Erfahrungen in der Klinik

Für Menschen mit Pscyhosen führen viele verschiedene Wege in die Klinik. Die einen werden vom Hausarzt oder vom niedergelassenen Psychiater eingewiesen und begeben sich freiwillig in die Behandlung. Wieder andere werden gegen ihren Willen zwangseingewiesen. Sie sind überhaupt nicht der Meinung, krank zu sein. Das kann im schlimmsten Falle so weit gehen, dass sie von der Polizei in Handschellen in die Klinik eingeliefert werden. Dann gibt es noch Patienten, die sich selbst einweisen, meist nach beharrlicher Einflussnahme seitens ihres sozialen Umfeldes.
Viele Kliniken verfahren so, dass Neuzugänge prinzipiell auf die geschlossene Station gebracht werden. Es gibt aber auch inzwischen Kliniken, die ganz ohne geschlossenen Stationen auskommen. Der Betrieb dieser Kliniken funktioniert dann auffälligerweise mindestens ebenso gut wie mit geschlossener Station.
Eine geschlossene Station hat verschlossene Stationstüren, die nur von Ärzten oder Pflegepersonal geöffnet werden können. Auf einer solchen Station leben dann meistens 20 bis 30 Personen mit variablen Krankheitsbildern. Da finden sich dann beispielsweise neben akuten Psychosen auch schwerste Depressionen. Es ist nicht unüblich, bei Überbelegung die überzähligen Frauen und Männer in Betten auf dem Flur unterzubringen.
Die zumeist ohne Beschäftigung sich selbst überlassenen Patienten beeinflussen sich dann mit ihren psychotischen Gedankensystemen gegenseitig. Sie schaukeln sich gegenseitig auf. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein Patient den anderen beschuldigt, er würde alle Zeichen, die er sieht, auslösen. Dann kann ein junger Mann dazukommen, der von sich behauptet, er sei Gott. Besonders für erstmalig eingewiesene Patienten sind solche Erfahrungen schrecklich. Es gibt auch aggressive Patienten oder solche, die nicht dazu in der Lage sind, zu unterscheiden, was ihnen selbst oder anderen gehört. Sie gehen dann an fremde Schränke oder legen sich ins Bett eines Mitpatienten.
Sind Patienten zu unruhig oder zu aggressiv, dann können sie auch fixiert werden. Dazu ist eine richterliche Genehmigung nötig. Sie werden dann mit Gurten ans Bett gefesselt. Eigentlich müsste eine Sitzwache an ihrer Seite sein, doch ist meistens zu wenig Pflegepersonal auf der Station. Dabei kann es leicht vorkommen, dass die Patienten ins Bett urinieren oder schlimmeres, weil sie niemand zur Toilette bringt. Dies sind zutiefst entwürdigende Zustände, die keiner erleiden müssen sollte. Angehörige, die ihr krankes Familienmitglied in dieser Situation in einer geschlossenen Station vorfinden, sollten es daraus befreien. Es ist auf keinen keine Fall so, dass die Ärzte schon wissen, was sie tun und dass schon alles seine Richtigkeit hat.
Auf einer geschlossenen Station gibt es oft keine Therapie außer der Medikamente. Die Patienten sind regelmäßig verwirrt und desorientiert und oft wird ihnen bei der Aufnahme nicht einmal erklärt,

  •   dass sie krank sind
  •   dass sie in einer Klinik sind
  •   dass alles getan wird, um ihnen zu helfen
  •   was die Krankheit ist
  •   welche Prognose es gibt
  •   ob Medikamente angebracht sind
  •   wie die Medikamente wirken
  •   welche Nebenwirkungen auftreten können
  •   dass das Personal auf Rückmeldungen über das Befinden und die Nebenwirkungen angewiesen ist
  •   dass bei starken Nebenwirkungen die Chance besteht, das Medikament zu wechseln

