Patientenstärkung durch Teilhabe

Nutzermitbestimmung in der psychiatrischen Arbeit - Patientenstärkung durch Teilhabe

Es kommt ganz darauf an, welche Bedeutung die Klinik der Mitbestimmung durch die Benutzer zollt. Je nachdem können die Benutzer dann die stationäre oder teilstationäre psychiatrische Behandlung beeinflussen. Einige Kliniken wünschen sich viel Benutzerbeteiligung wie etwa die Bielefelder Klinik.

Die Mitbestimmung durch die Nutzer findet auf zwei Ebenen statt - der individuellen und der institutionellen Ebene. Institutionell gesehen ist der Verein für Psychiatrie-Erfahrene in Bielefeld der Hauptansprechpartner. Es ist den Mitgliedern des Vereins anzurechnen, dass im Trialog einiges vonstatten ging - Beschwerdestelle, Psychoseseminar, Projekte wie der Patientenfragebogen und zur Behandlungsvereinbarung haben sie begründet.
Es sind nicht viele Menschen, die die Psychiatrie in dieser Weise mitgestalten. Es stellt sich nun die Frage, wer die anderen sind, wie sie in Erscheinung treten und was sie brauchen im Bereich der Psychiatrie.

Mitbestimmung auf der individuellen Ebene

Die Frage lautet, was man selbst benötigen würde, wenn man selbst erkrankt in die Psychiatrie käme. Nur so bekommt man eine Vorstellung davon, was die Benutzer für Bedürfnisse haben und kann man auch die Qualität der eigenen als Profi überprüfen.

Menschen, die noch nie in einer Psychiatrie waren, wünschen sich, dass man mit den Patienten empathisch und sensibel umgeht und Rücksicht auf ihre Person nimmt. Die Profis sollen stellvertretend für einen handeln, wenn man selbst nicht mehr dazu befähigt ist und dabei ständig die Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit des Patienten überprüfen.  Der Patient soll die Möglichkeit eingeräumt werden, die Therapieverläufe, die Medikation, den stationären Aufenthalt und die Freizeitbeschäftigungen mitzubestimmen. Man soll nicht dazu gezwungen sein, jede Therapie wahrzunehmen und es sollten Einzelzimmer zur Verfügung stehen. Die Profis sollen Zeit und Verständnis mit einbringen.

Diesen nachvollziehbaren und banal anmutenden Bedürfbissen wird jedoch nicht unbedingt entsprochen. Die Patienten können auch normalerweise nicht in diesem Sinne mitbestimmen.

Mitbestimmung in der stationären Psychiatrie

Es gibt zwar Mitbestimmung in der Psychiatrie, aber diese ist nach wie vor nicht zureichend. Die Vorstellungen von Profis und Klienten gehen in Sachen Mitbestimmung weit auseinander. Die Profis schätzen dabei das Maß an Mitbestimmung viel höher ein als die Psychiatrie-Erfahrenen.

Die Profis treffen in der Psychiatrie generell wichtige Entscheidungen. Über die behandelnde Station, den Bezugspfleger, die Planung der Therapie, die Art und Dosierung der Medikamente, die Länge des Aufenthalts usw. Die Profis haben hier immer das letzte Wort. Das weckt die Kritik seitens der Psychiatrie-Erfahrenen.  Die Mitentscheidung ist begrenzt auf die weniger wichtigen oder zu wenig der wichtigen Fragen. Vor der Einführung der Behandlungsvereinbarung hatten die Benutzer beispielsweise kein Mitspracherecht bezüglich der aufnehmenden Station oder des Bezugspflegers. Doch wird versucht, Benutzer, die schon mal stationär auf Station waren, wieder auf derselben Station unterzubringen und ihr dieselbe Bezugsperson zuzuteilen.

