Psychiatrie-Selbsthilfe und professionelle Unterstützung

Psychiatrie-Selbsthilfe und professionelle Unterstützung

Es geht um die Arbeit des Münchner Selbsthilfezentrums.

Selbsthilfe-spezifische Leistungen

Die Unterstützung, die einem Betroffener in der Selbsthilfegruppe entgegenkommt, ist sehr spezifisch. Die Selbsthilfeunterstützung ergänzt nicht nur das professionelle System mit seinen Hilfen, sondern hat auch einen eigenständigen Charakter. Die deutsche Gesellschaft hat nach wie vor große Ängste vor seelischen Erkrankungen und stigmatisiert die Betroffenen. Der Betroffene ist mit der Selbsthilfegruppe nicht mehr allein mit seinen Problemen. Er registriert, dass andere Ähnliches durchmachen und dies normalisiert die oft außerordentlichen und bedrohlichen Erfahrungen mit der Krankheit. Das Leben der Betroffenen ist stark von der Plussymptomatik wie etwa Halluzinationen und der Polarisierung Norm gegen Abweichung geprägt. Die Minus-Symptomatik, die dazu führt, dass der Betroffene nicht angepasst ist an die gesellschaftlichen Erwartungen, wie etwa im Arbeitsprozess und in sonstigen sozialen Bezügen, ist auch der Dreh- und Angelpunkt des Prozesses der Ausgrenzung. Die Erfahrungen der anderen Betroffenen gerade im Umgang mit diesen Schwierigkeiten sind sehr wertvoll, um wieder die eigene Position zu finden und andere Bewältigungsstrategien kennen zu lernen.

Zwar haben viele Betroffene auch sehr gesunde Zeiten, doch ist es überlebenswichtig für sie, die richtigen Informationen zu bekommen, falls sich eine Krise ankündigt. Dazu gehört, zu wissen, auf welche Art man an welchem Ort welche Hilfe bekommt und ob diese Hilfe für die jeweilige Person wirklich hilfreich ist. Informationen dieser Art sind oft entscheidend für den weiteren Verlauf der Wiedererkrankung. Dabei wissen die wohl am besten Bescheid über die Versorgung, die sie selbst beanspruchen müssen. Somit hilft dieses Wissen bei der Bewältigung der Erkrankung. Dazu kommt noch eine gewisse Kontrollfunktion, weil die Betroffenen in der Psychiatrie-Szene ihre Erfahrungen austauschen und die Profis von diesem Austausch wissen. Dies führt zu Änderungen in den professionellen Angeboten.

Auch bietet sich die Selbsthilfegruppe dazu an, dass sich die Betroffenen, die Probleme haben im sozialen Umgang, sich selbst und ihre Erfahrungen reflektieren. Gerade die Mitbetroffenen sind oft die einzigen, von denen Kritik angenommen werden kann, ohne dass das Selbstwertgefühl größeren Schaden davon trägt. Toleranz wird in Selbsthilfegruppen sehr groß geschrieben. Diese  eignen sich also auch für solche Menschen, die häufig an den Toleranzgrenzen der sogenannten Normalen scheitern. Es fällt leichter, deutlich zu werden und das klar anzusprechen, was einen nervt. Dann kann die Gruppe genau das diskutieren. Die Gruppe wird dann entweder Veränderungen anstreben oder aber der Betroffene muss die Umstände akzeptieren lernen.

Gegenseitige Hilfe ist also das Oberthema einer Selbsthilfegruppe. Wobei diese Hilfe viel konkreter werden kann. So hilft die Gruppe etwa, die Wohnung, Pflanzen und Haustiere während eines Klinikaufenthalts zu hüten, begleitet sie etwa bei einer nötigen Einweisung, erledigt wichtige bürokratische Angelegenheiten, besucht den Betroffenen in der Klinik usw. Oft hängt wegen der Krankheit der Haussegen schief zu den Angehörigen, so dass es wichtig ist, dass eine Person des Vertrauens Gewehr bei Fuß steht, die zumeist auch psychiatrieerfahren ist.

