Auswege aus dem Sumpf der Korruption

Auswege aus dem Dilemma

Shortcuts bei der Auswahl einer Therapie

Beliebte Shortcuts zur Auswahl von Therapien1 sind:

  • Newer is better
  • Experts know best
  • If there is mechanism for how it works, it works
  • If my peers are using a therapy, so should I
  • If the manufactures give gifts, I should support them in return
  • If I see changes after prescribing a therapy, the therapy must be the cause

Rationale AM-Therapie

Es ist nicht mehr sichergestellt, dass die Patienten genau die Therapie bekommen, die notwendig ist, das ,Rational medical Treatment' ist also nicht mehr gewährleistet. „Rationale Arzneitherapie bedeutet, dass jeder Patient eine Medikation erhält, die für seinen klinischen Bedarf angemessen ist, in Dosen, die den Anforderungen entsprechen, für einen angemessenen Zeitraum und zu den niedrigsten Kosten für ihn und die Gemeinschaft.“

Unterstützung rationaler AM-Therapie2

  • Sensibilisiertes Bewusstsein für industrielle Desinformationsstrategien
  • Einsatz der verfassten Ärzteschaft für Distribution praxistauglicher unabhängiger AM-Information (Printmedien,Software, Veranstaltungen)
  • Werbung für elektronische AM-Verordnung mit unterstützender intelligenter, werbefreier Praxissoftware und für die Nutzung einer medizinisch adäquat strukturierten elektronischen Gesundheitskarte
  • Einsatz für Positivliste mit integrierter Kosten-Nutzen-Bewertung
  • Festlegung der Spitzenverbände auf Leitsubstanzen für große Wirkstoffgruppen (AVWG)

Vermeidung von Scheininnovationen

Bewertung neuer Arzneimittel 1981-2004 durch „Prescrire International“3

Bewertung Zahl der AM %
Herausragende Innovation 7 0,23
Echter Fortschritt 77 2,49
Verbesserte Therapie 223 7,20
Möglicherweise hilfreich 467 15,08
Nichts Neues 2109 68,12
Abzulehnen 87 2,81
Zur Zeit nicht beurteilbar 126 4,07
Summer 3096 100

Einführung einer Positivliste

Das Projekt ,Positivliste' wird wieder en vogue - darin sollen nur Arzneimittel erscheinen, die von nachweislich hohem therapeutischen Nutzen sind, kostengünstig und von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden. Die Rot-Grüne Regierung hat dieses Projekt dann aber in den 1990er Jahren - zumindest nach Aussage von Prof. Ludwig von der Arzneimittelkommission - abgeschmettert. Professor Ludwig scheiterte inzwischen schon dreimal bei dem Versuch, das Projekt zu etablieren. Die meisten EU-Mitgliedsländer, wie Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal und Schweden, verfügen übrigens schon seit vielen Jahren über solch eine Positivliste.
In Deutschland kursieren derzeit etwa 20.000 verschreibungspflichtige Medikamente, von denen viele überflüssig sind. Der Pharmakologe Gerd Glaeske schätzt, dass 40 Prozent aller neuen Produkte Schein-Innovationen sind - Pillen, die als innovativ gepriesen werden, aber keinen Zusatznutzen bringen, sondern manchmal sogar unerwünschte Nebenwirkungen haben. Nicht selten waren macht- oder geldhungrige Ärzte willfährige Helfer, die Medikamente anpriesen, die nie auf dem Markt hätten verkauft werden dürfen. Da war zum Beispiel das Schmerzmittel Vioxx, dessen Nebenwirkungen geschönt wurden, bis Patienten reihenweise einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt erlitten. Oder der Cholesterinsenker Lipobay, der in Wechselwirkung mit anderen Pillen Muskelschäden bei Patienten verursachte.Eine Positivliste würde die Spreu vom Weizen trennen und festlegen, welche Arzneimittel wirklich nützlich sind und für eine gute medizinische Versorgung ausreichen.
"15 bis 20 Prozent der in Deutschland erzielten Medikamentenumsätze entfallen auf Scheininnovationen", schätzt Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Dabei sind 30 bis 40 Prozent der Ärzteschaft der Überzeugung, dass neue Produkte auch eine verbesserte Wirkung aufweise. Das liegt einfach daran, dass die Fortbildung praktisch nur in den Händen der Industrie liegt 4:

Das jährliche Verschreibungsvolumen beträgt etwa 30 Milliarden Euro pro Jahr. Allein bei den gesetzlichen Krankenkassen fließen also ungehindert 4,5 bis sechs Milliarden Euro in die Mogelpackungen. Mindestens zwei bis drei Milliarden Euro ließen sich einsparen, indem man auf bereits bewährte Mittel umsteige, meint Glaeske. Er gibt den Arzneimittel-Report der Barmer GEK heraus. Zusätzliches Sparpotenzial macht Glaeske durch den Einsatz von Nachahmerpräparaten, den sogenannten Generika aus. Bei den Verschreibungen im Bereich der Privaten Krankenkassen sieht es nicht anders aus. Bei diesen sei noch gar kein Kostenbewusstsein spürbar.5:

Einschränkung und Kennzeichnung der Drittmittelforschung

In unseren Tagen gilt unter den Hochschullehrern nur der etwas, der gute Drittmittelwerbung einfährt. So kommt es zu Verträgen zwischen der Universität Köln mit Bayer, die nicht transparent sind. Das ist in sich gänzlich inakzeptabel. Das Verwaltungsgericht Köln hat im Dezember 2012 entschieden, dass der Vertrag über die Forschungskooperation zwischen der Bayer Pharma AG und der Universität Köln geheim bleiben darf. Man munkelt inzwischen, dass zwischen Bayer und der Uni Köln - die ein Zentrum für klinische Studien hat - angeblich die umfangreichste Zusammenarbeit begründet wurde, die je eine Hochschule eingegangen ist. - Mit Haut und Haaren verkauft.
Zum Beispiel an der Uni Köln, die jedes Jahr eine sechsstellige Summe von Bayer bekommen soll und vertragliche Details, wenn überhaupt, dann nur zögerlich offenlegt. Fühlen sich die Profs der Freien Universität Berlin nur ihrem Fach und den Studenten verpflichtet oder auch dem Unternehmen Sanofi-Aventis, mit dem die Uni einen Kooperationsvertrag schloss? Wie gehen Lehrende und Doktoranden an der Uni Mainz damit um, dass das Darmstädter Pharmaunternehmen Merck Projekte der Hochschule bezuschusst?

Ohne Drittmittelfinanzierung, also etwa dem baren Geld aus der Industrie, argumentieren die Hochschulen, stünde es schlecht um den wissenschaftlichen Fortschritt. Das mag ja sein, es ist aber unzulässig, dass Pharmafirmen die Agenda staatlicher Hochschulen bestimmen. Und dass sie dies im Verborgenen tun. Was genau wäre dann eigentlich noch Hochschule an der Hochschule? Das Grundgesetz garantiert die Freiheit von Forschung und Lehre, doch haben sich inzwischen an den medizinischen Fakultäten private Herren eingeschlichen und eingekauft, denen der Begriff "Transparenz" sehr anstößig ist.

Selbst die Berliner Charité unterzeichnete 2010 Forschungsverträge mit Sanofi-Aventis, um dem akuten Geldmangel Paroli bieten zu können. Diese Verflechtungen ziehen dann ganz automatisch Interessenkonflikte nach sich. Die Freiheit von Forschung und Lehre wird dabei ad absurdum geführt. Die Studenten können nicht mehr beurteilen, ob der Dozent ihnen in der Vorlesung einen Werbeblock vorgetragen hat, weil er vielleicht gerade an diesem Wirkstoff forscht. Dabei ist es immens wichtig, für die Studenten eine unabhängige Ausbildung zu gewährleisten und dass die Universitäten genügend Geld dafür bekommen, damit sie ihrer Aufgabe gerecht werden. Die öffentliche Hand ist darin gefordert, die Unabhängigkeit von Medizin und Wissenschaft finanziell zu fördern. Im Moment versagt die Politik an diesem Punkt vollkommen. Dabei ist es doch nötig, sich zweimal Gedanken machen, wenn es um die Gesundheit geht. Es ist entscheidend, die Finanzierung zu klären und den politischen Willen zu formulieren, die Leute gesund zu halten.

Offenlegung aller Nebeneinkünfte

Die Elite der Nervenheilkunde ist eng mit Pharmakonzernen verflochten: Psychiater, Neurologen, aber auch Psychologen arbeiten als bezahlte Berater für die Unternehmen. Nun fordert ein Professor seine Kollegen auf, ihre Nebeneinkünfte offenzulegen,6

Ein Beispiel ist Matthias Riepe, ein Nervenarzt von der Uni Ulm. Als Mitverfasser einer Leitlinie für Demenzerkrankungen hält er sich sehr bedeckt. Weil die Leitlinie die Gabe bestimmter Medikamente empfiehlt, wäre es aufschlussreich zu erfahren, ob die Verfasser finanzielle Verbindungen zu Herstellern von Medikamenten haben. Riepe dazu erklärt, er habe keinen Interessenkonflikt.. Aber zu seinem Gehalt als Professor für Gerontopsychiatrie verdient er kräftig dazu. Er hat finanzielle Zuwendungen aus der Industrie angenommen – von AstraZeneca, JanssenCilag, Eisai, Pfizer und Lundbeck. Dafür hat er im Gegenzug die Firmen beraten und für sie Vorträge gehalten. Riepe hat etwa das umstrittene Alzheimer-Mittel („Donepezil“) öffentlich gelobt – auf einer Veranstaltung, welche just die Herstellerfirma sponserte. Dass die Demenz-Leitlinie das besagte Medikament ebenfalls positiv erwähnt, erstaunt nun nicht wirklich. 7

Die Pharmafirmen bezahlen in vielen Bereichen der Medizin die Ärzte. Besonders in der Nervenheilkunde ist es zu einer Selbstverständlichkeit geworden. So sind es die Psychiater, die einer Studie aus Minnesota zufolge die höchsten Zuwendungen aus der Pharmaindustrie kassieren. Von 37 Leitern der Kliniken für Psychiatrie an deutschen Universitätskliniken haben nach SPIEGEL-Recherchen offenbar mindestens 35 auf ihrem beruflichen Werdegang finanzielle Zuwendungen von Pharmafirmen angenommen.8