Einige Mitarbeiter aus der Pflege sind der Meinung, dass es bei der Therapieplanung sehr wohl viele Wahlmöglichkeiten gibt. So besteht kein Zwang für die Benutzer, sich an der Ergotherapie oder an der Morgenrunde zu beteiligen. Die Psychiatrie-Erfahrenen hatten demgegenüber eher den Eindruck, dass ihnen, je gesünder sie wurden, mehr Zugeständnisse gemacht wurden, um sie bei Laune zu halten.
Die Psychiatrie-Erfahrenen und die Pflegekräfte waren sich einer Meinung, dass bei der Wahl der Medikamente kaum Möglichkeiten der Mitbestimmung gegeben sind.  Dies liegt am unzureichenden Wissen der Patienten über die Arzneien. Erfahrene Patienten tun sich da leichter und sehen sehr wohl Mitbestimmungsmöglichkeiten. Erschwerend fanden diese, dass das Angebot neuer Neurolpetika, die sie wiederum nicht kannten, die Mitsprache erheblich erschwerte. Die Psychiatrie-Erfahrenen würden die Dosis der Medikamente zu früh reduzieren wollen.

Die Dauer des Aufenthalts wird nur teilweise von den Benutzern mitbestimmt. Hier zähle nicht nur die Gesundheit des Patienten, sondern auch die Füllung der Station. Bei Wochenendurlauben scheinen die Betroffenen besonders am Ende ihres Aufenthalts mehr Mitspracherecht zu haben. Die Auswahl des Zimmers ist kaum von ihrem Votum abhängig.  Nur dann, wenn die Betroffenen überhaupt nicht miteinander auskommen, kommt es zu einer Umverlegung.

Die Mitbestimmung über das Essen ist allen Klienten wichtig. Manche Stationen lassen die Patienten über die Mahlzeiten abstimmen. Dies wirkt verwirrend auf einige der Betroffenen, weil sie es so erleben, dass einige andere Psychiatrie-Erfahrene sehr bevormundend vorgehen. Die Teeküchen, die meistens frei zugänglich sind, schätzen die Patienten sehr.

Die Patienten können auch darüber mitbestimmen, was in den Gesprächsgruppen besprochen wird. Die von den Betroffenen angebrachten Kritikpunkte werden zum Teil konstruktiv in die Gestaltung der Station und des Stationsalltags einbezogen. Die Sinnhaftigkeit der Stationsregeln werden mit den Klienten besprochen und eventuell auch geändert.

Unterschiede im Ausmaß der Mitbestimmung

Die Klienten können umso mehr mitbestimmen, je besser es ihnen geht. Dabei ist es für beide Seiten nicht leicht, die wiedergewonnenen Fähigkeiten adäquat einzustufen.

Das Ausmaß der Mitsprache der Benutzer hängt auch von ihrer Grundhaltung ab. So gibt es solche, die konstruktiv die Behandlung beeinflussen möchten, sich auseinandersetzen mit ihrer Krankheit und dabei eine aktive Rolle einnehmen. Ein Teil der Klienten lehnt wiederum die Psychiatrie grundsätzlich ab und zeigt nicht bereit dazu, zusammenzuarbeiten. Die dritte Gruppe zeigt kaum Eigeninitiative und bedarf der Aufforderung zur Übernahme der Eigenverantwortung, um beispielsweise in der Visite ihre Interessen anzusprechen und auch durchzusetzen.

Die klassische Psychiatrie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass untermauerte Ansichten der Profis gegenüber den Klienten durchgesetzt wurde. Den Benutzern wurde kaum etwas zugetraut. Das neue Verständnis von Zusammenarbeit macht es nun möglich, besser die Sicht der Klienten zu beachten und in die Arbeit zu integrieren. Die Profis wurden flexibler, mutiger und sind eher bereit, auch zuzuhören. Die Fachleute erkunden nun auch eher die Ressourcen der Klienten und halten sich mehr an deren Wachstumsmöglichkeiten. Die Nutzer bekommen dies auch mit.

Die Betroffenen sehen aber auch, woran es noch hapert. Ihre Wünsche und Vorstellungen gehen zum Teil über das bislang Erreichte weit hinaus und sie üben auch berechtigte Kritik.
Die Klienten erleben die Fülle an Mitsprachemöglichkeiten ganz unterschiedlich. Das hat zum einen zu tun mit der Art der Krankheit des einzelnen Betroffenen und hängt auch von der Bereitschaft und den Erfahrungen der Profis ab, die gesunden Anteile neben der Krankheit zu sehen. Mehr Mitbestimmung ist dann möglich, wenn der einzelne Patient wieder gesünder ist. In Bielefeld ist auf Anregung einiger Betroffener und in Zusammenarbeit mit den Profis in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe die Bielefelder Behandlungsvereinbarung entstanden, die dies ermöglicht.