Das Vertrauen in andere Menschen kann das Selbstvertrauen ein wenig stärken. Auf der einen Seite hat man ein wenig Sicherheit in der Welt und auf der anderen Seite ist es wichtig zu wissen, dass man selbst einen Hilfedienst leisten kann und und dafür Anerkennung bekommt. Zudem erleichtert sich mancher Schritt in die Selbständigkeit, wenn man weiß, dass da ein Netz an Unterstützung und solidarischer Anteilnahme besteht. Falls der Schritt misslingt, hat man einen Ort, um sich gemeinsam zu beraten und zu überlegen, woran das gelegen haben mag und was als nächstes zu tun ist.

Noch mehr stärkt das Selbstvertrauen, dass man sich gemeinsam mit anderen für die eigenen Belange einsetzen kann. Das Bild der Psychiatrie ist in der Öffentlichkeit mehr vom seelisch kranken Verbrecher aus den Krimis geprägt als von realen Umständen. Das ist einer der Bereiche, gegen den man sich gemeinschaftlich besser wehren kann als jemand, der zum Einzelkämpferdasein neigt. Des weiteren kann man sich gemeinschaftlich besser einsetzen für Änderungen an immer noch unzureichenden oder falschen Angeboten oder den Rahmenbedingungen dafür. Es ist nicht jedermanns Sache, in der Öffentlichkeit aufzutreten und komplizierte Probleme zu diskutieren. Doch trifft das ja nicht nur auf die Betroffenen zu. In einigen Gremien wie der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft haben die Betroffenen  inzwischen einen festen Platz und ihre Wünsche und Vorstellungen werden dort meistens auch ernstgenommen. All diese Möglichkeiten hat U. Seibert 1998 wesentlich ausführlicher und sehr präzise erläutert.

Die Angebote der Selbsthilfegruppen konkurrieren nicht mit den professionellen Angeboten, sondern ergänzen diese sinnvoll. Deshalb macht es Sinn, sich Gedanken zu machen über eine engere Verzahnung zwischen Selbsthilfe und dem professionellem System. Dabei sollen die Profis die Betroffenen nicht dominieren, sondern sich ebenso auf die Stufe des Lernenden begeben, um ihren Standpunkt zu überdenken und die Leistungen der anderen Gruppe als wertvoll zu erachten. Diese Verzahnung gibt es schon in den USA. Dort gibt es Betroffenen-Büros, das sind spezielle Einrichtungen, die zum Teil auch mit Profis besetzt sind. Dazu mehr unter Chancen und Grenzen des Empowerments.

Professionelle Selbsthilfe

Gründe, als Profi - etwa als Psychologe - mit und für die Selbsthilfe zu arbeiten und eine gewisse Rollendiffusion zu durchlaufen, könnte sein, dass man die Mainstream-Psychologie als uninteressant erachtet oder die institutionelle Versorgung als menschenverachtend oder als Strafe für die Krankheit kennen gelernt hat.

Der Profi kann beispielsweise die Funktion als Brückenbauer zwischen Profis und Betroffenen übernehmen. Das bedeutet, die Profis an die Psychiatrie-Selbsthilfe heranzuführen und Ängste zu beschwichtigen und an dem Selbsthilfegedanken zu erwärmen. Die Betroffenen sollen auf der anderen Seite die Profis nicht als Behandler ansehen , sondern als Verhandlungspartner und mit ihnen gemeinsame Sache machen, soweit es ihren Interessen und ihrer Gesundung entgegen kommt. Viele Profis haben Angst vor der scheinbar unberechenbaren Dynamik in psychiatrischen Selbsthilfegruppen. Diese ist jedoch unbegründet, da alles, was benötigt wird, ein wenig Moderationserfahrung ist und die Bereitschaft, die Perspektive zu wechseln.

Empowerment ist wichtig in diesem Prozess. Empowerment bedeutet schlicht und einfach die Widergewinnung der Kontrolle über die eigenen Lebensumstände. Dies ist für die Betroffenen existenziell wichtig, beinhaltet aber auch eine gewisse Überforderung, wenn zu viel gepowert wird. Power haben die Betroffenen entweder gar nicht in den Krisenzeiten oder ist ansonsten ungenügend oder gar im Überfluß vorhanden. Manche Autoren schreiben, dass im Konzept des Empowerments ein Leitbild der Gesundheit entworfen wird, das die Betroffenen gar nicht erreichen können. Auch der inzwischen inflationär gebrauchte Begriff der Nutzer-Orientierung kann dabei helfen, Anliegen der Betroffenen in den Versorgungsbereich zu transportieren.