Auch Klaus Lieb, 45, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Mainz, gehörte zu den Seelsorgern der Industrie. Zusätzlich 10.000 Euro und mehr habe er früher jährlich dazuverdient. Das war völlig legal, weil er diese Nebeneinkünfte stets vom Arbeitgeber absegnen ließ. Im Lauf der Zeit erkannte er jedoch, dass er sich immer mehr in Abhängigkeit der Pharmaleute begeben hat. Er machte sich selbst für Medikamente stark, die er eigentlich gar nicht so gut fand. Er war nicht mehr frei und unabhängig. Deshalb hat er das alles aufgekündigt und als erster Direktor einer Klinik für Psychhiatrie in Deutschland öffentlich erklärt, dass er von pharmazeutischen Firmen kein Geld mehr annehmen werde. Dann wurde er auch noch in den Vorstand der Mezis gewählt, die gegen die Korruption in der Medizin kämpfen. 9

Peter Falkai, 49, Leiter der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Göttingen, hat sich gern von den Pharmaunternehmen aushalten lassen. Schon als junger Assistent begann er damit, persönliche Honorare aus der Industrie anzunehmen. 2010 war Falkai Firmen wie AstraZeneca, Bristol-Myers Squibb, Eli Lilly, Janssen-Cilag, Lundbeck und Pfizer zu Diensten – zusätzlich zu seiner Uni-Professur. Die Kontakte zur Pharmawelt haben Falkai nicht geschadet. Ganz im Gegenteil ist er seit Anfang 2011 ist er sogar Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), eines Verbands mit mehr als 5500 Mitgliedern – der seinerseits enge Verbindungen zur Industrie pflegt: Arzneimittelhersteller sponsern den Jahreskongress der DGPPN in Berlin; Geld in Höhe von etwa einer Million Euro fließt an eine Agentur. Seine Einsätze für pharmazeutische Firmen will Falkai aber nicht nur als Möglichkeit verstanden wissen, „ein bisschen Beibrot zu kriegen“, sondern auch als Gelegenheit, über „interessante Themen zu reden“. Zwar nimmt er als DGPPN-Präsident vorübergehend keine Beraterhonorare an, doch behält er es sich vor, nach seiner Amtszeit wieder einzusteigen. Liebs Ausstieg wertet Galkai als falsches Signal, da seines Erachtens eine Beratertätigkeit bezahlt werden solle. Die Mitarbeiter der pharmazeutischen Industrie sehen es genauso. Sie rekrutieren systematisch die Nervenärzte, welche sich bei ihnen verdingen als Berater, als Mitglieder des „advisory board“ oder als bezahlte Redner, als Mitglieder des „speakers’ bureau“. Gegen gute Bezahlung.10

Sobald nun die Hochschulmediziner auf den Lohnlisten pharmazeutischer Firmen vermerkt sind, ist deren Unabhängigkeit gefährdet. Ober- und Chefärzte fungieren ab diesem Zeitpunkt als „Meinungsbildner“ – spöttische Kollegen halten die Bezeichnung „Mietmäuler“ für treffender: Dabei sollen sie natürlich den Interessen ihrer Auftraggeber dienen, also den Firmen Glaubwürdigkeit verleihen und für hohe Verschreibungszahlen sorgen. Die Meinungsbildner sind wichtig in der Psychiatrie. Die Psychopharmaka gehören nämlich zu den umsatzstärksten Medikamentengruppen überhaupt. Dabei ist meistens unklar, welche Summen für diese Meinungsbildung abfallen. Insidern zufolge erhalten sie für jeden Auftritt für eine Pharmafirma mindestens 1000 Euro – oder deutlich mehr. Falkai meint, er habe nur zwischen 10.000 und 15.000 Euro im Jahr zusätzlich verdient.11

Hans-Jürgen Möller von der Universität München dürfte da schon ein größeres Licht sein: Laut einer Auskunft aus dem vorigen Jahr fand er neben seinen Verpflichtungen als Klinikdirektor noch Zeit, gleich 13 verschiedenen Pharmafirmen als Berater oder Redner zu dienen. Hans-Christoph Diener, 60, Direktor der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Essen und Außerordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, berät nebenher 28 verschiedene Pharmafirmen und andere Unternehmen.. Allein 2010 verdiente er rund 95.000 Euro brutto an Industriehonoraren dazu. Von diesen Zahlungen hat die breite Öffentlichkeit natürlich kaum eine Vorstellung – und sie ist sich auch nicht bewusst bezüglich der sich ergebenden Nachteile. Ein Arzt ist schließlich dem Patienten verpflichtet und ein Meinungsbildner seinem Auftraggeber. Der sich ergebende Interessenkonflikt kann dann zu einer schlechteren Versorgung führen, weil der von der Industrie alimentierte Mediziner Präparate lobt und verschreibt, für die er sich ansonsten wohl niemals eingesetzt hätte.12