Anstatt der nötigen Aufklärung werden die Patienten oft einfach mit dem für sie vorgesehenen Medikamenten konfrontiert. Nicht selten sind sie dann der Meinung, ihnen würde ein Gift serviert werden.
Vom Pflegepersonal ist oft weit und breit auf der geschlossenen Station nichts zu sehen außer bei der Ausgabe vom Essen oder bei der Verteilung der Medikamente. Also bleiben die Patienten regelmäßig unter sich und diskutieren mit den Mitpatienten ihre Probleme und kümmern sich auch gegenseitig umeinander.  Gerade die Patienten, die sich nicht (mehr) abgrenzen können, verfallen leicht in eine Art Pflegerolle, obwohl sie selbst schon sehr krank sind.
Auf der geschlossenen Station sollte jeden Tag ein Ausgang an die frische Luft gewährt werden. Auch dies fällt oft aus wegen Mangels an Arbeitskräften auf Station. Teilweise dürfen die Patienten jedoch in Begleitung ihrer Angehörigen die Station für kurze Zeit verlassen. Aus diesem Grunde ist es enorm wichtig, dass die Angehörigen ihre Familienmitglieder auch besuchen, wenn sie auf der geschlossenen Station sind, auch wenn diese Besuche oft sehr anstrengend und belastend sind.
Es gibt auch Alternativen zur geschlossenen Akutstation. So wünschen sich viele Betroffene die Umsetzung des Soteria-Konzepts. Das bedeutet im Einzelnen:

  •   Eins zu eins-Betreuung rund um die Uhr, so dass jeder akut psychotische Patient einen Bezugsbetreuer hat
  •   reizarme Umgebung wie ein Rückzugszimmer ("Weiches Zimmer")
  •   Medikamente nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich

  
Der Betroffene erlebt den Aufenthalt auf der Geschlossenen oft als Schock. Er empfindet das Wegsperren und Verwahren als wenig hilfreich.
Beim Abklingen der akuten Phase kommt es zur Verlegung von der geschlossenen auf die offene Station. Natürlich muss dort auch ein Bett frei sein. Auf der Offenen gibt es ein vielfältiges Therapieangebot:

  •   Psychodrama : Ein Psychologe leitet eine Gruppe, die zu einem bestimmten Thema ein Schauspiel aufführt und mit der Gruppe danach das Ergebnis bespricht.
  •   In der Beschäftigungstherapie widmen sich die Patienten gewissen gestalterischen Themen wie etwa die Arbeit mit Ton oder Holz oder dem Malen eines Bildes
  •   Beim therapeutischen Malen malen die Patienten je ein Bild zu einem vorgegebenen Thema und danach wird das entstandene Bild mit dem Kunsttherapeuten besprochen.
  •   Gymnastik
  •   In einer Lesegruppe verteilt der Arzt an die Patienten einen Text, der reihum vorgelesen und danach zusammen besprochen wird.
  •   In den psychoedukativen Gruppen informiert der Arzt über die verschiedenen Krankheitsbilder
  •   Beim kognitiven Computertraining können die Patienten ihre Aufmerksamkeit verbessern mit verschiedenen speziellen Computerprogrammen.
  •   In der Arbeitstherapie testet der Arbeitstherapeut die Patienten zum Beispiel bei Gartenarbeit oder Büroarbeit auf ihre Arbeitsfähigkeit.
  •   In der Tanztherapie können sich die Patienten tanzend der Körperarbeit widmen
  •   In der Musiktherapie können sich die Patienten musikalisch auf verschiedenen Instrumenten ausdrücken.

