Empowerment auf Station

Aufrichtigkeit, Transparenz und eine gemeinsame Sprache

( Selbstbefähigung auf einer psychiatrischen Station )

Gemeinsam erstarken

Hat ein Mensch das Gefühl, einem anderen Menschen nicht mehr gewachsen zu sein, dann greift er zu Mitteln, die mit dem direkten Einsfluss einer Person nichts mehr zu tun haben. Er verbietet den Ausgang, streicht das Taschengeld, versperrt die Türe, entehrt den anderen, gibt Schläge, gibt Medikamente, nimmt gefangen, fixiert. Kommt ein Mensch mit einem anderen nicht zurecht, dann wendet er seine Macht und Mittel an, die oft regelhaft sind. Regelhaft bedeutet, dass Macht und Mittel nichts mit der anderen Person oder der Situation der beiden Menschen zu tun haben.

Mittel, Macht und Regeln haben auch mit der Schwäche des Verantwortlichen zu tun. Der Mensch, der zugleich verantwortlich und schwach ist, hat das Sagen und der Abhängige hat zu parieren. Empowerment bedeutet also nicht nur dem Abhängigen, sondern auch dem Verantwortlichen Stärke zu verleihen. In der Psychiatrie gilt das für alle dort Angestellten. Insbesondere die krasse Hierarchie in vielen Kliniken zieht es nach sich, dass viele der Mitarbeiter kaum Einflussmöglichkeiten und Mitspracherecht haben. Wo jedoch kein partnerschaftlicher Umgang der Mitarbeiter gepflegt wird, da dürfte es auch aussichtslos sein, einen partnerschaftlichen Umgang mit dem Patienten zu pflegen.

Der Mensch kann im brechtschen Sinne nur dort dem Mensch ein Helfer sein, wo die biblische Tirade von Glauben, Hoffnung und Liebe vorherrscht. Alle drei Elemente sind nötig, um beide Seiten erstarken zu lassen.
Der Glaube ist wichtig. Denn wenn wir dem anderen nichts zutrauen, nicht an ihn glauben, dann geben wir ihm auch keine Chance, eine Aufgabe selbständig zu lösen. Auch muss der Behandler an sich selbst glauben, wenn er nicht das bewährte Arsenal einsetzen will, sondern dem anderen dabei helfen möchte, aus eigener Kraft zu erstarken. Wobei die Psychiatrie die Selbsthilfe- und Bewältigungsfähigkeiten der Psychiatrie-Erfahrenen ohnehin unterschätzt.

Ohne Hoffnung gibt es kein Vorankommen. Die Hoffnung orientiert sich an der Zukunft, hat also stets ein Ziel im Sinne. Ein Leben ohne Perspektive ist sehr schwer auszuhalten. Man kommt nicht von der Stelle. Wird einem Betroffenen gesagt, dass ab einem gewissen Zeitpunkt die Arbeit beginnt oder die Arzneien abgesetzt werden, dann bringt das oft etwas zugange, was vom Patienten ausgeht. Die Konzepte von Krankheit der Psychiatrie geben kaum Raum für die Hoffnung. So fallen die Prognosen psychoseerfahrener Menschen meist viel zu negativ aus.

Die Bibel besagt, dass die Liebe das Größte der drei sei. Liebe besagt, dass man den anderen so annimmt, wie er nun mal ist. Sei er verdreckt, bizarr, gestelzt, hochgestochen, stumpf oder oberflächlich. Der psychiatrische Beruf bringt es mit sich, dass man fast alle der so unterschiedlichen Klienten einfach gerne hat.  Die arbeitsvertraglichen Bedingungen gestatten so etwas Persönliches eigentlich gar nicht. Doch besteht die Bereitschaft zur Liebe und die Personenauslese, die zum psychiatrischen Beruf führt, scheint diese Bereitschaft zu unterstützen. Doch lassen Zeitdruck, Personalknappheit und viele Überstunden bei vielen Profis in den psychiatrischen Kliniken die Fähigkeit verkümmern, sich auf den Klienten mit all seinen Eigenarten einzustellen und ihn wohlwollend und achtsam zu behandeln. Wer gezwungen ist, unter Zeitdruck zu arbeiten, der erfüllt nur das Nötigste.