Die Pharmafirmen setzen Meinungsbildner nicht nur ein, um Werbung für ihre Pillen zu machen, sondern auch, um Krankheiten zu vermarkten, die sie erfunden haben. Mitarbeiter der Firma SmithKline Beecham in München kamen beispielsweise auf die Idee, das Sisi-Syndrom zu erfinden: eine angebliche Depression, an der schon die österreichische Kaiserin Elisabeth („Sisi“, 1837 bis 1898) gelitten habe. Das Leiden sei jedoch sehr schwer zu diagnostizieren, weil die betroffenen Frauen es mit Frohsinn und Zufriedenheit überspielten. Natürlich hatten die Krankheitserfinder auch ein passendes Mittel parat - eine Tablette namens Seroxat. Also bedurfte es nur noch der entsprechenden Nachfrag. Und wer eignete sich am Besten dazu, das Sisi-Syndrom im Volk bekannt machen? Anke Rohde, die Leiterin des Bereichs Gynäkologische Psychosomatik des Universitätsklinikums Bonn, erklärte sich bereit, dabei behilflich zu sein. Im August 1998 flog sie dann von Frankfurt nach Mallorca und sprach auf einem „Forum“ zum Sisi-Syndrom, das SmithKline Beecham im Castillo Hotel Son Vida in Palma veranstaltete. Für ein stattliches Honorar erzählte Rohde den Teilnehmern des Forums von psychopathologischen Studien zum angeblichen Syndrom. Ihre Auftraggeber waren so angetan, dass sie zwei Monate später wieder einen Auftritt hatte. Dazu veranstaltete die Pharmafirma eine Pressekonferenz im Hotel Sacher in Wien. Dabei sprach Rohde über „Kaiserin Elisabeth (Sisi) als Prototyp eines verkannten Patientenbildes“. Der Psychologe Hans-Ulrich Wittchen gab dabei Schützenhilfe: Allein in Deutschland seien knapp drei Millionen Menschen vom Sisi-Syndrom betroffen. Die Pressekonferenz erfüllte ganz den gewünschten Zweck, um das Sisi-Syndrom der Öffentlichkeit als neues Leiden zu verkaufen. Später lobte Rohde auf Veranstaltungen und in Pressemitteilungen über menopausale und prämenstruelle Störungen die Präparate von GlaxoSmithKline und Wyeth. Wittchen blieb ebenfalls der Industrie treu und leitet heute das Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden. Zuletzt arbeitete er nebenbei als Berater für sechs Pharmafirmen. Die Industrie umwirbt Professor Wittchen jedoch auch deshalb, weil er am „Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen“ (DSM) mitarbeitet. Die hier aufgeführten Fakten haben direkten Einfluss auf den Markt der
Psychopharmaka. Schon kleine Änderungen der Diagnosekriterien zeitigen große Auswirkungen auf die Verschreibungszahlen. Momentan arbeitet eine Kernmannschaft von etwa 160 Experten an einer neuen Fassung des Handbuchs, das 2013 erscheinen soll. Die Pharmazie sitzt natürlich mit am Beratungstisch, weil mehr als die Hälfte der beteiligten Ärzte und Psychologen inzwischen finanzielle Verbindungen mit der Industrie eingeräumt haben.13

Dann geht es der Pharmalobby natürlich auch um die Manipulation der medizinischen Leitlinien, die von Fachgesellschaften herausgegeben werden. Die behandelnden Ärzte lesen darin nach, wie bestimmte Erkrankungen zu behandeln sind. Die Erwähnung eines bestimmten Wirkstoffs in einer Leitlinie bürgt selbstredend für exorbitante Umsätze. Also versuchen die pharmazeutischen Firmen, die Verfasser der Leitlinien finanziell an sich zu binden. In vielen Leitlinien werden diese Verbindungen unterschlagen. So empfiehlt die Leitlinie „Hyperkinetische Störungen“ beispielsweise Wirkstoffe für Kinder, bei denen die Mediziner eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert haben wollen. In der Leitlinie fehlt natürlich ein entsprechender Hinweis darauf, inwiefern die Verfasser finanzielle Zuwendungen von pharmazeutischen Firmen angenommen haben. Der beteiligte Psychologe Manfred Döpfner von der Uni-Klinik Köln hat etwa als Berater und Redner von Medice, Eli Lilly, Janssen-Cilag und Shire persönliche Honorare angenommen – das sind Firmen, die Mittel gegen ADHS vermarkten. Und Matthias Riepe von der Universität Ulm hat die Leitline für Demenz mit 67 anderen Experten ausgearbeitet; von denen keiner einen Interessenkonflikt angegeben hat. Riepe ist dabei beileibe nicht der einzige Leitlinienexperte, der finanziell mit der Industrie verbandelt ist. So zählt auch Hans-Christoph Diener, der Essener Neurologe mit Einkünften von 28 Firmen, zur Garde der Industrie wie zahlreiche andere Psychiater, die bekanntermaßen von der Pharmalobby alimentiert werden. 14

Die betroffenen Spezialisten spielen die von ihnen bezogenen finanziellen Zuwendungen herunter, da sie sich durch die Honorare keineswegs beeinflusst fühlen. Also gebe es auch keinen Interessenkonflikt. Diener, der sich dank seiner Industrieeinkünfte sogar einen eigenen Angestellten leisten kann, geht sogar so weit, zu sagen, das Geld sei für ihn doch eigentlich nur von sekundärer Bedeutung. Auch die Bonnerin Anke Rohde ist sich keiner Schuld bewusst: Schließlich gäbe es ihres Erachtens Ärzte, die trotz Honoraren völlig unabhängige Vorträge halten. Doch räumt sie auch ein, dass es auch Mediziner gibt, die dann eher die von der Industrie vorgegebene Meinung vertreten. Sie zählt sich zum ersten Genre und leugnet jeglichen Interessenkonflikt.15

