Stabilisierung der Identität

Stabilisierung der Identität

Zuerst ist da die Frage, wer denn die Klienten seien, wenn es um Empowerment geht. Danach kann man den alten Leitsatz der Sozialarbeit befolgen, der da heißt "Den Klienten da abholen, wo er gerade steht". Dann geht es noch um mögliche Ziele, welche die Betroffenen in Angriff nehmen könnten. Der Wandel der Identität spielt dabei eine gewichtige Rolle, weil der Diakog zwischen Helfer und Klienten ja davon abhängt, wie man den anderen wahrnimmt. Findet dieser Dialog wirklich statt, dann werden die Probleme, Bedürfnisse und Angebote auch kommunizierbar.

Michaels Geschichte

Die folgende Geschichte ist dem Buch "Selbstbefähigung fördern - Empowerment und psychiatrische Arbeit" entnommen:

"Eines schönen Tages, mitten in den Abschlussprüfungen des Studiums, gehe ich während der Mittagszeit zu einem Imbiss, um mir eine Leberkässemmel zu kaufen. Hinter mir steht ein Mann, der bei mir im Block wohnt und den ich von früher aus dem Szene-Café für Psychiatrie-Erfahrene kenne: "Ach, dich habe ich ja lange schon nicht mehr gesehen. Ich dachte, du seist weggezogen. Wie geht es denn im Studium?» »Gut, ich mache gerade die letzten Prüfungen.» »Das ist ja schön, dass du es so weit geschafft hast».Er lächelt süffisant.»Hast du denn besondere Bedingungen auf Grund deiner Behinderung bekommen?» Mir schnürt es den Hals zu und gleichzeitig steigt eine ungeheure Wut in mir hoch: »Ich will dir mal etwas sagen. Erstens fühle ich mich nicht behindert, und zweitens ist gerade diese Art zu denken der Grund, warum ich nicht mehr ins Café komme.»
Ich kaufe meine Leberkässemmel und verschwinde. Ich bin zornig. Ich kenne den Mann kaum und er mich ebenso wenig, was ihn aber nicht davon abhält, mir ohne weiteres eine psychische Behinderung zu unterstellen, nur weil ich jahrelang im Szene-Café verkehrt bin. Dort wird oft übersehen, dass es noch andere psychische Krankheiten als Psychosen gibt. Ich habe keine Psychose und werde wahrscheinlich auch nie eine bekommen. Ich bin neurotisch. Auch das ist eine psychische Krankheit, und das Leiden, das daraus resultiert, ist nicht zu unterschätzen. Aber im Café für Psychiatrieerfahrene werden alle über einen Kamm geschert. Man denkt in Kategorien: Klinikaufenthalte, Psychopharmaka und Frühberentung. Ich habe mich nicht frühberenten lassen. Trotz eines massiven Einbruchs, Kontakt mit einer psychiatrischen Einrichtung und der zeitweisen Einnahme von Psychopharmaka habe ich Psychologie studiert. Die Reaktionen meines damaligen sozialen Umfeldes, das hauptsächlich aus Psychiatrieerfahrenen bestand, waren alles andere als unterstützend. Sie reichten von: >Um Gottes willen, dazu bist du doch viel zu angeknackst<, bis hin zu feindseligen Reaktionen einer guten Freundin, die mir sehr deutlich zu verstehen gab, dass ich psychisch krank sei und sich psychisch Kranke entweder frühberenten ließen oder auf dem zweiten Arbeitsmarkt arbeiteten oder von Sozialhilfe lebten. Jedenfalls spielen sie nicht mit dem Gedanken ein Studium zu beginnen. Dass es jemand wagt, aus den Reihen auszuscheren und etwas studiert, das die so genannten >Profis< studiert haben, ist ungewöhnlich und wird nicht gern gesehen. Man hat auf der Seite zu bleiben, auf der man ist, d. h. auf der Seite der Betroffenen, oder feiner ausgedrückt, auf der Seite der >Psychiatrieerfahrenen<. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Auf der anderen Seite ist natürlich ebenso fatal, wenn ein so genannter Profi plötzlich zum Betroffenen wird, auch das ist im System Psychiatrie nicht vorgesehen, soll aber gelegentlich vorkommen.