Die Behandlungsvereinbarung als Instrument der Mitbestimmung

Allen ehemaligen Patienten der Bielefelder Psychiatrischen Klinik ist es möglich, nachdem stationären Aufenthalt mit einem Team von Fachleuten verbindliche Absprachen zu treffen für den Fall einer erneuten Einweisung in die Klinik.

Dazu liegt ein gemeinsam von Klienten und Profis entwickeltes Formular vor, welches die wichtigsten Bedingungen einer Behandlung aufführt. Die Wahl der Station, des Bezugspflegers, die Modalitäten bei der Aufnahme des Patienten, die Behandlung auf der Station, die Medikamente, Zwangsmaßnahmen und die soziale Situation. Die Benutzer erfahren also in der Tat mehr Mitspracherechte. Die nötige Gesprächsrunde dauert etwa eine halbe Stunde bis zwei Stunden, um über die Behandlung zu verhandeln und Erfahrungen des Klienten bei der früheren Behandlung und mit ihrer Krankheit zu sprechen. Die Profis bekommen dabei wertvolle Rückmeldungen über ihre Behandlung; sie nehmen die gesundeten Patienten auch ganz anders wahr. Sie lernen seine Eigenheiten, seine persönlichen Erfahrungen, seine besonderen Bedürfnisse in der Krise, seine Ängste und Wünsche und sein Erleben von Zwangsmaßnahmen kennen. Das Bild der Profis vom Klienten wird also ganzheitlicher. Der Profi sieht nun eher die Ressourcen des  Klienten. Auch der Nutzer kann den Profi nun in einem anderen Licht sehen. Da in der Gesprächssituation keine Abhängigkeiten mehr bestehen, sehen sich beide Parteien als gleichberechtigt an und als Partner im Umgang mit Aufgaben und Problemen.
Die Behandlungsvereinbarung bringt eine konkrete Form der Nutzerkontrolle mit sich und ist ein wichtiges Instrument im Rahmen der Qualitätskontrolle. Die Behandlungsvereinbarung soll nun wissenschaftlich evaluiert werden und sie soll dazu dienen, einem größeren Kreis an Benutzern Nutzen zu bringen.

Eine weitere Arbeitsgemeinschaft entwickelte ein Formular zur Vorsorgevollmacht.

Mitbestimmung auf der institutionellen Ebene

Der Trialog als Dreh- und Angelpunkt vieler gemeinsamer Aktivitäten

Seit 1993 besteht der Bielefelder Trialog. Dabei handelt es sich um ein quartalsweise abgehaltenes Treffen von Betroffenen, ihren Angehörigen und Fachleuten aus stationären, teilstationären, komplementären und ambulanten Einrichtungen und Diensten der regionalen Psychiatrie. Der Trialog zeigt am meisten Wirkung, wenn sich Mitarbeiter verschiedener Bereiche und Hierarchieebenen samt Leistungspersonal beteiligen. Der Trialog ist Forum der Diskussion für aktuelle Probleme sowie der Geburtshelfer für viele gemeinsame Aktivitäten und Aktionen.
Dabei lädt jeweils eine Gruppe zum Trialog ein, moderiert und protokolliert ihn. Am Trialog nehmen etwa 25 bis 40 Personen teil. Dabei handelt es sich um ein offenes Treffen, an dem weitere Interessierte teilnehmen können.

Exemplarische Tagesordnung

  1. Stand der Projekte
  2. AG Behandlungsvereinbarung
  3. Psychiatrie-Seminar
  4. Beschwerdestelle für Psychiatrie
  5. Psychose-Seminar
  6. Finanzierung atypischer Neuroleptika
  7. AG Umgang mit der Gewalt in der Psychiatrie
  8. AG Mahnmal für Sterilisationsopfer in Bethel
  9. Aktuelle Fragen und Themen
  10. Umzug der Stationen
  11. Stand des Gemeindepsychiatrischen Verbundes und der Umstrukturierung bei der Stadt
  12. Verschiedenes

Die Projektarbeit leisten in der Regel alle drei Gruppen zusammen, wobei alle Teilnehmer den Trialog als positiv erleben. Normalerweise wird sehr konstruktiv mit den Schwierigkeiten und Fragestellungen umgegangen, teilweise verläuft die Diskussion auch recht kontrovers. Die gemeinsamen Auseinandersetzungen münden teilweise in die verschiedenen Projekte.

