Die Ausgangslage

Die Ausgangslage

Rang Unternehmen Sitz Jahresumsatz

in Milliarden Dollar

Ausgaben für F&E

in Milliarden Dollar

1 Pfizer USA New York City 57,7 9,1
2 Novartis Schweiz Basel 54,0 9,1
3 Merck & Co., Inc. USA New Jersey 41,3 8,4
4 Sanofi-Aventis Frankreich Paris 37,0 6,0
5 Hoffmann-La Roche Schweiz Basel 34,9 7,8
6 GlaxoSmithKline Großbritannien London 34,4 5,8
7 AstraZeneca Großbritannien London 33,6 5,0
8 Johnson & Johnson USA New Jersey 24,4 5,1
9 Abbott Laboratories USA Illinois 22,4 4,1
10 Eli Lilly and Company USA Indianapolis 21,9 5,0

Auf Rang 15 folgt das erste deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim mit einem Jahresumsatz von 13,8 Milliarden Dollar. Bayer HealthCare Pharmaceuticals belegt Platz 16, gefolgt von Merck KGaA Darmstadt auf Platz 22.

Die Pharmaindustrie investiert mehr als das Doppelte von dem, was sie für Forschung und Entwicklung ausgibt, in ihre Werbung 1. Tagtäglich überfluten in Deutschland 15.000 Pharmavertreter2 mit ihren Musterkoffern und Werbepräsenten die Praxen der Ärzte und die Krankenhäuser. Im Jahr statten die wirklich sehr netten und sympathischen Verkäufer etwa 20 Millionen Besuche ab. Die gutgeschulten Verkaufsprofis reden wenig über Nebenwirkungen oder Kosten, ziehen selten den Vergleich zu anderen bereits bewährten Therapien. Es geht ihnen nur um eines: das eigene Produkt so gut wie möglich zu platzieren. Die Pharmakonzerne finanzieren oder sponsern auch so gut wie alle wichtigen ärztlichen Weiterbildungskongresse.
Die pharmazeutischen Hersteller lassen sich ihre Vertreter auch einiges kosten: Zwischen 40.000 und 80.000 Euro Jahresgehalt bekommt ein Pharmavertreter ausgezahlt. Wäre die Tätigkeit der emsigen Mitarbeiter wirkungslos, würde wohl keine Firma solche Summen investieren. Die Verkaufs-Profis sind bestens darauf gedrillt, sich emotional auf Ärztin oder Arzt einzulassen und sich freundschaftlich an sie zu binden. Man geht gemeinsam Golf spielen, plant Ausflüge, die breite Palette der Geschenke reicht vom Kinder-T-Shirt über opulente Essenseinladungen bis hin zu Reisen. Viele Mediziner befinden sich dadurch im festen Würgegriff der leisen Lobbyisten.
Die ureigensten Interessen der Patienten sind gefährdet. 94 Prozent der Ärzte sind irgendwie mit der pharmazeutischen Industrie verbandelt 3.
Damit schaffen die Pharmakonzerne es, wie im obigen Diagramm4 5 ersichtlich, mehr Umsatz mit weniger Verordnungen einzufahren. Die Akzeptanz für die dabei nötigen höheren Preise schaffen die Pharmavertreter und die aggressive Werbung ihrer Geldgeber.