Als Betroffener hat man sich gefälligst damit abzufinden, dass man eingeschränkt und behindert ist, vor allem natürlich im Leistungsbereich. Ich gehe nun seit einigen Jahren nicht mehr in das Café und dennoch nutzte der Mann die Gelegenheit, mich an meine psychische Behinderung zu erinnern. Jemand, der so etwas tut wie ich, der rührt an Leid, an Versagen, an Minderwertigkeitsgefühle. Ich hatte den Mann an sein nicht abgeschlossenes Medizinstudium erinnert, das ihm sehr am Herzen gelegen hatte und das er anscheinend auf Grund von psychischen Schwierigkeiten nicht hatte ab schließen können. Der Mann ist heute über sechzig Jahre alt und der Schmerz darüber ist offensichtlich geblieben. Zum Glück habe ich mich nicht beirren lassen, dabei waren die Profis ebenso skeptisch wie die Betroffenen. Aber auch ich selbst war skeptisch. Kann ich mir so etwas zutrauen, schaffe ich so etwas und vor allem: Darf ich das? Haarsträubend wurde es allerdings, als ich im Rahmen des Studiums ein Praktikum in einer psychiatrischen Einrichtung begann. Ich dachte mir damals, dass ich anderen Betroffenen meine eigenen Erfahrungen mit der Psychiatrie >zur Verfügung* stellen könnte - was sich dann als Illusion herausstellte. Es kommt vor, dass Betroffene dazu neigen, andere Betroffene abzuwerten im Sinne von: »Der hat ja selber 'ne Macke, was will der uns denn schon sagen. < Aber auch die Profis bleiben von Vorurteilen der Betroffenen nicht verschont im Sinne von: »Der hat ja keine Ahnung, wie 'ne Psychose ist. < Die meisten Profis sehen es nicht gern, wenn sich ehemals Betroffene in ihre Reihen gesellen. Meine Position war insofern eine sehr einsame und das Praktikum in der psychiatrischen Einrichtung scheiterte bedauerlicherweise. Interessanterweise wurde meine Identität als psychisch Kranker einerseits durch Diagnosen beeinflusst, im wesentlich größeren Maße aber wurde sie durch das soziale Umfeld der Betroffenen bestimmt. Psychisch Kranke sagen sich untereinander sehr genau, was sie voneinander halten, was sie können, was sie nicht können, was man mit der Diagnose darf oder nicht darf. Es gibt bestimmte Normen und Regeln und diese gilt es einzuhalten. Wer dies nicht tut, muss mit Sanktionen rechnen. Ebenso wie im Gesamtsystem Gesellschaft verteilt sich Achtung und Missachtung nach der Leistungsfähigkeit des Einzelnen, d. h., die Normen und Werte der Subkultur von Betroffenen sind stark an der Leistungsgesellschaft ausgerichtet. Allzu leistungsfähig darf der Einzelne allerdings nicht sein, weil man sonst misstrauisch wird und der Betroffene unter Umständen nicht mehr zum Kreis der Insider dazugehören kann. Ich selbst hatte so lange keine Schwierigkeiten mit meiner Identität als psychisch Kranker, bis ich das Studium begonnen hatte und diese Identität damit in Frage stellen musste."

Fremddefinition, Selbstdefinition und Compliance

Fremddefinition bedeutet, jemanden auf Grund seiner Merkmale zu etikettieren. Wir schreiben ihm also eine bestimmte Identität zu. Selbstdefinition bedeutet, wenn ein Mensch sich selbst einschätzt und sich die Frage beantwortet, wer und was er sei. Die Beantwortung hängt größtenteils von Fremdbildern ab. Je mehr man in einem sozialen Zusammenhang lebt und je entscheidender ich die Meinungen der Umwelt beachte, desto wichtiger wird die Meinung der Anderen über einen selbst für die Identitätsbildung.