Die Betroffenen sind Nutzer und Kunden und wollen auch so behandelt werden. Die jeweilige Einrichtung hat ein entsprechendes Angebot, das abgerufen werden kann oder aber auch nicht. Diese Kundenorientierung gibt den Betroffenen, die von der Klinik zu Patienten gemacht worden sind, eine neue Identität. Wie allen Kunden steht es ihnen frei, ein Angebot wahrzunehmen oder auszuschlagen. Sie werden aktive Nutzer und sind nicht länger passive Behanndelte.

Welche Leistungen können die Betroffenen erwarten?

Als professioneller Selbsthelfer kann an einiges tun, um das Empowerment zu unterstützen. Es geht dabei darum, jemanden, der ein Problem hat, dabei zu helfen, sich der Bedingungen seines Lebens wieder zu bemächtigen. "Das kann eine seelische oder körperliche Erkrankung sein, die Tatsache einer Behinderung oder eines nichtdeutschen Passes oder auch, dass eine Scheidung bevorsteht oder nicht verkraftet wurde, dass das eigene Kind krank oder behindert ist oder dass man sich in den Fängen einer Sucht befindet, die das Leben langsam, aber sicher auffrisst." Einige der Betroffenen nehmen dann Kontakt auf mit einer helfenden Einrichtung. Es geht nun darum, herauszufinden, was der Hilfesuchende tun kann, um sich nicht mehr einsam und ausgeliefert zu fühlen, damit er sich wieder des eigenen Lebens bemächtigen kann. Dann geht es darum, wie man den Menschen in seinem Vorhaben unterstützen kann.

Der Versuch, Menschen auf dem Pfade ihrer Wiederbemächtigung des eigenen Lebens zu begleiten, heißt in der Hauptsache, sie mit den rechten anderen Betroffenen zusammenzubringen, damit sie dann gemeinsam lernen, das jeweilige Problem zu handeln und sich nicht unterkriegen zu lassen. Viele der Probleme der Psychiatrie-Betroffenen drängen sie an den Rand der Gesellschaft und führen zum Verlust von Arbeitsplatz, Wohnung und Freunden. Gesellschaften beweisen ihre Stärken und Schwächen eben genau dort, wo sie Ränder haben, an denen die unangepassten Menschen zu überleben versuchen. Wenn nun unangepasste Menschen es fertig bringen, ihre Lebensbedingungen positiv auszugestalten, dann schaffen sie wieder Frauräume der Toleranz und eventuell auch Akzeptanz für andere Menschen, die ebenso nicht der Norm entsprechen.

Beratende und begleitende Unterstützungsformen

Zuerst ist da, wie schon besprochen, das Anliegen mit ähnlich oder gleich Betroffenen in Austausch zu treten. Fast jede Stadt bietet hierfür inzwischen eine Anzahl an Anlaufstellen. Manche Betroffene haben aber Probleme mit Gruppen, weil sie sich beispielsweise bei mehr als zwei Personen nicht mehr konzentrieren können. Dann steht noch der ambulante Bereich mit seinen Angeboten zur Verfügung und es wird sich fast für jeden eine Gruppe,  eine Einrichtung oder ein Projekt finden, wo seine Wünsche erfüllt werden können.  Im Clearing findet man nun gemeinsam mit dem Betroffenen heraus, welche Unterstützung zum aktuellen Zeitpunkt benötigt wird und welche nicht. Man verschafft sich also einen Überblick über die bestehenden Möglichkeiten. Die Anliegen und Standpunkte der Betroffenen haben dabei die höchste Gewichtung.

Das Clearing in einem Selbsthilfezentrum unterscheidet sich von der Beratung in anderen Einrichtungen. Es wird keine längerfristige Beratung angeboten, um nicht mit den anderen Einrichtungen zu konkurrieren. Anstatt dessen versteht man sich dabei als Wegweiser in kritischen Situationen, wobei das größte Hinweisschild in Richtung Selbsthilfe verweist. Auf das Clearing hin erfolgt oft eine Gruppengründung, wenn das Thema noch nicht vertreten ist oder eine bestehende Gruppe schon voll ist. Nach Absprache von Inhalt und organisatorischen Aspekten werden etwa durch Zeitungsannoncen in der eigenen Zeitung Mitinteressenten ermittelt. Teilweise werden auch andere professionelle Einrichtungen kontaktiert. Wenn sich genug Interessenten zusammengefunden haben, dann wird ein Gründungstreffen ausgerichtet, welches auf Wunsch auch begleitet wird - zum Beispiel von selbsthilfeerfahrenen Mitgliedern einer anderen Selbsthilfegruppe. Diese unterrichten dann die neuen Mitglieder von den Prinzipien der Selbsthilfe und dem Angebot des Selbsthilfezentrums. Zudem gibt es einen kleinen Katalog von Grundregeln, die von der Gruppe beachtet werden sollen aber nicht müssen.