Der Anästhesist und Intensivmediziner Joachim Boldt war früher eine ganz große Nummer in der deutschen Spitzenmedizin. Der Chefarzt am Klinikum Ludwigshafen sprach auf vielen Kongressen und war an der Uni Gießen als hervorragender Redner bekannt. Er tischte seinem Publikum oft Unfug auf - wohl des Geldes wegen. Boldts Name stand vor allem für das Medikament Hydroxyethylstärke (HES), ein vielfach verwendetes Ersatzmittel für Blutplasma, das aus Mais- oder Kartoffelstärke hergestellt wurde. Seine knapp 70 Studien zwischen 1991 und 2011, die es bis in die renommierten "Cochrane Reviews" 6 schafften, kamen allesamt zu dem Schluss, dass HES ein echtes Wundermittel sei. So helfe es dabei, den Kreislauf von Patienten auch bei großem Blutverlust zu stabilisieren und Transfusionen zu vermeiden. Boldt pries das Medikament bei jeder Gelegenheit an und trug damit bei, dass es in Krankenhäusern und Praxen weite Verwendung fand. Als Mitarbeiter im Leitlinien-Arbeitskreis der Bundesärztekammer setzte er sich für HES ein.7
Eine Umfrage unter Intensivmedizinern kam zu dem Schluss, dass die Substanz ein wahres Wundermittel sei. HES, so fast 70 Prozent der Befragten, verbessere signifikant die Prognose von Schwerstkranken und -verletzten. Etwa 40 Prozent der Mediziner waren in den vergangenen fünf Jahren deshalb von anderen Infusionslösungen auf HES umgestiegen. HES bindet ebenso wie die Eiweiße des Blutplasmas Flüssigkeit an sich und hält es so in den Blutgefäßen. Deshalb soll HES den Kreislauf stabilisieren - bei schweren Unfällen ebenso wie bei großen Operationen oder bei Blutvergiftung. HES-Flaschen oder -Beutel fanden sich in jedem Rettungswagen, bei jeder Operation, auf jeder Intensivstation. Schon mit dem HES-Produkt Voluven der Firma Fresenius Kabi, wurden mehr als 30 Millionen Menschen behandelt. 2011 schauten dann einige von Boldts Kollegen etwas genauer hin. Boldt bekam Zuwendungen von HES-Herstellern, wie es später der Internetdienst Retraction Watch dokumentierte. Es flog auf, dass Boldt fleißig gefälscht hat und HES in Wahrheit nicht nur half, sondern potentiell auch Schaden anrichtete - Nierenversagen, Blutungen und ein mitunter über Jahre anhaltender Juckreiz konnten eintreten. Der Mann verlor seinen Job als Chefarzt, seine Professur, seinen guten Ruf. Er kann heute nicht mehr vor deutschen Medizinstudenten propagieren, wie bedeutsam HES doch sei. 8
Lehrstückhaft demonstrierte sich an HES, wie sich ein Medikament in der klinischen Praxis durchsetzen konnte, trotzdem nie der wissenschaftlich saubere Nachweis erbracht worden ist, dass es Nutzen bringe. Systematisch und immer wieder beschworen die Herstellerfirmen über die scheinwissenschaftliche Fassade von Joachim Boldt die Wirkung ihres Produkts, bis sich das schöne Bild vom sicheren, unverzichtbaren, lebensrettenden HES tief in das Bewusstsein der Ärzte gebrannt hatte.9
Der Fall Boldt entlarvte wie auch der Vioxx-Skandal 10 aufs Peinlichste den modernen Wissenschaftsbetrieb und die Geldmaschine Gesundheit. Er warf die Frage auf, wie unabhängig die Medizin nun eigentlich sei. Wie frei sind die Professoren, die da im Hörsaal stehen und Ärzte ausbilden?

In Köln hält die Universität einen Kooperationsvertrag mit dem Bayer-Konzern unter Verschluss. Die Forschung wird zunehmend fremdgesteuert. In den letzten Jahrzehnten ist ein erheblicher Teil der wirtschaftsfinanzierten Forschungen im Papierkorb verschwunden, wenn die Industrie die Ergebnisse nicht mochte. Ein Beispiel: Psychopharmaka gegen Depressionen wirken weit schlechter, als die Veröffentlichungen belegt haben. Das ist eine neue Form der Kooperation, die man als korporative Korruption bezeichnen kann. 11

  • 1. Families USA, (2002), Profiting from Pain: Where Prescription Drug Dollars Go, Washington DC: Families USA: 2002, Publication no 02-105
  • 2. Der Pharmaberater (Schweiz: Ärztebesucher) ist Informationsträger, Marketinginstrument und Bindeglied zwischen Arzt und Pharmaunternehmen. Die Tätigkeit des Pharmaberaters ist im Arzneimittelrecht geregelt. Er informiert Ärzte in der Praxis und im Krankenhaus sowie die Apotheker im Rahmen der sogenannten Fachinformation über Arzneimittel. Der Pharmaberater hat nicht die unmittelbare Aufgabe zu verkaufen, sondern mittelbar im Rahmen des Gesetzes den Umsatz seines Unternehmens zu fördern. Gesetzlich erlaubt ist die Abgabe von Arzneimittelmustern an Ärzte. Der Pharmaberater benötigt ein umfangreiches medizinisches und pharmazeutisches Wissen, sowie genaue Kenntnisse über die Produktpalette seines Unternehmens sowie Kenntnisse jener Produkte, die dazu im Wettbewerb stehen. Als persönliche Voraussetzungen gelten Selbstbewusstsein, ein gepflegtes Äußeres, eine gute verbale und nicht-verbale Kommunikationsfähigkeit sowie fast immer ein Führerschein.
    In Deutschland arbeiten gegenwärtig etwa 15.000 Pharmaberater im Außendienst. Sie sprechen pro Jahr rund 20 Millionen Mal bei Ärzten vor. Die Ausgaben der Pharmaunternehmen für die Ärzteberater belaufen sich auf rund 2,5 Milliarden Euro.
  • 3. Cambell E.g. et al. (2007), A national survey of phycisian-industry relationships, New Engalnd Journal of Medicine, 356: 1742-1750
  • 4. Verordnungen-1992-2011
  • 5. Verordnungen zu Umsatz nach vdek
  • 6. die renommierten "Cochrane Reviews", gelten als Qualitätssiegel höchster wissenschaftlicher Qualität
  • 7. Wissenschaftliches Vakuum, Spiegel, 1/2011
  • 8. Wissenschaftliches Vakuum, Spiegel, 1/2011
  • 9. Wissenschaftliches Vakuum, Spiegel, 1/2011
  • 10. das nebenwirkungsträchtige Antirheumatikum musste 2004 vom Markt genommen werden
  • 11. Taz vom 07. September 2011

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