Dieser Sachverhalt findet sich auch in der Beziehung zwischen Betroffenem und Behandler. Die Diagnose und die Aussagen dazu werden umso wichtiger, je besser die Beziehung zwischen Behandler und Betroffenem ist. Die Compliance, also die Bereitschaft zur Zustimmung, ist ein ärztliches Bedürfnis. Eigentlich müsste sie ohne stigmatisierenden Äußerungen und Meinungen ablaufen. Darunter fallen negative Prognosen wie die Aussage, dass der Patient nun damit leben müsse, dass die Erkrankung immer wieder auftritt und der Patient deshalb dauerhaft Medikamente einnehmen müsse.
Nehmen die vertrauensvollen Klienten diese medizinische Definition samt Hinweis auf einen chronischen Verlauf an, dann erhalten sie eine negative Identität. Überzeugt von der negativen Voraussage haben sie das Gefühl, psychisch Kranke zu sein mit allen dazu gehörigen Gefährdungen und Behinderungen. Lehnen sie die ärztliche Diagnose und Meinung ab, verhalten sie sich also non-compliant, dann stabilisieren sie dadurch ihre Identität. Sie bewahren sich also ihr bisheriges Bild und schützen sich vor der negativen Zuschreibung. Die Erhaltung der Stabilität der Identität wird in anderen psychosozialen Feldern sehr positiv bewertet, während die Psychiatrie eher dazu tendiert, die persönliche Identität zu destabilisieren. Dies erfolgt ohne Rücksicht auf die möglichen negativen Folgen. Die negative Zuschreibung kann schlimmstenfalls eine Identitätsstörung bewirken. Die Destabilisierung erfolgt also dann , wenn der Behandler den Betroffenen von der Richtigkeit und Wichtigkeit seiner Diagnose überzeugen möchte. Bei den somatischen Krankheiten kommen solche Schwierigkeiten meistens nicht auf, weil die Diagnosen selbst bei schweren Krankheiten sich nicht oder kaum auf die Identität des Patienten auswirken. Allein die Feststellung einer psychischen Erkrankung stellt jedoch schon die Identität in Frage, so dass erst recht stabilisierende Handlungen seitens des Behandlers nötig sind.

Es stellt sich die Frage, ob die Profis denn nicht ganz auf die Diagnose verzichten könnten.

Der Gebrauch von Diagnosen und deren Interpretation durch Patienten, Angehörige und Profis zeitigen weit reichende Folgen. In den wenigsten Fällen gleichen sich die an die Diagnose geknüpften Inhalte der Selbstwahrnehmung und der Selbstinterpretation des Betroffenen.

Um nun identitätsstabilisierend zu agieren, kommt es darauf an, die Erfahrungen und die Probleme aus der Sicht der Betroffenen zu sehen. Diese Art der Selbstdefinition ist die Grundlage einer Beziehung zum Betroffenen. Erst wenn diese Sichtweise wahrgenommen und bestätigt wurde, kann auch eine fachliche Meinung und Erfahrung eingebracht werden, ohne die Identität des Klienten in Gefahr zu bringen. Man stülpt also nicht dem Betroffenen seine Meinung über, sondern lässt es offen, welche Anteile der Fachmeinung der Betroffene brauchen kann. Der Betroffene benötigt dann Zeit, um sich mit der Fachmeinung auseinanderzusetzen. Möglicherweise definiert er dann seine Schwierigkeiten neu und integriert er die Sichtweise des Professionellen oder er wehrt die fachliche Argumentation ab, wenn diese seine eigene Identität in Gefahr bringt.
Viele Betroffene zeigen zwar Compliance, doch korrigieren sie ihre eigene, andere Meinung nicht. Mit dieser rein äußerlichen Anpassung erwarten sie eine freundlichere Behandlung und eine frühe Entlassung. Die Identität bleibt also stabil und es handelt sich sogar um Empowerment. Die psychiatrische Behandlung erfolgt dann aber nicht nutzerorientiert.

Psychische Erkrankung und identität

Die Krankenrolle spielt in der Diskussion um den Krankheitsbegriff in der Psychiatrie eine beträchtliche Rolle. Die folgenden Bedeutungen hat das Krank-Sein:

  1. Man  muss nicht die volle Leistung erbringen, darf sich zurückziehen und sich schonen und muss nicht arbeiten
  2. Man darf Hilfe annehmen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen
  3. Die Kosten für medizinische Behandlung und Arzneien werden übernommen
  4. Ich erwarte Hilfe und begebe mich dafür in Abhängigkeiten
  5. Ich muss Erwartungen erfüllen. Von einem Kranken wird erwartet, dass er dankbar ist, leidet und unerträglich ist
  6. Man muss die Diagnose, ihre Definition und die zugehörige Behandlung wertschätzen
  7. Man verzichtet auf eigene Selbst-Interpretationen, die eventuell ganz anders aussehen

Natürlich ist der Umkehrschluss der Krankenrollen zur Gesundenrolle erlaubt. Sehe ich mich nicht als krank an, erachte ich mich also als gesund, dann darf ich mich nicht schonen, nehme ich nur schlecht Hilfe an, bleibe oder werde autonom von den Behandlern und kann ich eine eigene Identität haben.

