trinken und morgens psychotische Aufputschmittel einnehmen. Dies führt unweigerlich zu Kreuztoleranzen und man wird doppelt abhängig.32

Etwa 1,5 bis 1,9 Millionen Deutsche sind medikamentenabhängig. Zwei Drittel schlucken Schlaf- und Beruhigungsmittel, der Rest greift zu starken Schmerz- und Migränemittel, Hustenstillern und Psychostimulanzien. Insbesondere die verschreibungspflichtige Medikamente haben Suchtpotenzial - das sind vier bis fünf Prozent aller ärztlich verordneten Präparate. Ein Drittel davon wird laut DHS (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm) nicht wegen akuter medizinischer Probleme verschrieben, sondern um eine Sucht zu erhalten und Entzugserscheinungen zu vermeiden. 33

Nimmt man nun solche Mittel länger als drei Monate hintereinander ein, dann gilt man als abhängig. Ältere Menschen und Frauen sind besonders gefährdet. Jede fünfte Frau unter und jede vierte Frau über 50 Jahren schluckt mindestens einmal die Woche ein Medikament, das süchtig macht. Die Frauen führen meistens die Hausapotheke und sind zuständig für die Gesundheit der Familie. Zwar wissen sie auch besser über Gesundheit Bescheid, vernachlässigen aber paradoxerweise ihre eigene Gesundheit und greifen schnell zu Medikamenten, um den Alltag besser bewältigen zu können.34

Auch bei den Ärzten selbst ist die Hemmschwelle recht niedrig, selbst Medikamente zu schlucken. Aus diesem Grunde haben Suchtkarrieren in allen Bereichen der medizinischen Versorgung eine große Verbreitung.35

Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V. werden Frauen Schlaf- und Beruhigungsmittel und andere Psychopharmaka fast doppelt so häufig verschrieben wie Männern. Zwei von drei Medikamentenabhängige sind weiblich. Informationen und eine Anleitung zur Selbsthilfe erhalten Frauen und Angehörige durch ein neues Handbuch von der DHS. Zusammen mit der BKK wurden aufklärende und motivierende Materialien zum Thema erstellt.
Selbsthilfegruppen für Frauen können den Betroffenen dabei helfen, die Suchtproblematik zu bewältigen. Frauen sehen ihre Gesundheit eher ganzheitlich und heben psychische Gesichtspunkte stärker hervor. Also werden ihre somatischen Beschwerden oft weniger ernst genommen und gesellschaftlich als „psychisch“ abgetan. Die Ärzte müssen bei der Medikation mit abhängigkeitsverursachenden Schlaf- und Beruhigungsmitteln umsichtiger vorgehen als bisher. Eine zu hohe Dosis oder zu lange Einnahmezeit führt bei vielen dieser häufig verordneten Medikamente schnell zur Abhängigkeit.
So werden millionenfach Benzodiazepine vor allem Frauen zur Behandlung von z.B. Nervosität, Unruhe, Schlafstörungen, Ängsten und Panikattacken ärztlich verordnet. Diese Medikamente bergen jedoch, neben der erwünschten therapeutischen Wirkung, auch ein hohes Risikopotential für Medikamentenabhängigkeit.
Informationen für die Patientinnen sind wichtig, damit sie die Gefahren von Missbrauch und Abhängigkeit einschätzen können. Die Broschüre „Immer mit der Ruhe… Nutzen und Risiken von Schlaf- und Beruhigungsmitteln“ mit Basis-Informationen kann eine Hilfe sein, zusammen mit Ärztinnen oder Ärzten eine wohlüberlegte Entscheidung über die Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln zu treffen. Der gut verständlich gehaltene und umfassend informierende Flyer kann etwa in der Praxis ausgelegt werden.36

Das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz

Erst das 2011 in Kraft getretene Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz forderte auch die Nutzenbewertung von Medikamenten. Seitdem wandern neue patentgeschützte Arzneien nicht mehr automatisch in den Katalog der Krankenkassen. Es wird nur dann mehr bezahlt, wenn ein Zusatznutzen gegenüber bereits verfügbaren Alternativen festgestellt wird. Die Umsetzung der Regelung geht aber nur sehr langsam vonstatten und die bislang eingeführten rund 8000 Arzneimittel bleiben von der Reform unberührt. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie kritisiert die neue Zulassungspraxis. Bei der Nutzenbewertung sei es wichtig, Klarheit und Verlässlichkeit in die Auswahl der Vergleichstherapie zu bringen. Der Anbieter könne Versorgungsproblemen mit innovativen Arzneimitteln bekommen und wirtschaftliche Probleme bis hin zum Stellenabbau erleiden.37