Das Angebot seitens des Selbsthilfezentrums im Hintergrund zur Verfügung zu stehen, wenn es Schwierigkeiten oder Krisen gibt, entlastet die Gruppen wesentlich. Gruppenstarts werden erleichtert und die Initiatoren finden den Mut und die Sicherheit, sich auf die Gruppe einzulassen. Diese Art der stillen Begleitung kann aber muss nicht abgerufen werden.

Bei der Gruppengründung hat es sich auch bewährt, zunächst einen Informationsabend zu veranstalten. Hier wird nun das Leistungsangebot aus dem professionellen Bereich dargestellt sowie die Leistungen, die selbsthilfespezifisch sind. Während der Veranstaltung liegt eine Liste aus, in die sich die eintragen können, die Interesse an der neuen Gruppe haben. Danach findet für diesen Kreis noch eine kleine Informationsveranstaltung statt, in der nochmals hingewiesen wird auf die möglichen Unterstützungen. Danach gilt die Gruppe dann selbständig.

Supervision für Gruppenleiter und Berater

Sehr wichtig ist die Supervision für Gruppenleiter aus dem gesamten Gesundheitsbereich. Die Supervision erhöht merklich die Qualität der Arbeit in den Selbsthilfegruppen. Jede Gruppe hat irgendwann einmal eine dominierende Figur, welche formal und auch informell das Geschehen mehr beeinflusst als die anderen Mitglieder. Diese Person übernimmt oft die Leitung, engagiert sich stärker nach außen und wird auch mehr als Berater beansprucht.  Zwar hat die idealtypische Gruppe eine rotierende Leitung, so dass alle in gleichem Maße involviert sind, doch ergeben die Wirklichkeit und die Gruppendynamik ein anderes Bild. Gerade in den Supervisionsgruppen finden sich auffällig viele Leiter der Gruppen mit seelischen Problemen. Es tut ihnen gut, zu erfahren, dass die Leiter zum Beispiel einer Krebsgruppe ähnliche Schwierigkeiten haben wir sie selbst bezüglich ihrer Rolle und Funktion innerhalb der Gruppe. Konkurrenzdenken, Überlastung durch zu viel Verantwortung, Probleme, sich abzugrenzen, Schwierigkeiten mit Mitgliedern, die die Gruppe spalten können gehören überall zum Gruppenbild mit dazu. Der Austausch mit den anderen Mitgliedern in der Supervisionsgruppe relativiert vieles davon, die Probleme bekommen einen "normalen" Anstrich und werden lösbar durch die Hilfe der anderen Mitglieder.

Die Leiter, Berater und Kontaktpersonen verrichten in den Gruppen oft eine Unterstützungsarbeit, die differenziert ist und von Kompetenz geprägt. Diese Arbeit ist den professionellen Angeboten durchaus ebenbürtig. Die Profis holen sich Unterstützung in der Supervision und so können auch die "Berufsbetroffenen" aus den Selbsthilfegruppen Hilfe bekommen. Die Supervision gestaltet sich bei beiden Gruppen, den Profis und den Betroffenen, gleich, da die Betroffenen ja auch Profis sind, Profis in eigener Sache.

Die Supervision für die Experten in eigener Sache in München werden finanziert von der AOK München. Es gibt zwei Supervisionsgruppen für je sechs Personen aus den Gesundheitsgruppen, die sich alle vier bis acht Wochen treffen und von Psychologen angeleitet werden. Dazu kommt das Angebot für diejenigen, die nicht so viel Zeit haben: Zwei Wochenenden Supervision im Jahr. Dieses Angebot dient auch als Schnupperangebot für die festen Gruppen. Die Supervision hat den folgenden straffen Aufbau: Die ersten zehn Minuten erzählt einer der Teilnehmer von seinem Problem und formuliert dann in zwei möglichst deutlichen Fragen an die Gruppe, was besprochen und geklärt werden soll. Als nächstes besteht die Möglichkeit für die restlichen Gruppenmitglieder, nachzuhaken und nachzufragen.  Danach wird der Sprecher zu dreißigminütigem Schweigen verurteilt und die restlichen sieben Teilnehmer tauschen sich zu dem Problem aus. Dabei sind auch freie und ganz persönliche Assoziationen erlaubt. Den Abschluss bildet dann die Auflösungsrunde. Der Problemträger versucht sich darin in einer Bewertung, in der er erklärt, was er mitnehmen und wird aus der Runde und was Anwendung finden wird.