Die psychiatrische Praxis verläuft oft zwischen Kampf und Liebe. Es kommt darauf an, das Mittelmaß zu finden zwischen therapeutischer Kriegsführung und mitfühlender Begleitung des Betroffenen. Die Behandler haben zu lernen, dass sie vor allen Dingen nicht gegen Erkrankungen wie die endogenen Psychosen kämpfen, die sie nicht kennen. Es kommt mehr darauf an, die Betroffenen ins Herz zu schließen und sie Tag für Tag näher kennen zu lernen, soweit sie das zulassen.

Die drei Zutaten Glaube, Hoffnung und Liebe lassen den Abhängigen erstarken. Wichtig ist es auch, dass der Behandler stark ist oder wird. Und dass er seine Schwächen erkennt. Diese gilt es  einzugestehen oder partnerschaftlich zu kompensieren. Da spielen dann Selbsterfahrung, multiprofessionelle Arbeit, berufliche und lebensbezogene Erfahrung und Supervision mit hinein. Nur Fachleute, die stark oder ausreichend kompensiert schwach sind, können die Abhängigen stark werden lassen.

Empowerment für die Klienten funktioniert also nur mit Empowerment der Profis.

Menschen und Profis

Die therapeutischen Profis wirken dann am Besten, wenn sie das ihnen persönlich Mögliche an den Mann bringen oder das dem Patienten Mögliche zu Tage fördern.
Die Ausbildung zum Profi verfolgt im Speziellen zwei Ziele:

  •   Die Vermittlung dessen, was erfahrungsgemäß meistens hilft. Also die Neuroleptika bei schizophrenen Psychosen, die Verhaltenstherapie bei Zwangspatienten oder die Gesprächstherapie in allen Lebenslagen.
  •   Dem Profi Sicherheit und Erfahrung zu geben, die Situation zu beurteilen und reflexhaft wirksame Mittel und Methoden anzuwenden, so dass er Kopf und Herz frei hat für das, was ihm persönlich möglich ist. Nur wer erfahren und sicher genug ist als Profi, der hat auch die Stärke, seine Unsicherheit und sein Unwissen auszuhalten und das schamlos einzusetzen, was ihm persönlich einfällt und richtig erscheint. Auch ist es nur dem Erfahrenen und Sicheren möglich, die Konsequenzen seines persönlichen Tuns und das Verhalten des stark gewordenen Klienten abzuwarten.

 

Gründe für den Zoo

Loren R. Mosher sagte einmal, die Psychiatrie versuche oft, die Probleme im Zoo zu lösen, anstatt im Dschungel tätig zu werden.

Schwer zu begreifen ist, dass man ein Lebewesen an eine andere Stelle bringt, um es fit zu machen, damit es zurecht kommt in seinem sozialen Milieu. Meistens wird es wohl nötig sein, seine Umgebung zu ändern oder es selbst zu trainieren, damit es wieder zurecht kommt. Dies gilt auf jeden Fall für Pflanzen und Tiere.

Dennoch gibt es Situationen, in denen es sinnvoll ist, jemanden aus seinem schädlichen Milieu herauszunehmen oder an einen Ort zu verbringen, an dem er optimal unterstützt werden kann. Dies gilt beispielsweise für die stationäre Psychiatrie.

Ein stationärer Aufenthalt ist geboten

  • wenn die Hilfemaßnahmen woanders nicht erbracht werden können wie etwa die Intensivüberwachung oder die lebensrettende Infusionstherapie
  • wenn der Aufenthalt das maximale Leiden erträglich macht. Dies ist beispielsweise der Fall bei einer schweren Depression. Hier kommt es darauf an, ein höchstes Maß an persönlicher Zuwendung und an medikamentöser Hilfe anzubieten
  • wenn der Aufenthalt die Gefahr des Betroffenen für sich selbst oder für andere reduziert wie bei Suizidalität oder aggressiven Impulsdurchbrüchen.