Ein Thema des Tralogs war die Begrenzung der Verschreibung atypischer Neuroleptika durch die Budgetierung der niedergelassenen Psychiater. Da alle drei Gruppen der Meinung waren, dass mehr Betroffene aus den neuen und teureren Arzneien Nutzen ziehen sollten, verfasste die Arbeitsgemeinschaft einen entsprechenden Brief an das Gesundheitsministerium.

Zum Teil kommen Streit und Missfallen sehr deutlich zum Ausdruck. Einige Profis erleben es dann als demotivierend, ihre Arbeit so sehr in der Kritik zu sehen. Dabei lebt das Ganze ja von der offenen Kritik seitens der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Dies ist nämlich ein wichtiges Instrument der Qualitätskontrolle in der psychiatrischen Arbeit.

Patientenfragebogen

1994 beschloss der Trialog eine Patientenerhebung, die auf alle psychiatrischen Angebote in Bielefeld Bezug nehmen sollte. Eine trailogisch besetzte Arbeitsgruppe entwickelte einen detaillierten Fragebogen für die psychiatrische Klinik in Bethel.

Der Fragebogen umfasst mehrere Sachgebiete:

  •   Aufnahmesituation
  •   Angehörigen- und Besucherkontakte
  •   Aufklärung über die Erkrankung und Behandlungsmethoden
  •   Zwangsmaßnahmen
  •   Entlassungsvorbereitung,
  •   Medikamente
  •   nichtmedikamentöse Therapiemethoden
  •   mitmenschlicher Umgang
  •   räumliche Situation
  •   Verpflegung
  •   rechtliche Situation

Zuerst wurde auf einer einzigen Station ein Pre-Test gefahren und ein halbes Jahr danach die gesamte Klinik befragt. Der Rücklauf betrug 70 Prozent. Im Mai 1998 wurde im Trialog der das Ergebnis der Erhebung mitgeteilt. Die Antworten fielen weniger kritisch aus als erwartet und es gab unerwartet viele Klienten, welche den Kontakt zwischen Mitarbeitern und Patienten positiv bewerteten. Die Ergebnisse führten zu wichtigen Verbesserungen in Klinik und Klinikalltag. Es wurden geschlossene Telefonkabinen installiert, weil es auf Station kaum die Möglichkeit gab, ungestört zu telefonieren. Die nonverbalen Therapien wurden positiver empfunden als die Gesprächsgruppen. Eine Überprüfung der Gesprächsgruppen ergab, dass sich zu viele Patienten schlecht aufgeklärt fühlten bezüglich der verabreichten Medikamente. Dies resultierte in die systematische Integration der Aufklärung über Medikamente zum Beispiel über regelmäßige Medikamenteninformationsgruppen auf Station. Mehr als die Hälfte der Klienten gab an, dass Zwangsmaßnahmen vermeidbar gewesen wären. Dies führte zu einem Anordnungsbogen für Zwangsmaßnahmen, in welchem außer der Dauer auch eine inhaltliche Begründung der Zwangsmaßnahme zu dokumentieren ist. Die Erhebung zeitigte also für die Qualitätssicherung wichtige Ergebnisse.

Die Ergebnisse wurden in der wöchentlichen Fortbildung der Klinik und  allen Abteilungskonferenzen vorgestellt. Es erfolgte die Vereinbarung, die Befragung nun regelmäßig zu wiederholen.

Beschwerdestelle

Seit Anfang 1998 existiert in Bielefeld eine Beschwerdestelle für Psychiatrie. Ihre Aufgabe ist es, sich um die Beschwerden von psychisch kranken Menschen einschließlich der Suchterkrankten zu kümmern. Die trialogisch geführte Beschwerdestelle ist besetzt mit Mitarbeitern der verschiedenen Dienste sowie mit Betroffenen und Angehörigen.