Viele Mediziner erliegen dem Glauben, selbst weniger manipulierbar zu sein als der Rest der Profession. So das Ergebnis einer Befragung von 208 deutschen Fachärzten zum Einfluss von Pharmavertretern. Gerade sechs Prozent der Ärzte hielten sich für häufig und immer beeinflussbar. 21 Prozent vertraten die Meinung, das treffe nur auf ihre Kollegen zu. Aber natürlich werfen die Pharmafirmen ihr Geld auch nicht sinnlos zum Fenster hinaus. Wissenschaftliche Studien kommen auch zu dem Ergebnis, dass die Ärzte, die Geschenke bestimmter Firmen annehmen, dann auch über kurz oder lang deren Produkte zu lieben lernen. „Es hat wenig Sinn, der Industrie Machenschaften vorzuwerfen. Vielmehr müssen wir als Ärzte eine klare Position dazu entwickeln“, meint Klaus Lieb dazu. „Wenn ein Arzt persönliche Honorare aus der Industrie annimmt, muss das offengelegt werden. Dann können andere entscheiden, ob das einen Einfluss hat oder nicht.“ 16

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften vertritt jedenfalls inzwischen die Meinung, dass Ärzte, die an Leitlinien mitschreiben, prinzipiell Zuwendungen aus der Industrie offenlegen sollen. Nur so kann das Vertrauen in die Ärzteschaft bewahrt bleiben. Ob und wann diese Empfehlung aufgegriffen wird, liegt jedoch im Ermessen der jeweiligen medizinischen Fachverbände. Und die sind, wie die DGPPN, oftmals mit der Industrie verbandelt und tun sich deshalb besonders schwer mit der gefragten Transparenz.17

Karl Lauterbach von der SPD fordert „Ärzte müssten verpflichtet sein zu veröffentlichen, welche Zuwendung von pharmazeutischen Firmen sie bekommen haben [..] und andererseits müssten pharmazeutische Firmen verpflichtet sein zu veröffentlichen, an welche Ärzte sie Honorare gezahlt haben.“
Dies folgt letzten Endes einem Beschluss des US-amerikanischen Kongresses, dem sogenannten Physician Payment Sunshine Act: Demnach müssen von 2013 an die Pharmaunternehmen und andere Firmen alle Zahlungen an Ärzte im Internet veröffentlichen. Sofern also Zuwendungen US-amerikanischer Unternehmen nach Deutschlans geflossen sind, dann wird diese Datenbank auch Meinungsbildner aus Deutschland enttarnen - unter Angabe des vollen Namens und unter Benennung der einzelnen Honorare. 18

Offenlegung von Nebentätigkeiten seitens der Dozenten

Die Dozenten an der Hochschule müssen ihre meistens gutdotierten Nebentätigkeiten erst gar nicht offenlegen.

Einführung pharmakritischer Seminare wie Advert Retard®

Nutzung unabhängiger Alternativen

Kaum bekannt ist, dass es Alternativen gibt, die ohne Pharmawerbung auskommen. So gibt es etwa die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, die eine Zeitschrift Arzneiverordnung in der Praxis herausgibt und ein Behandlungskompendium mit eigenen Informationen zu den verwendeten Wirkstoffen. Zudem sind in Deutschland drei selbständige pharmakritische Zeitschriften für evidenzbasierte Medizin im Umlauf: Arzneimittel-Telegramm, Arzneimittelbrief und den Pharmabrief der BUKO-Pharmakampagne. Die Patientenzeitschrift Gute Pillen Schlechte Pillen publizieren die drei Verlage als Gemeinschaftsprojekt. Gute Pillen - Schlechte Pillen entsteht ohne Einfluss der Pharmaindustrie und erscheint ohne Werbung.

Das "arznei-telegramm" ist eine unabhängigen Fachzeitschrift für Apotheker, die auf Anzeigen verzichtet und sich über Abonnements finanziert.

Man kann auch in den Handbüchern der Stiftung Warentest zu recherchieren. Über 9000 Medikamente für über 185 Anwendungsgebiete enthält die Online-Datenbank, die ständig aktualisiert wird. Hier können Verbraucher den Namen des Mittels eingeben und die Testergebnisse gegen eine kleine Gebühr nachlesen.

Es fehlt also keineswegs an zuverlässigen, unabhängigen Informationsquellen. Zudem existieren viele Initiativen und sehr gute internationale Vernetzungen mit unabhängigen Organisationen. Um dafür zu sorgen, dass es in diesem Sinn weitergeht, müssen wir schon bei den Studierenden die Widerstandskraft stärken

Änderung der Behandlungsleitlinien

Die Experten fordern für Deutschland Behandlungleitlinien, die sich an den Guidelines des britischen "National Institute for Health and Clinical Excellence" (Nice) orientieren, um der zunehmenden Medikalisierung der Gesellschaft entgegenzusteuern. Aufgabe des Nice ist es, Therapien auf ihren medizinische Wirkung und ihren volkswirtschaftlichen Nutzen hin zu überprüfen. Vielen Medikamenten - und häufig sind es Psychopharmaka - die vom Nice Jahre nach der Marktzulassung anhand zusätzlicher wissenschaftlicher Daten auf ihre Wirksamkeit und Nützlichkeit geprüft werden, wird wieder die Zulassung entzogen.