Das AMNOG (Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz), dürfte die Marktpreise für Medikamente senken. Dies ist laut Arzneiverordnungsreport 2011 längst überfällig. Dabei wurden die Preise mit Großbritannien und Schweden verglichen. Das Krebsmedikament Glivec beispielsweise kostet hierzulande 2700 Euro, in Großbritannien aber nur 1800 Euro. Kein Einzelfall: Die 50 umsatzstärksten Patentarzneimittel in Deutschland sind im Schnitt 65 Prozent teurer als in Großbritannien. Demnach zahlen Deutsche viel zu viel für ihre Pillen.
Bei Generika - Medikamenten, die günstiger sind, weil sie keinem Patentschutz mehr unterliegen - sieht es noch schlechter aus. Laut Arzneiverordnungs-Report sind diese in Deutschland im Schnitt sogar um 90 Prozent teurer als in Großbritannien.
Das liegt daran, dass der Staat im Ausland stärker regulierend eingreift."Sowohl in England als auch in Schweden gibt es starke Gesundheitsbehörden, die den Markt viel strenger regulieren. Die meisten Scheininnovationen gibt es in den großen Indikationsgebieten. Dort, wo Patienten dauerhaft auf die Einnahme von Arzneien angewiesen sind. Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes, Asthma, Cholesterin gehören zur Zielgruppe, aber auch bei Psychopharmaka werden oft Medikamente angeboten, die mehr Schein als Innovation darstellten, weil viele Patienten, die über viele Jahre eine Arznei einnehmen, auch viel Umsatz bringen.38

Die IGeL-Falle

Der Krake des großen Geschäfts mit der Gesundheit reicht bis in die Arztpraxen hinein. Die niedergelassenen Mediziner sind dabei längst nicht mehr nur Opfer eines ausufernden Lobbyismus. Viele Ärzte können mit den einfachen Kassenpatienten kaum noch kostendeckend arbeiten und erschließen sich einige lohnendere Zusatzgeschäfte. Dankbar greifen sie den neuen Hype um Healthy-Living auf. Die Gesundheitschecks, Beratungen und Angebote zur Prävention spülen den Fachmedizinern inzwischen einen Milliardenumsatz in die klammen Kassen. Besonders kritisiert werden dabei die sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen, kurz Igel genannt. Diese Behandlungen stehen nicht im Behandlungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Die Patienten müssen also extra dafür bezahlen. Die Patienten bezahlten 2010 aus eigener Tasche 1,5 Milliarden € für diverse IGeL Es handelt sich dabei um Leistungen, die entweder so neu sind, dass sie noch nicht aufgenommen wurden oder aber ihre Wirksamkeit konnte nie bewiesen werden. Deswegen zahlen die Kassen dafür auch nicht.“39

Zwangsmedikation

Laut einer Studie der Universität Witten/Herdecke verordnen Psychiater und Neurologen Patienten in Pflegeheimen bezogen auf Menge und Dosierung doppelt bis viermal so viele Psychopharmaka wie Allgemeinmediziner.40 Diese Häufigkeit der Verordnung von Psychopharmaka lässt die Vermutung einer nicht rechtmäßigen und überzogenen Verordnungspraxis im Sinne der psychiatrischen Zwangsbehandlung aufkommmen41.

Um Geld und Personal zu sparen, werden Tausenden Demenzkranken Psychopharmaka verabreicht. Pflegeexperten rechnen mit zunehmender "chemischer Gewalt"42

Die Kinder als lukrative Zielgruppe

Der Pharmakologe Bruno Müller-Oerlinghausen sieht das größte Problem im Konzept der Frühprävention. Fraglich sei es schließlich, ob man beispielsweise bei sehr lebhaften Kindern gleich Medikamente gegen Hyperaktivität verschreiben müsse. Der Trend ginge dahin, schon bei kleinsten Anzeichen einer psychischen Störung medikamentös einzugreifen.
Kinder bekommen summa summarum oft Psychopharmaka verschrieben, um Symptome zu beseitigen, statt mit einer Therapie nach der Ursache der Auffälligkeit zu suchen 43 Die Verschreibung von Psychopharmaka für Kinder ist etwa in den letzten zwanzig Jahren um das 200-fache gestiegen. Um die Auffälligkeit von Kindern zu reduzieren, sie angepasster zu machen, und letzten Endes, um sie natürlich auch leistungsbereiter zu machen, kommen immer häufiger Arzneimittel zum Einsatz. Die gestressten Eltern empfinden das Ergebnis als Wohltat. 44
Es ist auch höchst zweifelhaft, dass etwa ein Viertel der Kinder heutzutage als psychisch krank behandelt werden soll. Die große Frage, die sich stellt, ist doch, ob ADHS nicht im Grunde genommen ein gesellschaftliches Problem darstellt. Unsere Gesellschaft muss sich fragen, welchen Grad an Bewegungsdrang und frei flottierender Aufmerksamkeit sie für erträglich hält. Die entsprechenden Grenzen werden immer enger gezogen. Weniger Freiräume zu lassen und Kinder damit als behandlungsbedürftig zu erklären, erscheint dabei nicht sonderlich sinnvoll45
Das bekannteste Medikament ist das ADHS-Medikament Ritalin ( Tablette mit 10 mg für 1,51 €) mit dem Wirkstoff Methylphenidat