Im Gegensatz zu den beiden anderen Therapieformen, der ambulanten und der teilstationären Behandlung, bringt der stationäre Aufenthalt mehrere Vorteile mit sich: Der Betroffene hat stets einen Profi zur Verfügung. Alle wesentlichen Hilfsmittel stehen zur Verfügung. Im Extremfalle kann eine eins zu eins-Betreuung erfolgen.

Lernen aus Fehlern

Die Untersuchung von Fehlentwicklungen und Misserfolgen bringt viele wichtige Erkenntnisse zu Tage. Hätte man sich nicht mit den Fehlentwicklungen auseinandergesetzt, dann wären wesentliche Prozesse der Psychodynamik unbekannt. Um das Bewusstsein näher zu verstehen, sollte man den Weg über dessen Störungen gehen. Es ist also nichts Schlechtes dabei, aus Fehlern zu lernen.
Der erste Kontakt mit der Psychiatrie ist oft mit einer stationären Aufnahme verbunden. Der Erstkontakt stellt einen entscheiden Zeitpunkt für das Erleben der Psychiatrie dar. Desmeist ist dem viel Schädliches vorangegangen. Eine bessere Kultur und Struktur der gesellschaftlichen Bedingungen insbesondere durch Kriseninterventionssysteme hätte diesen Vorlauf vermeiden können. Die Ankunft unter Zwang schadet ebenso wie die Ausübung von Zwang. Die geschlossene Tür verkündet ohnehin ihre eigene Wahrheit.  Diese negativen Erlebnisse können aufgefangen werden durch die Art der menschlichen Begegnung bei der Ankunft. Diese Art kann entweder strategisch bestimmt sein oder aber durch Liebe bedingt. Die professionelle Haltung ist natürlich zumeist verbesserungsfähig. Dabei spielt es keine Rolle, um welche Berufsgruppe es sich geht und um welchen Zeitpunkt des psychiatrischen Erstkontaktes in der Praxis, der Ambulanz oder der Klinik es sich handelt.

Klassische Stationen haben feste Abläufe. Dazu gehört das frühe Wecken ebenso wie das frühe Abendessen. Vor nicht allzu langer Zeit gab es feste Bade- und Duschtage. und punktuell lokalisierte Besuchszeiten in speziell ausgewiesenen Besuchszimmern. Der Besuch, also die Visite im romanischen Sprachgebrauch, war eigentlich etwas Hoheitliches. Die Patienten trugen eine Uniform aus blau-weiß gestreiftem  Drillich und die Betreuer kleideten sich ganz in Weiß. Auch Psychologen zogen diese Tracht gerne anderem vor. Die Profis sprachen in latinisierter Form, um sich von denen zu unterscheiden, die ihnen anvertraut und ausgeliefert waren. Einige kamen ins Zimmer ohne anzuklopfen und benutzten das vertrauliche Du, das sie sich selbst gegenüber jedoch nicht verwendet wissen wollten. Ob ein anderer einen glaubwürdig als gleichberechtigt zulässt, das äußert sich auch an der Sprache.

Bei der Feststellung des Befundes wusste der Ranghöchste automatisch am Besten Bescheid und die Festlegung der Therapie hatte konspirativen Charakter, da man sich untereinander zutuschelte. Wurde im Check-Up der spezifische Fehler ermittelt, dann begann die Anwendung der Regeln: Ermahnung, Ausgangssperre, meist erhöhte Medikamentengabe. Patienten, die schon früh in der Schule und der Familie gelernt haben, rissen sich zusammen.