Die Krankenrollen können mich einesteils entlasten oder aber sie widersprechen meinem Selbstbild, wenn ich mich als gesund erachte, weil ich dann diese Erklärungen nicht brauche oder ich sie anders bewerte bezüglich ihres Sinns.

Welche Konsequenzen hat nun die Definition als psychisch krank auf meine Identität?

Werde ich als krank bezeichnet und hilft mir dies, dann gefährdet die Zuschreibung nicht meine Identität. Sie stabilisiert, weil sie plausibel meine Beeinträchtigung erklärt. Die Krankenrolle wird als Entlastung empfunden.
Nehmen wir die Definitionen, dann bietet das Krank-Sein eine wichtige Entlastung. Das Umfeld beurteilt depressive Menschen oft sehr abwertend. Man sagt ihnen zum Beispiel nach, sie würden grundlos jammern, seien bequem und erfüllten ihre Pflichten nicht. Die Diagnose der Depression verschafft dem Betroffenen und seinem sozialen Umfeld eine annehmbare Erklärung für sein Verhalten. Gefühle und Verhalten sind nun ein unverschuldetes Leiden , welches man akzeptieren kann und man kann entsprechende Unterstützung beanspruchen.

Wurde in der Krise viel Porzellan zerschlagen und sind nachhaltige Schwierigkeiten entstanden im eigenen Leben, dann entlastet die Diagnose ebenso. Es fällt viel leichter, im eigenen Verhalten das Symptom einer Erkrankung zu sehen, als dafür die volle Verantwortung zu tragen.

Erweitert sich der Krankheitsbegriff um die Dimension des Chronischen, dann kann dies trotz der damit verbundenen Entlastungen die Identität zerstören.
Die Krankheitseinsicht beschreibt das Akzeptieren der Krankenrolle. Der Betroffene zeigt sich also kooperativ und gibt die Verantwortung für sich selbst in die Hand des Arztes. Wir sprechen dann auch von regressiver Geborgenheit. Kooperation kann auch sein, wenn der Betroffene die medikamentöse Hilfe wünscht, weil er ohne den Arzneien schlechte Erfahrungen gemacht hat und sich durch die Arzneien Erleichterung verschaffen kann.

Der Profi hofft stets auf die Krankheitseinsicht des Patienten. Schließlich lebt der Arzt vom Kranketikettieren, weil die Krankenkassen dies für die Kostenübernahme voraussetzen. In dieser Tatsache liegt ein nur schwer lösbares Problem begraben: Es gilt nämlich, sorgfältig darauf zu achten, dass die Krankheitssymptome von der Identität der Person zu trennen sind. Nehmen wir die Diagnose Borderline. Der Behandler kann die typischen Symptome von Borderline aufzählen und einen hypothetischen Erklärungszusammenhang geben. Oder er spricht von einer Borderline-Persönlichkeit und konstruiert damit die Identität der Person. Im zweiten Fall reduziert der Behandler den Betroffenen auf die Krankheit. Die Betroffenen werden oft nur unter der Etikette der Erkrankung wahrgenommen, wobei ihre anderen Eigenheiten, Fähigkeiten und Interessen nicht mehr relevant erscheinen.

Zur Identität gehört auch die Bejahung der eigenen Verrücktheit. So zählen die meisten Betroffenen das Psychotische zu ihrem wahren Ich und möchten die verrückten Anteile auch ausleben. Bekommen sie nun dabei Probleme mit der sozialen Umgebung, dann möchten sie sich wenigstens die Möglichkeit, die Verrücktheit auszuleben, offen halten. Dies setzt voraus, dass sie sich selbst akzeptieren und die anderen sie mit diesen verrückten Eigenschaften akzeptieren. Damit handelt es sich bei der Verrücktheit um einen wichtigen Teil ihrer Identität. Früher sprach man da von der sogenannten Narrenfreiheit. Dieser Begriff wirkt stigmatisierend und wird deshalb nicht mehr verwendet.