Ziel der Beschwerdestelle ist es, bei der Lösung aller Probleme zu helfen, die bei der Behandlung, Betreuung und Pflege psychisch oder suchterkrankter Menschen vorkommen. Die Beschwerdestelle hat eine wöchentliche zweistündige Sprechstunde für persönliche und telefonische Anfragen von Betroffenen und ihren Angehörigen. Zudem besteht die Möglichkeit, sie per Post oder via Fax zu kontaktieren. Die Beschwerdestelle bearbeitet alle Themen rund um Missstände, Benachteiligungen und Beschwerden, die mit allgemeinen Regelungen wie Hausordnungen oder Stationsregelungen zu tun haben. "Über die juristische Fragestellung (Rechtsfindung) hinaus sollte die soziale und fachliche Dimension erfasst werden (Frage nach der fachlich geeigneten Hilfe)." Die Beschwerde wird angenommen, wenn die Beschwerdegruppe vollständig zugestimmt hat und kein rechtliches Verfahren angestrengt worden ist. Die gegebenen Informationen werden streng vertraulich verwendet. Die Beschwerdestelle konnte im Lauf der Zeit zur Zufriedenheit aller Beteiligten die Mehrzahl der Beschwerden erledigen.

Im Jahresbericht der Beschwerdestelle steht: »Für viele Beschwerdeführer war es wichtig, im Kontakt mit der Beschwerdestelle zu erfahren, dass sie angehört und ernst genommen werden. Es gelang fast immer, die notwendige Kommunikation zwischen den Beteiligten wieder in Gang zu setzen. Die Zusammenarbeit mit den betroffenen Einrichtungsträgern und -leitungen war weit überwiegend vertrauensvoll und konstruktiv.«
Herr Held hat sich freiwillig einweisen lassen. Dennoch wurde er in einer Krisensituation für kurze Zeit fixiert und zwangsweise mediziert. Herr Held war sich sicher, dass diese Maßnahmen rechtlich nicht in Ordnung waren. Deshalb wandte er sich telefonisch an die Beschwerdestelle, welche einen Termin vereinbarte mit dem zuständigen Oberarzt, der Stationsärztin und Herrn Held. Die Moderation des Gesprächs, das im Konferenzraum der Klinik stattfand, übernahm dabei die Beschwerdestelle. Beide Seiten stellten kurz ihre Sicht dar. Der Patient war aus Sicht der Ärztin stark erregt und er hielt eine Wasserflasche in der hoch erhobenen Hand, während er verbale Drohungen ausstieß, so dass sich die Mitarbeiter angegriffen gefühlt haben. Die Situation hat sich dann immer weiter zugespitzt. Das Gespräch machte dem Klienten die Situation transparenter und die Zwangsmaßnahme nachvollziehbar. Die Beteiligung der Beschwerdestelle wurde dann von beiden Seiten als hilfreich empfunden. Das Hinzuziehen unabhängiger Dritter erleichtert das gemeinsame Aufarbeiten schwerer Situationen und Entscheidungen und hilft dabei, die Beziehung zueinander wieder zu entspannen.

Trialog-AG »Umgang mit Gewalt in der Psychiatrie«

Der Trialog diskutiert seit zwei Jahren regelmäßig die Anwendung von Gewalt in der Psychiatrie. Das letzte Mal formierte sich die trialogische Arbeitsgemeinschaft wegen eines Beschwerdebriefs. Die Arbeitsgemeinschaft spricht intensiv über Gewalt, speziell die Gewalt, welche in der Psychiatrie vorkommt. Es gab eine ganze Menge Auseinandersetzungen mit dem Thema. Informationen wurden ausgetauscht und die unterschiedlichen Sichtweisen der Teilnehmer dargelegt. Die psychiatrische Klinik hat mehrere Standards für den Umgang mit Gewalt. Die folgenden Standards wurden besprochen und teilweise überarbeitet:

  •   Umgang mit Gewalt durch Patienten
  •   Umgang mit Gewalt durch Mitarbeiter
  •   Fixierung in psychiatrischen Notfallsituationen
  •   Isolierung in psychiatrischen Notfallsituationen
  •   Pflege bei isolierten und fixierten Patienten
  •   Umgang mit Psychopharmaka (auch gegen den Willen der Patienten)

Die Arbeitsgemeinschaft sorgte dafür, dass nach der Anwendung von Gewalt ein Gespräch mit den betroffenen Patienten stattfand und die Situation schriftlich genau zu dokumentieren ist. Die Fixierung von Frauen wird nun - soweit dies möglich ist - nur von weibliche Mitarbeitern vollzogen.