Die Station war ein System, welches in sich geschlossen war, selbst wenn ab und an die Tür offen stand. Geplant waren die Spaziergänge und die Beschäftigungstherapie, die Visiten und in progressiveren Zeiten die Morgenrunde, welche den Charakter eines Kirchentages hatte und das Kuchenbacken. So wie einmal der Tag kam, an dem alles mit der stationären Aufnahme begann, so kam auch der Tag, an dem das alles aus war. Es galt "Aus den Augen aus dem Sinn". Wieder zurück wurde der Patient auf die nächste Station verlegt, bis er seinen Platz gefunden hatte - drinnen zum Kartoffelschälen oder draußen beim Sitzen in der Vorhalle des riesengroßen Pflegeheims.

Dies mag ein wenig übertrieben sein, doch geht es nur darum zu zeigen, dass Stationen auch anders geführt werden können. Zwar mit Regeln, aber mit Transparenz, auch mit Rhythmen, aber mit Personenbezug und ebenfalls mit Visiten, aber mit deutlicher und deutscher Sprache. Das, was man weiß, soll dann erklärt werden und das, was man nicht weiß, soll auch benannt werden. Auch die Zubereitung von Essen kann durchgeführt werden, aber mit gemeinsamer Vorüberlegung und demokratischer Entscheidung. Mit dem Gang in die Stadt, der Aufgabenteilung und anschließendem gemeinsamen Essen, zu dem andere eingeladen werden können.
Die geschilderten Abläufe haben natürlich ihren Grund. Rhythmen sind nötig, damit alle Betroffenen möglichst viele Angebote nutzen können. So macht es Sinn, das Frühstück nicht zur Zeit des Frühsports auszugeben. Die Kliniken können ja nicht alles doppelt und dreifach anbieten. Termine und Rhythmen sollten so gelegt sein, dass sie den Nutzern möglichst viele Wahlmöglichkeiten offerieren. An Bequemlichkeit und Dienstzeiten des Personals sollten sie sich auch nicht orientieren.

Visiten haben nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Bei Gruppenvisiten mit mehr Klienten als Profis kommen die Einzelnen ganz klar zu kurz. Bei Einzelvisiten gibt es mehr Profis als Klienten und kommen die Einzelnen ebenfalls zu kurz. Die Eins-zu-Eins-Gespräche sind am ergiebigsten, was die therapeutische Beziehung angeht. Danach ist es jedoch schwer, alle Beteiligten im Team in Kenntnis zu setzen und zu koordinieren. Am besten wäre es wohl, wenn alle Beteiligten mit dem Klienten zusammen zusammen das vorgesehene Thema besprechen. Die richtige Lösung gibt es wohl nicht. Aber es gibt Elemente, die eine Visite optimal ausstatten. Da wären beispielsweise Aufrichtigkeit, Klarheit und eine gemeinsame Sprache.

 Die Morgenkonferenzen finden in Merzig im Saarland unter offenen Bedingungen im gemeinsamen Forum statt. Darin werden alle Zugänge und Abgänge und eventuelle Probleme besprochen. Alles, was ein Profi sagt, soll auf Station auch von den anderen und speziell den Betroffenen wahrgenommen werden. Bei diesen Verlautbarungen beschränkt man sich auf die Inhalte, die der Klient ohnehin mitbekommen würde.
Alle Stationen können heutzutage offen geführt werden, auch wenn das noch nicht alle Kliniken so handhaben möchten. Freiheitsentziehende Maßnahmen können durch höheren Personaleinsatz durchgeführt werden. Dieser offene Versorgungstyp klappt sogar im Zusammenhang mit Suizidalität und Aggressivität.