Spezielle Fortbildungen

Wichtig ist auch die spezifische Fortbildung der Betroffenen. So hat sich das Dialog-Seminar (Seibert 1998) bewährt. Zwar wird mittlerweile überall im sozialpsychiatrischen Bereich der Trialog hochgehalten, doch ist oft schon der Dialog zwischen Betroffenen und ihren engsten Vertrauten recht gestört. Dabei werden Themen und Fragestellungen bearbeitet wie das Verhalten in Krisen, seelische Erkrankung und Einsamkeit oder psychische Krankheit und Partnerschaft. Zum Einsatz kommen dabei gemeinsame und getrennte Arbeitsgruppen  und Plenen, um die erarbeiteten Themen aufzubereiten und festzuhalten. Theater- und tanztherapeutische Elemente kommen dabei auch zum Einsatz. Das Seminar findet jährlich statt und dauert eineinhalb Tage. Lange Pausen zum gegenseitigen Kennenlernen sind dabei Standard.
Das Seminar hat die Psychoseseminare zum Vorbild, die sich durch den Kontakt auf Augenhöhe auszeichnen. Veranstalter sind MüPE (Münchner Psychiatrieerfahrene) und das Selbsthilfezentrum. Die Themen werden von Betroffenen und Profis ausgesucht und vorbereitet. Dabei geht es darum, zunächst herauszufinden, womit die Betroffenen am meisten Probleme haben - mit Beziehungen, mit Einsamkeit, mit den sozialen Auswirkungen der Krankheit, mit den immer wieder auftretenden Krisen mit Zwangseinweisungen usw. Profis und Betroffene moderieren meistens gemeinsam die Seminare.

Was gibt es noch?

Das Selbsthilfezentrum stellt auch organisatorische Angebote bereit. Sechs Gruppenräume können von den Gruppen kostenfrei benutzt werden. Dann ist da noch ein nicht bewirtschaftetes Café, ein großer Veranstaltungsraum und ein Gruppenbüro. Eine Ausleihe für Materialien und Medien existiert ebenso. Auch die anderen Einrichtungen könnten ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, wenn sie nur wollten.
An Beratungen können solche zu Organisations- und Vereinsproblemen abgerufen werden wie auch zu Finanzierungsfragen. Dann besteht das Angebot, bei Konflikten in der Gruppe mitzuhelfen. Bei Bedarf können auch die anderen Einrichtungen gerne auf das Selbsthilfezentrum verweisen. In den meisten mittelgroßen und großen Städten existiert inzwischen eine solche Anlaufstelle für Selbsthilfe.

Probleme und Schwierigkeiten

Es gibt aber nicht nur Erfolge, sondern auch speziell Kommunikationsprobleme. Wenn beispielsweise ein hochpsychotischer Klient mit überzogenen Erwartungen Kontakt aufnimmt. Dabei geht es weniger um die Inhalte der Psychose, die nachvollziehbar erscheinen, sondern um die Erwartungshaltung, man möge ihm dabei helfen, die Welt wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Selbsthilfezentrum hat diesbezüglich keinen Beratungskontrakt, so dass die Erwartungen entsprechend diffus ausfallen können. Dann geht es in erster Linie darum, herauszufinden, was der Klient wünscht oder braucht und nicht braucht und woher dieses Angebot zu beziehen ist.