Die Debatte um das Neuro-Enhancement

Unter pharmakologischem Neuro-Enhancement46 versteht man die Einnahme von psychoaktiven Substanzen aller Art mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung. Hirndoping, ein oft synonym verwendeter, jedoch nicht notwendigerweise deckungsgleicher Begriff, meint die missbräuchliche Einnahme solcher Substanzen, die verschreibungspflichtig oder illegal sind.

Ob sich die Stimmung oder die geistige Leistungsfähigkeit gesunder Menschen durch die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente oder illegaler Drogen langfristig und ohne größeres Risiko steigern lässt, ist nach wie vor offen.47 48 Dimitris Repantis und Kollegen haben dies vor kurzem sowohl für Antidepressiva49 als auch für Modafinil und Methylphenidat50 untersucht. Dabei fanden sie heraus, dass es weder hinreichende Belege für positive gefühls- oder leistungssteigernde Effekte durch die Einnahme von Antidepressiva noch von Methylphenidat gab. Für Modafinil fanden sie einen positiven Effekt auf die Aufmerksamkeit sowie dem Entgegenwirken der Folgen von Schlafentzug.

Ob diese Konsumenten sich dadurch einen unfairen Vorteil verschaffen und indirekt andere Menschen nötigen, diese Präparate ebenfalls einzunehmen, um nicht abgehängt zu werden, ist Gegenstand der ethischen Diskussion. Auch wird stark diskutiert, ob die Teils extremen Nebenwirkungen in einem akzeptablen Verhältnis zum Nutzen dieser Substanzen stehen. Nebenwirkungen, die bei Kranken in Kauf genommen werden, sind meist bei Gesunden inakzeptabel. Um die ethische Diskussion um die Neuro-Enhancer stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, haben sieben Forscher ein Memorandum51 zum Neuro-Enhancement veröffentlicht. In diesem Memorandum befürworten die Autoren eine vorurteilslose und offene Diskussion.

Im englischsprachigen Raum fordert die Bevölkerung inzwischen die Freigabe der Denk-Drogen für Gesunde. Wünschenswert ist das laut Chefarzt Hubert Buschmann nicht, weil eine solche Freigabe eine scheinbare Harmlosigkeit suggeriert. Es gebe jedoch keine nebenwirkungsfreie Droge. "Alle Substanzen, die auf den Hirnstoffwechsel einwirken, haben Nebenwirkungen und Suchtpotential." Der Chefarzt der Suchtklinik in Bad Tönisstein rät, anstatt sich immer mehr Pillen einzuwerfen, solle man sich lieber einmal fragen, was mit dem eigenen Beruf nicht in Ordnung ist, wenn die Leistungsfähigkeit nur durch Medikamente erhalten werden kann. Auch die Firmen sollten ihr Schweigen brechen und deutlich machen, dass Doping hier nicht erwünscht ist. 16 Stunden Arbeit am Tag kann ja auf Dauer nicht gesund sein, weil der Mensch Erholungspausen benötigt. Deshalb hat msan doch schließlich in Deutschland einmal die 40-Stunden-Woche eingeführt.52
Die Schweizer Nationale Ethikkommission hat 2011 ernsthafte Bedenken gegen den immer mehr steigenden Einsatz von Psychopharmaka beim Enhancement, der pharmakologisch erzeugten Leistungssteigerung des Gehirns, geäußert. In einer Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission der Schweiz (2011) werden ernsthafte Bedenken gegen den immer mehr steigenden Einsatz von Psychopharmaka beim Enhancement, der pharmakologisch erzeugten Leistungssteigerung des Gehirns, erhoben. Besonders hervorgehoben wurde das Enhancement bei Kindern:

"Hier ist eine steigende Tendenz zu pharmakologischen Eingriffen zu beobachten, die noch nicht (voll) urteilsfähige Personen betreffen, über die Erwachsene, in der Regel die Eltern, auch in gesundheitlichen Belangen entscheiden dürfen. Diese Tendenz erfährt durch die Motivation der Eltern, nur „das Beste“ für ihr Kind zu wollen und sicherzustellen, zusätzlich Auftrieb. Dabei wird oft „das Beste“ mit Blick auf das zukünftige Leben in der Gesellschaft definiert: Die Eltern wünschen in der Regel, dass das Kind im Wettbewerb um Ausbildung und Arbeitsplatz gut bestehe, indem vor allem seine kognitiven, aber auch emotionalen und sozialen Fähigkeiten verbessert und seine „Stressresistenz“ gesteigert werden. Dieser Wettbewerb beginnt bereits sehr früh, verstärkt beim Schuleintritt. Bekanntlich zeigen Psychopharmaka auch bei gesunden Kindern Wirkung. Entsprechend gross ist der Anreiz für die Eltern, solche Mittel einzusetzen, um die Aufmerksamkeit und Konzentration des Kindes zu fördern und es damit konkurrenzfähiger zu machen. Eine derartige „Optimierung“ der kindlichen Fähigkeiten geschieht ohne Zeitaufwand und auch unbemerkt, so dass sich die Eltern kritischen Bemerkungen nicht stellen müssen. Aus ethischer Perspektive ist die Tatsache von Belang, dass die Diagnose beispielsweise eines Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms, eines oppositionellen Trotzverhaltens oder einer Angststörung eine fachliche Herausforderung darstellt, weil die Abgrenzung zwischen normalen und krankhaften kindlichen Verhaltensweisen schwierig zu ziehen ist. Ebenfalls ist anzunehmen, dass durch den Anstieg des Verbrauchs von Psychopharmaka sich auch die Standards verschieben bzw. verschoben haben, welche Verhaltensweisen eines Kindes oder Jugendlichen sozial verträglich und „normal“ sind – oder eben als krankhaft eingestuft werden. Da die Diagnosestellung auch von solchen gesellschaftlichen Bewertungen sowie einem Interesse, dass sich Kinder im Kindergarten und in der Schule angepasst verhalten, beeinflusst ist, ist eine weitere Zunahme der Verschreibungen zu erwarten. Dieses Beispiel zeigt, dass die Abgrenzung zwischen Enhancement und Therapiebedürftigkeit kulturell und historisch variabel ist – und damit auch ethischer Reflexion bedarf. Der Konsum pharmakologischer Mittel kann noch weitere Auswirkungen auf den Charakter haben, weil dem Kind vermittelt wird, dass es nur mit Hilfe solcher Mittel in sozial anerkannter Weise „funktioniert“. Insofern seine Charaktereigenschaften medikamentös angepasst und von Psychopharmaka abhängig gemacht werden, hat es Folgen für seine Persönlichkeitsbildung und sein Selbstwertgefühl und könnte die Ausbildung von Mustern für Suchtverhalten begünstigen. Der Konformitätsdruck, unter dem Kinder von Seiten der Eltern und Bildungseinrichtungen stehen, erzwingt einen Standard an Normalität, der die Toleranz gegenüber Kindlichkeit abnehmen lässt. Auch könnte sich die Vielfalt von Temperamenten und Lebensweisen reduzieren und damit letztlich das Recht des Kindes auf einen offenen Lebensweg gefährdet werden. Die NEK-CNE plädiert dafür, die Lebensverhältnisse den Interessen und Bedürfnissen der Kinder anzupassen. Denn die Qualitäten der Kindheit, die nicht Aspekte des gesellschaftlichen Wettbewerbs und der Leistungsfähigkeit betreffen, sondern das Spielen, die Freundschaft und die erfolgsentlastete Muße ausmachen, könnten anderenfalls an Wertschätzung verlieren – und damit auch die Kindheit selbst.53

Das EEG-Neurofeedback verbessert das Gedächtnis und verringert die Ablenkbarkeit. Besonders zukunftsträchtig ist die Kombination von Neurofeedback mit gleichzeitiger elektrischer oder magnetischer Stimulation des Gehirns (Hirnstimulation). Zuerst wird das Gehirn des Patienten elektrisch vorerregt und danach fiel ihm das Erlernen des Neurofeedbacks deutlich leichter. Probanden waren zuerst Patienten, die einen Schlaganfall erlitten hatten und die es schaffen sollten, eine Roboterhand mit der Kraft ihrer Gedanken zu steuern. Die elektrische Stimulation des Gehirns erleichtert alle Arten von Lernvorgängen, ob Neurofeedback oder Vokabellernen. Wenn die Hirnzellen bereits erregt sind, arbeiten sie nämlich besser. Der Strom, der dabei anliegt, hat keine Nebenwirkungen, man bemerkt das nicht einmal. Daraus ergibt sich dann eine erfolgversprechende und schonende Methode des Neuro-Enhancements.54