Dabei lässt sich die Offenheit am Besten gewährleisten, wenn die Stationen gemischt geführt sind. Die Mischung betrifft sowohl das Geschlecht, als auch die Diagnose und das Stadium der Erkrankung. Mischt man das Verrücktem dann resultiert daraus eine Art neuer Normalität. Damit eröffnen sich Lebensfelder und Lernmöglichkeiten, die sich sonst nur im normalen Alltag wiederfinden. Beispielhaft wäre der junge Mann, der wegen eines Tötungsdelikts in der Forensik untergebracht war und sich nun nach der Verlegung auf die Allgemeinpsychiatrie um eine Achtzigjährige kümmert, die zeitweise verwirrt war. Diese setzt sich wiederum für ihren Helfer ein, damit dieser einen Wochenendurlaub bekomme.  Die verschiedenen sozialen Begegnungsmöglichkeiten und neuen Problemfelder stoßen Lernprozesse an, welche den einzelnen Menschen stark machen und ihm Selbstvertrauen geben. Selbst während der stationären Behandlung ist es möglich, sich nach diesen nicht für die Erkrankung spezifischen oder nicht von der Erkrankung betroffenen Lebensbereichen zu sehen. Der Blick fällt dann darauf, wo Menschen stark sind und Ressourcen haben. Dadurch stärkt man die Menschen, wenn sie am besten kochen, singen oder Volleyball spielen können.

Lernen zu fragen

Ganz besonders fühlen sich die einzelnen Menschen dann in ihrem Wert bestätigt, wenn man das für das Wichtigste hält, was auch für sie das Wichtigste ist und den ersten Platz einnimmt. Stärkung wird erzielt, wenn man das jeweils führende Bedürfnis sucht und nach Möglichkeit auch befriedigt. Ist dieses Zugpferd einmal gezähmt, dann wirkt auch der Rest der innerseelischen Abläufe weniger drängend. So beklagte beispielsweise ein Mann, durch einen Nagel vom Gehirn bis zum Rückenmark durchbohrt zu sein. Zudem leide er an extremen Hunger, den er gerne durch etwas Süßes gestillt bekommen hätte. Gefragt, wo denn das Süße herkommen sollte am Sonntag, verwies der Mann auf die Tankstellen, die ja sonntags geöffnet hätten. Dort seien Marsriegel erhältlich. Nachdem er die Süßigkeiten bekommen und verspeist hatte, schlief er ruhig ein.

In Merzig wird für alle Patienten ein Inventarbogen erstellt, der sich am Amsterdamer Case-Management orientiert. Die Betreuer müssen sich darin festlegen, wo die Ressourcen und wo die Bedürfnisse des Klienten liegen. Dabei ist es enorm wichtig, nicht nur Defizite zu beschreiben, sondern auch darüber nachzudenken, was der Klient alles kann.

Der Inventarbogen kann auf vielerlei Arten ausgefüllt werden. Dabei hat es sich bewährt, nach dem Einzelgespräch mit dem Klienten die verschiedenen Positionen durchzugehen, die Schwierigkeiten zu priorisieren und mögliche Unterstützungen niederzuschreiben. Der Inventarbogen bietet sich besonders für multiprofessionelle Teams an, um eine gemeinsame Sicht der vorliegenden Schwierigkeiten zu bekommen und um Prioritäten zu benennen. Nicht jeder liebt die Arbeit mit Formularen. Doch merkt man, wenn man sich die Mühe gemacht hat, den Inventarbogen auszufüllen, dass man die Situation des Patienten viel besser versteht und zielgerichteter arbeiten kann. Der Bogen ist stets dann zu erneuern, wenn der therapeutische Verlauf ins Stocken kommt, um neue Perspektiven zu erlangen.

Beim Einsatz von Medikamenten sollte der Patient nach seinen früheren Erfahrungen befragt werden, um herauszubekommen, was geholfen und was geschadet hat. Man sollte nur das anwenden, in das der Klient vertraut. Nur dann kann man sicher sein, dass der Klient die Arznei auch später einnimmt. Nicht die Frage, welche Arznei die beste Wirkung hatte, steht im Vordergrund, sondern die Frage, was geholfen hat. Oft sind es die Mitpatienten, das Fitness-Studio oder die Stationshilfe, die benannt werden. Die Medizin nimmt oft gar nicht mal so einen hohen Stellenwert ein. Es ist gut, sich bei der Visite hinzusetzen, damit der Klient sieht, dass man sich für ihn Zeit nehmen will. Manchmal tut es ihm gut, wenn man sich neben ihn aufs Bett setzt, nachdem man ihn um Erlaubnis gefragt hat. Man sollte ihn mit in die Kurve schauen lassen, wenn man diese öffnet, um Befunde oder Medikamente zu ersehen oder seinen Namen zu erfahren. Man sollte ihm stets erklären, wonach man schaut und was man anordnet. Die Menschen verstehen in der Regel viel mehr, als man ihnen unterstellt, wenn es um sie selbst und ihre Gesundheit geht.