Narrenfreiheit beinhaltete eine strafrechtlich relevante Schuldunfähigkeit des Betroffenen wegen seiner psychischen Erkrankung. Zwar entlastet diese den Betroffenen, doch führt die Schuldunfähigkeit zu einer gefährlichen Etikettierung und Zuschreibung einer bestimmten Identität. Denn es erhärtet sich das öffentliche Bild des Geisteskranken, der Straftaten begeht und dafür nicht einmal zur Rechenschaft gezogen wird.
Wer eine Identität hat, der stimmt mit sich selbst überein. Dies kann auch mit einer negativen Bewertung seitens der Öffentlichkeit einhergehen. So kann sich eine Identität als Straftäter trotz der negativen Folgen als stabilisierend erweisen, während die Zuschreibung als psychisch Kranker seine Identität zerstört hätte.

Alternativen zur Krankenrolle

Nimmt der Betroffene die Krankenrolle nicht an, dann ist zu hinterfragen, wie er sich selbst sieht. Wie sieht seine Normalisierungsstrategie aus? Die folgenden sechs Identitätsmöglichkeiten orientieren sich nicht primär am Krankheitsbegriff:

Krisen

Geht es einem Menschen sehr schlecht, dann steckt er in einer Krise. Die Psyche betreffend ist von seelischer Krise die Rede, wenn es ein schwerer Fall ist, dann reden wir von einer Lebenskrise. Es gibt auch noch die spirituelle Krise.

Krisen gehören zum normalen Leben dazu. Der Begriff Krise hat zu tun mit der Lebenssituation eines Menschen und stellt eine Alternative dar für den Begriff Krankheit. Eine Krise ist noch lange keine Erkrankung, doch kann eine Krise mit Erkrankungen aller Art wie etwa einer schweren Depression zusammenhängen. Eine Krise ist im Gegensatz zur psychiatrischen Diagnose zeitlich beschränkt. Selbst wenn jemand während einer Krise krank gewesen ist, dann ist er das nicht mehr, wenn er sie wieder überwunden hat. Die Krise ist zudem kein Teil der Identität. Jene wird also nicht in Frage gestellt, wenn eine vorübergehende Krise auftritt. Auch der Begriff der Episode bezeichnet nur einen vorübergehenden Ausnahmeszustand.

Stimmenhörer

Einen großen Umbruch innerhalb der medizinisch-psychiatrischen Diagnostik hat die Bewegung der Stimmenhörer ausgelöst. Die Frage, ob der Klient Stimmen höre, war geradezu klassisch für die Diagnose der Schizophrenie. Inzwischen wissen wir, dass es viele Menschen gibt, die Stimmen hören, ohne dass sie oder ihr Umfeld die Notwendigkeit sehen, dass sie sich in eine psychiatrische Behandlung begeben. Sie leben mit den Stimmen, die angenehmer oder unangenehmer Natur sind und haben sich mit ihnen arrangiert. Es ist also möglich, die Identität eines Stimmenhörers zu haben. Diese Fähigkeit kann also Teil der Persönlichkeit sein. Da es sich um eine Fähigkeit handelt und nicht um das Symptom einer Krankheit, haben wir es hier mit einer alternativen Definition zu tun. Stimmenhören gilt in manchen Kreisen als etwas ganz normales. Sobald nun die Normalität des Stimmenhörens einmal anerkannt ist, fällt es dem Betroffenen leichter, sich eine eigene differenzierte Meinung zu  bilden. Für Menschen, die gerade eine Krise durchlaufen, ist dies auch ein gangbarer Weg zum Verständnis ihrer Erkrankung.

Wahn oder Übersinnlichkeit

Realitätsbezug ist die Fähigkeit, seine Wahnideen von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Psychiater und andere Menschen, die sich als normal erachten, verlangen stets von Menschen mit Wahnideen, sie sollten doch endlich einen Realitätsbezug herstellen. Doch weiß niemand so recht, was Realität überhaupt ist. Die Entscheidung, was nun wahnhaft ist und was nicht, kann nicht immer genau getroffen werden. Es gibt beispielsweise viele Menschen, die an Engel glauben und deshalb noch nie eine psychiatrische Behandlung für sich in Betracht gezogen haben. Wahrnehmungen, die in unseren Breiten als Symptom einer psychischen Krankheit gelten, haben in anderen Kulturen eine religiöse Bedeutung, so dass sich hier ein weites Feld an Identitätsalternativen auftut.