Ein zweites Problem ist auf der Beziehungsebene angesiedelt. Viele Betroffene haben während ihrer Karriere gelernt, dass die Profis gerne vorgeben, viel besser zu wissen, was den Betroffenen gut tut und deren wahren Bedürfnisse gar nicht so recht ernstnehmen. Dann entstehen Probleme mit der Compliance und da hilft dann nur das Motto der Psychiatriebewegung "Verhandeln statt behandeln".  Besonders in der stationären Behandlung werden Wünsche der Betroffenen missachtet, sei es nach einer anderen Arznei oder danach, ganz ohne Arzneien auskommen zu wollen. Oder die Nebenwirkungen, die teilweise jede Lebensqualität abhanden kommen lassen, werden klein geredet. Dann gibt es noch all die Dinge aus der institutionellen Versorgung. Da geht es darum, wer wann und aus welchem Grunde auf welches Zimmer und in welche Station verlegt wird oder wann wer welchen Therapeuten oder welche Bezugsperson bekommt. Die immer mehr in Mode kommenden Instrumente der Behandlungsvereinbarung und des Krisenpasses sind geeignet, ein wenig Abhilfe zu schaffen.

Der advokatorische Ansatz

Die Lobby-Arbeit ist ein weiterer wichtiger Punkt in der Arbeit des Selbsthilfezentrums. Dies gilt vor allem der Fachöffentlichkeit gegenüber. Dies ist leider noch nötig, obwohl die MüPE schon recht bekannt sind und einen hauptamtlichen selbst betroffenen Sozialpädagogen hat. Zwar sind diese doppelten Experten die besten Berater für die Betroffenen, doch sehen die Fachkollegen den Sozialpädagogen sehr misstrauisch. Die anderen Betroffenen werden kaum an die MüPE verwiesen. Die Betroffenen werden leider immer noch nicht als Experten in eigener Sache wahrgenommen oder ihnen zugetraut, die ihre eigenen Interessen zu vertreten.
Absurderweise haben nichtbetroffene Profis es leichter, den Standpunkt der Betroffenen zu vertreten als die Betroffenen selbst. Meist ist das recht einfach, weil die Schwierigkeiten zu tun haben mit mitmenschlichem Respekt und der Anerkennung der Person in ihrem So-Sein bezüglich ihrer Abweichungen von der Norm. Dazu gehört natürlich, auch die Perspektive zu wechseln. Dieser advokatorische Ansatz als Vertretungsfunktion ist in Deutschland weniger üblich - ganz im Gegensatz zur USA, den Niederlanden und Großbritannien. Dabei ist es gerade der Versuch, das öffentliche Bewusstsein in Richtung seelischer Krankheiten zu sensibilisieren, die Voraussetzung dafür, dass sich innerhalb der Versorgung etwas ändert.

Derzeit soll in München eine Koordinierungsstelle für Psychiatrie-Selbsthilfe in Oberbayern entstehen. Die Koordinationsstelle soll nun psychiatrieorientierte Beratungsstellen dazu anregen, weitere neue Gruppen anzubieten und zu unterstützen. Damit soll die Integration der Selbsthilfe in andere Arbeitsfelder zur professionellen Aufgabe werden.

Viele Betroffene benötigen beides - die professionelle Hilfe in Form von Beratung, Therapie und angeleiteten Gruppen und die Selbsthilfe. Die beiden Bereiche ergänzen sich hervorragend und befriedigen gemeinsam viele Bedürfbisse der Betroffenen. Wenn sich beide Bereiche austauschen würden, wäre dies eine große Bereicherung für beide Seiten. So benötigen die Gruppen Unterstützung, wenn eine Krise aufkommt, ein Suizid passiert oder eine Wiedererkrankung die ganze Gruppe verunsichert. So können Profis die Gruppe punktuell unterstützen, ohne die Gruppe dauernd zu begleiten. Auf der anderen Seite reduziert die Mitgliedschaft in einer Gruppe bekanntlich die Wiedereinweisungen in die Klinik und auch die Dauer eines Klinikaufenthalts.

Der ökonomische Nutzen

Selbsthilfegruppen wirken sich auch ökonomisch aus. Die Untersuchung von Engelhardt u. a. von 1995 der Gruppe "Münchner Angsthilfe" (MASH) hat ergeben,  dass ein Zuschuss von 100 Mark Einsparungen Höhe von 1.500 Mark bei der öffentlichen Hand bedeutet. Die Kommune, also die Stadt München, bezahlt in diesem Falle den Zuschuss, der vor allem die Krankenkassen und die Arbeitgeber entlastet.
Die Einsparungen kommen zustande:

Die frühzeitige Aufklärung über das Krankheitsbild bewirkt eine zeitnahe richtige Diagnose. Angststörungen werden etwa häufig zunächst als Herz- oder Kreislaufprobleme gehandhabt. Damit findet sich auch schneller eine passende Therapie und es müssen weniger Ärzte aufgesucht werden.

