Immer mehr Betroffene werden wieder verwahrt

Immer mehr psychisch kranke Menschen werden wieder verwahrt - weggesperrt in geschlossenen Abteilungen von Heimen, ohne Therapie lediglich aufbewahrt. Kraepelin läßt grüßen!
Insider nennen solch ein Heim Geheimheim. Wie viele bedauernswerte Menschen mit seelischer Erkrankung in solchen Geheimheimen verwahrt werden, weiß im Grunde genommen niemand so genau - aber es werden immer mehr.

Die Zahlen sind dramatisch. Auf 100.000 Berliner kommen wenigstens 1.400 Fälle Menschen mit einer schweren chronischen psychischen Krankheit. In ganz Deutschland werden im Jahr etwa 200.000 Menschen in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen. Das entspricht der Einwohnerzahl von Städten wie Saarbrücken oder Kassel.

Vor 20 Jahren noch siechten viele dieser Kranken unter menschenunwürdigen Bedingungen in großen Anstalten vor sich hin - ein Beispiel war die große Berliner Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Im Zuge der Psychiatrieenquete im Jahr 1975 kam es dann zur Enthospitalisierung der Heiminsassen und deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Doch erst zwischen 1993 und 2001 baute Berlin mit der Schließung der großen Anstalten über 2500 Betten ab. Die Metropole überspannt nun ein Netz von sozialpsychiatrischen Einrichtungen und betreutem Wohnen für seine psychisch kranken Einwohner. Jeder Bezirk hat dabei ein eigenes Steuerungsgremium, das für zuständig ist für die Wiedereingliederung der Menschen mit psychischer Erkrankung.

Dieses Netz hat aber große Lücken und eine ganze Menge der Betroffenen fällt durch die Maschen in ein großes Loch.. Es handelt sich um die schwierigen, unangenehmen Patienten und Klienten - die Systemsprenger oder Austherapierten. Immer mehr dieser Personen, die einen öffentlichen Betreuer haben, werden abgeschoben in Pflege- , Kranken-, oder Obdachlosenheime. Das Steuerungsgremium bleibt dabei untätig. Täglich zehn Menschen verschwinden auf diese Art im Nirwana - ein Viertel davon ist jünger als 55 Jahre, die Jüngsten sind gerade mal 22. Professor Peter Bräunig, der Chefarzt der Psychiatrie beim landeseigenen Klinikkonzern Vivantes stellt ernüchtert fest: „Inzwischen leben in diesen Heimen mehr Menschen als damals in den großen Anstalten. Wir wollen nicht wieder die gleichen bedrückenden Verhältnisse wie früher haben und müssen deshalb gegensteuern.“
Immer häufiger werden die psychisch Kranken das Opfer der Bequemlichkeit der Menschen, die für sie Verantwortung tragen sollten - der Ärzte, gesetzlichen Betreuer und Gerichte, die in solche Heime einweisen, wohl wissend, was die Patienten dort erwartet, bewußt um das Elend, in das sie sie schicken.

Im maroden, düsteren und stickigen Haus „Pro Seniore“ in Berlin-Tiergarten leben die seelisch Kranken auf engem Raum unter einem Dach mit Wachkomapatienten und Dementen. Kleine Schlafsäle mit zwei, drei Betten machen das Leben zur Qual. „Psychisch leidende Menschen halten räumliche Enge und zu große Nähe oft schlecht aus“, erklärt Bräunig. „Bei großer Menschendichte geraten sie schnell in Konflikt, was wiederum zu einem höheren Bedarf an sedierender Medikation führt“, sie müssen also ruhiggestellt werden.
Nicht einmal zehn Prozent der Heimbewohner bekommen Besuch, weil die Welt da draußen schon längst mit ihnen abgeschlossen hat.

„Die meisten von ihnen haben keinen Sinn für Schönes, sie merken nicht einmal, wenn wir ihnen zum Geburtstag Blumen hinstellen“, erklärt ein Betreuer. „Keiner von denen lebt im Hier und Jetzt. Wann gibt es Essen, wann Taschengeld, das ist das Einzige, was die noch interessiert.“ Trotz des engagierten Personals, welches chronisch unterbesetzt ist, sind die Helfer am Rande ihrer Kräfte angelangt. Es fehlt an der Hilfe seitens des Senats und vor allem mangelt es am nötigen Geld.