Die Frage sollte also nicht lauten, ob man einer Wahnidee eine Diagnose zuordnet, sondern, ob dieser Mensch Unterstützung braucht, weil er leidet.

Geliebte Manie

Euphorische Zustände sind zunächst etwas sehr Schönes. Unsere Gesellschaft bewertet es als hoch, wenn jemand Glückgefühle hat. Selbiges gilt auch für Kicks, das Erleben von Spaß und von Lust. Manien können auch als positive Eigenschaften eines Menschen verstanden werden, die zu ermöglichen sind und nicht zu bekämpfen. Falls daraus Schwierigkeiten erwachsen, die möglicherweise später als peinlich erlebt werden, oder aber Geldprobleme wegen Verschwendung von Geld, dann sind diese Extreme das Problem und nicht die Manie an sich.  Die Neigung zu übermäßigen, nicht realistischen Geldausgaben können auch Menschen haben, die nicht als manisch eingeordnet wurden. Auch diese können bis in die existenzielle Krise getrieben werden. Werden sie als psychisch krank etikettiert, ohne dass es zur Würdigung der positiven Aspekte kommt, dann empfinden die Betroffenen eine Bedrohung ihrer Identität. Die positive Attributierung manischer Zustände widerspricht nicht zwangsläufig der Bewertung der Manie als Erkrankung. Die auftretenden negativen Begleiterscheinungen können unter dem Aspekt einer Erkrankung teilweise leichter verarbeitet werden.

Psychiatrie-Erfahrene

Der Psychose-Erfahrene war die gängige Bezeichnung für die Betroffenen in der deutschen Selbsthilfebewegung. Damit kam der Versuch zum Ausdruck, psychotische Episoden in Alltag und lben zu integrieren. Zugleich wurde die Stigmatisierung als psychisch Kranker bekämpft. Der Begriff Psychiatrie-Erfahrener verdeutlicht, dass der Betroffene ein objektiviertes Verhältnis zur Psychiatrie hat. Er sieht die Psychiatrie kritisch und sieht das Positive wie das Negative. Die Psychiatrie-Erfahrenen verstehen sich als Experten in eigener Sache. Die Aktivitäten der Selbsthilfebewegung führte zu einem Emanzipationsprozess und zu einer selbstbewussten Identität. Die positive Identität als Psychiatrie-Erfahrener macht der Betroffene dann, wenn er Solidarität unter Gleichen erfahren hat.

Persönliche Erfahrungen ohne Namen

Manche Menschen bezeichnen ihre ungewöhnlichen und besonderen Erlebnisse, Gedanken und Gefühle nicht mit einem Begriff. Dies ändert sich dann, wenn sie mit der Psychiatrie in Berührung gekommen sind. Erst die Suche von Menschen aus ihrer Umgebung nach einer passenden Begrifflichkeit führt zu einer Neudefinition der Identität. Bis dahin waren für die Betroffenen diese Dinge mit ihrer Identität vereinbar.
Von Selbstheilung spricht man, wenn Betroffene ohne psychiatrische Kontakte und Definitionen zurecht kommen. Der Begriff der Heilung impliziert dabei schon wieder einen psychiatrischen Zusammenhang. Denn wer sich nicht krank fühlt, der wird auch kaum von Heilung sprechen in diesem Zusammenhang.

Identität als Behinderter

Verliert heutzutage in unserer extremen Leistungsgesellschaft ein Betroffener wegen einer psychischen Krankheit und der damit verbundenen Diskriminierung seinen Arbeitsplatz, dann steht er quasi vor der Berentung, wenn er keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt hat. Dies geht parallel mit der amtlichen Anerkennung als Schwerbehinderter. Wenn sich Frührentner und Schwerbehinderte unter dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse "freiwillig" für diesen Status entscheiden, dann wechselt ihre Identität. Ein behinderter Mensch ist recht klar positioniert in unserer Gesellschaft. Der Platz in der Gesellschaft ist mit einer Minderung der Lebensqualität verbunden, doch kann man wirtschaftlich mit der Rente auskommen. Zudem wird einem die taxierende Frage, was man denn beruflich so macht, nicht mehr derart penetrant gestellt. Es ist auch leichter zu sagen, man sei ein Frührentner. Doch auch ohne amtlichem Bescheid ist es möglich, dass eine Identität als Behinderter entsteht. Hat man nämlich seinen Freundeskreis in der Szene der Betroffenen, dann wird man unabhängiger von der Welt der Normalen, welche meist unfreundlicher, mühsamer und auch feindseliger empfunden wird. Eine solche Entscheidung zieht viele Konsequenzen nach sich.