Änderung der Entwicklung von Leitlinien19 20

  • disclosure Offenlegung
  • management
  • prohibition Ausschluss / Verbot

Änderung der ärztlichen Berufsordnung

§ 32 Unerlaubte Zuwendungen 21
(2) Die Annahme von geldwerten Vorteilen in angemessener Höhe ist nicht berufswidrig, wenn diese ausschließlich für die berufsbezogene Fortbildung verwendet werden.
(3) Die Annahme von Beiträgen Dritter zur Durchführung von Veranstaltungen (Sponsoring) ist nur zur Finanzierung des wissenschaftlichen Programms ärztlicher Fortbildungsveranstaltungen und nur in angemessenem Umfang erlaubt

Schließung von Gesetzeslücken

2012 stellte das Deutsche Ärzteblatt fest, was der damalige Bundespräsident Christian Wulff und die deutschen Ärzte gemeinsam hätten: Beide seien gesuchte Gesprächspartner, denen man auch gerne einmal einen Gefallen tue. Und wie Wulff empörten sich viele Ärzte darüber, wenn man ihnen unterstelle, sie seien in ihrem (Verschreibungs-)Verhalten abhängig, wenn sie sich ständig beschenken ließen. Wulff blieb dann nur noch der Rücktritt.

Angenommen, der Fall wäre durch eine gesetzliche Regelung gelöst worden, die besagt, ein Bundespräsident sei grundsätzlich nicht korrumpierbar, egal, was auch vorgefallen sei. Wulff hätte gefahrlos im Amt bleiben können, weil Ermittlungen gegen ihn ja ohnehin ausgeschlossen gewesen wären. Unvorstellbar? Keineswegs - das zeigt sich an den Ärzten. Sie können sich neuerdings sorglos und ohne Gefahr einer Strafverfolgung von Pharmavertretern beschenken oder zu „Fortbildungsveranstaltungen“ ins Ausland einladen lassen, um dann das Präparat des edlen Spenders den ahnungslosen Patienten zu verschreiben. Der Bundesgerichtshof hat ihnen im Sommer 2012 in einem Urteil bescheinigt, dass Bestechlichkeit bei niedergelassenen Ärzten nicht strafbar ist. Er entschied, dass niedergelassene Ärzte auf Grund fehlender Normen im Strafrecht nicht wegen Bestechlichkeit und Pharmavertreter nicht wegen Bestechung verurteilt werden können. Das gilt seitdem konsequenterweise auch für die Bestechung der Mediziner, was der Pharmaindustrie mit ihrem Heer von 15.000 Vertretern sehr zur Freude gereichte.
Das Urteil ist völlig lebensfremd, weil Ärzte natürlich auch korrumpierbar sind - das beweisen die immer wieder bekannt werdende Fälle. Krebskranke Menschen werden mit extrem teuren Arzneimitteln behandelt, von deren Einsatz der behandelnde Arzt finanzielle Vorteile hat. Die Mediziner lassen sich mit Musterpackungen auf bestimmte Medikamente „anfixen“. Anwendungsbeobachtungen von Medikamenten, bei denen die Ärzte recht wenig bis gar nichts leisten müssen, werden fürstlich entlohnt. Kopfprämien werden bezahlt und auch akzeptiert, wenn ein niedergelassener Arzt seine Patienten in ein bestimmtes Krankenhaus einweist. Das schädigt alles die Krankenversicherung finanziell, egal ob gesetzlich oder privat, und damit die Gemeinschaft der Versicherten. Aber im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsbereichen hat bei Medizinern das Übel der Korruption noch eine zusätzliche bedeutsame Komponente. Es geht schließlich um die Gesundheit. Die Bestechung lässt dann die Frage, ob die ausgewählte Behandlung dem Patienten überhaupt nutzt, nachrangig erscheinen.22
Der Bundesgerichtshof konnte damals gar nicht anders urteilen, weil eine Gesetzeslücke besteht. Die Bundesrichter forderten die Politik auf, diese zu schließen. Denn auch das Berufsrecht der Ärzte ist nur eine stumpfe Waffe. Zwar verbietet es die Annahme von Geschenken, doch erfolgen kaum Sanktionen wie zum Beispiel der Entzug der Zulassung. Dafür hält die Rechtsprechung der Sozialgerichte zumindest einen rechtskräftigen Strafbefehl für erforderlich. Da beißt sich die Katze auch wieder einmal selbst in den Schwanz. Da sich wegen der Gesetzeslage bei korruptivem Verhalten von Ärzten nicht einmal ein Anfangsverdacht begründen lässt, kann die Staatsanwaltschaft nicht ermitteln und es zu keinem Urteil kommen.