  
Darüber hinaus finden Einzelgespräche mit Psychologen oder dem Arzt statt, in denen der Patient seine Probleme benennen und diskutieren kann. Jedem Patient wird oft ein Bezugspfleger zur Seite gestellt, an den sich der Patient mit allen seinen Problemen wenden kann.
Zur Belebung des Stationsalltages werden gemeinsame Aktivitäten wie Kochen, Kaffeetrinken, Museumsbesuche , Ausflüge usw. angeboten. Der Ausgang des jeweiligen Patienten ist meist individuell geregelt. Das können 30 Minuten sein oder aber die gesamte therapiefreie Zeit über.
Der Umgang mit den verschiedenen akuten Symptomatiken der Patienten variiert von Klinik zu Klinik. Die eine Klinik erhöht bei Auffälligkeiten sofort die Medikamente, während es in einer anderen Klinik Akzeptanz gibt für das auffällige Verhalten. Eine Frau, die sich etwa das Gesicht mit Theaterschminke verschmiert und phantasievoll das Krankenzimmer ausrichtet, kann also so oder so behandelt werden. Manche Klinik erlaubt es den Patienten, solche Impulse gesteigerter Kreativität auch auszuleben. Das Ausleben solcher Impulse, solange andere dadurch nicht belästigt werden, wünschen sich auch viele Psychoseerfahrene. Werden die Impulse durch eine hohe Medikamentendosis niedergespritzt und weggedämpft, dann leiden die Betroffenen oft unter den Nebenwirkungen, die sie als Aggression gegen sich erleben.
Die Medikamente sind nur eine Säule der Behandlung. Ein ausreichendes Angebot an Therapien erleichtert den Rückgang in die Realität ungemein. Viele Kliniken haben kein ausreichendes Angebot an Therapien zur Verfügung. Doch es gibt keine Klinik in Deutschland, die nur mit Medikamenten operiert, auch wenn der Betroffene oft das Gefühl hat, die Behandlung sei allein auf die Medikamnetion ausgerichtet. Viele Betroffene fordern, dass das Angebot an Psychotherapien an den Kliniken stark erweitert wird.
Die Verkürzung der Verweildauer des einzelnen Patienten ist ein wesentliches Ziel der Klinik. So kommt es vor, dass Patienten entlassen werden, obwohl sie noch nicht stabil genug sind, um den Alltag zu meistern. Dies ist besonders schlimm, wenn das außerklinische Angebot nicht stimmt und zu kurz kommt. Oft mangelt es an einer vernünftigen Übergangsphase, in der sich der Patient wieder in seinen Alltag einfühlen kann.  Zwar sind Wochenendbeurlaubungen ein Standard, um die die Patienten wieder an die Realität zu gewöhnen, doch empfinden viele Patienten die Entlassung aus der Klinik als Sprung ins kalte Wasser. Im Idealfall betreut der Sozialpsychiatrische Dienst oder eine komplementäre Einrichtung den Patienten im Anschluss an die stationäre oder teilstationäre Behandlung vor Ort weiter.
Je nach Klinik variiert auch der Umgang mit den Angehörigen. Manchmal werden sie wie Störenfriede oder gar Feinde behandelt. Sie bekommen dann auch kein Gespräch mit dem behandelnden Arzt und falls doch, dann nur sehr wenig Informationen. Andere Kliniken beziehen die Angehörigen wiederum richtig mit ein und sehen im Angehörigen einen wichtigen therapeutischen Partner. Oft gibt es auch Angehörigengruppen, in denen ein Profi die Gruppe leitet und die Angehörigen Fragen stellen können zur Krankheit, zur Klinik und zur Behandlung. Es gibt sogar Kliniken, die an einem Grünen Tisch, der trialogisch besetzt ist (also mit Betroffenen, Angehörigen und Profis), um über Verbesserungsmöglichkeiten und die Situation an der Klinik zu sprechen.
Beschwerdestellen und Patientenfürsprecher sind ein wichtiges Element zur Qualitätssicherung in den Kliniken. An diese Stellen können sich Patienten wenden, wenn sie sich beschweren möchten über die psychiatrische Behandlung und dazu nicht vor Gericht ziehen möchten. Die Beschwerdestelle oder der Patientenfürsprecher vermitteln dann zwischen allen Beteiligten, um die Situation zu entspannen.
Ein Ergebnis der Aktivitäten seitens der Betroffenenorganisationen sind die sogenannten Behandlungsvereinbarungen, die an manchen Kliniken eingeführt wurden. Der Betroffene kann dann in einer stabilen Phase mit der Klinik eine Vereinbarung treffen, wie er im Krankheitsfall zu behandeln ist. Diese Vereinbarung ist nicht rechtsbindend. Doch bewährte sich die Praxis, weil viele Kliniken bemüht sind, sich an die Vereinbarung zu halten. Hier wird niedergeschrieben, welche Besucher auf Station dürfen, mit welchen Medikamenten gute oder schlechte Erfahrungen gemacht wurden und was zu tun ist, bevor eine Fixierung Anwendung findet. Es besteht aber auch die Möglichkeit, ein psychiatrisches Testament zu verfassen, also eine Patientenverfügung. Die verschiedenen Vorsorgemögliichkeiten werden hier näher beschrieben.
Sowohl die Angehörigen als auch später die Betroffenen haben Selbsthilfeverbände gegründet, um einen inzwischen erkennbaren Einfluss auf die psychiatrische Landschaft auszuüben. Viele Verbesserungen sind das Ergebnis des Engagement dieser Verbände. Wer mit der psychiatrischen Behandlung unzufrieden ist, dem ist dringend anzuraten, Mitglied eines dieser Verbände zu werden.
Damit endet dieses Kapitel über die Klinik, welche Zentrum der psychiatrischen Versorgung ist, obwohl die meiste Zeit der psychotischen Phasen von den Betroffenen und ihrem Umfeld außerhalb der Klinik getragen wird.

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