Identitätswechsel

Die Identität wechselt beispielsweise bei Psychosen. Die neuen Erlebnisse, Fähigkeiten und Schwierigkeiten werden als Teil der Persönlichkeit in die neue Identität eingebaut.

Es kommt auch zu einem solchen Wechsel, wenn der Behinderte oder der Psychiatrie-Erfahrene seine bisherige Lebensart als Behinderter oder Psychiatrie-Erfahrener aufgibt und sich bewusst in die Welt der Normalen reintegriert. Im obiger Geschichte kehrt der Betroffene zurück ins Berufsleben. Besonders bei Leuten, die sich stark engagieren in der Selbsthilfebewegung, ist folgendes Procedere  zu beobachten: Nach dem Outing im Zusammenhang mit mehreren Aufenthalten in der Psychiatrie entwickeln die Betroffenen eine identität als Psychiatrie-Erfahrene, verbringen dann längere Zeit in der Szene und distanzieren sich dann von der Szene als persönlicher Bezugsgruppe. Der Status als Psychiatrie-Erfahrener relativiert sich und eine neue Identität als Normalbürger wird angestrebt. Beide Anteile lassen sich wohl nicht in einer Identität integrieren. Daran zeigt sich auch die mit dem Status als Psychiatrie-Erfahrener verbundene Diskriminierung. Es ist ja auch möglich, zugleich Sportfan, Musikliebhaber und praktizierender Christ zu sein.

Der Betroffene kann die Erfahrung der psychischen Erkrankung aber auch als spirituelle Krise interpretieren. Die dann aufgesuchte religiöse Gemeinschaft kann dann bis zu einem gewissen Grade an die Stelle der Szene der Psychiatrie-Erfahrenen terten.

Psychiatriebedingt kann der Verlust der Identität erfolgen und diese sich wieder neu stabilisieren. Dies zeigt sich beispielsweise in der Biografiearbeit. Der Begriff der Wieder-Aneignung der eigenen Biografie findet Anwendung bei Personen, deren Identität gestört wurde durch Misshandlung oder politische Verfolgung. Ein Bruch der eigenen Lebensgeschichte mit anschließender Zerstörung der eigenen Identität kann entstehen durch schwere Erlebnisse der Entfremdung. Also etwa durch psychische Ausnahmezustände, soziale Diskriminierung und Zwangsbehandlung. Es ist aber möglich die zerborstene Identität wiederherzustellen. Dazu nötig ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Ursachen und Umständen, die zur Entfremdung geführt haben. Nach der folgenden Bearbeitung der erlittenen Traumata in Gesprächen kommt es zur Entstigmatisierung durch Solidarität der Gesprächspartner und der aktuellen Bezugspersonen. Dies gilt für alle Arten von erlittenen Traumen.

Identität wechselt nicht von heute auf morgen, sondern ändert sich in einem längeren Prozess. Zunächst wird die alte Identität in Form einer Identitätskrise in Frage gestellt und aus dieser Krise heraus entwickelt sich dann die neue Identität.

Probleme des Seitenwechsels

Der Protagonist der eingangs vorgestellten Geschichte möchte von der Szene der Psychiatrie-Betroffenen ins Lager der Profis wechseln und dort arbeiten. Dies wird den alten Freunden zum Problem. Sie erleben den Aussteiger und Menschen mit mehreren Erfahrungen als Bedrohung ihrer eigenen Identität. Die bohrende Frage, ob sie das wohl auch schaffen würden, stellt sie nämlich selbst in ihrer Identität in Frage.
Wenn doppelt qualifizierte Profis ihre Kollegen und deren Expertentum teilweise in Zweifel ziehen, dann haben viele dieser Kollegen ein echtes Problem damit. Die Kollegen neigen dann dazu, den doppelt qualifizierten Profi zu mobben oder ihn in der Rolle des Klienten festzuhalten.