Oft möchte der Arzt dem Patienten Psychopharmaka verordnen, was diesem nicht recht ist. L. R. Mosher schlägt vor, den Klienten zu einem Versuch einzuladen. Der Klient soll dabei die Medikamente wie vorgesehen einnehmen und dabei eine Liste führen. Links ist einzutragen, welche krankheitsbedingten Beschwerden auftreten und rechts die neuen Probleme und Nebenwirkungen. Einige Tage später trifft man sich erneut, um die Ergebnisse zu diskutieren.

Lehnt der Klient das Medikament immer noch ab, dann wird man eben Alternativen durchsprechen.  Diese können medikamentöser oder nicht medikamentöser Natur sein. Als Arzt will man wohl keinesfalls zusehen, wie ein Klient, dem man helfen könnte, immer mehr in Gefahren psychischer, sozialer oder körperlicher Art gerät, ohne dass das, was aus der Erfahrung heraus als hilfreich eingeschätzt wird, zum Einsatz kommt. In manchen Fällen mögen Zwangsmaßnahmen wie ein Unterbringungsbeschluss, Fixierung und Medikamente im Namen der menschlichen Nächstenliebe und des ärztlichem Berufsethos heraus nötig sein. Wie sollte man auch Empowerment betreiben und jemanden stark machen, wenn man ihn zunächst todkrank werden und dann sterben lässt. Während der Anwendung von Zwangsmaßnahmen sollten mitmenschliche Zuwendung vermehrt zum Einsatz kommen. So sind beispielsweise Sitzwachen anzuordnen, wenn eine Fixierung zum Einsatz kommt.

Nach der stationären Behandlung empfiehlt es sich, mit dem Patienten nochmals alle Stadien, Begegnungen und Enttäuschungen durchzusprechen. Dieses Abschlussgespräch kann zur Erstellung einer Krisenkarte Anwendung finden. Auf dieser Karte trägt der Klient ein, wer ihm helfen soll und wer er auf keinen Fall an ihn heran darf, welcher Klinik er vertraut und welche Mittel er ablehnt. Es kann natürlich vorkommen, dass der Arzt anders handeln muss, weil der aktuelle und akute Befund dies mit richterlicher Genehmigung erfordert.

Dem Wunsch der Psychiatrie-Erfahrenen ist zu entsprechen, eine psychiatrische Behandlungsvereinbarung abzuschließen, falls dies vom Patienten so gewünscht wird.

Bei der Entlassung soll dem Patienten eine kleine Mappe mit weiterführenden Informationen übergeben werden. Darin finden sich die individuell nötigen und örtlich verfügbaren Hilfen. Individuell nötig könnte sein eine Liste der Gesprächstermine, ein Lithiumpass usw. und bei den örtlichen Hilfen kann es sich um Flyer handeln mit Angaben zur Tagesstätte und dem örtlichen Krisendienst. Die Mappe könnte auch ein Schreiben enthalten mit der Aufforderung, dem Verband der Psychiatrieerfahrenen bzw. der Angehörigen beizutreten.

Die Offenheit ist dabei die wesentliche Triebfeder einer neuen Psychiatrie. Die Fachleute können gar nicht anders als sich damit auseinander zu setzen, was dem Patienten wichtig erscheint, was die Patienten ohne Fixierung und Medikation auf den Stationen hält und was den Patienten unabhängig von der gegenwärtigen Erkrankung als Mensch auszeichnet. Es geht also darum, herauszufinden, was die Erkrankung zu einer Nebensache macht, die während des Aufenthaltes auf Station mitbehandelt wird, was den Selbstwert des Klienten bestätigt, ihn also stark macht.