Die Angehörigen legten dar, dass die Diskussion der Standards für sie eine Beruhigung sei. Die Kenntnis der Standards ermöglicht es den Betroffenen und ihren Angehörigen, das Vorgehen in Gewaltsituationen anzusprechen und eventuell auch nachzufragen, wenn vom Standard abgewichen wurde.

Die überarbeiteten Standards wurden später an den Qualitätszirkel übergeben und die Vorschläge durchwegs akzeptiert.

Die AG hat sich auch an mehreren Fortbildungen zur Gewalt in der Psychiatrie beteiligt.

Die Teilnehmer an der Arbeitsgruppe empfanden die Atmosphäre der Arbeitsgemeinschaft als sehr angenehm und den regen Austausch als äußerst konstruktiv.

Was wird in der Psychiatrie unter Mitbestimmung verstanden?

Betroffene und Profis haben teilweise eine andere Vorstellung von Mitbestimmung in der Psychiatrie. Auf der einen Seite kann Mitbestimmung bedeuten, Entscheidungen gemeinsam in einer Art demokratischem Prozess zu etwa gleichen Anteilen zu finden, zu treffen und zu  verantworten. Auf der anderen Seite kann mitbestimmend sein, wenn die Betroffenen mitwirken, mitgestalten und Einfluss nehmen. Die zweite Bedeutung von Mitbestimmung dürfte derzeit eher Anwendung finden. Die Profis behalten sich das letzte Wort vor, weil sie sich für die Behandlung auch zuständig fühlen. Dennoch tragen Benutzer und Profis die Verantwortung für die Behandlung gemeinsam. Ausnahmefall ist dann, wenn der Klient keine Verantwortung mehr übernehmen kann. In diesem Falle trägt der Profi die volle Verantwortung. Die Einschränkung der Möglichkeiten zur Entscheidung und Selbstbestimmung erleben die Patienten teilweise als kränkend und frustrierend. Deshalb ist der Rahmen, in dem der Betroffene Verantwortung übernehmen kann und will immer wieder neu zu überprüfen.

Wirkungen der Betroffenen

Die Betroffenen bewirken unter anderem eine änderung der Haltung der Profis. Die Beteiligung und die Initiativen der Betroffenen und vor allem die Aktivitäten des Vereins der Psychiatrie-Erfahrenen zogen es nach sich, dass die Profis eher ressourcen-orientiert vorgehen und vermehrt die Potentiale der Klienten wahrnehmen.

In Bielefeld haben sich mehrere Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Die Gruppe für Mansich-Depressive formierte sich schon 1989 und die Psychose-Gruppe 1991. Es kam dadurch zu Begegnungen zwischen Profis und Betroffenen, die eine andere Qualität hatten als Einzelbegegnungen. Die Haltung der Profis änderte sich auch an der Mitarbeit in den Projekten und wegen dem zähen Verhandeln seitens der Betroffenen.
Die Änderung der Haltung zeigt sich auf mehreren Ebenen. Zum Einen auf struktureller Ebene im Umgang mit Problemen im Trialog und dann auch im Stationsalltag, der den einzelnen Klienten betrifft.
Entscheidend für die Wirkung auf die Haltung der Profi war, dass diese bereit dazu waren, auch ihre Haltung zu ändern. Sie zeigten und zeigen Bereitschaft dazu, sich im Trialog und den verschiedenen Arbeitsgruppen mit den Betroffenen auseinander zu setzen.  Dies ändert auch die Haltung der Betroffenen und deren Selbstbewusstsein ist inzwischen gewachsen. Die verschiedenen Haltungen und deren Änderungen beeinflussen sich wechselseitig.

In der kommunalen Orientierung der Stadt Bielefeld liegt eine weitere Bedingung für die wirkungsvolle Arbeit der Betroffenen. Die Treffen vom Verein der Psychiatrie-Erfahrenen, in den Selbsthilfegruppen und in den Arbeitskreisen mit Angehörigen und Profis sind nur möglich, weil keine allzu großen Anfahrtswege bestehen.