Die Rolle der unmündigen Patienten

Die tief verwurzelte Pillengläubigkeit

Eine Rolle spielt auch, dass ein Patient, der den Arzt aufsucht, sich zumeist erst dann mit seiner Krankheit ernst genommen fühlt, wenn er Pillen verschrieben bekommt. Und weil dem Arzt oft die Zeit fehlt, intensiv nach einer alternativen Therapie zu suchen, verschreibt er eben rasch ein Pillenrezept, Dies geschicht dann immer häufiger an den als transparent geltenden Krankenkassendaten vorbei auf Privatrechnung. So das Ergebnis einer Studie des Zentrums für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen. Man verglich dabei Versorgungsdaten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit den Einkaufsstatistiken der öffentlichen Apotheken über die Jahre 1993 bis 2007. Die Differenz musste dann auf Privatverordnungen entfallen. In der Tat stieg der Privatrezept-Anteil der sogenannten Z-Drugs, eine seit Anfang der 1990er-Jahre auf dem Markt befindlichen Schlafmittelgeneration, die manche Ärzte für risikoärmer halten als die traditionellen Benzodiazepine, in diesem Zeitraum um bis zu 122 Prozent (Zolpidem) beziehungsweise 72 Prozent (Zopiclon). Die Verkaufszahlen kletterten in dieser Zeit von 1,4 auf 3,7 Millionen Packungen Zolpidem und von 0,8 auf 3,9 Millionen Packungen Zopiclon. Die Arzneimittelsicherheit dieser Präparate ist auch nicht gewährleistet. Es bestehe noch ein erheblicher Forschungsbedarf. Zwar halten manche Mediziner die Z-Drugs für risikoärmer in Sachen Missbrauch und Abhängigkeit, doch ermittelte das National Institute of Health and Clinical Excellence (Nice) schon 2004, dass keinerlei Unterschied bestehe im Vergleich zu kurzwirksamen Benzodiazepinen.55

Die Ärzte und Apotheker müssen folgerichtig daraufhin sensibilisiert werden, dass diese Mittel nicht so harmlos sind, wie es in vielen Übersichtsartikeln dargestellt wird, die von der Pharmaindustrie ausgegeben werden.

Medikalisierung und disease mongering

Eine Krankheit ist erst dann eine Krankheit, wenn sie auch einen entsprechenden Namen hat. Nicht nur einen Namen im Volksmund. Sondern am besten einen, der lateinisch oder griechisch klingt. Die Sprache solcher neuen medizinischen Ausdrücke für Gebrechen bezeichnet man im englischen Sprachgebrauch als „medicalese“ (= medizinesisch). Krankheiten werden nicht nur durch Forschung neu entdeckt, sondern können auch aktiv zu solchen gemacht werden.

Egal, ob eine Krankheit nun erfunden oder entdeckt wurde - wie wirkt es sich auf die Öffentlichkeit aus, wenn eine Krankheit plötzlich medikalisiert56 wird? Aus einem simplen Magenbrennen wird dabei eine gastroösophagiale Refluxkrankheit, aus chronischer Müdigkeit wird eine myaligische Enzephalomyelitis oder aus Impotenz eine Erektile Dysfunktion.
Eine kanadische Forschergruppe ist genau dieser Frage nachgegangen und hat einer Versuchsgruppe Krankheiten vorgelegt, die erst in den letzen Jahren medikalisiert worden sind. Die eine Hälfte der Gruppe erhielt die alten Namen der Krankheiten die andere Hälfte dieselben Krankheiten mit den medikalisierten Namen.
Das Ergebnis nimmt nicht Wunder: Waren die Namen der Krankheiten nun medikalisiert, dann waren die Probanden viel eher davon überzeugt, es handele sich bei ihnen um eine „echte“ Krankheit. Diese wurde als viel gefährlicher eingestuft, als wenn die Krankheiten auf verständliche Art und Weise benannt wurden. Zudem schätzten die Patienten die medikalisierten Krankheiten als viel seltener ein als ihre alltagssprachlichen Äquivalente - selbst dann, wenn hinter den Namen die exakt gleiche Beschreibung der Erkrankung in alltäglicher Sprache stand.