Die Gruppe unterstützt bei Krisen, was die Behandlungskosten reduziert. Notärztliche Dienste werden weniger häufig benutzt, wenn der Betroffene Mitglied einer Selbsthilfegruppe ist.
Die Gruppe leistet Krisenhilfe, so dass sich die Zahl der Klinikaufenthalte verringert.

Der Informationsaustausch in der Gruppe führt zu seltenerem und sinnvollerem Einsatz von Arzneien.  Die Medikamente zeitigen dann weniger Nebenwirkungen und die Suchtgefahr sinkt, die beim Einsatz von Tranquilizern und Barbituraten gegeben ist.

Die Gefahr einer Alkoholabhängigkeit reduziert sich. Die Gefahr, von Alkohol abhängig zu werden, ist bei Angstpatienten besonders gegeben. Bei MASH sind 36 Prozent der Mitglieder alkoholabhängig.
Betroffene, die besser umgehen können, behalten eher ihren Arbeitsplatz oder finden schneller eine Arbeitsstelle.

Die Ergebnisse der Münchner Angsthilfe lassen sich nicht voll auf die übrigen psychiatrischen Erkrankungen übertragen, obwohl viele Berührungspunkte existieren. Gerade der Suchtcharakter der Arzneien wird weniger oft in den anderen Gruppen thematisiert. Die Nebenwirkungen gelten für alle Bereiche. Die Alkoholproblematik ist ebenfalls häufig vertreten im psychiatrischen Feld. Man denke an die vielen Doppeldiagnosen und die Komorbidiät (Begeleiterkrankung). Auf jeden Fall lässt sich für alle feststellen, dass die Anbindung an eine Selbsthilfegruppe mit verkürzten Aufenthalten in der Psychiatrie verbunden ist.

Schlussbemerkung

Eine Studie von 1994 bis 1996 vom Public Health Forschungsverbund vergleicht die Veränderungen im psychischen Empfinden und in der Alltagsbewältigung bei Menschen mit chronischen Erkrankungen (unveröff. Bericht, München 1997, Bezug über das SHZ München). Dabei suchten die Forscher nach selbsthilfespezifischen Ressourcen und Strategien und wollten wissen, was in der Selbsthilfe hilft. Die Münchner Selbsthilfelandschaft stand im Zentrum der Untersuchung. Die Untersuchungen zeigten, dass die Selbsthilfe Ressourcen aktiviert, die ohne weiteres auch einer angeleiteten Gruppe oder einer Psychotherapie zugeordnet werden kann.

  •   Man gewinnt Reflexions- und Gesprächspartner
  •   Wissen wird vermittelt
  •   Man eignet sich Sinn, Erklärung der Erkrankung und Identitätsmuster an
  •   Man entwickelt Bewertungskriterien
  •   Man hat Zugang zu Ressourcen
  •   Coping-Strategien werden aktiviert

  
Dazu lernen die Teilnehmer Techniken und Strategien kennen wie

  •   bekennende Beratung, da Berater und Beratende gleich betroffen sind
  •   Erfahrungsaustausch
  •   Entwicklung von Vertgleichsmodellen
  •   Bildung eines Ratgeberpools
  •   positive Umwertung durch kompensatorische Kompetenz - aus einer Schwäche wird also eine Stärke
  •   Wahrnehmung von Rollenangeboten und Rollenwechseln

  
Diese Strategien und Ressourcen sind spezifisch für die Hilfe und können nur in der gemeinsamen Arbeit unter Gleichbetroffenen entstehen. Innerhalb einer Psychotherapie oder in anderen Angeboten lassen sie sich nicht entwickeln. Selbsthilfe ist damit nicht besser bei psychischen Problemen. Doch sollten die Profis sich deswegen öffnen und ihre Klienten darauf verweisen und sich kooperativ zeigen.

Die Unterstützung, die sich Psychiatrie-Betroffene in der Selbsthilfe geben, findet sich im professionellen System überhaupt nicht. Zwar existieren Übergänge, doch können die Profis eines nicht leisten. Und das ist nun mal der Zugang als Betroffener und der Standpunkt der Betroffenenseite und die Position, für sich und seine ureigensten Interessen einzutreten.

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