Die psychisch Kranken sind jedoch nicht nur die Opfer der beschriebenen Einweisungspraxis, sondern auch Opfer von marktwirtschaftlichem Denken. Die vielen aus dem Boden geschossenen Berliner Pflegeheime für Senioren sind gänzlich unterbelegt. In Folge bedienen sich die Betreiber eines lukrativen Marktes: chronisch psychisch Kranke, vor allem jüngere, die keiner haben will sollen in die eigens für ältere demente Klienten eingerichteten geschlossenen Abteilungen verbracht werden.
Der Insider spricht vom Geheimheim. Geheim steht für Geheimtipp unter den Einweisenden und gleichzeitig steht Geheim für etwas, was es in dieser Form in Berlin nicht geben dürfte, ohne dass sie offiziell dazu deklariert worden sind. Niemand weiß bisher, wieviele solcher Geheimheime existieren in der Stadt „Wir wissen, dass junge Menschen in solchen Heimen untergebracht werden, zahlenmäßig haben wir hierüber keine Erkenntnis“, sagt Heinrich Beuscher. Das ist der Berliner Landesbeauftragte für Psychiatrie, der es doch eigentlich genau wissen sollte.

Geheim ist auch die Zahl derer, die in den letzten Jahren in stationäre Pflegeheime verschwunden sind. Oft kennt man nicht einmal den Einweisungsgrund. Die Klienten kommen aus den Kliniken, die ihre Patienten dort einweisen, gerne in andere Bezirke, damit sie nicht zu lästigen Drehtürpatienten werden, die immer wiederkehren. „Auf das Entlassungsgeschehen einer Klinik hat der Senat keine Einflussmöglichkeiten“, sagt Beuscher und verweist auf gesetzliche Verpflichtungen. „Wenn abzusehen ist, dass ein psychisch Kranker nach dem Klinikaufenthalt weitere Hilfe braucht, muss jede psychiatrische Einrichtung bereits während der Behandlung Kontakt zu den bezirklichen Steuerungsgremien aufnehmen.“ Die Inanspruchnahme dieses Angebots nutzen die Kliniken je nach Bezirken ganz unterschiedlich.

Der Berliner Trend: Statt auf die Therapie konzentriert man sich auf die bloße Pflege.
Pflegeheime haben keine Wiedereingliederung der psychisch Kranken zum Ziel. Nur die Hälfte dieser Einrichtungen leistet sich den Luxus eines Psychologen und es gibt deutlich zu wenig psychiatrische Fachärzte. Anstatt therapeutische Maßnahmen einzusetzen, die der Selbstständigkeit dienen, wie Einkaufen, Wäschewaschen, Putzen, steht die bloße Pflege im Fokus: aufstehen, umbetten, waschen, kämmen. Deshalb werden auch die wenigsten der Patienten diese Einrichtungen jemals wieder verlassen können. Sie werden mit Medikamenten ruhiggestellt und ziehen sich in der Isolation der Heime ohne Ausweg zurück in ihre eigene Welt. Einige wählen den Freitod, um dem aussichtslos trübseligen Leben ein Ende zu bereiten.

Der Heimmarkt für Menschen mit psychischen Krankheiten wächst derzeit dramatisch. „Keiner dieser Menschen müsste in einem solchen Heim sitzen, würde man sie adäquat behandeln“, sagt Bernd Gander, der Geschäftsführer der Pinel gGmbH, in deren Trägerschaft zwischen 400 und 500 dieser Menschen versorgt werden.
Wenn Bequemlichkeit und Ökonomie im System nicht wären, wäre all diesen Menschen zu helfen. Der Senat ist in seiner Steuerungsfunktion gefragt, um Transparenz, mehr Übersicht und effektivere Kontrolle in diese Grauzone der Psychiatrie zu bringen

So wäre eine zentrale Begutachterinstanz bitter nötig, die alle Kranken vor einer Einweisung begutachtet. Auch würde eine generelle Altersbeschränkung für solche Pflegeheime gewährleisten, dass die jungen psychisch Kranken in sozialpsychiatrischen Einrichtungen eine Chance auf Wiedereingliederung haben. „Der Staat hat eine Verantwortung, er kann die Schwächsten der Schwachen nicht der freien Marktwirtschaft überlassen“, sagt Gander. „Die großen Heimträger üben auf die Politiker einen nicht unerheblichen Einfluss aus.“

Quelle:
Christiane Tramitz vom Tagesspiegel am 09. März 2013

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