Es ist also gar nicht nötig, neue Krankheiten zu erfinden, um die Arztpraxen zu füllen; ein neuer, interessant klingender Name für ein altes Gebrechen reicht vollkommen aus.57 58

Das Disease Mongering 59 60 (deutscher Begriff Krankheitserfindung) bezeichnet ein unzulässiges Zuordnen normaler Lebensabläufe oder individueller Mängel wie etwa eine Glatzenbildung bei Männern zu therapiebedürftigen Krankheiten.
Vom Disease Mongering profitieren inzwischen ganze Berufszweige, Pharma- und Medizintechnikunternehmen, Kliniken, Wellness- und Kurbetriebe, Universitätsinstitute, Wissenschaftler und Forscher, Testlabore, Buchautoren und Verlage usw. In der Kritik steht in diesem Zusammenhang vor allem die Pharmaindustrie, die neue Krankheitsbegriffe prägt, bestehende Begriffe ausweitet oder bestimmte Mängel oder Symptome dramatisiert, um sich neue Absatzmärkte zu erschließen.
In dem Buch "Hypochondrie kann tödlich sein" von John Naish werden als Beispiele für Disease Mongering unter anderem folgende „Krankheiten“ und „Syndrome“ genannt: Spüllappensyndrom, Discofinger-Syndrom, Golfballleber, Rummelplatzschlaganfall und Kreditkartenischias.61
Steven Woloshin und Lisa M. Schwartz belegen in ihrer Studie, dass die Darstellung und Vermarktung des Restless-Legs-Syndrom als ein Beispiel für Disease Mongering gelten kann.62 63 RLS gibt es zwar als Erkrankung, aber die überwiegende Zahl der Betroffenen ist nicht behandlungsbedürftig. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit werden RLS-Diagnosen häufiger gestellt und Behandlungen begonnen, auch bei Patienten, die den Symptomen vorher keinen Krankheitswert zugemessen haben.

Viele Gesunde machte er zu psychisch Kranken - jahrelang. Nun hat sich der US-Psychiater Allen Frances, einer der ehemaligen Autoren des Katalogs für psychiatrische Störungen DSM, gegen seine eigene Zunft gerichtet: In seinem neuen Buch "Normal"64 legt er eine bemerkenswerte Beichte ab.
Je weiter die Psychiatrie voranschreitet, desto weniger normale Menschen bleiben übrig. So erfüllen heute schon mehr als achtzig Prozent der jungen Erwachsenen alle Kriterien für eine psychische Störung. Laut dem US-amerikanische Psychiater Allen Frances ist dies wiederum irre. "diagnostische Inflation" führte dazu, dass ein absurd hoher Anteil unserer Bevölkerung Antidepressiva, Neuroleptika, Anxiolytika, Schlaf- und Schmerzmittel schluckt, schreibt er in seinem Buch "Normal - Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen".
Schon lange wird vor einer systematischen Abschaffung der seelischen Gesundheit gewarnt. Doch mit Frances, 70, meldet sich jetzt jemand zu Wort, dessen jahrelange Tätigkeit darauf abzielte, normale Menschen in seelisch Kranke zu verwandeln.65

Der Psychiatriepapst Allen Frances leitete die Abteilung für Psychiatrie an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina. Als bezahlter Redner lobte er auch die Produkte der pharmazeutischen Firmen. Auch war er innerhalb der American Psychiatric Association (Apa) damit beschäftigt, neue seelische Leiden zu erfinden. Bei der Apa handelt es sich mit ihren weltweit 36.000 Mitgliedern um die größte Psychiatervereinigung der Welt. Sie publiziert die Bibel der Seelenheilkunde, das "Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen" (DSM).
Das dicke Handbuch listet alle die Verhaltensweisen auf, die nach Meinung der Apa als offizielle psychische Erkrankung zu gelten haben. Und das, was im DSM steht, hat einen beträchtlichen Einfluss auf den ICD-10. Das ist der Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit dem die deutschen Ärzte und Psychologen ihre Tätigkeiten abrechnen.
Im DSM wird definiert, wo die Grenze zwischen normal und gesund verläuft. Und diese Grenze wurde im Lauf der Zeit mit jeder neuen Ausgabe des DSM in Richtung des Bereichs des Normalen verschoben. Frances hatte an der Erstellung der dritten Auflage (DSM-III) mitgearbeitet; er war Vorsitzender der Kommission, die die derzeit noch gültige vierte Auflage (DSM-IV) erstellt hat. Allein in diesem Zeitraum stieg die Anzahl der aufgelisteten Diagnosen von 182 auf 297. Als Erklärung wurde benannt, dass diese Epidemie der Seelenleiden dem Fortschritt der Psychiatrie geschuldet sei. Schließlich fände man immer mehr Krankheiten, je genauer man forsche. 66