Somit scheint es die Ärzteschaft auf den ersten Blick besser zu haben als die Bundespräsidenten. Zwar legt man an sie ähnlich hohe moralische Maßstäbe an – doch scheint es kaum jemand zu kümmern, wenn der Kodex nicht eingehalten wird. Während Christian Wulff sogar seine Urlaube bei Freunden vorgerechnet wurden, strichen und streichen Ärzte ungestraft für Gefälligkeiten Tausende Euro von der Pharmaindustrie ein. Was den Laien fassungslos macht, das hat jedoch seine juristische Korrektheit: Das Staatsoberhaupt hat eben ein Amt inne und der niedergelassene Arzt ist ein Freiberufler. Somit ist der Mediziner weder ein Amtsträger noch ein Beauftragter der Krankenkassen. Ergo greifen die einschlägigen Paragrafen des Strafgesetzbuches zur Bestechung nicht. 23

Also geht es wohl doch nicht ohne der staatlichen Macht. Zwar mag der Arzt kein Amtsträger sein und fällt er deshalb aus dem juristischen Raster. Auch sollen die Ärzte nicht Befehlsempfänger der Kassen werden. Aber es wäre doch möglich, die Korruptionsparagrafen im Strafgesetzbuch dahingehend zu ändern, dass die niedergelassenen Ärzte unabhängig bleiben und sich trotzdem vor dem Staatsanwalt für Bestechung verantworten müssten. Dies würde auch der ärztlichen Glaubwürdigkeit nur zu Gute kommen.24

Die Union ist nun der Meinung, dass der Gesetzgeber handeln muss. Es besteht jedoch die Gefahr, dass FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr, der davon ausgeht, eine Neuregelung sei gegen die Interessen der Ärzteschaft, die Sache bis zur Wahl aussitzt. Dies wiederum wäre eine eklatante Fehleinschätzung, weil Ärzteverbände inzwischen fordern, konsequent gegen Korruption vorzugehen, da sonst alle Ärzte über einen Kamm geschert werden und in Misskredit kommen. Wie soll ein Patient auch seinem Arzt vertrauen, wenn der sich ungestraft kaufen lassen kann?25

Die KBV26 hat am 21. Dezember 2012 eine Broschüre zur Korruption im Gesundheitswesen veröffentlicht. : „Richtig kooperieren“ lautet der Titel. Dabei geht es darum, wie sich Ärzte in der Zusammenarbeit mit Pharmaherstellern, Krankenhäusern und Anbietern von Heil- und Hilfsmitteln verhalten sollten. Aufgezeigt wird, was dabei unzulässig und was zulässig ist.

Die Ärzte haben keinen Freibrief für Korruption. Dies machte der Bundesgerichtshof (BGH) deutlich in einer vielfach missverstandenen Entscheidung. Um Klarheit über das Urteil zu schaffen, hat die KBV diese Broschüre erarbeitet. Das Urteil regelte klar und deutlich, was ein niedergelassener Arzt darf und was nicht. Trotzdem sorgte der Grundsatzbeschluss des BGH im Juni 2012 für große Verwirrung. Darin steht, dass sich Ärzte nicht strafbar machen, wenn sie Provisionen, beispielsweise von Pharmaunternehmen, annehmen. Dies liegt daran, dass die Vertragsärzte keine Amtsträger und Beauftragten der Krankenkassen sind.

Der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. Andreas Köhler meinte: „Diese Entscheidung stärkt die ärztliche Freiberuflichkeit“, Dieser Meinung waren natürlich nicht alle - es hagelte negative Schlagzeilen, die glauben ließen, Bestechung sei bei Ärzten legal. Manche forderten die Schaffung eines eigenen Straftatbestandes für korrupte Ärzte und Psychotherapeuten. Der Rechtsanwalt Jürgen Schröder, stellvertretender Leiter der Rechtsabteilung der KBV, erklärte, dass dies gar nicht nötig sei, weil es im berufsrechtlichen und im sozialrechtlichen Rahmen schon jetzt genug Möglichkeiten gibt, um Fehlverhalten zu sanktionieren.

Das FDP-geführte Gesundheitsministerium sperrt sich ohnehin bislang erfolgreich gegen ein Gesetz, das die Bestechlichkeit niedergelassener Ärzte unter Strafe stellt. Daniel Bahr ist der Meinung, dass er im Grundsatz die Regelungen im Berufs- und Sozialrecht für ausreichend hält. Auf deren Grundlage haben die Ärztekammern in den vergangenen drei bis fünf Jahren seit 2013 mehr als 500 Ärzte wegen Bestechlichkeit und Vorteilsnahme nach dem Berufsrecht bestraft. Es wurden viele Rügen und Ermahnungen ausgesprochen, aber auch Geldstrafen verhängt.27

Schaffung von Netzwerken, die ihre Kollegen sensibilisieren

Manch einer aus der Ärzteschaft hat inzwischen das Problem erkannt und geht offensiv mit dem Thema um. Das 2007 gegründete Netzwerk MEZIS (Mein Essen zahl ich selbst) versucht beispielsweise, die Kollegen zu sensibilisieren. Die daran beteiligten Mediziner verwehren den Pharmavertretern den Zugang zu ihren Praxen, sie achten darauf, dass die Software zur Auswahl von Medikamenten nicht durch die Hersteller manipuliert ist, sie zahlen die Reise- und Unterkunftskosten bei Fortbildungen selbst und besuchen nur noch Veranstaltungen, die unabhängig von Pharmaherstellern sind.