Im Folgenden findet sich eine Liste stärkender Handlungsmöglichkeiten. Die Wirkungen der konkreten Methoden werden beschrieben und abgegrenzt von einem klassisch-psychiatrischen Ansatz.
Empowerment-Strategien im Rahmen einer stationären oder teilstationären Behandlung

Anliegen Methoden Wirkung Klassischer Ansatz
Eine möglichst partnerschaftliche Behandlung Ausreichend Infos über Krankheiten, Behandlungsmethoden in Form von Gesprächen, Patientenbibliothek, Info-Veranstaltungen, Info-Mappe, Adressenliste. Die Vermittlung der Informationen folgt dem Prinzip des Austausches und weniger der einseitigen Informationsweitergabe. Erfahrung der Eigenverantwortung für alle wichtigen Entscheidungen
Klienten fühlen sich ernst genommen
Klienten werden mündige Partner, die unabhängiger entscheiden können
Der Profi trifft die richtige Entscheidung. Deshalb muss der Klient von diesen Entscheidungen überzeugt werden
  Verhandlung bei allen wichtigen Fragen. Dies betrifft die Medikamention, Die Ziele, Elemente, Dauer der Behandlung, Angebot von behandlungsvereinbarung, Krisenpass usw. Überredung nur im Notfall.
Visite partnerschaftlich mit klarer, verständlicher und ehrlicher Sprache
Gemeinsame Angebote wie etwa Psychoseseminare
Transparenz über alle Abläufe in der Klinik
   
Nutzerorientierte Behandlung Beteiligung der Klienten an der Kozeption der Einrichtung
Kritik und Rückmeldungen sind erwünscht Fragebogen zum Behandlungsende
Behandlungsprogramm wird weitestmöglich an die Bedürfnisse des Klienten angepasst
Der Klient merkt, dass seine Meinung gewertschätzt wird und er Einfluss nehmen kann Patienten sind unfähig, die Behandlung angemessen einzuschhätzen, deshalb sind Rückmeldungen weniger hilfreich
Festes Behandlungsprogramm. Die Gruppen werden gemäß eines Manuals durchgezogen
Wahrnehmung von Ressourcen seitens der Klienten und der Fachleute Ressourcenorientierte Diagnostik (Fähigkeiten, soziales Netzwerk usw) mittels eines Inventarbogens
Information über individuelle Selbsthilfemöglichkeiten
Ideal einer Selbstversorgerklinik mit einem möglichst hohen Grad an Aktivität
Würdigung auch ungewöhnlicher wie etwa künstlerischer Fähigkeiten des Klienten
Erfahrung der Klienten, dass ihre Fähigkeiten seitens der Profis hewürdigt werden
Untertützt die Selbstachtung
Kompetenzen werden genutzt und erweitert
Die Fremdhilfe bleibt auf das nötige maß reduziert
Im Vordergrund steht die Psychopathologie
Ressourcen sind unbedeutsam und werden weder wahrgenommen noch gefördert
Ein starres Behandlungskonzept bietet keinen Raum für individuelle Ressourcen
Die Selbsthilfemöglichkeiten bleiben ungenutzt und die Krankheit verläuft schlechter
Gegenseitige Unterstützungspotentiale der Klienten werden spürbar und nutzbar Die Gruppe als therapeutische Gemeinschaft hat hohe Bedeutung
Raum für gegenseitigen Austausch und Unterstützung
Angebot eines Raums für Aktivitäten ohne professionelle Begeleitung
Erfahrung der Patienten, dass andere ihnen gut tun und helfen und sie selbst anderen helfen können.
Unterstützt das Selbstbewusstsein
Bedeutung professioneller Hilfe wird relativiert
Klienten sind nicht dazu in der Lage, sich gegenseitig zu helfen. Hilfe können nur die professionellen Angebote bringen.
Die therapeutische Gemeinscahft hat nur eine untergeordnete Bedeuetung. Störungsspezifiische Therapiebausteine kommen zum Einsatz.

 

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