Genau mit dieser Mär räumt der Insider Frances auf. Seinen Worten zufolge seien die psychischen Störungen in Wahrheit aus "praktischer Notwendigkeit, Zufall, allmählicher Verwurzelung, Präzedenz und Trägheit" in das DSM gelangt. "Kein Wunder also [] dass die Störungen nach dem DSM ein ziemliches Sammelsurium ohne innere Logik sind und sich teilweise gegenseitig ausschließen."
Als Beispiel führt Frances die banale Schüchternheit an, die er und seine Mitstreiter in die "soziale Phobie" verwandelt haben. Das ist heutzutage die dritthäufigste psychische Störung. "Wir hatten alle den Kopf tief im Sand und verschätzten uns grob", räumt er ein. Leider habe er es nicht fertiggebracht, "drei neue falsche Epidemien bei Kindern vorherzusagen oder gar zu verhindern: Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und bipolare Störung". Die Kinder seien heute gar nicht gestörter als früher, räumt Allen Frances ein. "Was sich verändert hat, sind die Etiketten".
Die Psychiater haben jedoch aus ihren Pannen mitnichten gelernt. Ganz im Gegenteil treiben sie es jedes Mai noch toller. So beinhaltet die fünfte Ausgabe des Leitfadens , das DSM-5 viele neue Diagnosen, die das Risiko bergen, gewöhnliches Verhalten in krankhafte Zustände umzuwandeln. - Aus "der diagnostischen Inflation wird eine Hyperinflation".
Die normale Trauer wird zur schweren Depression. Schlecht gelaunte, reizbare Kinder haben Aussicht, eine disruptive Launenfehlregulationsstörung (DMDD) diagnostiziert zu bekommen. Die Völlerei wird als psychische Krankheit namens Fressgelage-Störung ("Binge Eating"-Störung) vermarktet. Tobemarie und Zappelphilip werden erwachsen, weil die Kriterien für ADHS jeglicher Altersbeschränkung entbehren. So besteht die Aussicht auf "Fehldiagnosen bei vielen gesunden Erwachsenen, die mit ihrer mangelnden Konzentration auf die Arbeit unzufrieden sind".
Die Beichte des populären Psychiaters könnte die Seelenheilkunde wieder in vernünftigere Bahnen lenken. Ärzte und Psychologen sollten schließlich nur jenen Menschen helfen, die tatsächlich seelisch krank sind, und die anderen gefälligst in Ruhe lassen.
Seine Gegner fragen sich allerdings, warum Frances so lange geschwiegen hat. So wurde er just in dem Moment vom Saulus zum Paulus, wo seine Tantiemen für ein DSM-IV-Begleitbuch in Höhe von 10.000 Dollar pro Jahr versiegen. Darüber und über seine Einkünfte schweigt Frances sich in seinem Buch ebenso aus wie über Details zu seinen Verbindungen zur pharmazeutischen Industrie. Er behauptet, er könne nicht einmal einen Computer bedienen und habe keine Unterlagen mehr.
So kann Allen Frances sich an den Namen keiner einzigen Pharmafirma erinnern, von der er die ganzen Jahre Honorare kassierte. Das liegt eventuell daran, dass der Psychiater selbst von der Hyperinflation der Diagnosen eingeholt worden ist. Das neue DSM führt schließlich die normale Altersvergesslichkeit als "leichte kognitive Störung".67

Mehr Infos dazu:

  • Jörg Blech: Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden. Fischer, Frankfurt 2004, ISBN 3-10-004410-X
  • Peter Conrad: The Medicalization of Society: On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2007
  • David Healy: The Latest Mania: Selling Bipolar Disorder. In: PLoS Med, 3/2006, e185
  • Lynn Payer: Disease-Mongers. How Doctors, Drug Companies and Insurers Are Making You Feel Sick. John Wiley, New York 1992, ISBN 0-471-54385-3
  • Jürgen Windeler: Disease Mongering – Bedeutung für die Versorgung.
  • Howard Wolinsky: Disease mongering and drug marketing. In: EMBO reports, 6/2005, S.612–4.
  • Werner Bartens: Krank zu sein bedarf es wenig. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 162 vom 16. Juli 2011, S. V2/1.

Der Einfluss der Pharma-Industrie auf die Studien und Journale

Gerade in den fröhlich-bunten Werbebroschüren der Pharmaindustrie sind die Wirkungen der modernen Psychopharmaka, allen voran der Neuroleptika, eine prima Sache.

Der direkte Einfluss der Pharmaindustrie auf die Meinungsbildner führt zu einer völligen Überbewertung der Pharmakotherapie in den meisten psychiatrischen Kliniken.68

Nur ein Drittel der Medikamentenstudien kommt ohne Förderung seitens der Industrie aus. Die Unabhängigkeit der Studienautoren ist also nicht gegeben und damit das Ergebnis der Studien anzweifelbar. Die Ergebnisse der unabhängigen Untersuchungen stützen die industriell gesponserten Studienergebnisse meistens nicht. Eine optimale Psychosenbehandlung sollte ohnehin auf einem psychosozialen Behandlungsmodell basieren, in dem Antipsychotika nur selektiv und in niedrigen Dosierungen gegeben werden.