Freier Zugang zu allen Arzneimittelstudien

Die Ärztekammer Berlin hat den freien Zugang zu allen Arzneimittelstudien gefordert. Nur dann könnten die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen von Arzneimitteln unabhängig geprüft werden, erklärte Kammerpräsident Günther Jonitz. "Das selektive Publizieren von Daten und Studien führt häufig zu einer völlig falschen Bewertung von Arzneimitteln", 28

Eine echte evidenzbasierte Medizin benötigt als zentrale Grundlage die Auswertung der besten vorhandenen Daten. Also sind Regierungen europa- und weltweit aufgefordert, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, welche diesen Zugang auch sicherstellen. „Pharmakonzerne dürfen nicht länger erwarten, mit Medikamenten Milliarden zu verdienen und gleichzeitig ihre Studienergebnisse als Betriebsgeheimnisse betrachten“, hob Jonitz hervor, der zusammen mit der zusammen mit zahlreichen weiteren Unterstützern eine „Berliner Erklärung“ zu diesem Thema unterzeichnet hat.29

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA möchte ab 2014 alle von den Herstellern eingereichten Studiendaten von zugelassenen Medikamenten veröffentlichen. Ein gut gehüteter Schatz der Pharmaindustrie wird damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Hersteller reagierten entsetzt auf die Ankündigung, welche ihr bisheriges Geschäftsmodell und Geschäftsgebaren in Frage stellt. „Die Veröffentlichung von Zulassungsinformationen bedroht Forschungs- und Entwick­lungsinvestitionen in Milliardenhöhe“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Henning Fahrenkamp. Dies gefährde auch die Erforschung und Entwicklung neuer und innovativer Arzneimittel. Die Pharmafirmen könnten dann auch künftig auf die Zulassung von Arzneimitteln in der Europäischen Union verzichten. Die Patienten werden also von Innovationen abgeschnitten.30
Das Bundesgesundheitsministerium unterstützt „grundsätzlich das Anliegen unterstützt, größtmögliche Transparenz bei Studiendaten von klinischen Prüfungen herzustellen“. Vor dem Europäischen Gerichtshof ist in dieser Sache bereits eine Klage der Pharmaunternehmen Abbvie und Intermune anhängig.31

Empfehlungen der Mayo Klinik32

Ten Recommendations for Closing the Credibility Gap in Reporting Industry-Sponsored Clinical Research33 34:

  1. Ensure Clinical Studies and Publications Address Clinically Important Questions
  2. Make Public All Results, Including Negative or Unfavorable Ones, in a Timely Fashion, While Avoiding Redundancy
  3. Improve Understanding and Disclosure ofAuthors' Potential Conflicts of Interest
  4. EducateAuthors on How to Develop Quality Manuscripts and Meet Journal Expectations
  5. Improve Disclosure of Authorship Contributions and Writing Assistance and Continue Education on Best Publication Practices to End Ghostwriting and Guest Authorship
  6. Report Adverse Event Data More Transparently and in a More Clinically Meaningful Manner
  7. Provide Access to More Complete Protocol Information
  8. Transparently Report Statistical Methods Used in Analysis
  9. Ensure Authors Can Access Complete Study Data, Know How to Do So, and Can Attest to This
  10. Support the Sharing of Prior Reviews From Other Journals

Nutzung pillenfreier Alternativen

Die Pharmazie unterschägt immer noch routinemäßig negative Studien, um Medikamente auf den Markt zu drücken. Schwerste Nebenwirkungen nehmen die Manager in Kauf. Bis nämlich die Klagen eintreffen, sind solch immense Gewinne erzielt, dass selbst hohe Strafen sich noch rechnen.

Leidenschaftlich und direkt geht der Psychologe Harald Walach35 in seinem neuen Buch "Weg mit den Pillen" 36 seine Gegner an - ohne Scheu, Ross und Reiter beim Namen zu nennen37. Es geht ihm darum, die aktive Rolle des Patienten zu stärken, ihn aus der Rolle des passiven Empfängers medizinischer Interventionen zu holen und der Dominanz der pharmazeutischen Industrie den Kampf anzusagen. Das konventionelle Gesundheitssystem strotze vor Nutzlosigkeit und Dummheit - anstatt eine hochgerüstete Interventionsmedizin zu fördern, müsse sich das Gesundheitssystem wieder dem Menschen in seiner Ganzheit zuwenden. Selbst die knallharten schulmedizinischen Interventionen bis hin zu Operationen verdanken schließlich ihren Erfolg zu einem erheblichen Teil psychologischen Faktoren.

Walachs Vision einer Gesellschaft ist die, die begriffen hat, dass sich der komplexe Normalzustand "Gesundheit" vorwiegend darin begründet, ob Menschen auch so leben - mit sich und anderen, in Bewegung und Ruhe, Ernährung und Verzicht. Ein Gesundheitssystem, verdient seinen Worten zufolge diesen Namen erst, wenn es sich vom Übermaß der Interventionen ab- und wieder dem ganzen Menschen zuwende. Gespräch und Ermutigung spielten darin die zentrale Rolle. Die Pillen wären nur noch zweitrangig von Bedeutung.

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