Die Betroffenen arbeiten auch an anderen Gremien mit,

  •   Psychiatriebeirat
  •   Arbeitskreis Frauen in der Pscyhiatrie
  •   Runder Tisch "Arbeit für psychisch Kranke"
  •   Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft

  
Die Zukunft

Das Engagement der Psychiatrie-Erfahrenen, welches über ihre persönliche Behandlung hinausgeht, bedarf in Zukunft einer angemessenen Finanzierung. Zuständig wären wohl die Krankenkassen oder öffentliche Mittel. Dazu zählt etwa die Beratung oder Mitarbeit in der Beschwerdegruppe. Die Finanzierung ist nötig, weil die Betroffenen in den verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen wertvolle Beiträge leisten zur Verbesserung der Qualität psychiatrischer Arbeit. Die Bezahlung dieser Art von Arbeit betont diesen Stellenwert. Diese wertvolle Arbeit ist wie jede andere Arbeit auch zu bezahlen.
Die wichtige Funktion im Qualitätsmanagement muss durch eine angemessene Honorierung entlohnt werden. Die Arbeit leisten bislang nur wenige Betroffene. Würde die Arbeit nicht ehrenamtlich geleistet werden, dann bestünde die Möglichkeit, mehr Betroffene als bisher zu beteiligen. Dadurch würden die besonders engagierten Betroffenen entlastet werden und es wäre sichergestellt, dass sich auch in Zukunft genügend Betroffene an der Arbeit beteiligen wollen und können.

Natürlich ist es denkbar, Betroffene viel mehr bei Entscheidungen und Planungen teilhaben zu lassen. So könnten sie themenbezogen an Klinikleitungskonferenzen teilnehmen. Dadurch hätten die Betroffenen die Möglichkeit, die Planung konzeptioneller Änderungen und Umbaumaßnahmen in der Klinik oder neue Angebote zu beeinflussen. Dies könnte die Einführung eines weichen Zimmers oder von zusätzlichen Ruhezonen  betreffen oder die Erstellung von Broschüren für die Patienten.

Die persönliche Ebene betreffend ist es wichtig für die Patienten, einen eigenen persönlichen Bereich zu haben. Am besten geeignet sind dazu Einzel- und Zweibettzimmer. Die Betroffenen sollten in der Ausgestaltung der Zimmer mehr Möglichkeiten haben. Dazu gehört beispielsweise die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Bildern an den Wänden wählen zu können.

Es wäre insgesamt bestimmt nicht schlecht, mehr auf die Bedürfbisse und Wünsche der Betroffenen einzugehen. Falls noch keine Behandlungsvereinbarung besteht, dann könnte man diese zu Beginn der Behandlung abfragen und eine Bedürfnis- und Wunschliste zu erstellen. Eine Befragung am Ende der Behandlung wäre ebenfalls sinnvoll. Darin können die Eindrücke über die Qualität der Behandlung und möglicherweise anfallende Kritik ermittelt werden.

Das Ausmaß der Mitsprachemöglichkeiten der Betroffenen hängt auch von deren Informationstand ab, so dass sie besser informiert werden müssen als bisher. Siehe hierzu das Kapitel über Aufklärung. Dazu könnten Informationsbroschüren oder Informationsblätter erarbeitet werden, welche als Vorabinformation oder als Ergänzung zu einem persönlichen Gespräch ausgegeben werden.  Zweckmäßig ist es, die Informationen unterschiedlich stark je nach Patienten auszurichten, um möglichst viele Patienten anzusprechen.

"Obwohl es mitunter sinnvoll ist, in Begriffen wie »Qualitätsmanagement«, »Nutzerkontrolle« und »Nutzermitbestimmung« zu denken, schadet es den Psychiatrie-Erfahrenen, den Mitarbeitern und der Qualität psychiatrischer Arbeit, wenn man sie immer mehr in das Korsett einer rein wirtschaftlich orientierten Denk- und Sprechweise presst. Psychiatrisches Handeln sollte über die klaren Verpflichtungen hinaus geprägt sein durch menschliche Qualitäten wie Empathie, Echtheit, Perspektivenübernahme und Partnerschaftlichkeit. Gerade das Menschliche kann man hegen, pflegen, bedenken, erwägen, fordern, gestalten, aber nicht in allem kontrollieren - es entwickelt sich."

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