Pharmaunternehmen können versuchen, die Forschung, die wissenschaftlichen Publikationen und die ärztliche Weiterbildung über ihre Produkte in ihrem Sinn zu beeinflussen, oder haben dies bereits gemacht. Dabei werden Forscher, insbesondere Meinungsführer, unterstützt, welche die klinischen Studien durchführen und die klinischen Richtlinien erstellen.69 70 Die Unterstützung erfolgt nicht in jedem Fall mit Geld, sondern kann auch durch Mithilfe beim Verfassen von wissenschaftlichen Publikationen erfolgen.71 Die Forscher können dabei in Interessenkonflikte (Befangenheit) zwischen dem allgemeinen Wohle und dem persönlichen (z.B. finanziellen) Interesse kommen.72 73Um die Transparenz zu erhöhen, müssen in biomedizinischen wissenschaftlichen Publikationen Interessenskonflikte angegeben werden. 74 75 76

Die werbefinanzierten medizinischen Journale sind weniger kritisch als andere - so das Ergebnis des Vergleichs von 11 Zeitschriften im Jahr 2011. Die gemischt finanzierte Ärztezeitung etwa kommt recht offiziell daher. Sie gibt sich als Stimme der deutschen Ärzteschaft und hat sich wegen der großen Zahl unkritischer Empfehlungen als besonders problematisch dargestellt.77 Die Fachzeitschriften bewerten veröffentlichte Studien zu Medikamenten und geben auch Empfehlungen zur Verordnung. Zum Teil sind diese Blätter hochglänzend und unterhaltsam aufgemacht. Zudem kosten sie nichts, weil sie sich durch Anzeigen der Pharmaindustrie finanzieren. Andere Blätter sind nüchtern und nähren sich aus Abonnements, für die der Arzt aufzukommen hat
Wer auf die gut aufgemachten Botschaften der Hochglanzblätter hört, der verschreibt unwirtschaftlich, verschafft seinen Patienten in der Regel keine relevanten Vorteile und schadet damit dem Gesundheitssystem. Denn man Geld nur einmal ausgeben. Es kommt auch zur Verschiebung des Fokus zur Behandlung mit Medikamenten, obwohl in vielen Bereichen auch nicht-medikamentöse Therapien wichtig sind. So kann und soll man auch Blutdruck normalerweise mit Medikamenten behandeln. Ebenso wichtig sind aber auch eine salzarme Diät, Gewichtsreduktion und viel Bewegung. Doch mit dieser Empfehlung verdient der Arzt natürlich keinen Cent.

Die Rolle der Scheinninnovationen

Die Hersteller überfluten den Markt mit Arzneien, wobei es sich bei 40 Prozent um Scheininnovationen handelt, Medikamente also, die als innovativ gepriesen werden, aber nicht besser sind als bisherige und den Versicherte jedes Jahr Milliarden Euro kosten. Auch bei Psychopharmaka sollen oft Medikamente angeboten werden, die mehr Schein als Innovation sind, weil viele Patienten, die über viele Jahre eine Arznei einnehmen, natürlich auch viel Umsatz bringen. Deutschland ist dabei für Pharmahersteller das Schlaraffenland, weil hier zu Höchstpreisen Medikamente auf einem gigantischen Markt mit 82 Millionen potenziellen Patienten angeboten werden. Laut Arzneiverordnungsreport 2011 ist fast jedes zweite der neuen und damit hochpreisigen Medikamente aus Sicht der Patienten völlig überflüssig. Besonders wurde Kritik laut am Psychopharmakon Seroquel oder Lyrica, einem Mittel, das bei Epilepsie oder Angststörungen eingesetzt wird.78

AMNOG, das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, könnte die Situation grundsätzlich ändern. Vor allem bei neuen, patentgeschützten Medikamenten wird künftig nur mehr bezahlt, wenn das unabhängige Kölner Institut IQWiG einen Zusatznutzen gegenüber bereits verfügbaren Alternativen feststellt. So waren die Prüfer beispielsweise nicht überzeugt beim Brustkrebsmittel Eribulin des Herstellers Eisai. Auch das Antidiabetikum Trajenta, das die Hersteller Boehringer Ingelheim und Lilly entwickelten, schnitt im Vergleich zu anderen hochpreisigen Mitteln gegen Zuckerkrankheit nicht besser ab.
In der Konsequenz brachten die Hersteller 2011 gar keine neuen Medikamente auf den Markt. Denn ohne nachgewiesenen Zusatznutzen gibt es einen wesentlich niedrigeren Festbetrag für das Medikament - es könnte künftig weniger lohnenswert sein, den Markt mit Pillen zu überfluten, als in der Vergangenheit.79

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