So gibt es Psychologen, die nach ihrem Outing aus dem Psychiatrie-Praktikum entsorgt wurden. Aber es gibt auch Arbeitsstellen, an denen deren doppeltes Expertentum sehr wohl gewürdigt wurde.
Viele der Profis entwickeln Angst, wenn Betroffene an ihren Sitzungen teilnehmen. Dies ist ein Problem in den Gremien, in denen Psychiatrie-Erfahrene aktive Mitglieder sind. Diese Angst ist teilweise auch wechselseitig gegeben. Die Betroffenen möchten dabei weder wie in Watte gepackt behandelt werden noch normal brutal. Ersteres nimmt das Gefühl, gleichberechtigt zu sein und Letzteres sollte in Gremien und Teams ohnehin nicht der normale Umgangston sein. Eine gewisse Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der anderen würde wohl allen gut bekommen.  Eventuell können die Betroffenen in den gemischten Gruppen ja zu einem menschlichen, freundlichen und kooperativen Arbeitsstil etwas beitragen, auch wenn sie nicht Gesprächspartner mit der Routine wie die Profis.

Gutwillig-herablassender Umgangston weist ebenso eine Patientenrolle zu, da der Betroffene dann nicht gleichberechtigt behandelt wird. Dies kann den Betroffenen dazu bringen, psychiatrische Symptome zu produzieren, um das Wohlwollen der Fachleute zu bekommen. Der Betroffene muss nicht krank sein, um Beachtung zu erhalten. Wird die Funktion des Gremienmitglieds jedoch akzeptiert, dann kann die Mitarbeit in Gremien ein Beitrag sein zur Emanzipation des Betroffenen. Die entfremdende Patientenrolle kann dann nämlich überwunden werden. Je weniger die Profis mit dem Betroffenen als Klient zu tun haben, desto leichter kann dies gelingen. Gremienarbeit ist ebenso wie  die Mitarbeit in Selbsthilfeorganisationen eine Möglichkeit, um die Identität positiv zu erweitern, da ein Expertentum geschaffen wird, welches in den Augen Dritter als wichtig erachtet wird. Dieser Prozess zeigt auch Wechselwirkungen. Falls der Betroffene die Psychiatrie-Erfahrung als wichtigen und möglicherweise bereichernden Teil seines Lebens erfahren und sie in die Identität eingebaut hat, dann kann er die Psychiatrie-Erfahrung auch besser nach außen hin vertreten. Es entsteht also mehr Akzeptanz. Hat die Identität als Betroffener jedoch mehr zu tun mit dem Behindertenstatus und mit Regression, dann halten die normalen Menschen ihn eher in diesem Randgruppen-Status fest. Die Mitarbeit in Gremien zieht noch mehr Diskriminierung nach sich und bestärkt bestehende Vorurteile. Eine konstruktive Zusammenarbeit ist also nicht mehr möglich.

Schluss

Identitätsstabilisierende Haltungen seitens der Psychiatrie-Professionellen tragen viel bei bei der Integration der Betroffenen in die Gesellschaft. Die Betroffenen benötigen Hilfe, um die auftretenden Probleme zu verstehen und zu verarbeiten. Dabei ist darauf zu achten, dass sie nicht in Passivität, Angst und Resignation verfallen. Zur Hilfe gehört auch die Anwendung von Medikamenten, die jedoch Einschränkungen der persönlichen Fähigkeiten der Betroffenen nach sich ziehen. Daraus kann dann ein Stück Selbstentfremdung erwachsen.

Regression beschreibt innerhalb der psychoanalytischen Theorie einen psychischen Abwehrmechanismus. Mit dem Ziel der Triebimpuls-Abwehr oder der Angstbewältigung erfolgt ein zeitweiliger Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe in der Persönlichkeitsentwicklung mit einfacheren, primitiveren Reaktionen und in der Regel auch tieferem Anspruchsniveau. Identitätsstabilisierung und Regression agieren komplex miteinander. Eine Identität als seelisch Kranker ist möglich. Doch widerspricht das der Empowerment-Haltung, weil ein Kranker sich ja als schwach und hilflos definiert. Ist die Hilfe jedoch nicht fremd- sondern selbstbestimmt, dann löst diese Haltung den Widerspruch wieder auf. Psychoanalyse und Regressionstherapie arbeiten beide mit Regression. Doch gründet die Regression ja auf einem beidseitig vereinbarten Vertrag. Die Macht des Therapeuten wird also zugelassen und erfolgt deshalb mit ausdrücklichem Auftrag des Klienten.

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